Aus für Sach­wal­ter­schaft

Das Sach­wal­ter­recht wird er­setzt durch das Er­wach­se­nen­schutz­ge­setz. Die Selbst­be­stim­mung von Be­trof­fe­nen wird aus­ge­baut. Dass man­cher An­walt hun­der­te Men­schen ver­tritt, soll ver­hin­dert wer­den.

Der Standard - - FORSIDE -

Mit der Sach­wal­ter­re­form kommt das Er­wach­se­nen­schutz­recht, das die Selbst­be­stim­mung von Be­trof­fe­nen – ak­tu­ell rund 60.000 Men­schen – aus­baut.

Wi­en – Zu­letzt ging es nur mehr um die Fi­nan­zie­rung. In­halt­lich war die Re­form des 30 Jah­re al­ten Sach­wal­ter­rechts über al­le Par­tei­gren­zen hin­weg un­strit­tig. Am Di­ens­tag er­folg­te im Mi­nis­ter­rat auch die Ei­ni­gung auf An­schub­kos­ten von zehn Mil­lio­nen Eu­ro, die im We­sent­li­chen in die er­wei­ter­ten Clea­ring­stel­len flie­ßen sol­len und nun al­lein aus dem Bud­get des Jus­tiz­res­sorts kom­men. Im Be­gut­ach­tungs­ent­wurf des Ge­set­zes war noch von Fol­ge­kos­ten von 16 Mil­lio­nen Eu­ro jähr­lich bis 2022 die Re­de ge­we­sen.

Aber auch mit schma­le­rem Bud­get soll das neue Er­wach­se­nen­schutz­ge­setz, in dem der Be­griff „Sach­wal­ter“nicht mehr vor­kommt, Mit­te 2018 in Kraft tre­ten. Jus­tiz­mi­nis­ter Wolf­gang Brand­stet­ter (ÖVP) sprach nach dem Mi­nis­ter­rats­be­schluss von ei­nem Pa­ra­dig­men­wech­sel. Künf­tig sol­len Selbst­be­stim­mung und Au­to­no­mie der Be­trof­fe­nen we­sent­lich län­ger auf­recht­er­hal­ten blei­ben.

Der­zeit sind laut Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um rund 60.000 Men­schen in Ös­ter­reich be­sach­wal­tet. Mas­sen­ver­tre­tun­gen – ein­zel­ne Rechts­an­wäl­te fun­gie­ren der­zeit in bis zu 400 Fäl­len als Sach­wal­ter – sol­len künf­tig ver­mie­den wer­den. Das neue Ge­setz fußt auf vier Säu­len:

Mit der Vor­sor­ge­voll­macht kann je­de voll ent­schei­dungs­fä­hi­ge Per­son per­sön­lich fest­le­gen, von wem sie bei Ver­lust der Ent­schei­dungs­fä­hig­keit ver­tre­ten wer­den möch­te. Die Voll­macht muss schrift­lich beim No­tar, Rechts­an­walt oder ei­nem Er­wach­se­nen­schutz­ver­ein ver­fasst und im Ös­ter­rei­chi­schen Zen­tra­len Ver­tre­tungs­ver­zeich­nis (ÖZVV) re­gis­triert wer­den.

Ei­nen ge­wähl­ten Er­wach­se­nen­ver­tre­ter kann ei­ne Per­son auch dann noch be­stim­men, wenn sie nicht mehr voll ge­schäfts­fä­hig ist. Die (eben­falls schrift­lich zu be­an­tra­gen­de) Ver­tre­tungs­be­fug­nis be­ginnt ab Ein­tra­gung ins ÖZVV. Ge­wählt wer­den kön­nen An­ge­hö­ri­gen, Nach­barn oder Freun­de.

Die ge­setz­li­che Er­wach­se­nen­ver­tre­tung ist ge­dacht für Per­so­nen, die ih­re Ver­tre­tung nicht mehr selbst wäh­len kön­nen. Sie ent­spricht der be­reits mög­li­chen Ver­tre­tung durch nächs­te An­ge­hö­ri­ge. Im Ge­gen­satz zur ge­wähl­ten Ver­tre­tung um­fasst sie au­to­ma­tisch auch die Re­prä­sen­ta­ti­on vor Ge­rich­ten. Au­ßer­dem en­det die ge­setz­li­che Ver­tre­tung nach drei Jah­ren au­to­ma­tisch.

Die ge­richt­li­che Er­wach­se­nen­ver­tre­tung ent­spricht in et­wa der bis­he­ri­gen Sach­wal­ter­schaft – mit zwei Ein­schrän­kun­gen: Sie soll deut­li­cher auf be­stimm­te Hand­lun­gen be­schränkt sein, ei­ne Ver­tre­tung für al­le An­ge­le­gen­hei­ten soll es nicht mehr ge­ben. Au­ßer­dem en­det die Ver­tre­tung nach Er­le­di­gung der de­fi­nier­ten An­ge­le­gen­heit (et­wa ei­nes Bank­ge­schäf­tes) be­zie­hungs­wei­se spä­tes­tens nach drei Jah­ren.

Be­schlos­se­nen wur­de auch ei­ne No­vel­le des Heim­auf­ent­halts­ge­set­zes, das bis­her nur Er­wach­se­ne vor Frei­heits­be­schrän­kun­gen in be­treu­ten Institutionen schütz­te. Laut Ent­wurf vom Som­mer soll­te der Rechts­schutz künf­tig auch für Min­der­jäh­ri­ge in Ein­rich­tun­gen der Kin­der- und Ju­gend­hil­fe gel­ten. Die­se Lü­cke, die zur Fol­ge hat­te, dass un­ab­hän­gi­ge Kon­troll­or­ga­ne kei­nen Zu­gang zur Ein­rich­tung Woh­nen St­ei­ner­gas­se be­ka­men, in der es zur Ver­nach­läs­si­gung Min­der­jäh­ri­ger ge­kom­men sein soll ( der STAN­DARD be­rich­te­te), wur­de ent­ge­gen dem Ent­wurf nicht ge­schlos­sen, kri­ti­siert der Ver­ein Ver­tre­tungs­netz. (mcmt, si­mo)

Das neue Er­wach­se­nen­schutz­ge­setz soll bes­ser grei­fen als die drei­ßig Jah­re al­ten Sach­wal­ter­schafts­re­ge­lun­gen. Der­zeit be­nö­ti­gen rund 60.000 Men­schen Hil­fe bei all­täg­li­chen Ent­schei­dun­gen.

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