Bei Mel­de­pflich­ten schlägt Ös­ter­reich Deutsch­land

Für ei­nen ös­ter­rei­chi­schen Miet­wa­gen­fah­rer, der zum Flug­ha­fen Mün­chen fährt, gel­ten laut OGH nicht das deut­sche Min­dest­l­ohn­ge­setz und sei­ne Ver­wal­tungs­auf­la­gen. Die­se sind in Ös­ter­reich für Aus­län­der noch stren­ger.

Der Standard - - WIRTSCHAFT & RECHT - Andre­as Tin­ho­fer

Wi­en – Der Obers­te Ge­richts­hof hat kürz­lich im Fall ei­nes Miet­wa­gen­fah­rers ent­schie­den, dass die­ser für die in Deutsch­land er­brach­ten Ar­beits­leis­tun­gen nicht nach dem deut­schen Min­dest­l­ohn­ge­setz (MiLoG) be­zahlt wer­den muss (29. 11. 2016, 9 ObA 53/16h). Die­ses Ge­setz trat 2015 in Kraft und soll auch Lohn­dum­ping durch aus­län­di­sche Di­enst­leis­ter in Deutsch­land ver­hin­dern. Ne­ben der Zah­lung ei­nes Min­dest­lohns von 8,50 Eu­ro (seit 2017 8,84 Eu­ro) sind da­mit um­fas­sen­de Mel­de­und Do­ku­men­ta­ti­ons­pflich­ten ver­bun­den. Bei Un­ter­ent­loh­nung oder Ver­let­zung der Mel­de­pflich­ten dro­hen Ver­wal­tungs­stra­fen von bis zu 500.000 Eu­ro.

Seit­her wird ins­be­son­de­re die Fra­ge kon­tro­vers dis­ku­tiert, ob das Ge­setz auch auf blo­ße Tran­sit­fahr­ten durch Deutsch­land An­wen­dung fin­det. Die eu­ro­päi­sche Trans­port- und Lo­gis­tik­bran­che läuft da­ge­gen Sturm, Ge­richts­ver­fah­ren in Deutsch­land so­wie ein Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren der EU-Kom­mis­si­on sind an­hän­gig.

In dem ent­schie­de­nen Fall hat der Klä­ger re­gel­mä­ßig Fahr­gäs­te von ih­rem Wohn­sitz in Salz­burg und Um­ge­bung zum Flug­ha­fen in Mün­chen chauf­fiert und sie von dort wie­der ab­ge­holt. Dar­über hin­aus ver­sah er ge­le­gent­lich Di­ens­te am Flug­ha­fen­schal­ter sei­nes Di­enst­ge­bers in Mün­chen. Für die im Jän­ner 2015 in Deutsch­land er­brach­ten Ar­beits­leis­tun­gen ver­lang­te er den vom MiLoG vor­ge­se­he­nen St­un­den­lohn von 8,50 Eu­ro – und klag­te auf ei­ne Nach­zah­lung von 125,46 Eu­ro brut­to.

Der OGH stell­te zu­nächst fest, dass das Ar­beits­ver­hält­nis grund­sätz­lich dem ös­ter­rei­chi­schen Recht un­ter­lag. Im nächs­ten Schritt war zu klä­ren, ob es sich beim MiLoG um ei­ne „Ein­griffs­norm“han­delt, die un­ge­ach­tet des sonst auf das Ar­beits­ver­hält­nis an­wend­ba­ren Rechts an­zu­wen­den ist. Die­se Fra­ge ver­nein­te das Höchst­ge­richt mit dem Ar­gu­ment, dass das MiLoG Ar­beit­neh­mer vor zu nied­ri­gen Löh­nen und (deut­sche) Ar­beit­ge­ber vor Lohn­dum­ping schüt­zen wol­le. Da der Ar­beit­neh­mer in Ös­ter­reich le­be und sich nur kurz­fris­tig in Deutsch­land auf­hal­te, sei­en die (hö­he­ren) deut­schen Le­bens­hal­tungs­kos­ten für ihn kein Pro­blem. Die Ge­fahr von Lohn­dum­ping sah der OGH eben­falls nicht, da un­ter Be­rück­sich­ti­gung der kol­lek­tiv­ver­trag­li­chen Son­der­zah­lun­gen der dem Klä­ger ge­zahl­te St­un­den­lohn 8,14 Eu­ro brut­to aus­mach­te – nicht viel we­ni­ger als die im MiLoG vor­ge­se­he­nen 8,50 Eu­ro.

Kampf ge­gen Lohn­dum­ping

In Ös­ter­reich fin­den sich die Vor­schrif­ten ge­gen Lohn­dum­ping seit Jah­res­an­fang im Lohn- und So­zi­al­dum­ping-Be­kämp­fungs­ge­setz (LSD-BG). Bei Un­ter­ent­loh­nung dro­hen Ver­wal­tungs­stra­fen von bis zu 10.000 Eu­ro (im Wie­der­ho­lungs­fall: 20.000 Eu­ro) für je­den be­trof­fe­nen Ar­beit­neh­mer. Der Straf­rah­men steigt auf 20.000 bzw. 50.000 Eu­ro, wenn mehr als drei Ar­beit­neh­mer be­trof­fen sind.

Auch hier­zu­lan­de üben Wirt­schafts­ver­tre­ter an den Vor­schrif­ten und ih­rer Voll­zie­hung durch die Be­hör­den teil­wei­se hef­ti­ge Kri­tik. Die Re­ge­lun­gen vie­ler Kol­lek­tiv­ver­trä­ge sei­en zu kom­plex und un­be­stimmt, um ei­ne un­ge­woll­te Un­ter­ent­loh­nung von Ar­beit­neh­mern aus­zu­schlie­ßen.

Noch schwe­rer aber ha­ben es aus­län­di­sche Ar­beit­ge­ber, de­ren Ar­beit­neh­mer in Ös­ter­reich tä­tig wer­den sol­len. Möch­te et­wa ein deut­sches Miet­wa­gen­un­ter­neh­men Fahr­gäs­te aus Mün­chen zu den Salz­bur­ger Fest­spie­len brin­gen, so muss es vor­her ei­ne Mel­dung an die „Zen­tra­le Ko­or­di­na- ti­ons­stel­le“im Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um er­stat­ten. In dem elek­tro­ni­schen For­mu­lar sind um­fang­rei­che An­ga­ben zu ma­chen, un­ter an­de­rem zur Hö­he des für den Ar­beit­neh­mer in Ös­ter­reich gel­ten­den kol­lek­tiv­ver­trag­li­chen Min­dest­lohns.

Für Miet­wa­gen­un­ter­neh­men ist die­ser ein­fach zu er­mit­teln. In Salz- burg ha­ben Miet­wa­gen- und Ta­xi­fah­rer seit 2012 An­spruch auf ei­nen Min­dest­lohn von 1050 Eu­ro brut­to, ver­schie­de­ne Lohn­grup­pen oder Bi­en­nal­sprün­ge sind nicht vor­ge­se­hen. Wenn je­doch das aus­län­di­sche Un­ter­neh­men meh­re­re Ge­wer­be aus­übt, be­darf die Er­mitt­lung des an­wend­ba­ren Kol­lek­tiv­ver­trags spe­zi­el­ler Kennt­nis­se des ös­ter­rei­chi­schen Ar­beits­rechts.

Zu­sätz­lich zur Mel­de­er­klä­rung sind fol­gen­de Un­ter­la­gen über So­zi­al­ver­si­che­rung und Ent­loh­nung im Fahr­zeug mit­zu­füh­ren (oder elek­tro­nisch zu­gäng­lich zu ma­chen): Ar­beits­ver­trag, Lohn­zet­tel, Lohn­zah­lungs­nach­wei­se, Lohn­auf­zeich­nun­gen, Ar­beits­zeit­auf­zeich­nun­gen und Un­ter­la­gen über die Lohn­ein­stu­fung – das meis­te da­von auf Deutsch. Ver­stö­ße ge­gen die Pflicht zur Mel­dung oder zur Be­reit­hal­tung der Un­ter­la­gen wer­den mit Ver­wal­tungs­stra­fen von bis zu 20.000 Eu­ro ge­ahn­det.

Im Hin­blick auf die­sen ho­hen ad­mi­nis­tra­ti­ven Auf­wand wer­den es sich wohl auch Un­ter­neh­men in Hoch­lohn­län­dern wie Deutsch­land zwei­mal über­le­gen, be­vor sie Ar­beit­neh­mer in Ös­ter­reich ein­set­zen. In der oben dar­ge­stell­ten Ent­schei­dung qua­li­fi­zier­te der OGH je­den­falls die mit der letzt­lich ver­nein­ten An­wen­dung des MiLoG für den ös­ter­rei­chi­schen Ar­beit­ge­ber ver­bun­de­nen Mel­de­und Do­ku­men­ta­ti­ons­pflich­ten als „gra­vie­rend“. Ob die mit dem LSDBG für aus­län­di­sche Ar­beit­ge­ber ver­bun­de­nen, we­sent­lich hö­he­ren ad­mi­nis­tra­ti­ven Las­ten mit der Di­enst­leis­tungs­frei­heit in­ner­halb der EU ver­ein­bar sind, wer­den hin­ge­gen ver­mut­lich bald die EU-Kom­mis­si­on und der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof zu klä­ren ha­ben.

DR. ANDRE­AS TIN­HO­FER, LL.M., ist Part­ner der Ar­beits­rechts­kanz­lei Mo­sa­ti Rechts­an­wäl­te. tin­ho­fer@mo­sa­ti.at

Wer ei­nen Gast von Mün­chen zu den Salz­bur­ger Fest­spie­len brin­gen will, muss lan­ge For­mu­la­re aus­fül­len.

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