Gschwandt­ner rennt

Datum - - Hommage - Text: Mat­thi­as Ber­nold · Il­lus­tra­ti­on: Die­go Ri­sel­li

Wie ein Lin­zer mit ei­ner App das Jog­gen re­vo­lu­tio­niert hat.

Resi­li­enz

Viel­leicht stei­gen wir am bes­ten am Mon­tag­mor­gen des 7. Sep­tem­ber 1998 in die Ge­schich­te ein. Als Flo­ri­an Gschwandt­ners El­tern be­reits im Au­to auf ihn war­ten, sitzt der da­mals 15-Jäh­ri­ge auf dem Fuß­bo­den im Ba­de­zim­mer des al­ten Vier­kant­hofs und ist ver­zwei­felt. Er will we­der ins In­ter­nat noch Bauer wer­den. Und doch wird für ihn kein Weg vor­bei­füh­ren am Fran­cis­co Jo­se­phi­num, der Hö­he­ren Land­wirt­schaft­li­chen Fach­schu­le in Wie­sel­burg. Geht es nach den El­tern, soll er ei­nes Ta­ges den Be­trieb über­neh­men. Dass ihr Sohn dies nicht wol­len könn­te, kommt ih­nen gar nicht erst in den Sinn. Seit vie­len Ge­ne­ra­tio­nen Land­wir­te und selbst star­re Re­geln ge­wöhnt, ist Sin­nie­ren über Selbst­ver­wirk­li­chung und al­ter­na­ti­ve Le­bens­ent­wür­fe bei ih­nen nicht vor­ge­se­hen. 50 Mi­nu­ten dau­ert die Fahrt von Streng­berg zum Jo­se­phi­num. Seit 1934 ist die nach Kai­ser Franz Jo­seph be­nann­te Schu­le hier un­ter­ge­bracht. Mehr als 700 Schü­ler le­ben und ler­nen in dem weit­läu­fi­gen Ge­bäu­de­kom­plex mit dem al­ten, ba­ro­cki­sier­ten Schloss im Zen­trum. Nach der Be­grü­ßung geht man hin­über ins Ge­bäu­de mit den Schlaf­sä­len: da­mals ein her­un­ter­ge­kom­me­ner 1950erJah­re-Bau. Flo­ri­ans Mut­ter hilft noch beim Au­s­pa­cken. Kaum sind die El­tern weg, be­gin­nen die Schi­ka­nen. ›Da wur­den Tü­ren blo­ckiert, Neu­lin­ge ein­ge­schüch­tert, und es wur­de or­dent­lich ge­schlä­gert‹, er­in­nert er sich.

Der Um­gang im In­ter­nat ist das ei­ne. Das an­de­re die Aus­rich­tung der Schu­le. Er will kei­ne Ge­trei­de­sor­ten aus­wen­dig ler­nen und in­ter­es­siert sich nicht für Ver­er­bungs­leh­re beim Züch­ten von Vieh. Hän­gen sei­ne Kol­le­gen Pos­ter von Trak­to­ren an die Wän­de, sind es bei Flo­ri­an Golf GTIs. Er will fort­ge­hen in die Clubs, die an­de­ren fah­ren zum Blas­mu­sik-Kir­tag. Je­des Wo­che­n­en­de, wenn er vom In­ter­nat nach Hau­se zu­rück­kommt, er­klärt er den El­tern, wie sehr ihn die Schu­le an­zipft. ›Es wird dir schon noch ge­fal­len‹, sagt der Va­ter. Am Tag, an dem Flo­ri­an das Ma­tu­ra­zeug­nis in der Hand hält, ist ihm plötz­lich be­wusst, dass er sehr viel schaf­fen kann. ›Dar­in liegt die Qua­li­tät von Wie­sel­burg‹, re­sü­miert er spä­ter: ›Auch wenn es mich fast ge­bro­chen hät­te.‹

Un­der­dog

Der Kon­flikt be­züg­lich sei­ner be­ruf­li­chen Zu­kunft, nie­mals of­fen aus­ge­tra­gen, ver­la­gert sich auf Ne­ben­schau­plät­ze. Gschwandt­ner wei­gert sich, das Wild­bret zu es­sen, das sein Va­ter an Wo­che­n­en­den nach Hau­se bringt. Er pro­tes­tiert ge­gen den Kirch­gang, pro­vo­ziert mit Pla­teauSchu­hen, Glo­cken­ho­sen und Au­gen­brau­en-Pier­cing.

Fühlt er sich un­ge­recht be­han­delt, greift er in die Trick­kis­te: ›Mei­nem Va­ter ha­be ich im­mer wie­der das Ziel­fern­rohr fürs Jagd­ge­wehr ver­steckt. Mei­nem äl­te­ren Bru­der das Dis­play für sein Au­to­ra­dio.‹

In die Rol­le des Un­der­dog schlüpft Flo­ri­an auch, als er mit sie­ben zum Fuß­ball­klub FCU Streng­berg geht. Bis zum Al­ter von 17 Jah­ren spielt er dort als lin­ker Ver­tei­di­ger. Der Trai­ner stellt ihn häu­fig bei den U14-Spie­len auf, ob­wohl er ei­gent­lich noch U11 spie­len könn­te. Flo­ri­an hat kei­ne Angst vor grö­ße­ren Ge­gen­spie­lern, auch wenn die drei Jah­re äl­ter sind als er. ›Ich hat­te Freu­de dar­an, mir Re­spekt zu ver­schaf­fen. Aus der Un­der­dog-Po­si­ti­on für ei­ne Über­ra­schung zu sor­gen hat mir ge­fal­len. Ich bin nicht ul­trab­ru­tal aufs Feld ge­gan­gen. Aber ich ha­be rein­ge­tre­ten und rein­ge­hau­en, wenn es dar­auf an­kam.‹ Un­ter­schätzt wird er auch bei Run­tas­tic im­mer wie­der. Als es mit der Grün­dung ernst wird, be­schließt Gschwandt­ner, sei­nen da­ma­li­gen Job zu kün­di­gen. Sei­nem Chef passt das al­ler­dings gar nicht. Nicht in die Selbst­stän­dig­keit wer­de ihn sein Weg füh­ren, so pro­phe­zeit er dem spä­te­ren Run­tas­tic-Front­mann, son­dern ge­ra­de­wegs in den Kon­kurs. Gschwandt­ner lässt sich nicht de­mo­ra­li­sie­ren. ›Ich ha­be mir ge­dacht: Dir wer­de ich es auch noch be­wei­sen.‹

Am­bi­ti­on

Mit der Ma­tu­ra in der Ta­sche und dem Bun­des­heer hin­ter sich, fühlt sich Flo­ri­an Gschwandt­ner frei, end­lich das zu tun, was ihn wirk­lich in­ter­es­siert. Im Sep­tem­ber 2003 be­ginnt er ein In­for­ma­tik­stu­di­um mit Schwer­punkt

›Mo­bi­le Com­pu­ting‹ an der Fach­hoch­schu­le Ha­gen­berg. Die FH ge­nießt den Ruf ei­ner ›Pro­gram­mie­rer-Schmie­de‹. Die Pro­fes­so­ren re­agie­ren rasch auf ak­tu­el­le Trends. En­tre­pre­neurship wird ge­för­dert. Run­tas­tic ist nur ei­nes von meh­re­ren IT-Start-ups, die von Ab­sol­ven­ten ge­grün­det wer­den. An­de­re sind Trac­tive, ein GPS-Tra­cker für Haus­tie­re, Fre­tel­lo, ei­ne App zum Gi­tar­re­spie­len­ler­nen, oder die Vo­ting-App Swell. Flo­ri­an Gschwandt­ner taucht ein in die Welt der Com­pu­ter-Nerds. Die meis­ten Stu­den­ten in Ha­gen­berg sind HTL-Ab­sol­ven­ten. Wäh­rend Gschwandt­ner in sei­nen Som­mer­jobs Ze­ment und Saat­gut schlepp­te, ar­bei­te­ten vie­le sei­ner neu­en Kol­le­gen be­reits als Pro­gram­mie­rer. Als in Ha­gen­berg Ma­trix-Rech­nun­gen, In­te­gral­rech­nung und ana­ly­ti­sche Geo­me­trie auf dem Lehr­plan ste­hen, be­greift er rasch, dass er in we­ni­gen Wo­chen die ge­sam­te HTL-Ma­the­ma­tik wird nach­ho­len müs­sen. Sei­ne neue Di­rek­ti­ve: Ler­nen bis zum Um­fal­len.

›Er war enorm ehr­gei­zig‹, er­in­nert sich Gschwandt­ners Stu­di­en­kol­le­ge und spä­te­rer Run­tas­tic-Mit­grün­der Chris­ti­an Kaar: ›Hat im­mer nach­ge­fragt und war im Un­ter­richt sehr ak­tiv. Zugleich – und das klingt viel­leicht wie ein Wi­der­spruch – ha­be ich ihn als Par­ty­ti­ger wahr­ge­nom­men. Fei­ern, Au­tos und da­bei enorm be­harr­lich stu­die­ren: Das war der Flo­ri­an da­mals.‹

Gschwandt­ner be­ginnt sei­nen Ta­ges­ab­lauf streng zu tak­ten. Er steht um fünf Uhr früh auf, um vor Schul­be­ginn zu ler­nen. Am Abend stu­diert er bis Mit­ter­nacht, dann geht es di­rekt ins Bett. Es be­ginnt ei­ne – wie Gschwandt­ner es nennt – ›ziem­li­che Hard­core-Zeit‹. Und die nächs­ten Jah­re wird es nicht bes­ser: Noch wäh­rend er sei­ne Mas­ter-Ar­beit für Ha­gen­berg schreibt, in­skri­biert er für ein Ma­nage­ment-Stu­di­um an der FH Steyr. Da­zu Ne­ben­jobs, Be­wer­bungs­ge­sprä­che so­wie Lauf- und Fit­ness­trai­ning.

Koh­le

Gschwandt­ners El­tern sind kei­ne ar­men Leu­te, aber weit ent­fernt von ei­nem Le­ben in Saus und Braus. Er wünscht sich et­was an­de­res. Mit 15 träumt er von coo­ler Klei­dung und schnel­len Au­tos. Gut aus­zu­se­hen ist ihm wich­tig. Er will fi­nan­zi­el­le Un­ab­hän­gig­keit, ma­te­ri­el­le Si­cher­heit und Mög­lich­kei­ten. ›Er woll­te im­mer mo­dern sein und im­mer das Neu­es­te‹, er­in­nert sich sein Va­ter: ›Das hat nicht un­be­dingt un­se­rer Vor­stel­lung ent­spro­chen. Aber das war sei­ne Lei­den­schaft.‹ Mit 16 Jah­ren ent­schei­det Gschwandt­ner sich, sein land­wirt­schaft­li­ches Prak­ti­kum in ei­nem Saat­gut­be­trieb in Schles­wig-Hol­stein zu ab­sol­vie­ren. ›14 Wo­chen lang, sechs Ta­ge die Wo­che, 14 St­un­den pro Tag hab ich rein­ge­ha­ckelt‹, er­in­nert er sich: ›Ich ha­be da­vor nicht ge­wusst, dass ich so viel ar­bei­ten kann.‹ Am En­de des Prak­ti­kums ste­hen 10.000 Eu­ro auf sei­nem Kon­to. Flo­ri­an Gschwandt­ner wird da­mit sein ers­tes Au­to kau­fen: ei­nen ge­brauch­ten Golf 2, Bau­jahr 1990, mit Al­u­fel­gen, Spur­ver­brei­te­rung und ge­tön­ten Schei­ben. Ma­te­ri­el­les Stre­ben bleibt für ihn ei­ne star­ke Mo­ti­va­ti­on. Nur mit ent­spre­chen­den Ein­künf­ten kann er sich die ei­ge­ne Woh­nung, das ei­ge­ne Au­to, die Un­ab­hän­gig­keit von den El­tern leis­ten. Doch gera­de in den ers­ten Jah­ren als Un­ter­neh­mer ist ein Lu­xus­le­ben nicht in Sicht. Im Ok­to­ber 2009 – Flo­ri­an Gschwandt­ner ist 28 Jah­re alt – wird Run­tas­tic als Gm­bH ge­grün­det. Die vier Ge­sell­schaf­ter in­ves­tie­ren al­le Ein­künf­te in die Fir­ma, er­näh­ren sich von Schin­ken-Korn­spitz und dre­hen je­den Cent zwei­mal um. Bald je­doch wen­det sich das Blatt. Schon im März 2011 zählt man mehr als ei­ne Mil­li­on Down­loads. Das me­dia­le Echo ist enorm. Und be­reits 2012 bi­lan­ziert Run­tas­tic po­si­tiv. Nach dem Mil­lio­nen­deal mit Axel Sprin­ger be­lohnt sich Gschwandt­ner mit ei­nem lang er­sehn­ten Por­sche 911 – die Fotos auf sei­ner Face­book-Sei­te zei­gen ihn mit laus­bü­bi­schem Lä­cheln ne­ben dem schwar­zen Lu­xus­ge­fährt. Gschwandt­ners Grün­der­kol­le­ge Re­né Gi­retz­leh­ner er­zählt ger­ne, dass er erst lang­sam ler­nen muss­te, Geld aus­zu­ge­ben. Gschwandt­ner da­ge­gen ha­be da­mit nie Schwie­rig­kei­ten ge­habt, scherzt er: ›Der wird eher ner­vös, wenn er auf sei­nem Ta­geskon­to ei­nen Plus­stand hat.‹

Team

Die So­lar Ci­ty ist ein auf dem Reiß­brett ge­plan­ter Stadt­teil in Linz-Ebels­berg. Er­rich­tet in den 1990er-Jah­ren, soll­te hier nach­hal­ti­ges Woh­nen mög­lich wer­den. Im Zen­trum liegt der ›Lu­na­platz‹ – ein­ge­fasst von ei­nem Com­mu­ni­ty Cen­ter, von Bi­b­lio­thek, Su­per­markt, ei­ner Back­stu­be und der ›Ca­fe­te­ria La Lu­na‹. An ei­nem son­ni­gen Ok­to­ber­nach­mit­tag 2008 sit­zen hier Flo­ri­an Gschwandt­ner und sein ehe­ma­li­ger Stu­di­en­kol­le­ge Re­né Gi­retz­leh­ner vor ei­nem Glas Bier. Ein Tref­fen, das bei­der Le­ben be­stim­men wird. ›Du er­in­nerst dich si­cher an un­ser Schul­pro­jekt mit den Se­gel­yach­ten‹, kommt Gi­retz­leh­ner zur Sa­che: ›Dar­aus woll­te ich mit Chris­ti­an ein Bu­si­ness ma­chen. Nur geht der jetzt nach Ams­ter­dam. Jetzt su­che ich ei­nen neu­en Part­ner.‹

Re­né Gi­retz­leh­ner ist ei­ner der ta­len­tier­tes­ten Pro­gram­mie­rer in Ha­gen­berg. Zu­sam­men mit Chris­ti­an Kaar, der spä­ter doch noch zum Grün­dungs­team von Run­tas­tic sto­ßen soll­te, be­fass­te er sich mit GPS-Tracking bei den World Sai­ling Ga­mes am Neu­sied­ler­see. In der Ca­fe­te­ria macht Gi­retz­leh­ner Gschwandt­ner ei­nen Vor­schlag: Soll­ten sie mit­ein­an­der ein Un­ter­neh­men grün­den, wer­de er, Gi­retz­leh­ner, die ge­sam­te Tech­nik über­neh­men. Bei Gschwandt­ner lä­gen Ver­mark­tung und Bu­si­ness-Aspek­te. Der ist in­ter­es­siert. Im Lauf der nächs­ten Wo­chen kom-

Sei­ne Mo­ti­va­ti­on? Ma­te­ri­el­les Stre­ben: Das ei­ge­ne Au­to, die ei­ge­ne Woh­nung, die Un­ab­hän­gig­keit von den El­tern.

plet­tie­ren Chris­ti­an Kaar und Be­triebs­wirt Al­f­red Luger das Vie­rer-Team. Die Zu­sam­men­set­zung die­ses Teams sei es auch ge­we­sen, was ihm so ge­fal­len ha­be, er­klärt der ös­ter­rei­chi­sche In­ves­tor Han­si Hans­mann, der sich im Mai 2012 mit ei­ner Mil­li­on Eu­ro an Run­tas­tic be­tei­ligt. ›Im Start-up gilt es, ei­ni­ge es­sen­zi­el­le Rol­len ab­zu­de­cken‹, ana­ly­siert Hans­mann: ›Man braucht ei­nen mit­rei­ßen­den Le­a­der. Je­man­den, der das Pro­dukt ver­steht und ent­wi­ckelt. Ei­nen Ver­käu­fer. Schließ­lich muss ei­ner da­bei sein, der die Zah­len im Griff hat. Das hat bei Run­tas­tic per­fekt ge­passt.‹ Hans­mann ist die graue Emi­nenz in der hei­mi­schen Start-up-Sze­ne. Der ehe­ma­li­ge Phar­ma-Ma­na­ger hält Be­tei­li­gun­gen an mehr als 40 Un­ter­neh­men, dar­un­ter What­cha­do, Trac­tive und Sh­pock. Sei­ne Er­fah­rung und Raf­fi­nes­se wer­den maß­geb­lich da­zu bei­tra­gen, dass Run­tas­tic die gro­ßen De­als mit Axel Sprin­ger und Adi­das ge­lin­gen.

Ver­kau­fen

Es zieht sich wie ein ro­ter Fa­den durch Gschwandt­ners Le­ben: So­bald er sich neu­es Wis­sen an­eig­net, ver­sucht er, die­ses auch fi­nan­zi­ell zu nut­zen. Ob Au­to­ra­di­os ein­bau­en, Han­dys ent­sper­ren oder Web­sites ge­stal­ten: Er fin­det im­mer We­ge, sich et­was da­zu­zu­ver­die­nen. Im drit­ten Jahr an der Fach­hoch­schu­le be­ginnt er, in ei­ner Cos­mos-Fi­lia­le In­ter­net-Ver­trä­ge für A1 zu ver­kau­fen. Hin und wie­der be­glei­tet er die neu ge­won­nen Kun­den in die Hard­ware-Ab­tei­lung des Elek­tro-Händ­lers und ver­kauft ih­nen noch den pas­sen­den Rou­ter. Auch von Cos­mos holt er sich da­für die Pro­vi­si­on. Am Tag ver­dient er so 200 bis 300 Eu­ro. Sei­ne Über­zeu­gungs­kraft be­mer­ken auch die Pro­fes­so­ren an der FH. ›Un­ter den Stu­die­ren­den war das ei­ne her­aus­ra­gen­de Ga­be,‹ sagt Chris­toph Schaf­fer, Lehr­gangs­lei­ter in Ha­gen­berg über sei­nen eins­ti­gen Ele­ven. ›Vie­le Tech­ni­ker ma­chen tol­le Sa­chen, aber sie kön­nen ih­re Idee nicht er­klä­ren. Flo­ri­an hat die­sen Zu­sam­men­hang im­mer ver­stan­den.‹ Nach der Run­tas­tic-Grün­dung wid­met sich Gschwandt­ner lei­den­schaft­lich der Ver­mark­tung des ei­ge­nen Pro­dukts. ›Sein nächt­li­cher Ein­satz in den Bars von Linz und Wien war le­gen­där‹, er­in­nert sich Bern­hard Leh­ner, ei­ner der An­gel-In­ves­to­ren, die Run­tas­tic früh an Bord holt: ›Flo­ri­an lud auf hun­der­te Smart­pho­nes von Bar­be­su­chern höchst­selbst die Run­tas­tic App. Es gab kein Ent­kom­men: wenn er ei­ne Ziel­per­son iden­ti­fi­ziert hat­te, dau­er­te es sel­ten län­ger als 15 Mi­nu­ten, bis der nächs­te Run­tas­tic-User ge­won­nen war.‹

Im­mer mehr ent­wi­ckelt sich Gschwandt­ner zum ›Mr. Run­tas­tic‹ und ver­kör­pert wie kein an­de­rer die Ge­schäfts­idee des Un­ter­neh­mens. ›Flo­ri­an war im­mer der­je­ni­ge, der für die Pro­duk­te und die Vi­sio­nen zu­stän­dig war‹, sagt Grün­dungs­kol­le­ge Chris­ti­an Kaar: ›Er hat ein gu­tes Ge­spür für die Be­dürf­nis­se der Men­schen. Und weiß in­tui­tiv, mit wel­chen Pro­duk­ten man die­se Be­dürf­nis­se stillt.‹ Ei­nes sei­ner wich­tigs­ten Ver­kaufs­ge­sprä­che führt Flo­ri­an Gschwandt­ner am 3. Sep­tem­ber 2013 in den Rä­um­lich­kei­ten des Axel-Sprin­ger-Ver­la­ges in Berlin. Er zeigt dem Vor­stand des Me­di­en­kon­zerns die neue Run­tas­tic-App zum Trai­nie­ren von Push-ups. Hö­he­punkt: ein ›Live-De­mo‹. Gschwandt­ner zieht un­ver­mit­telt das Sak­ko aus, wirft sich auf den Bo­den und macht 50 Lie­ge­stüt­ze. Sein Kraft­akt wird sich aus­zah­len. Axel Sprin­ger kauft 50,1 Pro­zent der An­tei­le, und zwar zu – für Run­tas­tic – vor­teil­haf­ten Kon­di­tio­nen: Die Run­tas­tic-Grün­der be­hal­ten die Ent­schei­dungs­macht und das Recht, das Un­ter­neh­men neu­er­lich zu ver­kau­fen, wenn ein ent­spre­chend lu­kra­ti­ves An­ge­bot im Raum steht.

Ti­ming

Heu­te ist das Tracking von Läu­fen oder sport­li­chen Rad­fahr­ten mit­tels Smart­pho­ne selbst­ver­ständ­lich. Nicht so im Herbst 2008, als die vier Grün­der von Run­tas­tic ih­re Un­ter­neh­mens­idee ent­wi­ckeln. Die sah ur­sprüng­lich vor, Lauf­stre­cken mit Sen­so­ren zu ver­se­hen. Wäh­rend die vier noch am Bu­si­ness­plan tüf­teln, re­vo­lu­tio­nie­ren zwei tech­ni­sche In­no­va­tio­nen das Feld. Ers­tens: Das neue iPho­ne 3G, das – als ei­nes der ers­ten Te­le­fo­ne – mit Glo­bal Po­si­tio­n­ing Sys­tem (GPS) aus­ge­stat­tet ist. Zwei­tens: Der App Sto­re, mit dem ein glo­ba­ler Markt für Smart­pho­ne-An­wen­dun­gen ent­steht, auf dem auch klei­ne Ent­wick­ler ih­re Pro­duk­te welt­weit ver­trei­ben kön­nen. Früh er­kennt Flo­ri­an Gschwandt­ner die Mög­lich­kei­ten, die sich durch die neue Tech­no­lo­gie er­ge­ben. Was durch auf­wän­di­ge Ein­bau­ten von Hard­ware er­mög­licht wer­den soll­te, schaf­fen jetzt Smart­pho­nes mit der rich­ti­gen An­wen­dung. Im No­vem­ber 2009, ein Mo­nat nach Grün­dung der Gm­bH, steht die ers­te Run­tas­tic-App im App Sto­re. Die Idee mit den fes­ten Lauf­stre­cken fällt noch im Grün­dungs­jahr un­ter den Tisch. Bald ent­deckt die Sport­ar­ti­kel­in­dus­trie das ge­wal­ti­ge Po­ten­zi­al der Fit­ness-Apps. Es be­ginnt ein Feil­schen um die boo­men­den Sport­tracking-An­bie­ter und de­ren Kun­den­da­ten: Der US-ame­ri­ka­ni­sche Be­klei­dungs­her­stel­ler Un­der Ar­mour in­ha­liert 2013 Markt­füh­rer Map­my­fit­ness für 140 Mil­lio­nen Dol­lar. Ein Jahr spä­ter wird Myfit­nesspal für 485 Mil­lio­nen Dol­lar über­nom­men. Und im Jän­ner 2015 schluckt Un­der Ar­mour noch den dä­ni­schen Kon­kur­ren­ten En­do­mon­do für ei­nen kol­por­tier­ten Preis von 75 Mil­lio­nen Dol­lar. ›Wir be­ka­men ei­ne Idee da­von, wie viel Run­tas­tic wirk­lich wert sein könn­te‹, er­in­nert sich Gschwandt­ner: ›En­do­mon­do hat­ten wir zu die­sem Zeit­punkt be­reits über­holt.‹

Schluss

Zwei In­no­va­tio­nen hel­fen Run­tas­tic: das iPho­ne mit GPS und der App Sto­re, der Smart­pho­ne-An­wen­dun­gen glo­bal ver­kauft.

Auch bei Run­tas­tic ste­hen bald die In­ter­es­sen­ten Schlan­ge. Am En­de sind es 220 Mil­lio­nen Eu­ro, die Adi­das im Au­gust 2015 für hun­dert Pro­zent der An­tei­le an Run­tas­tic hin­blät­tert – es ist der lu­kra­tivs­te Exit in der ös­ter­rei­chi­schen Start-up-Ge­schich­te. Die Hälf­te geht an Axel Sprin­ger. Die an­de­re Hälf­te tei­len die Run­tas­tic-Ge­sell­schaf­ter un­ter­ein­an­der auf. Flo­ri­an Gschwandt­ner bleibt Run­tas­tic-CEO, die an­de­ren Grün­der über­neh­men lei­ten­de Funk­tio­nen im Un­ter­neh­men, das sich im Zei­t­raum von nicht ein­mal zehn Jah­ren vom win­zi­gen TechStart-up zum in­ter­na­tio­na­len Un­ter­neh­men mit 240 Mit­ar­bei­tern ent­wi­ckelt hat.

En­de die­ses Jah­res wer­den Al­f­red Luger und Chris­ti­an Kaar an die Spit­ze des Un­ter­neh­mens tre­ten. Und Flo­ri­an Gschwandt­ner? Der sagt, er weiß noch gar nicht, was er nach sei­nem Ab­schied von Run­tas­tic un­ter­neh­men will. Ein biss­chen Fern­se­hen ma­chen. Ein paar Mo­na­te aus­span­nen, rei­sen, Zeit mit Freun­den ver­brin­gen und – na­tür­lich – Sport. Dann ist da noch die­se ei­ne Ge­schäfts­idee, die ihn schon wäh­rend des Stu­di­ums in Steyr fas­zi­niert hat. Egal, was es letzt­lich wird, ei­nes ist jetzt schon klar: Er wird es zwei­fel­los ver­kau­fen. •

Flo­ri­an Gschwandt­ner, Mat­thi­as Ber­nold: ›So läuft Start-up. Mein Le­ben, mei­ne Er­folgs­ge­heim­nis­se‹ (240 Sei­ten) ist im Eco­win-Ver­lag er­schie­nen. Der Au­tor emp­fiehlt an­ge­hen­den Buch­au­to­ren die Soft­ware ›Scrivener‹. Mit ihr lässt sich die Ar­beit in täg­li­che Por­ti­ön­chen auf­tei­len. Wie es mög­lich war, dass über­haupt je Bü­cher oh­ne Scrivener ent­stan­den, ist dem Au­tor ein Rät­sel.

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