Eva Kon­zett

Datum - - Editorial - Text: Eva Kon­zett · Fo­to­gra­fie: Ste­fan Fürt­bau­er

hat das ›Mu­se­um auf der Flucht‹ fast von Be­ginn an be­glei­tet. Auf Ara­bisch bis drei zu zäh­len hat sie trotz gro­ßen Be­mü­hens in 18 Mo­na­ten nicht ge­schafft. Un­ter­stützt wur­de das jour­na­lis­ti­sche Lang­zeit­pro­jekt durch ein Sti­pen­di­um der Li­terar-Mecha­naStif­tung.

Wie fünf Men­schen ih­re Flucht ins Mu­se­um brin­gen.

Der Fo­to­graf kennt kein Par­don. ›Bit­te mehr nach links, du da hin­ten, du musst die Ho­se run­ter­krem­peln! Schul­tern nach vor­ne!‹ Von der Wand bli­cken ge­streng die Schlö­gel­gru­bers, ein Bau­ern­paar aus dem frü­hen 19. Jahr­hun­dert, dar­un­ter zeu­gen ein reich be­mal­ter Holz­tisch und der Bau­ern­schrank mit den Evan­ge­lis­ten vom länd­li­chen Stolz von einst. Mit en­er­gi­schen Ges­ten rich­tet der Fo­to­graf die Per­so­nen­grup­pe mit­ten in die­sem ös­ter­rei­chi­schen Setz­kas­ten aus. Yar­den Da­her, der Trans­mann aus dem sy­ri­schen Homs, der in Sy­ri­en Hi­jab trug und sich Re­gen­bö­gen auf den Ruck­sack kleb­te, in der Hoff­nung, dass ei­ner ver­stün­de – er muss nach hin­ten. Der Ka­bu­ler Ak­ti­vist Ra­min Sia­wa­sh mit dem im­mer frisch ge­bü­gel­ten Hemd, der sich in Ös­ter­reich seit drei Jah­ren durch Not­quar­tie­re schlägt und so drin­gend ein WG-Zim­mer sucht: bit­te nach vor­ne rechts. Die Ira­ke­rin Sa­ma Ya­se­en mit dem in Bag­dad von ame­ri­ka­ni­schen GIs ge­schlif­fe­nen Eng­lisch ver­sucht, sich aus dem Bild zu neh­men. Das geht aber nicht, weil ihr der Jour­na­list Re­za Zo­bei­di im Weg steht, der sich als Ara­ber sieht, ob­wohl sein Pass das ira­ni­sche Em­blem auf dem Um­schlag trägt. In der ers­ten Rei­he steht die Künst­le­rin Ne­gin Re­zaie in Mo­dell-Po­se über al­le­dem, als hät­te sie nie et­was an­de­res ge­macht. Sie kommt aus ei­ner re­gime­kri­ti­schen Fa­mi­lie aus dem ira­ni­schen Shi­raz und ist die letz­te, die ge­flo­hen ist. Ih­re Mut­ter konn­te bei der ei­ge­nen Flucht vor zehn Jah­ren nach Groß­bri­tan­ni­en nur die jün­ge­re Toch­ter mit­neh­men.

Miss­brauch, Ver­fol­gung, Krieg: Fak­to­ren, die sie nicht be­ein­flus­sen konn­ten, ha­ben al­le fünf flüch­ten las­sen, der Zu­fall hat sie nach Ös­ter­reich ge­führt und ein Pro­gramm hier­her in die Laudon­gas­se, Haus­num­mer 15–19, ins Volks­kun­de­mu­se­um Wien. Ein­ein­halb Jah­re lang ha­ben sie in den weit­läu­fi­gen Räu­men des ehe­ma­li­gen Pa­lais das ku­ra­to­ri­sche Hand­werk ge­lernt, ha­ben dar­an ge­ar­bei­tet, ›Flucht‹ zu ab­stra­hie­ren, mu­se­al um­zu­set­zen, sie ha­ben schluss­end­lich in die be­ste­hen­de Dau­er­aus­stel­lung und da­mit in die DNA des Hau­ses ein­ge­grif­fen. Man kann auch sa­gen: Sie ha­ben die Dau­er­aus­stel­lung auf den letz­ten Stand ge­bracht. Jetzt bran­det das Meer in der Ti­ro­ler Bau­ern­stu­be, jetzt ruft das Me­tall­stock­bett aus der Not­schlaf­stel­le zur un­be­que­men Schlaf­statt un­term höl­zer­nen Bal­da­chin, jetzt for­dern die Hab­se­lig­kei­ten der Hei­mat­lo­sen die ös­ter­rei­chi­schen Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten her­aus. ›Ich will ein stol­zes Fo­to!‹, ruft der Fo­to­graf noch, be­vor er mehr­mals ab­drückt. Das Pres­se­fo­to ist ge­schos­sen. Mit lau­ten ›Klick! Klick! Klick!‹ ge­hen Mo­na­te der Vor­be­rei­tung zu En­de. Das ›Mu­se­um auf der Flucht‹ ist fer­tig.

Drei Jah­re ist es nun her, dass rund 700.000 Men­schen auf der so­ge­nann­ten Bal­kan­rou­te nach Eu­ro­pa ge­kom­men sind. Ent­lang von Tram­pel­pfa­den und Schleich­we­gen über ei­nen hal­ben Kon­ti­nent bis zur Küs­te, wo die Plas­tik­boo­te war­te­ten, dann wei­ter ent­lang der Zug­schie­nen durch Län­der, die sich selbst an den Krieg er­in­nern, als sei er ges­tern ge­we­sen. Drei Jah­re ist es her, dass rund 90.000 von ih­nen in Ös­ter­reich blie­ben, dass ein Klein­las­ter, der einst Hüh­ner­fleisch trans­por­tiert hat­te, an ei­nem hoch­som­mer­li­chen Au­gust­tag auf der A4 die Lei­chen von 71 er­stick­ten Men­schen frei­gab.

Längst hat der Du­den den Be­griff der ›Bal­kan­rou­te‹ in der deut­schen Spra­che in­ven­ta­ri­siert. Längst wir­ken die­se Wo­chen po­li­tisch nach. Wo Gren­zen auf der ei­nen Sei­te ge­sperrt wur­den – in Gev­ge­li­ja, in Rösz­ke, in Spiel­feld und in Ni­ckels­dorf – da wur­den sie auf der an­de­ren Sei­te ver­scho­ben. Wie aber wer­den sich die Men­schen in die­sem Land künf­tig an die Flücht­lin­ge er­in­nern? Wel­che Bil­der wer­den in den Schul­bü­chern lan­den: die Bil­der der Po­li­zis­ten in den wei­ßen Schutz­an­zü­gen von Parn­dorf oder doch die Po­li­zei­pa­trouil­len in Salz­burg? Und wer darf über­haupt an die­ser Er­in­ne­rung mit­wir­ken, sich ein­brin­gen, wem steht der Bei­trag zum künf­ti­gen Ge­dächt­nis zu? Dem Be­trof­fe­nen? Dem Staats­bür­ger?

Das kol­lek­ti­ve Ge­dächt­nis stärkt den Zu­sam­men­halt in­ner­halb der Ge­sell­schaft, es zim­mert aus Bil­dern, Ri­ten, Or­ten und Mo­nu­men­ten ein Be­zugs­sys­tem der Er­in­ne­rung – wil­lent­lich, nicht will­kür­lich. Im Volks­kun­de­mu-

Sie hat­te nur ei­nen Schuh und be­kam in Bel­grad ei­nen Nerz­man­tel ge­schenkt. ›Den ziehst du dann an, und Kinn hoch‹, sagt Ne­gin Re­zaie.

se­um, wo die Ar­te­fak­te des ös­ter­rei­chi­schen Selbst­bil­des ge­sam­melt sind, ar­bei­tet ei­ne Hand­voll Men­schen dar­an, dass die Er­in­ne­run­gen an den Som­mer und Herbst 2015 nicht zu ein­sei­tig aus­fal­len.

Ich ha­be im­mer das Be­dürf­nis, je­man­den zu mir nach Hau­se ein­zu­la­den, auch wenn mein Zim­mer noch so klein ist.

Das ›Mu­se­um auf der Flucht‹ nimmt sei­nen An­fang im Herbst 2016, als zwei freie Ku­ra­to­ren un­ab­hän­gig von­ein­an­der mit ei­nem Pro­jekt­vor­schlag zum Flücht­lings­the­ma beim Volks­kun­de­mu­se­um an­klop­fen. Alex­an­der Mar­tos, theo­rie­fes­ter Kom­mu­ni­ka­tor, und Ni­ko Wahl, ver­sier­ter Aus­stel­lungs­ge­stal­ter mit Er­fah­rung im Haus, be­schlie­ßen, ih­re Ide­en und Kräf­te in ei­nem ge­mein­sa­men Pro­jekt zu bün­deln. Hoch­qua­li­fi­zier­te Asyl­wer­ber wol­len sie im bü­ro­kra­ti­schen War­te­raum ab­ho­len, in dem die­se bis zum Ver­fah­ren­sen­de ste­cken – sie her­aus­ho­len aus die­ser Zwi­schen­zeit, über die man nicht Herr ist, son­dern die man nur ab­sit­zen kann. Die Ku­ra­to­ren wol­len ein Sti­pen­di­um schaf­fen, mit­hil­fe des­sen ein­zel­ne Asyl­wer­ber sich pro­fes­sio­nell dem The­ma Flucht wid­men und ei­ne Samm­lung da­zu auf­bau­en kön­nen. Ein Dach über dem Kopf bie­tet das Volks­kun­de­mu­se­um, die An­schub­fi­nan­zie­rung von 50.000 Eu­ro kommt schließ­lich vom Bun­des­kanz­ler­amt.

Im Früh­jahr 2017 bre­chen Wahl und Mar­tos in Rich­tung Ägä­is auf, um an den neur­al­gi­schen Punk­ten Flucht­ob­jek­te zu sam­meln. Weil Flücht­lin­ge auf der ei­nen Sei­te nicht an die spä­te­re mu­sea­le Ver­wert­bar­keit des Fluch­tall­tags den­ken und an­de­rer­seits nach An­trags­stel­lung nicht rei­sen dür­fen, bleibt Wahl und Mar­tos nichts an­de­res üb­rig, als selbst vor Ort Stü­cke auf­zu­le­sen. Sie hät­ten sich Mü­he ge­ge­ben, bei der Aus­wahl ›so we­ni­ge Ent­schei­dun­gen wie mög­lich‹ zu tref­fen, wird Wahl spä­ter sa­gen. Nie­mand will den ku­ra­to­ri­schen Spiel­raum von vorn­her­ein ein­schrän­ken. Auf Les­bos su­chen die bei­den mit­hil­fe ei­ner Tou­ris­ten­kar­te nach dem Nach­lass der gro­ßen Flucht. Nach der De­po­nie, die man den Fried­hof der Schwimm­wes­ten nennt, et­wa. Sie fin­den sie und sie fin­den Schlauch­boo­te, sie fin­den Ge­brauchs­ge­gen­stän­de und Klei­dung. Wie viel Le­ben hat Platz in ei­nem Ruck­sack? Sie fin­den an der tür­ki­schen Küs­te die fri­sche Ver­pa­ckung ei­nes Au­ßen­bord­mo­tors und da­ne­ben ei­nen Ben­zin­ka­nis­ter. Sie pa­cken ein, was trans­port­fä­hig ist, und schi­cken die Ob­jek­te nach Wien. Von grie­chi­scher Sei­te per Pa­ket­dienst, von der tür­ki­schen als ›bul­ky lug­ga­ge‹ aus Iz­mir im Bauch ei­nes Flug­zeugs. Wo­für die Flücht­lin­ge teils Mo­na­te ge­braucht ha­ben – für 1.800 Ki­lo­me­ter Flucht­rou­te über die Ägä­is und dann durch die West­bal­kan­staa­ten – , be­nö­tigt ih­re Hin­ter­las­sen­schaft nur we­ni­ge St­un­den. Die Pro­pan­gas­do­se, die Kopf­weh­ta­blet­ten, ei­ne win­zi­ge Aus­wahl aus all den Klei- dungs­stü­cken und all den Schu­hen – über­all Schu­he – über­que­ren die Gren­zen im Luf­t­raum oh­ne Zwi­schen­fäl­le.

Ge­mein­sam mit den Be­stän­den aus ei­nem auf­ge­las­se­nen Not­schlaf­quar­tier der Ca­ri­tas und spä­te­ren Schen­kun­gen bil­den die­se Ob­jek­te die ma­te­ri­el­le Grund­la­ge für das ›Col­le­gi­um Ir­re­gu­la­re‹, wie Mar­tos und Wahl ihr Pro­jekt schließ­lich nen­nen. Kei­ne Kon­kur­renz für Uni­ver­si­tä­ten, kei­ne Wie­der­ho­lung von AMS-Be­rufs­pro­gram­men wol­len die bei­den Män­ner star­ten. Sol­che Pro­gram­me wen­den sich oh­ne­hin fast aus­schließ­lich an be­reits an­er­kann­te Flücht­lin­ge.

Ich ha­be ein Sam­mel­su­ri­um an wich­ti­gen Din­gen und nutz­lo­sen Er­in­ne­run­gen ein­ge­packt.

Als Sa­ma Ya­se­en so schnell rennt, wie ih­re Bei­ne sie tra­gen, ist es Ok­to­ber 2017, und in we­ni­gen Ta­gen wird Ös­ter­reich ei­nen neu­en Na­tio­nal­rat wäh­len. Ya­se­en pas­siert die Pla­ka­te der Spit­zen­kan­di­da­ten, zieht sich die Ka­pu­ze ge­gen den Re­gen ins Ge­sicht, springt über die La­cken am Karls­platz und ih­ren Kol­le­gen di­rekt in die Ar­me. ›Ich hab’s. Ich hab’s‹, schnauft sie: ›Könnt ihr das glau­ben? Ich hab’s!‹ Mehr als ein­ein­halb Jah­re hat sie auf den Brief des Bun­des­am­tes für Frem­den­we­sen und Asyl ge­war­tet und eben­so­lan­ge ge­bangt. Wür­de der ös­ter­rei­chi­sche Staat ihr, der Ira­ke­rin Sa­ma Ta­ha Ya­se­en, ge­bo­ren 1994 in Bag­dad, die ame­ri­ka­ni­sche Pop­songs singt, wenn sie ner­vös ist, der Frau­en­recht­le­rin aus wohl­ha­ben­dem Hau­se, den Auf­ent­halt ge­wäh­ren? Und was, wenn nicht?

Ei­gent­lich wol­len die Fel­lows die Aus­stel­lung über Gas­t­ar­bei­ter im Wien-Mu­se­um be­su­chen, doch zu­erst muss Ya­se­en er­zäh­len. Wie ihr die Fin­ger ver­sa­gen, als sie den RSa-Brief noch im Post­amt auf­zu­rei­ßen ver­sucht, wie es dann die Bei­ne tun, als sie aus dem Ge­bäu­de an die fri-

Die Flücht­lin­ge brau­chen Mo­na­te bis nach Eu­ro­pa. Ih­re Hin­ter­las­sen­schaf­ten kom­men als ›bul­ky lug­ga­ge‹ nach Wien.

sche Luft tritt. Wie sie vom Bo­den aus seit Jah­ren das ers­te Mal Gott an­ruft – هللدمحلا (Gott, ich dan­ke dir). Aus tie­fer Keh­le. Gera­de her­aus. Ya­se­en schaut in die Run­de, ringt nach Wor­ten auf Deutsch und Eng­lisch und fin­det kei­ne, auch nicht im Ara­bi­schen, für die­se Mi­nu­ten, die – nun ja – über ihr wei­te­res Le­ben ent­schei­den wer­den, fin­det kei­nen Aus­druck für die Taub­heit, die sie er­fasst, bis sie den ent­schei­den­den Satz ver­steht: ›Ge­mäß § 8 Ab­satz 1 Asy­lG wird Ih­nen der Sta­tus des sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten zu­er­kannt.‹ Die ers­te aus der Grup­pe hat nun Pa­pie­re, wenn auch vor­erst nur für ein Jahr. Die an­de­ren freu­en sich mit Ya­se­en, um­ar­men sie, klop­fen ihr an­er­ken­nend auf die Schul­ter und hof­fen doch ins­ge­heim, dass ihr ei­ge-

Yar­den Da­her leg­te zu Hau­se in Homs ei­ne ka­put­te Uhr in sei­nen Ruck­sack. Wie viel Le­ben packt man ein, wenn man nur we­ni­ge St­un­den bis zum Auf­bruch hat?

nes Ver­fah­ren bes­ser lau­fen wird. Dass ih­re Be­schei­de po­si­tiv aus­fal­len wer­den. Dass sie Flücht­lin­ge nach der Gen­fer Kon­ven­ti­on wer­den – und da­mit den Ös­ter­rei­chern un­be­fris­tet gleich­ge­stellt. Erst in ein paar Ta­gen wird Ya­se­en mer­ken, dass sich sub­si­diä­rer Schutz nicht im­mer nach Freu­den­tau­mel an­fühlt. Dass er nicht kalt ist und nicht warm. Lau fühlt er sich an. Bes­ser als nichts, oh­ne Zwei­fel, so fühlt er sich an. Zwölf Mo­na­te nicht nach­den­ken müs­sen, nachts end­lich wie­der durch­schla­fen. Im­mer­hin.

We­ni­ge Ta­ge spä­ter wird Se­bas­ti­an Kurz’ neue ÖVP die Na­tio­nal­rats­wahl ge­win­nen, die FPÖ wird mit der SPÖ fast gleich­zie­hen. Haupt­mo­tiv für die Wäh­ler­schaft wer­den die The­men Mi­gra­ti­on und Flucht sein. Was die an­de­ren vier Fel­lows an die­sem Tag noch nicht wis­sen: Im Ge­gen­satz zu Ya­se­en wer­den ih­re Asyl­an­trä­ge ne­ga­tiv be­schie­den wer­den.

Ich bin ein Teil des Mülls un­se­rer Zeit.

Gera­de noch hat Ne­gin Re­zaie vor sich hin­ge­schnupft und ge­hus­tet, jetzt steht sie vom Fie­ber ge­zeich­net vor den an­de­ren, greift mit den weiß be­hand­schuh­ten Fin­gern in die Kis­te vor sich. ›Das ist nichts wert, das ist nichts wert. So wie wir‹, ruft sie in die Run­de und lässt den Sand von der Ägäi­schen Küs­te durch die wei­ßen Fin­ger rie­seln. Drau­ßen hat man die Wahl­pla­ka­te ab­ge­nom­men, das Land dis­ku­tiert über die Re­gie­rungs­bil­dung und den Bu­wog-Pro­zess, drin­nen wirft Re­zaie die lan­gen dich­ten Haa­re über die Schul­ter. Die Rotz­na­se ist ver­ges­sen, Ra­ge steigt ihr ins Ge­sicht, der Fisch­grät­par­kett­bo­den heult auf, als sie hin­e­in­stampft. ›Wir sind der Müll die­ser Zeit! Wir müs­sen dar­aus et­was ma­chen!‹ Was mag die­ser Raum ein­mal ge­we­sen sein? Fünf Me­ter ho­he Wän­de, Flü­gel­tü­ren, den wei­ßen manns­ho­hen Dop­pel­fens­tern fehlt an den Ecken deut­lich der Putz. Wo viel­leicht ein­mal Bäl­le statt­ge­fun­den ha­ben, da­mals, als das Mu­se­ums­ge­bäu­de noch ein Schloss war und als Som­mer­re­si­denz ge­nutzt wur­de, lässt Re­zaie jetzt er­schöpft die Ar­me bau­meln. Ih­re klei­ne Schwes­ter stu­diert im bri­ti­schen Ox­ford mitt­ler­wei­le Neu­ro­wis­sen­schaf­ten, Re­zai­es Le­ben hin­ge­gen steckt seit drei Jah­ren fest. ›Sagt ih­nen, der Müll kämpft!‹

Der Herbst geht vor­über, mit dem Win­ter kün­digt sich das neue Jahr 2018 an, und im­mer noch ar­bei­tet die Grup­pe an den Ob­jek­ten. Drei­mal in der Wo­che, je­weils drei St­un­den lang. Gan­ze Nach­mit­ta­ge ver­bringt die Trup­pe hier über die Ti­sche ge­beugt, wie­der und wie­der ho­len sie die Ob­jek­te aus dem In­dus­trie­re­gal an der Wand, un­ter­su­chen sie auf ih­ren re­prä­sen­ta­ti­ven Wert, üben Mi­ni-Aus­stel­lun­gen im Tro­cken­mo­dus, le­gen die Ge­gen­stän­de dann ins Re­gal zu­rück, wo das gro­ße Ca­ri­tas-Schild aus der Not­schlaf­stel­le am Nord­bahn­hof über sie al­le wacht: über den Kin­der­schuh mit den kor­ro­dier­ten Schnal­len, das zer­sto­che­ne Schlauch­boot, den zer­bro­che­nen Spie­gel, über all die Re­mi­nis­zen­zen aus den chao­ti- schen Ta­gen, im Me­tall­fach nach ih­rer Geo­gra­phie ge­ord­net. Di­ki­li. Les­bos. Wien.

›Ihr seht Din­ge, die wir nicht se­hen‹, hat­te Alex­an­der Mar­tos den Fel­lows an­fangs ge­sagt. Den Sinn der zer­schnit­te­nen Mas­ter­card aus Ni­ge­ria et­wa, wo je­mand die Spu­ren der ei­ge­nen Per­son ver­wi­schen woll­te. Den Zweck der Obst­mes­ser, wie sie die Schlep­per ver­wen­de­ten, um die Boo­te ein­zu­ste­chen, so­bald sie grie­chi­sche Ge­wäs­ser er­reicht hat­ten. Oder die Be­deu­tung der im­pro­vi­sier­ten Plas­tik­hül­le, den be­helfs­mä­ßi­gen Schutz für das Wich­tigs­te, was ei­nem auf der Flucht bleibt: Do­ku­men­te, Fotos, das Mo­bil­te­le­fon. Al­les zu­rück­ge­las­se­ne Ob­jek­te von fo­ren­si­schem Wert – wenn man sie zu deu­ten weiß.

Es sind je­ne lan­gen Win­ter­ta­ge, in de­nen in der Grup­pe das Ver­trau­en wächst, ei­ne grö­ße­re Aus­stel­lung stem­men zu kön­nen. ›Es hat uns ge­reizt, weil so viel an In­halt und Ob­jek­ten da war‹, sa­gen Wahl und Mar­tos. Vor al­lem, weil das Volks­kun­de­mu­se­um sei­ne Dau­er­aus­stel­lung für ei­ne In­ter­ven­ti­on zur Ver­fü­gung stellt.

Wenn du kein star­ker, knall­har­ter Wolf bist, wirst du von den Füch­sen an­ge­pin­kelt.

Das Schlöss­chen in der Laudon­gas­se hat schon vie­le Haus­her­ren ge­se­hen. Fried­rich Karl Graf von Schön­born hat­te es 1706 als Gar­ten­pa­lais in Auf­trag ge­ge­ben, ir­gend­wann dien­te es der k. u. k. Müll­ab­fuhr als Haupt­quar­tier, dann se­zier­ten die Pflan­zen­kund­ler der kai­ser­li­chen land­wirt­schaft­li­chen Hoch­schu­le hier Grün­zeug und Sa­men. 1917 über­nahm dann das Volks­kun­de­mu­se­um das Ge­bäu­de, seit 2013 steht die­sem Mat­thi­as Beitl vor. An ei­nem Di­ens­tag im Sep­tem­ber 2018 lässt sich der Di­rek­tor im Gar­ten auf ei­nes der Pa­let­ten­so­fas fal­len, die Re­de für den kom­men­den Fest­akt als Ma­nu­skript schon in der Hand. In ei-

›Wir sind der Müll die­ser Zeit. Wir müs­sen dar­aus et­was ma­chen. Sagt ih­nen, der Müll kämpft!‹

ner Wo­che wird die frisch an­ge­lob­te Wie­ner Kul­tur­stadt­rä­tin Ve­ro­ni­ca Kaup-Has­ler hier im Gar­ten die von den Fel­lows neu ge­stal­te­te Dau­er­aus­stel­lung er­öff­nen, will das Mu­se­um sei­ne al­ter­na­ti­ve Ei­n­ord­nung der Flucht prä­sen­tie­ren. In Zei­ten, in de­nen Stim­men­ma­xi­mie­rung im­mer durch das Worst-Ca­se-Sze­na­rio er­zielt wer­de, kön­ne man als In­sti­tu­ti­on nicht apo­li­tisch sein. Da rei­che es nicht aus, nur vom Schö­nen zu er­zäh­len und Pro­ble­me, wenn über­haupt, im his­to­ri­schen Rück­blick an­zu­ge­hen, sagt Beitl: ›Wir stel­len die Ob­jek­te der Selbst­ver­ge­wis­se­rung, wie sie un­ser Haus na­tür­lich hat, ei­nem Dis­kurs ge­gen­über.‹ Denn man müs­se im Hier und Jetzt ar­gu­men­tie­ren. Über Hei­mat bei­spiels­wei­se. Und zei­gen, dass we­der der Iden-

Sa­ma Ya­se­en mit ih­rem iPho­ne, mit dem sie auf dem Boot ih­re GPS-Da­ten pau­sen­los an die Mut­ter schick­te.

ti­tät noch der Kul­tur ein fes­ter Ag­gre­gats­zu­stand in­ne­wohnt. Son­dern ein flüs­si­ger. Dass es mehr Do­nau ist denn Vier­kant­hof.

Ich ha­be all mei­ne Be­sitz­tü­mer auf der Flucht ver­lo­ren. Als ich in Grie­chen­land an­ge­kom­men bin, ha­be ich sie bit­ter­lich be­weint.

In sei­ner dun­kel­blau­en Je­ans­ja­cke er­kennt man Yar­den Da­her in der Men­schen­men­ge so­fort. Er ist der un­schein­bars­te von al­len. Die an­de­ren Män­ner tra­gen schwar­ze en­ge Ho­sen und bun­te Turn­schu­he, die Frau­en knall­ro­ten Lip­pen­stift im blas­sen Ge­sicht. Es ist April 2018, und der Früh­ling ist schon so spür­bar, dass die ers­ten Wir­te ih­re Scha­ni­gär­ten her­aus­räu­men. Weiß be­mal­te Ba­na­nen­kis­ten ste­hen im Raum, da­zu ge­spro­che­ne Hör­se­quen­zen – wo­chen­lang hat Da­her sei­ne Flucht in die­ser klei­nen Aus­stel­lung auf­be­rei­tet. Jetzt steht er in ei­ner Ecke der Ga­le­rie, nippt an ei­nem Bier und kann nicht glau­ben, dass tat­säch­lich so vie­le Men­schen ge­kom­men sind. Sei­net­we­gen, we­gen Yar­den Da­her, 29 Jah­re alt und aus Homs, der den Koran re­spek­tiert und ihn falsch ver­stan­den glaubt, der ›mus­li­misch er­zo­gen wur­de und nicht queer‹, der erst jen­seits der sy­ri­schen Gren­ze an­de­ren an­ver­traut, was er seit je­her weiß: dass er je­mand an­de­res ist. Der Na­me, der auf Da­hers Ab­schie­be­pa­pie­ren steht, lau­tet nicht Yar­den. Ers­te­rer ge­hört zu dem bio­lo­gi­schen Ge­schlecht, dem er sich nicht zu­ge­hö­rig fühlt. Bei der Flucht aus Homs, da ging es auch dar­um, die Deu­tungs­ho­heit über sich selbst zu ge­win­nen.

Nicht sein Na­me aber, sei­ne Fin­ger­ab­drü­cke ha­ben ihn ver­ra­ten. Die­se ein­zig­ar­ti­gen Li­ni­en, mit Tin­te auf die Do­ku­men­te ei­nes kroa­ti­schen Grenz­be­am­ten ge­drückt, je­den ein­zel­nen Fin­ger in blau. Du­blin-Fäl­le nennt es das eu­ro­päi­sche Be­am­ten­deutsch, wenn Asyl­wer­ber in das Land zu­rück­ge­schickt wer­den, wo sie das ers­te Mal auf EU-Bo­den re­gis­triert wur­den. Schick­sal muss Da­her es nen­nen. Au­ßer ihm ha­ben noch Hun­dert­tau­sen­de wäh­rend der Som­mer­mo­na­te 2015 Kroatien durch­quert. Zu­rück müs­sen nur we­ni­ge. ›Als wir die Bo­xen für die Aus­stel­lung ge­sta­pelt hat­ten, mit mei­nen Ge­schich­ten drin­nen‹, sagt er, ›da ha­be ich rea­li­siert, dass ich sel­ber zu ei­ner Box ge­wor­den bin. Zu ei­nem be­weg­li­chen Ob­jekt‹.

Wenn man kei­ne ge­mein­sa­me Er­in­ne­rung hat, dann be­deu­tet das Fremd­heit.

Es ist Sep­tem­ber ge­wor­den, als Da­her, Ya­se­en und Re­zaie kurz vor der Er­öff­nung der neu­en Dau­er­au­stel­lung des Abends un­ter den haus­ho­hen Pap­peln im Mu­se­ums­gar­ten sit­zen, je­der mit ei­ner Gös­ser-Do­se in der Hand. ›Prost‹, sagt Ya­se­en und lässt ihr Bier die Run­de ma­chen, ›das wä­re nun al­so ge­tan‹. Den gan­zen Tag lang hat die Grup­pe ge­ar­bei­tet, sie ha­ben die Vi­tri­nen um­ge­stal­tet, ha­ben das Dop­pel­bett aus dem Dach­bo­den ge­schleppt, ge­bohrt und ge­häm­mert und ir­gend­wann für sich und al­le Hel­fer Le­ber­käs­sem­meln und Co­la aus dem Su­per­markt ge­holt. Jetzt dreht Ya­se­en auf ih­rem Han­dy Hip-Hop auf, wippt mit dem Beat der Mu­sik und steckt sich Erd­nüs­se in den Mund. An den Ro­sen­bü­schen vor­bei kann man durch die Fens­ter in die Aus­stel­lungs­räu­me bli­cken, in die neue Dau­er­aus­stel­lung, in ihr ku­ra­to­ri­sches Werk. Sie ha­ben es ab­schlie­ßend mit per­sön­li­chen Ge­gen­stän­den kom­plet­tiert. In Raum 20 hängt nun Re­zai­es Nerz­man­tel, den man ihr in Bel­grad ge­ge­ben hat, als sie mit nur ei­nem Schuh im Matsch bei ei­ner Klei­der­aus­ga­be stand. Ya­se­ens iPho­ne, mit dem sie wäh­rend der Über­fahrt auf der Ägä­is GPS-Stand­or­te an die Mut­ter sand­te, steht in Raum drei ne­ben Rei­se­füh­rern von einst. Da­her hat sei­ne ka­put­te Arm­band­uhr aus Sen­ti­men­ta­li­tät ein­ge­packt, als er sich zur Flucht ent­schied – sie funk­tio­nier­te schon da­mals nicht. Ein letz­tes An­den­ken an On­kel und Fa­mi­lie. Nicht mehr.

Was wer­den sie mit­neh­men, wenn sie wie­der pa­cken müs­sen?

Die Blei­be­per­spek­ti­ve je­ner fünf Men­schen, die gera­de noch her­aus­for­dernd in die Ka­me­ra ge­schaut ha­ben, ist düs­ter, der Aus­gang ih­rer Be­ru­fungs­ver­fah­ren un­klar. Es ge­be, so ha­ben sie ein­mal ge­sagt, drei Ar­ten der An­kunft. Die phy­si­sche, die bü­ro­kra­ti­sche und die emo­tio­na­le. Letzt­lich sei man dann an­ge­kom­men, wenn man sich nicht mehr er­klä­ren müs­se, wenn man et­was an­de­res als nur Flücht­ling sei. Wie weit weg sich das oft an­fühlt!

Hin­ter den Ro­sen­bü­schen, hin­ter dem ge­schwun­ge­nen Ei­sen­tor, das den Schloss­gar­ten vom öf­fent­li­chen Park trennt, liegt in ei­nem ehe­ma­li­gen Welt­kriegs­bun­ker und un­ter der Er­de das De­pot des Volks­kun­de­mu­se­ums. Hier wer­den die Ob­jek­te des ›Mu­se­ums auf der Flucht‹ ir­gend­wann als Teil des Be­stan­des ge­la­gert wer­den – bei kon­stant 60-pro­zen­ti­ger Luft­feuch­tig­keit, in dunk­len Kam­mern, hin­ter höl­zer­nen Tü­ren. Zwi­schen Perch­ten, Care-Pa­ke­ten von 1945 und Holz­spiel­zeug des auf­stre­ben­den Bür­ger­tums wer­den die Ge­gen­stän­de über­dau­ern. ›Ar­chi­ve sind kein Ab­bild der Ver­gan­gen­heit, son­dern sie schi­cken et­was in die Zu­kunft. Was in den Ar­chi­ven nicht zu fin­den ist, da­für wird es kei­ne Les­art ge­ben‹, hat­te Ku­ra­tor Mar­tos ge­sagt. Yas­sens iPho­ne, das Schlauch­boot, die Da­ten­trä­ger mit Re­zai­es Per­for­mance, das Pres­se­bild der fünf ge­mein­sam mit Wahl und Mar­tos, die­ser selbst­be­wuss­te Blick. Viel­leicht wer­den die Ob­jek­te des Mu­se­ums auf der Flucht ver­stau­ben, viel­leicht wird man sie be­spie­len. Von ih­nen aber wird nie­mand sa­gen kön­nen: Sie wa­ren nicht da. •

*Al­le Zi­ta­te stam­men von den Ku­ra­to­ren. Die Au­to­rin emp­fiehlt, im Gar­ten des Volks­kun­de­mu­se­ums ei­nen Herbst­nach­mit­tag zu ge­nie­ßen und im Schat­ten des Holz­beicht­stuhls ei­ne Fla­sche Ma­ka­va zu trin­ken. Und da­nach im Mu­se­um auf die Su­che nach dem Vo­gel der Selbst­er­kennt­nis zu ge­hen.

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