Jus­tiz­ge­schich­te auf Eis

Jus­tiz­mi­nis­ter Wolf­gang Brand­stet­ter hat das neue Straf­rechts­pa­ket in Be­gut­ach­tung ge­schickt. Er will här­te­re Stra­fen bei se­xu­el­ler Be­läs­ti­gung in Grup­pen und ge­gen „staats­feind­li­che Be­we­gun­gen“vor­ge­hen.

Der Standard - - FORSIDE - Kat­ha­ri­na Mit­tel­sta­edt

Jus­tiz­mi­nis­ter Brand­stet­ter ist über­rascht, dass aus den Pflicht­kur­sen für Rich­ter und Staats­an­wäl­ten noch nichts wur­de.

Wi­en – Der be­kann­tes­te ös­ter­rei­chi­sche Staats­ver­wei­ge­rer ist Joe Kreißl. Der „Free­man“hat vor fünf Jah­ren dem Bun­des­kanz­ler, der da­ma­li­gen In­nen­mi­nis­te­rin, dem Obers­ten Ge­richts­hof und dem Land Ober­ös­ter­reich ei­ne „ei­des­staat­li­che Ver­ständ­nis­er­klä­rung“ge­schickt. In­halt des fünf­sei­ti­gen Schrei­bens: Er sei ein „Mensch aus Fleisch und Blut und ein sou­ve­rä­nes spi­ri­tu­el­les We­sen der Schöp­fung“, das fort­an kei­ne Steu­ern mehr zah­len möch­te und nicht da­mit ein­ver­stan­den sei, „ver­wal­tet oder re­giert zu wer­den“. Na­men, Pass und So­zi­al­ver­si­che­rungs­num­mer wol­le er aber be­hal­ten.

1100 „Staats­fein­de“

Seit­her hat sich ei­ni­ges ge­tan in Kreißls Sze­ne. Rund 1100 Per­so­nen, so schätzt das In­nen­mi­nis­te­ri­um, müss­ten in­zwi­schen als An­hän­ger ei­ner „staats­feind­li­chen Be­we­gung“ein­ge­stuft wer­den.

Jus­tiz­mi­nis­ter Wolf­gang Brand­stet­ter (ÖVP) hat am Mon­tag­vor­mit­tag nun das Straf­rechts­pa­ket in Be­gut­ach­tung ge­schickt. Ei­ner der Haupt­punk­te des Ge­set­zes­ent­wurfs, der dem STAN­DARD vor­liegt, ist ein neu­er Pa­ra­graf, der den Um­gang mit Men­schen re­gelt, die den Staat ab­leh­nen: „Wer ei­ne Be­we­gung grün­det oder sich in ei­ner sol­chen füh­rend be­tä­tigt, die dar­auf aus­ge­rich­tet ist, die Ho­heits­rech­te der Re­pu­blik Ös­ter­reich, der Bun­des­län­der oder der Ge­mein­den und ih­rer Or­ga­ne nicht an­zu­er­ken­nen oder sich sol­che Ho­heits­be­fug­nis­se selbst an­zu­ma­ßen, ist mit Frei­heits­stra­fe bis zu zwei Jah­ren zu be­stra­fen“, heißt es in dem Pa­pier.

Der­zeit gibt es nur ei­ne ge­setz­li­che Re­ge­lung ge­gen „staats­feind­li­che Ver­bin­dun­gen“. Mit dem neu­en Ge­setz wä­re für ei­ne straf­recht­li­che Ver­fol­gung ein ge­rin­ge­rer Or­ga­ni­sa­ti­ons­grad der han­deln­den Per­so­nen not­wen­dig. Es müss­ten we­der ge­mein­sa­me Struk­tu­ren vor­han­den sein noch Kund­ge­bun­gen oder Ähn­li­ches ab­ge­hal­ten wer­den. Es reicht, wenn zu­min­dest zehn Men­schen die glei­che staats­ab­leh­nen­de Hal­tung tei­len. Seit Mit­te 2014 wür­den in Ös­ter­reich ver­mehrt Be­we­gun­gen auf­tre­ten, die die Ho­heits­rech­te der Re­pu­blik in­fra­ge stel­len, steht in den Er­läu­te­run­gen zum Ge­set­zes­text.

Dar­über hin­aus sieht der Be­gut­ach­tungs­ent­wurf vor, dass der Straf­be­stand der se­xu­el­len Be­läs­ti­gung er­wei­tert wird – ei­ne Fol­ge der Vor­fäl­le zu Sil­ves­ter in Inns­bruck, wo Frau­en von Grup­pen jun­ger Män­ner be­läs­tigt wor­den sei­en, heißt es sei­tens des Jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums. Wer Teil ei­ner Grup­pe ist, die dar­auf ab­zielt, je­man­den se­xu­ell zu be­läs­ti­gen, der soll künf­tig mit bis zu zwei Jah­ren Haft be­straft wer­den. Wer je­man­den – mit zu­min­dest ei­nem Mit­tä­ter – ak­tiv se­xu­ell be­läs­tigt, dem dro­hen bis zu drei Jah­re Frei­heits­stra­fe.

Le­gi­ti­me Not­wehr

Au­ßer­dem soll für Op­fer die ge­recht­fer­tig­te Not­wehr ge­gen „An­grif­fe auf die se­xu­el­le Selbst­be­stim­mung“im Straf­ge­setz­buch ver­an­kert wer­den. Bis­her war die­se nicht ex­pli­zit ge­re­gelt. „Das be­deu­tet nicht nur mehr Schutz und Rechts­si­cher­heit für die Op­fer, son­dern ist auch ein wich­ti­ges Si­gnal nach au­ßen, dass die Ach­tung der Wür­de und der ge­gen­sei­ti­ge Re­spekt un­ver­rück­ba­re Eck­pfei­ler un­se­rer Ge­sell­schafts­ord­nung sind“, sagt Brand­stet­ter.

Drit­ter Haupt­punkt des Straf­recht­pa­kets sind hö­he­re Stra­fen auf tät­li­che An­grif­fe ge­gen Beam- te. In letz­ter Zeit sei­en sol­che im­mer häu­fi­ger ge­wor­den. Bis zu zwei Jah­re Haft sind in dem Ge­set­zes­ent­wurf an­ge­dacht, wenn es zu ei­nem Über­griff kommt.

„Auf Na­se her­um­tan­zen“

Grund­sätz­lich wird die Re­ge­lung für An­grif­fe auf jeg­li­che Be­am­te gel­ten – al­so Po­li­zis­ten ge­nau­so wie Leh­rer. In ers­ter Li­nie sei das Ge­setz aber da­für da, Jus­tiz­wa­che­be­am­te künf­tig bes­ser zu schüt­zen, heißt es im Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um. „Da­mit set­zen wir ein deut­li­ches Zei­chen, dass der Staat und die für ihn tä­ti­gen Men­schen sich nicht auf der Na­se her­um­tan­zen las­sen“, sagt Brand­stet­ter.

Wei­ter auf­ge­scho­ben wur­de die seit Jah­ren ge­plan­te Re­form des Maß­nah­men­voll­zugs. Im kürz­lich be­schlos­se­nen neu­en Re­gie­rungs­pro­gramm wur­de sie noch als Teil des Straf­rechts­pa­kets ge­lis­tet. Das sei ein „ei­ge­nes The­men­feld“, die Re­form wer­de „in den nächs­ten Wo­chen“prä­sen­tiert, heißt es sei­tens des Jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums.

Auch über Fuß­fes­seln für so­ge­nann­te „Ge­fähr­der“– al­so Per­so­nen, die ei­ner ter­ro­ris­ti­schen Straf­tat ver­däch­tigt wer­den – müs­se erst noch dis­ku­tiert wer­den. Ein ent­spre­chen­der Ge­set­zes­ent­wurf wird der­zeit im In­nen­mi­nis­te­ri­um aus­ge­ar­bei­tet, heißt es dort. Ein Zeit­punkt, wann die­ser fer­tig ist, kön­ne noch nicht ge­nannt wer­den.

Was für ein Le­ben das wä­re! Kei­ne Steu­ern zah­len, aber beim Arzt die E-Card ste­cken. An­wei­sun­gen von Po­li­zis­ten igno­rie­ren, doch sämt­li­che Pri­vi­le­gi­en ei­ner Staats­bür­ger­schaft be­hal­ten: na­tür­lich auch den Rei­se­pass. So oder ähn­lich stel­len sich An­hän­ger je­ner Grup­pen, die nun per Ge­setz als „staats­feind­li­che Be­we­gun­gen“be­zeich­net wer­den, ihr Da­sein vor. Die „Free­man“, „Reichs­bür­ger“und „Er­den­men­schen“leh­nen Ös­ter­reich als Staat ab, nicht aber die Vor­zü­ge des Staa­tes Ös­ter­reich.

Am Mon­tag ist ein Straf­rechts­pa­ket in Be­gut­ach­tung ge­schickt wor­den, das ei­ne bes­se­re recht­li­che Hand­ha­be ge­gen die­se Staats­ver­wei­ge­rer er­mög­licht. Das ist gut und rich­tig, da wird fast je­der zu­stim­men. Als Re­ak­ti­on auf die Vor­fäl­le zu Sil­ves­ter in Inns­bruck, wo Frau­en von Grup­pen jun­ger Män­ner be­läs­tigt wor­den sei­en, wur­den auch Be­stim­mun­gen aus­ge­ar­bei­tet, da­mit sol­che Über­grif­fe här­ter be­straft wer­den kön­nen – auch das ist der­zeit en vo­gue.

Aus­ge­spart und auf­ge­scho­ben wur­den hin­ge­gen die heik­len The­men. Im neu­en Re­gie­rungs­pro­gramm ist Teil des Straf­rechts­pa­kets ei­gent­lich auch die seit Jah­ren ge­plan­te Re­form des Maß­nah­men­voll­zugs. Die kom­me dann in ein paar Wo­chen, heißt es im Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um – seit Mo­na­ten. An Fuß­fes­seln für „Ge­fähr­der“wird zeit­gleich im In­nen­res­sort ge­bas­telt – das daue­re noch. Ein­ein­halb Jah­re em­si­ges Ar­bei­ten hat sich die Re­gie­rung nach ih­rer letz­ten Kri­se ver­ord­net. Es blei­ben noch 17 Mo­na­te.

Jus­tiz­mi­nis­ter Wolf­gang Brand­stet­ter will auch die Stra­fen für tät­li­che An­grif­fe auf Be­am­te er­hö­hen. Die seit lan­gem ge­plan­te Re­form des Maß­nah­men­voll­zugs ist nicht Teil des Straf­rechts­pa­kets.

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