Nacht oh­ne Mor­gen

Mit „mo­ther!“schleu­dert US-Re­gis­seur Dar­ren Aro­n­ofs­ky ein bi­bli­sches Un­ter­gangs­sze­na­rio auf die Ki­n­o­lein­wand. Und schickt Jen­ni­fer La­wrence als Mut­ter durch ein Mar­ty­ri­um ge­ra­de­wegs in die Höl­le.

Der Standard - - KULTUR - Micha­el Pe­k­ler

Wi­en – „I wan­na ma­ke a pa­ra­di­se.“Doch die­ses Pa­ra­dies ganz nach ih­ren Vor­stel­lun­gen zu er­schaf­fen, kos­tet die jun­ge Frau viel An­stren­gung und mehr als sechs Ta­ge. Je­den ein­zel­nen wid­met sie der Re­no­vie­rung des ab­ge­brann­ten Hau­ses, in dem sie und ihr Mann zu­rück­ge­zo­gen von der Au­ßen­welt le­ben. Falls es ei­ne sol­che gibt, wä­re sie hier nicht will­kom­men. Und falls es noch an­de­re Men­schen gibt, so dürf­ten sie den Frie­den nicht stö­ren. Die Ru­he geht an die­sem Ort mit der Zwei­sam­keit ein­her – und mit der Hoff­nung auf ein Le­ben nach der Apo­ka­lyp­se. Denn auf die­se hat man gleich zu Be­ginn von mo­ther! ge­blickt, in das Ge­sicht der Frau in ei­ner höl­li­schen Groß­auf­nah­me: mit blu­ten­den Wun­den, um­hüllt von Flam­men – und be­deckt von Trä­nen.

In fünf Ta­gen ha­be er das Buch zu die­sem Film ge­schrie­ben, so Dar­ren Aro­n­ofs­ky, und war da­mit schnel­ler als Gott mit sei­ner Welt. Wie in ei­nem Fie­ber­traum, al­lein in ei­nem lee­ren Haus. In mo­ther! sprin­gen ei­nem die alt­tes­ta­men­ta­ri­schen Mo­ti­ve je­den­falls mit sol­cher Wucht in die Au­gen, dass man sich nicht mehr vor ih­nen ver­schlie­ßen kann und will: Mut­ter (Jen­ni­fer La­wrence) und Er (Ja­vier Bar­dem) bil­den das na­men­lo­se Paar, das den Gar­ten Eden er­rich­tet hat. Doch die Wän­de des im vik­to­ria­ni­schen Stil er­bau­ten Hau­ses wir­ken mür­be, die Bö­den sind aus schwe­rem Holz, in dem die Ast­lö­cher wie of­fe­ne Wun­den schei­nen. In den Mau­ern pocht ein Herz. Und der Mann, der an ei­nem Buch schreibt, wo­mög­lich die Ge­schich­te der Welt, kommt mit sei­ner Ar­beit nicht vor­an. Viel­leicht braucht er bloß ei­nen wei­te­ren Tag. Ei­nen letz­ten.

Auf kaum merk­ba­re Ver­stö­run­gen lässt Aro­n­ofs­ky bald ers­te Schock­ef­fek­te fol­gen, doch nur, um die­se gleich wie­der zu re­du­zie­ren, ge­ra­de so, als sei den An­for­de­run­gen ei­nes Hor­ror­thril­lers so­mit be­reits ent­spro­chen. Aro­n­ofs­ky wird die­se Er­war­tun­gen an das Gen­re­ki­no auch in der Fol­ge nicht er­fül­len, ge­nau­so we­nig wie in sei­nem dunk­len Bal­lett­stück Black Swan oder zu­letzt in Noah, die­ser bi­bli­schen Fan­ta­sie über den glau­ben­streu­en Schiffs­bau­er.

Öff­net die To­re

Ein an­de­rer Mann tritt auf, klopft an die Tür. Auch er hat kei­nen Na­men, Ed Harris spielt die­sen Adam als selbst­si­che­ren Ein­dring­ling. Die Frau, als die Mi­chel­le Pfeif­fer ihm we­nig spä­ter folgt, gibt sich als ele­gan­te Ver­füh- re­rin, ei­ne Eva, die Mut­ter er­klärt, was es be­deu­tet, Kin­der auf die Welt ge­bracht zu ha­ben. Al­les. Die Söh­ne, die wie­der­um den El­tern fol­gen, schlie­ßen den ers­ten Kreis­lauf und das ers­te Ka­pi­tel die­ses Films mit ei­ner Blut­tat. Der ers­ten der Mensch­heits­ge­schich­te.

Bei den Film­fest­spie­len von Ve­ne­dig, bei de­nen mo­ther! ver­gan­ge­ne Wo­che sei­ne Urauf­füh­rung er­leb­te, spal­te­te der Film wie kein an­de­rer Pu­bli­kum und Kri­tik. Denn Aro­n­ofs­ky ver­liert in mo­ther! Ge­sicht und Kör­per der wer­den­den Mut­ter nicht mehr aus den Au­gen. Und da­mit auch nicht je­nes Mar­ty­ri­um, das sie durch­lei­det, als Er die To­re öff­net und im­mer mehr sei­ner Jün­ger in das Haus strö­men. Be­sitz er­grei­fen von al­lem und al­len. Ver­meh­ret euch.

Aro­n­ofs­ky schleu­dert ei­ne wil­de Hal­lu­zi­na­ti­on über das En­de der Welt auf die Lein­wand und malt ih­ren ge­gen­wär­ti­gen Zu­stand an­ge­sichts na­hen­der glo­ba­ler Ka­ta­stro­phen als Jüngs­tes Ge­richt aus: Über­be­völ­ke­rung, öko­lo­gi­sche Zer­stö­rung, Ge­walt und Kampf um die letz­ten Res­sour­cen, die das Pa­ra­dies Er­de noch zu bie­ten hat, je­de Zu­kunfts­angst ver­wan­delt Aro­n­ofs­ky in ei­nen ex­zess­haf­ten und nicht we­ni­ger ex­zen­tri­schen Rausch. mo­ther! ist ei­ne Rei­se ins Har­ma­ge­don, der man als Zu­schau­er nicht blind, aber mit of­fe­nen Au­gen fol­gen muss, will man bei die­sem ra­di­ka­len Film nicht auf hal­ber Stre­cke zu­rück­blei­ben.

Es wur­de Abend, und es wur­de Mor­gen. Ab Don­ners­tag

Sie ka­men, um sich zu neh­men: Jen­ni­fer La­wrence lei­det in „mo­ther!“an den Jün­gern des Mes­si­as.

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