Fran­zis­ka Tschin­der­le und Flo­ri­an Rai­ner

Datum - - Editorial - Text: Fran­zis­ka Tschin­der­le · Fo­to­gra­fie: Flo­ri­an Rai­ner

wa­ren zwei Wo­chen im Ko­so­vo und in Al­ba­ni­en un­ter­wegs. In acht Städ­ten. Auf Ber­gen und an der Adria. Im Zelt und im Ho­tel. Sie reis­ten den so­ge­nann­ten ›Schat­zis‹ hin­ter­her. So wird im Ko­so­vo die Dia­spo­ra ge­nannt, die ein­mal im Jahr nach Hau­se zu­rück­kehrt und viel Geld mit­bringt.

Ko­so­vo lebt vom Geld sei­ner Aus­wan­de­rer. Im Som­mer keh­ren sie zu­rück und las­sen sich fei­ern.

An Bord der klei­nen Adria-Air­lines-Ma­schi­ne JP 838 ist je­der Platz aus­ge­bucht. Die Pas­sa­gie­re ha­ben Schwie­rig­kei­ten, Stau­raum für ihr Hand­ge­päck zu fin­den. Ei­ne jun­ge Frau mit Je­ans­ja­cke und Bir­ken­stocksan­da­len fragt ih­ren Sitz­nach­barn, ob sie am Fens­ter sit­zen kön­ne. Klar, sagt er – ein Mitt­zwan­zi­ger mit Hu­go-Boss-Shirt und Die­sel-Uhr. Er streckt ihr die Hand hin – ›Hi, ich bin Li­ri­don‹ – sie lä­chelt, ›Li­ri­do­na‹. Die bei­den kom­men ins Ge­spräch. Über den al­ba­ni­schen Vor­na­men, den sie sich tei­len. Über den Som­mer, den sie in der al­ten Hei­mat ver­brin­gen wer­den. Ei­ner Hei­mat, die ih­nen ei­gent­lich fremd ist. Dar­über, ein ›Schat­zi‹ zu sein.

Ein was? Li­ri­don und Li­ri­do­na schmun­zeln. Im Ko­so­vo ist die­ses deut­sche Wort weit ver­brei­tet. So nennt man Mit­glie­der der Dia­spo­ra, die un­ter dem Jahr Geld nach Hau­se schi­cken und im Som­mer zu­rück­keh­ren. Al­ba­ner, die in Wien, Zürich oder Mün­chen le­ben – und de­ren Ver­wand­te in ei­nem der ärms­ten Län­der Eu­ro­pas zu­rück­ge­blie­ben sind. ›Mei­ne Cou­sins im Ko­so­vo ver­die­nen 200 Eu­ro im Mo­nat‹, sagt Li­ri­don – und nach ei­ner kur­zen Pau­se: ›Ich kau­fe mir Schu­he für so viel Geld!‹

In we­ni­ger als ein­ein­halb St­un­den hat die klei­ne Ma­schi­ne ei­nen gro­ßen Teil des West­bal­kans über­flo­gen – Slo­we­ni­en, Kroatien, Bos­ni­en und Tei­le Ser­bi­ens und Mon­te­ne­gros. Hier lag ein­mal Ju­go­sla­wi­en. Als der Viel­völ­ker­staat in den Neun­zi­ger­jah­ren ge­walt­sam zer­fiel, flo­hen Hun­dert­tau­sen­de Fa­mi­li­en aus ih­rer al­ten Hei­mat. So wie Li­ri­don und Li­ri­do­na. So wie die meis­ten Pas­sa­gie­re, die heu­te in der Ma­schi­ne JP 838 sit­zen.

Sie sind Al­ba­ner aus dem Ko­so­vo, die seit zehn, zwan­zig oder mehr Jah­ren in Deutsch­land, Ös­ter­reich oder der Schweiz le­ben. Vie­le von ih­nen ha­ben zu Be­ginn auf Bau-

stel­len oder in der Gas­tro­no­mie ge­ar­bei­tet. Sie grün­de­ten Fa­mi­li­en und be­ka­men Kin­der. Sie bau­ten Häu­ser, lern­ten ei­ne neue Spra­che. Ir­gend­wann be­ka­men sie ei­nen neu­en Pass. Aber vie­le lie­ßen ih­re al­te Hei­mat nie los – so trost­los sie auch wir­ken mag. Man merkt, dass man im Flug­zeug über dem Ko­so­vo schwebt, weil plötz­lich vie­le klei­ne Wür­fel in der fla­chen Land­schaft auf­tau­chen. Fast so, als hät­te ein Rie­se mit Baustei­nen ge­spielt. Bei nä­he­rem Hin­se­hen er­kennt man dar­in die Kon­tu­ren un­ver­putz­ter Zie­gel­stein­häu­ser, die ver­streut auf den Fel­dern ste­hen. Man sieht so­fort, wel­che Fa­mi­li­en ein ›Schat­zi‹ im Aus­land ha­ben. Ih­re Häu­ser sind voll­stän­dig – ha­ben Fas­sa­de, Bal­kon und Gar­ten­zaun. Ko­so­vo

ist flä­chen­mä­ßig in et­wa so groß wie Kärnten. Hier le­ben 1,8 Mil­lio­nen Men­schen – so vie­le wie in Wien oder Ham­burg. Die Dia­spo­ra er­scheint im Ver­gleich da­zu ge­wal­tig. Sie wird laut of­fi­zi­el­len An­ga­ben auf 800.000 Men­schen ge­schätzt. In­of­fi­zi­ell könn­ten es über ei­ne Mil­li­on sein. Die ›Schat­zis‹ schi­cken re­gel­mä­ßig Geld nach Hau­se – für Lebensmittel, Me­di­ka­men­te, Feu­er­holz oder Häu­ser­fas­sa­den. Im Ko­so­vo er­set­zen die ›Schat­zis‹ das, wo­für ei­gent­lich der Staat zu­stän­dig wä­re. Weil es kein So­zi­al­sys­tem gibt, springt die Fa­mi­lie ein. Da­durch hat sich ein ei­ge­ner Fi­nanz­kreis­lauf ent­wi­ckelt. Weil je­der Drit­te ein ›Schat­zi‹ im Aus­land hat und je­der Vier­te Geld zu­ge­sandt be­kommt, häu­fen sich Sum­men an, die es mit dem Staats­haus­halt auf­neh­men kön­nen. Die Zen­tral­bank mit Sitz in Pris­ti­na schätzt, dass das Land jähr­lich 1,5 Mil­li­ar­den Eu­ro an sei­ner Dia­spo­ra ver­dient.

Im Som­mer keh­ren die ›Schat­zis‹ zu­rück. Dann ver­wan­delt sich der Ko­so­vo in ei­ne nicht en­den wol­len­de rie­si­ge Par­ty­zo­ne. Es wird ge­trun­ken, ge­fei­ert und ge­hei­ra­tet. Man hört Sport­wä­gen durch die Stra­ßen röh­ren, die aus­län­di­sche Kenn­zei­chen tra­gen. Die Clubs sind bis früh am Mor­gen ge­öff­net. Fes­ti­vals wer­den or­ga­ni­siert und Gra­tis­kon­zer­te ver­an­stal­tet. Zum Bei­spiel in Fe­ri­zaj – ei­ner Stadt im Sü­den des Lan­des, wo ein­mal im Jahr zu Eh­ren der Dia­spo­ra ein Feu­er­werk über den Plat­ten­bau­ten ge­zün­det wird. Der Markt­platz ist vol­ler Ti­sche, Bän­ke und Luft­bal­lons. Die Men­schen ste­hen dicht ge­drängt vor der Büh­ne, wo ein Volks­sän­ger al­ba­ni­sche Pop­songs singt. Am Ran­de steht ein jun­ges Mäd­chen – 17 Jah­re viel­leicht – die im schwe­ren Schwei­zer Dia­lekt spricht. Sie tanzt, wie Al­ba­ner tan­zen. Mit den Ar­men über dem Kopf, die Hüf­ten leicht schwin­gend. So, dass es fe­der­leicht aus­sieht. Wie ist das, ein ›Schat­zi‹ zu sein? Ih­re Ant­wort folgt prompt: ›Du bist nicht hier und nicht dort zu Hau­se‹, sagt sie. Vie­le wer­den das im Lau­fe die­ser Re­cher­che sa­gen. Denn ei­ne Ge­schich­te über ›Schat­zis‹ ist nicht nur ei­ne über Wohl­stand und Reich­tum. Sie er­zählt von Zer­ris­sen­heit und Heim­weh. Und von der Schwie­rig­keit, Wur­zeln zu schla­gen, weil man zwi­schen zwei Wel­ten lebt. Die Fra­ge, wer oder was ein ›Schat­zi‹ ist, führt uns in aus­ster­ben­de Dör­fer eben­so wie in über­füll­te Pools. Sie er­zählt von Men­schen, die in­ter­na­tio­nal be­kann­te Fuß­bal­ler und Pop-

Was, wenn sich die nächs­te Ge­ne­ra­ti­on von der Hei­mat ent­frem­det und kein Geld mehr schickt?

stars ge­wor­den sind, eben­so wie von Men­schen, die al­les ver­lo­ren ha­ben. Es geht um Wirt­schafts­po­li­tik, die nicht von Mi­nis­tern, son­dern von Hun­dert­tau­sen­den Fa­mi­li­en be­trie­ben wird. Und um ei­ne Fra­ge, von der das Schick­sal ei­nes gan­zen Staa­tes ab­hängt. Wie lan­ge noch? Wenn sich die nächs­te Ge­ne­ra­ti­on von ih­rer Hei­mat ent­frem­det und ir­gend­wann kein Geld mehr schickt – was pas­siert dann?

Die Stern­chen

Bes Bu­ju­pi hört oft, dass er skan­di­na­visch aus­se­he. Dann er­zählt er – mit bri­ti­schem Ak­zent – dass er als Kind mit sei­ner Fa­mi­lie aus dem Ko­so­vo ge­flüch­tet ist. Heu­te sitzt Bu­ju­pi – ein er­folg­rei­cher Gra­fi­ker aus Lon­don – im So­ma. Das So­ma ist ein an­ge­sag­tes Hips­ter-Re­stau­rant in Pris­ti­na mit Bü­cher­re­ga­len an der Wand und gro­ßer Ter­ras­se. Hier trinkt der Prä­si­dent sei­nen Mor­gen­kaf­fee.

Hier trifft sich al­les, was Rang und Na­men be­zie­hungs­wei­se Geld hat – Künst­ler, Jour­na­lis­ten, Re­gis­seu­re, Di­plo­ma­ten. Bu­ju­pi mag den Aus­druck ›Schat­zi‹ nicht be­son­ders. Die ›Schat­zis‹, das sei­en die Ma­chos, die im Club mit Schei­nen wer­fen. ›Ich will nicht ge­dan­ken­los Geld über­wei­sen, son­dern mein Know-How hier­her­brin­gen‹, sagt Bu­ju­pi. In Pris­ti­na hat er die ers­te De­si­gnKon­fe­renz or­ga­ni­siert. Die­ses Jahr war er Teil des Teams rund um das ›Sun­ny Hill Fes­ti­val‹, das vom wohl be­rühm­tes­ten ›Schat­zi‹ des Lan­des ab­ge­hal­ten wird. Dua Li­pa ist ei­ne bri­ti­sche Sän­ge­rin mit ko­so­vo-al­ba­ni­schen Wur­zeln. Sie hat meh­re­re Jah­re in Pris­ti­na ge­lebt und spricht des­we­gen flie­ßend Al­ba­nisch. Der­zeit ist sie ei­ner der meist­ge­klick­ten Pop­stars auf Youtube und spielt aus­ver­kauf­te Shows auf der gan­zen Welt. Wenn Dua Li­pa am Flug­ha­fen von Pris­ti­na lan­det, dann ist das gan­ze Land in Auf­ruhr. Die Men­schen lie­ben sie nicht nur für ih­re Mu­sik, son­dern weil sie dem schlech­ten Image des Lan­des neu­en Glanz ver­leiht. Ihr Ins­ta­gram- Ac­count mit 18 Mil­lio­nen Fol­lo­wern ist für den Ko­so­vo mehr wert, als je­der Ein­trag in ei­nem Rei­se­füh­rer. 20 Jah­re nach dem Krieg den­ken vie­le Men­schen im­mer noch, dass es ge­fähr­lich ist, hier­her­zu­rei­sen. Wenn ein in­ter­na­tio­nal er­folg­rei­cher Su­per­star wie Dua Li­pa Fotos vom Par­ty­ma­chen in Pris­ti­na pos­tet und auf Al­ba­nisch schreibt, wie sehr sie ih­re Hei­mat­stadt ver­misst hat, dann hat das po­li­ti­sche Spreng­kraft. Denn der Ko­so­vo kämpft um sei­nen Platz auf der in­ter­na­tio­na­len Büh­ne. Fünf EU-Mit­glieds­län­der – Grie­chen­land, Slo­wa­kei, Zy­pern, Spa­ni­en, Ru­mä­ni­en – er­ken­nen ihn nicht als Staat an. Russ­land und Chi­na ver­hin­dern als stän­di­ge Mit­glie­der des Si­cher­heits­rats sei­ne Auf­nah­me in die Uno. ›Es wirkt, als hät­te je­mand ei­ne gro­ße Mau­er um den Ko­so­vo ge­baut‹, be­dau­ert Gra­fi­ker Bes Bu­ju­pi.

Die Hoch­zeits­pla­ne­rin

Die Mau­er, von der Bu­ju­pi spricht, hat ei­nen Na­men: Vi­sum­pflicht. Der Ko­so­vo ist das ein­zi­ge Land Eu­ro­pas, des­sen Bür­ger Eu­ro­pa nicht frei be­rei­sen dür­fen. Nach­dem das EU-Par­la­ment im Sep­tem­ber grü­nes Licht für die Ab­schaf­fung der Vi­sum­pflicht gab, ste­hen die Chan­cen aber gut, dass Rei­sen in EU-Län­der für die Ko­so­va­ren ab kom­men­dem Jahr erst­mals seit den Zei­ten Ju­go­sla­wi­ens wie­der oh­ne Vi­sum mög­lich wer­den. Der­zeit müs­sen sie auf der Bot­schaft zahl­rei­che For­mu­la­re aus­fül­len, ih­ren Kon­to­stand of­fen­le­gen und oft mo­na­te­lang war­ten. Wer in die EU oder die Schweiz ein­rei­sen will, der braucht au­ßer­dem ei­nen gu­ten Grund – Ar­beit, Uni­ver­si­tät, Sport­wett­kampf. Ver­wand­te in Wien oder Zürich zu be­su­chen, be­zie­hungs­wei­se auf ei­ne Hoch­zeit in Stutt­gart zu ge­hen, ge­hört nicht da­zu. Und so kehrt die Dia­spo­ra zum Hei­ra­ten in den Ko­so­vo zu­rück.

Shem­si­je Der­ma­ku hat dar­aus ein Ge­schäfts­mo­dell ge­macht. Sie sagt: ›Oh­ne die Dia­spo­ra wä­re ich nie Hoch­zeits­pla­ne­rin ge­wor­den‹. Im Sep­tem­ber 1999 – we­ni­ge Mo­na­te nach den NATOBom­bar­de­ments – or­ga­ni­sier­te sie ih­re ers­te Hoch­zeit. Da­mals wa­ren im gan­zen Land kei­ne fri­schen Blu­men auf­zu­trei­ben. Die Men­schen hat­ten an­de­re Sor­gen, weil ih­re Häu­ser zer­stört und aus­ge­brannt wa­ren. In den Nach­kriegs­jah­ren schick­te die Dia­spo­ra Der­ma­ku VHS-Kas­set­ten mit Vi­deo­auf­nah­men US-ame­ri­ka­ni­scher Hoch­zei­ten. ›Ge­nau so wol­len wir es ha­ben, nur im Ko­so­vo‹, sag­ten sie. Heu­te bie­tet Der­ma­ku mit ih­rem Un­ter­neh­men ›Grand De­cor‹ Lu­xus-Hoch­zei­ten an. ›90 Pro­zent mei­ner Kun­den le­ben im Aus­land‹, sagt sie. Sie be­zah­len Der­ma­ku zwi­schen 1.000 und 5.000 Eu­ro für die per­fek­te Lo­ca­ti­on, im­por­tier­te Blu­men aus Italien, Kran­ka­me­ras und Rauch-In­stal­la­tio­nen. An die­sem Wo­che­n­en­de steht Der­ma­ku vor ei­nem wei­ßen Ge­bäu­de mit Pal­men und kit­schi­gen Pfer­de­sta­tu­en. Es er­in­nert an die Nach­bau­ten grie­chi­scher Tem­pel, die man aus Dis­ney­land kennt. 175 Gäs­te sind ge­la­den. ›Für ei­ne Ko­so­vo-Hoch­zeit sehr klein‹, be­merkt ei­ne Mit­ar­bei­te­rin, die den Gäs­ten ih­re Plät­ze zu­weist. Heu­te hei­ra­ten Em­ma, 28, und Gra­moz, 30. In ei­ner St­un­de sind sie Mr. und Mrs. Kras­ni­qi – ein Na­me, der im Ko­so­vo so häu­fig ist wie Wa­gner in Ös­ter­reich. Gra­moz ist im Ko­so­vo ge­bo­ren, lebt aber in Schweden, seit­dem er ein klei­ner Bub ist. Im Stu­den­ten­al­ter lernt er Em­ma auf ei­ner Par­ty ken­nen. ›Zu Hau­se hät­ten wir für so ei­ne Hoch­zeit ei­nen Kre­dit auf­neh­men müs­sen‹, sagt das Paar. Statt 100.000 Eu­ro ha­ben sie hier 25.000 be­zahlt. Ko­so­va­ren müs­sen da­für im Schnitt fast sie­ben Jah­re spa­ren. Im Ko­so­vo fei­ern ›Schat­zis‹, die in Eu­ro­pa der Mit­tel­klas­se an­ge­hö­ren, Hoch­zei­ten wie Su­per­rei­che. Mit ro­tem Tep­pich, plät­schern­dem Pool, fünf­stö­cki­ger Hoch­zeits­tor­te und üp­pi­gen Blu­men­ar­ran­ge­ments.

Die ›klei­ne Schweiz‹

Mu­ha­met Ha­j­rul­la­hu hat­te am Frei­tag Ge­burts­tag. Und weil der CEO ei­ner gro­ßen Im­mo­bi­li­en­fir­ma wunsch­los glück­lich ist, hat er statt­des­sen sei­ner Hei­mat­stadt Gji­lan

im Ost­ko­so­vo ein Ge­schenk ge­macht – ei­nen Nach­bau der ame­ri­ka­ni­schen Frei­heits­sta­tue. Im Ko­so­vo sind die USA so be­liebt wie in kaum ei­nem an­de­ren Land. Das liegt dar­an, dass ei­ne NA­TO-Mi­li­tär­in­ter­ven­ti­on un­ter Füh­rung der USA 1999 den Krieg be­en­det hat. Bis heu­te sind US-Sol­da­ten im Land sta­tio­niert, um den Frie­den zu si­chern. ›Thank you USA, you are my best fri­end‹ lau­tet der Re­frain ei­nes nach dem Krieg po­pu­lär ge­wor­de­nen Songs. Gji­lan hat jetzt al­so ei­ne Frei­heits­sta­tue. Da­bei bräuch­te es ei­gent­lich – Jobs. Zur Zeit Ju­go­sla­wi­ens gab es hier Fa­b­ri­ken für fast al­les: Hei­zun­gen, Ta­bak, Brot und Tex­ti­li­en. Mit der Pri­va­ti­sie­rungs­wel­le gin­gen all die­se Jobs ver­lo­ren. Ha­j­rul­la­hu, der die Stadt ver­las­sen hat, um in Deutsch­land ei­ne Fir­ma auf­zu­bau­en, ist heu­te ei­nes der reichs­ten ›Schat­zis‹ der Stadt. Vor drei Jah­ren kam er mit ei­nem Ver­spre­chen nach Gji­lan zu­rück: ›In den nächs­ten fünf Jah­ren möch­te ich hier 2.000 Ap­par­te­ments bau­en‹, sagt er in per­fek­tem Hoch­deutsch. Bau­stel­len schaf­fen Jobs. Ha­j­rul­la­hu be­zahlt sei­nen Ar­bei­tern 500 Eu­ro im Mo­nat – 150 Eu­ro mehr als der Durch­schnitts­lohn. Die Bau­stel­len braucht es, weil die Nach­fra­ge an Wohn­raum steigt. Und das wie­der­um ist so, weil die Dia­spo­ra kauft. So ver­kauft Ha­j­rul­la­hu Ap­par­te­ments, die nur für ein paar Wo­chen im Jahr be­wohnt sind. In

Zhe­gër – ei­nem Dorf in der Nä­he von Gji­lan – steht die Hälf­te der Häu­ser leer. Zhe­gër wird ›klei­ne Schweiz‹ ge­nannt, weil über 300 Fa­mi­li­en von hier nach Genf aus­ge­wan­dert sind. Die­se Fa­mi­li­en zah­len re­gel­mä­ßig in ei­nen Fonds ein, um Zhe­gër am Le­ben zu er­hal­ten. Über 175.000 Eu­ro sind in den letz­ten drei Jah­ren hier­her­ge­flos­sen. Mehr, als je ir­gend­ein Lo­kal­po­li­ti­ker hät­te auf­stel­len kön­nen. Ar­ton, ein mus­ku­lö­ser Mann von 36 Jah­ren mit eng­an­lie­gen­dem T-Shirt, ist ei­ner je­ner Men­schen, die re­gel­mä­ßig in den Fonds ein­zah­len. Seit 13 Jah­ren lebt er mit sei­ner Frau und den zwei Kin­dern in Zürich, wo er ei­nen Job bei der Post hat. Wenn Ar­ton den Som­mer in Zhe­gër ver­bringt, dann be­zahlt er die Rech­nun­gen im Re­stau­rant und bringt sei­nem Bru­der Li­burn auch ein­mal ein Au­to mit. ›Stell dir mal vor, die Dia­spo­ra wür­de nur ein ein­zi­ges Jahr kein Geld schi­cken‹, sagt Ar­ton, wäh­rend er sei­nen VW Golf durch Zhe­gër lenkt, ›dann hät­te die­se Re­gie­rung ein gro­ßes Pro­blem‹. Er pas­siert ei­ni­ge Neu­bau­ten, die ne­ben den Zie­gel­stein­häu­sern et­was fehl am Platz wir­ken. ›All die­se Fa­mi­li­en ha­ben je­man­den im Aus­land. Des­we­gen sind sie ru­hig und ge­hen nicht pro­tes­tie­ren. Oh­ne Dia­spo­ra hät­ten wir hier Zu­stän­de wie in Latein­ame­ri­ka.‹

Ein Wit­wer kehrt zu­rück

Lee­re Häu­ser ste­hen auch in Ne­ris Dorf. Es trägt den Na­men Ga­di­me und liegt im Zen­tral­ko­so­vo, un­weit der Haupt­stadt. Hier gibt es nicht viel – ei­ne Tropf­stein­höh­le, Mais­fel­der, holp­ri­ge Stra­ßen. Ne­ri ist ein Rück­keh­rer, der nicht ganz hier­her zu pas­sen scheint, mit sei­nen zwei Schoß­hünd­chen und sei­ner Cow­boy-Stie­fel-Samm­lung. Er steht in sei­nem Wohn­zim­mer, nimmt ein ein­ge­rahm­tes Fo­to vom Ka­min, blickt es zärt­lich an und sagt: ›Ich fin­de nie wie­der ei­ne Frau wie sie.‹ Das Fo­to zeigt ihn mit lan­gem Haar und Le­der­ja­cke, wie er den Arm um ei­ne gro­ße, rot­haa­ri­ge Frau ge­legt hat. Mit ihr hat Ne­ri ei­ne Art ko­so­va­ri­schen Traum ge­lebt: Geld ver­die­nen in der Schweiz, Traum­haus im Ko­so­vo. Sie ar­bei­te­te als Kran­ken­pfle­ge­rin für ei­ne wohl­ha­ben­de Fa­mi­lie. Er jobb­te zu­erst auf Bau­stel­len, dann als Bar­mann in ei­nem Club. 45.000 Eu­ro spar­ten sie, um sich hier ein Haus zu bau­en. Dann – vor sechs Jah­ren – wur­de Ne­ris Frau krank. Dick­darm­t­u­mor, elf Ope­ra­tio­nen, un­zäh­li­ge Che­mo­the­ra­pi­en. Und als sie starb, da sah er kei­nen Sinn mehr dar­in, in der Schweiz zu blei­ben, weil das al­te Le­ben oh­ne sie kei­nen Wert mehr hat­te. Er kehr­te nach Hau­se zu­rück – mit ei­ner Pen­si­on von um­ge­rech­net 842 Eu­ro. Da­mit kann man in der Schweiz nicht aus­kom­men. Im Ko­so­vo hin­ge­gen kann man da­mit ein schö­nes Le­ben ha­ben. Theo­re­tisch. Doch Ne­ri sagt: ›Ich ha­be al­les ver­lo­ren. Die­ses Haus be­deu­tet mir nichts mehr.‹ Um ihn her­um ste­hen an­tik aus­se­hen­de Mö­bel, ein Flach­bild­fern­se­her, Mu­sik­bo­xen, sei­ne Cow­boy­stie­fel-Samm­lung. Die ko­so­va­ri­schen ›Schat­zis‹ wer­den im Land als Er­folgs­mo­dell ver­kauft. Aber nicht al­le fin­den ihr Glück im Aus­land. Ne­ri ist ei­ner die­ser ge­bro­che­nen Rück­keh­rer, die ihr Le­ben lang ge­ar­bei­tet ha­ben und sich ir­gend­wann fra­gen: Wo­für ei­gent­lich?

Ur­laub an der Küs­te

In ei­ner ab­ge­schie­de­nen Bucht an der al­ba­ni­schen Küs­te wa­tet Fis­nik, 14, in Ba­de­ho­se in die Adria hin­ein, die an die­ser Stel­le noch nicht braun vom Mas­sen­tou­ris­mus ist, son­dern blitz­blau. Sei­ne El­tern Zy­mer, 53, und Val­bo­na, 45, wis­sen, wo die Strän­de ru­hig sind und das Was­ser klar. Sie kom­men seit Jah­ren nach Shëng­jin – ein bei der Dia­spo­ra be­lieb­ter Ba­de­ort im Nord­wes­ten Al­ba­ni­ens. Gan­ze Ho­tel­kom­ple­xe be­her­ber­gen hier ko­so­va­ri­sche ›Schat­zis‹. Ko­so­vo und Al­ba­ni­en er­in­nern an zwei un­glei­che Ge­schwis­ter. Sie tei­len sich ei­ne Spra­che und ei­ne Kul­tur. Sie fie­bern beim Eu­ro­vi­si­on Song­con­test für die­sel­ben Kan­di­da­ten und ge­hen mit der­sel­ben, schwarz­ro­ten Flag­ge zu Fuß­ball­spie­len. Und doch ist die Ge­schich­te bei­der Län­der un­ter­schied­lich ver­lau­fen. Al­ba­ni­en war nie ein Teil Ju­go­sla­wi­ens. Statt­des­sen über­zog sein sta­li­nis­ti­scher Dik­ta­tor En­ver Hox­ha das Land mit Hun­dert­tau­sen­den Bun­kern, die bis heu­te in der Land­schaft ste­hen wie Maul­wurfs­hü­gel aus Be­ton. Bis in die Neun­zi­ger­jah­re blieb Al­ba­ni­en vom Rest Eu­ro­pas iso­liert. In Ju­go­sla­wi­en hin­ge­gen durf­ten die Gas­t­ar­bei­ter nach We­st­eu­ro­pa rei­sen und den Ka­pi­ta­lis­mus ken­nen­ler­nen. Ein Grund da­für, dass sich der

›Oh­ne Dia­spo­ra hät­ten wir hier Zu­stän­de wie in Latein­ame­ri­ka.‹

Be­griff ›Schat­zi‹ in Al­ba­ni­en nie eta­bliert hat, ist der, dass die Men­schen von dort nach Grie­chen­land und Italien aus­wan­der­ten, wo kein Deutsch ge­spro­chen wird. Mit der Fi­nanz- und Wirt­schafts­kri­se in die­sen Län­dern wur­den auch die Fi­nanz­flüs­se nach Al­ba­ni­en klei­ner. Dass das Dia­spo­ra-Sys­tem im Ko­so­vo im­mer noch läuft wie ei­ne gut ge­öl­te Ma­schi­ne, liegt al­so dar­an, dass die Mi­gra­ti­ons­be­we­gun­gen in die reichs­ten Län­der Eu­ro­pas be­reits vor Jahr­zehn­ten ein­setz­ten. Val­bo­na und Zy­mer sit­zen – in zwei Hand­tü­cher ge­hüllt – im Schat­ten der Beach Bar. Durch das Stroh­dach fal­len ver­ein­zelt Son­nen­strah­len. Es hat 37 Grad. Der Sand glüht un­ter den Fü­ßen. Der Duft von Salz­was­ser und ge­grill­tem Fisch liegt in der Luft, wäh­rend sie ih­re Ge­schich­te er­zäh­len. Val­bo­na ver­ließ den Ko­so­vo be­reits 1987. Der ju­go­sla­wi­sche Prä­si­dent Ti­to war da schon sechs Jah­re tot, und im Viel­völ­ker­staat be­gann der Na­tio­na­lis­mus zu bro­deln. Val­bo­na ging in die Schweiz, wo sie zu­erst als Kö­chin und dann in ei­ner Keks­fa­brik ar­bei­te­te. Ihr Mann Zy­mer muss­te sein Stu­di­um in Pris­ti­na ab­bre­chen und heu­er­te in der Schweiz als Ge­hil­fe auf ei­nem Bau­ern­hof an. Die Mi­gra­ti­on hat aus In­tel­lek­tu­el­len not­ge­drun­gen Ar­bei­ter ge­macht. Men­schen, die ei­gent­lich Phi­lo­so­phie oder Wirtschaft stu­die­ren woll­ten, wa­ren ge­zwun­gen, ihr Geld am Bau zu ver­die­nen. Der be­rühm­tes­te Ko­so­va­re, dem es so er­ging, ist Ra­mush Ha­ra­di­naj. In den Neun­zi­ger­jah­ren ar­bei­te­te er als Zim­mer­mann und Tür­ste­her in der Schweiz. Man könn­te mei­nen, sein Le­ben wä­re nur ei­ne wei­te­re von un­zäh­li­gen ›Schat­zi‹-Epi­so­den. Aber Ha­ra­di­naj hat als Kom­man­dant im Krieg Kar­rie­re ge­macht – und ist heu­te Pre­mier­mi­nis­ter des Ko­so­vo. Un­längst mach­te er mit sei­ner Fa­mi­lie Win­ter­ur­laub in sei­ner al­ten Hei­mat Schweiz. Dort soll er laut der Zei­tung In­sa­j­de­ri für mehr als 70.000 Eu­ro die Za­ren-Sui­te des Carl­ton Ho­tels be­zo­gen ha­ben. Ha­ra­di­naj be­haup­te­te spä­ter, es sei­en nur 7.000 Eu­ro ge­we­sen. Auf den ko­so­va­ri­schen Durch­schnitts­lohn um­ge­legt, ist auch das ei­ne Men­ge Geld. Rund zwei Jah­re muss ein Nor­mal­bür­ger für die­se Sum­me ar­bei­ten ge­hen. •

Zwi­schen 1.000 und 5.000 Eu­ro kos­tet die per­fek­te Hoch­zeit zu Hau­se. Das Vor­bild: Ame­ri­ka.

Im Ko­so­vo und in Al­ba­ni­en er­hal­ten die ›Schat­zis‹ ei­ne gan­ze Tou­ris­mus­in­dus­trie.

Die Au­to­rin emp­fiehlt, im Som­mer das Sun­ny Hill Fes­ti­val in Pris­ti­na von Dua Li­pa zu be­su­chen und mit­ten im Wald Künst­ler zu se­hen, die sonst in aus­ver­kauf­ten Hal­len spie­len.

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