Ein Wahl­kampf, der aus den Fu­gen ge­riet

Der Standard - - AGENDA: NATIONALRATSWAHL -

Es war Don­ners­tag, der 28. Sep­tem­ber, kurz vor 14 Uhr. Bun­des­kanz­ler Chris­ti­an Kern war im Stan­dard zum Chat ein­ge­la­den. Vor dem Ge­bäu­de in der Vor­de­ren Zoll­amts­stra­ße war­te­te Ge­org Nie­der­mühl­bich­ler, Bun­des­ge­schäfts­füh­rer der SPÖ, um sei­nen Chef ab­zu­pas­sen. Er müs­se drin­gend mit ihm re­den. Ver­trau­lich und nicht am Te­le­fon. Als Kern mit sei­ner En­tou­ra­ge ein­traf, setz­te sich Nie­der­mühl­bich­ler zu ihm in den Klein­bus. Fünf Mi­nu­ten. Der SPÖ-Ma­na­ger be­rich­te­te, dass jetzt In­di­zi­en da­für auf­ge­taucht sind, wo­nach die Face­book-Kam­pa­gne ge­gen ÖVPChef Se­bas­ti­an Kurz sehr wohl von Tal Sil­ber­stein aus­ge­gan­gen war, dass die­se in der Par­tei­zen­tra­le der SPÖ ko­or­di­niert wor­den war und dass ein en­ger Mit­ar­bei­ter Nie­der­mühl­bich­lers den Auf­trag da­zu ge­ge­ben hat­te, die Kam­pa­gne auch nach Sil­ber­steins Ver­haf­tung und der dar­auf­hin er­folg­ten Ver­trags­auf­lö­sung durch die SPÖ fort­zu­set­zen. Die Me­di­en sei­en be­reits an der Ge­schich­te dran.

Die Re­ak­ti­on von Kern: „Was soll schon sein?“

Was für ei­ne Feh­l­ein­schät­zung. Zwei Ta­ge spä­ter trat Nie­der­mühl­bich­ler als Wahl­kampf­ma­na­ger und Bun­des­ge­schäfts­füh­rer der SPÖ zu­rück. Die kom­men­den zwei Wo­chen gab es in der In­nen­po­li­tik kein an­de­res The­ma mehr als Sil­ber­stein und sei­ne schmut­zi­gen Me­tho­den. Der SPÖ flog der von ihr ver­ur­sach­te Skan­dal in al­len De­tails um die Oh­ren, der Wahl­kampf ge­riet zur Schlamm­schlacht. Kern war wie­der ein­mal schwer in der De­fen­si­ve.

Chris­ti­an Kern kam aus der De­fen­si­ve nicht mehr her­aus und muss­te den Her­aus­for­de­rer ge­ben. Se­bas­ti­an Kurz ent­pupp­te sich als an­schei­nend über­mäch­ti­ger Geg­ner, an dem sich auch die FPÖ ab­ar­bei­tet. ANA­LY­SE: Micha­el Völ­ker

Ver­rä­ter und Maul­wür­fe

Die SPÖ ver­such­te, mit dem auf­ge­wir­bel­ten Schmutz auch an­de­re an­zu­pat­zen, vor al­lem Kurz und sein Team. Die Su­che nach Ver­rä­tern, Maul­wür­fen und Kol­la­bo­ra­teu­ren be­gann. Die SPÖ-Kam­pa­gne kam zum Still­stand.

Es war nicht die ers­te Feh­l­ein­schät­zung Kerns. Im Jän­ner 2016 hät­te er es in der Hand ge­habt, selbst Neu­wah­len aus­zu­ru­fen – und die­se zu ge­win­nen. In der Ko­ali­ti­on ging nichts mehr wei­ter, die ÖVP bock­te und düm­pel­te in den Um­fra­gen vor sich hin. Kern ließ den „Plan A“aus­ar­bei­ten, prä­sen­tier­te die­sen in ei­ner auf­wen­dig in­sze­nier­ten Re­de in Wels und stell­te der ÖVP ein Ul­ti­ma­tum. Er war auf dem Hö­he­punkt sei­ner Be- liebt­heit, die Funk­tio­nä­re la­gen ihm zu Fü­ßen: Was für ein sou­ve­rä­ner, elo­quen­ter und re­de­ge­wand­ter Par­tei­chef und Kanz­ler er doch war, vor al­lem im Ver­gleich zu sei­nem höl­zer­nen Vor­gän­ger Wer­ner Fay­mann. Mit Kerns neu­em Elan lag die SPÖ haus­hoch in al­len Um­fra­gen in Füh­rung.

Doch Kern ver­ließ der Mut. Dar­an wa­ren vor al­lem zwei Be­ra­ter schuld: Tal Sil­ber­stein und Micha­el Häupl. Wäh­rend Sil­ber­stein Zwei­fel an der Durch­schlags­kraft und dem Ge­halt der Mar­ke Kern hat­te, be­schwor der Wie­ner Bür­ger­meis­ter die Kon­ti­nui­tät der Re­gie­rung – vor al­lem des­halb, weil er selbst mit in­ter­nen Frak­ti­ons­kämp­fen be­schäf­tigt war und ein Wahl­kampf un­güns­tig kä­me. Kern zö­ger­te. Schließ­lich lenk­te die ÖVP ein, stimm­te al­lem zu, un­ter­warf sich schein­bar. Das Fens­ter zur Neu­wahl war ge­schlos­sen.

Doch die Qu­er­schüs­se aus der ÖVP hör­ten nicht auf. Am 10. Mai warf schließ­lich Rein­hold Mit­ter­leh­ner, der Kern ein halb­wegs ver­läss­li­cher Part­ner in der Ko­ali­ti­on ge­we­sen war, ent­nervt al­les hin und trat als Vi­ze­kanz­ler und ÖVPChef zu­rück. Die St­un­de des Se­bas­ti­an Kurz war ge­kom­men. Auch für die­sen war der Zeit­punkt nicht ganz vor­her­seh­bar ge­we­sen. Wäh­rend Kern völ­lig auf dem fal­schen Fuß er­wischt wur­de, fand Kurz rasch wie­der Tritt. Sei­ne Macht­über­nah­me in der Volks­par­tei und die an­ge­streb­te Macht­über­nah­me in der Re­pu­blik wa­ren längst mi­nu­ti­ös ge­plant, das engs­te Team um Kurz hat­te ei­ne aus­ge­feil­te Stra­te­gie vor­be­rei­tet. Die Jün­ger des Au­ßen­mi­nis­ters stan­den be­reit, eben­so die Spon­so­ren, die ei­ne groß­zü­gi­ge fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zung zu­ge­sagt hat­ten.

Kern war au­gen­blick­lich in der De­fen­si­ve. „Wenn uns die ÖVP den Stuhl vor die Tür stellt, be- deu­tet das auch das En­de für ei­ne rot-schwar­ze Zu­sam­men­ar­beit für sehr lan­ge Zeit“, warn­te er. Für Kurz war das kei­ne Dro­hung. Er hat oh­ne­dies an­de­re Plä­ne. Nur zwei Ta­ge nach Mit­ter­leh­ners Rück­tritt gab Kurz, zu die­sem Zeit­punkt noch nicht ein­mal ÖVPChef, ei­ne „per­sön­li­che Er­klä­rung“ab: Es brau­che ei­ne grund­le­gen­de Neu­auf­stel­lung, er sei für ei­nen Bruch der Ko­ali­ti­on und ra­sche Neu­wah­len. Das An­ge­bot Kerns, die Re­gie­rungs­ar­beit in ei­ner „Re­form­part­ner­schaft“bis zum re­gu­lä­ren Wahl­ter­min im Herbst nächs­ten Jah­res fort­zu­set­zen, schlug Kurz aus.

Die ÖVP hat­te kei­ne an­de­re Wahl, aber auch kei­nen an­de­ren Wunsch, als Kurz zum Chef zu kü­ren. Die Um­fra­ge­wer­te schnalz­ten bin­nen ei­ner Wo­che um zehn Pro­zent­punk­te hin­auf – und blie­ben oben. Wäh­rend Kern im Wahl­kampf von ei­ner Pan­nen­se­rie ge­plagt wur­de und sei­ne Aver­si­on ge­gen Kurz kaum in Zaum hal­ten konn­te, hielt die „neue“ÖVP Kurs und lie­fer­te ei­nen prä­zi­sen Wahl­kampf ab. We­nig In­halt, nur ein Pro­gramm: Se­bas­ti­an Kurz. Des­sen Bot­schaft: Ve­rän­de­rung. Sein Steh­satz, den er im­mer an­bringt: „Wenn ich Bun­des­kanz­ler wer­de, dann wer­de ich die Kraft ha­ben ...“

Leid­lich gu­tes Ver­hält­nis

Ei­ner, der ihm die­se Ve­rän­de­rung nicht ab­nimmt, aber als Ko­ali­ti­ons­part­ner be­reit­steht, ist Hein­zChris­ti­an Stra­che. Der FPÖ wer­den wie­der ein­mal ho­he Zu­ge­win­ne vor­aus­ge­sagt. Der Wahl­kampf der Frei­heit­li­chen lief, ab­ge­se­hen von im­mer neu­en brau­nen „Ein­zel­fäl­len“, die man hier­zu­lan­de nur noch schul­ter­zu­ckend zur Kennt­nis nimmt, ru­hig und pro­fes­sio­nell ab. Stra­che po­si­tio­nier­te sich als be­son­ne­ner Po­li­ti­ker, der Miss­stän­de an­krei­det, in sei­ner Kri­tik aber nicht über die Strän­ge schlägt. Auf­fal­lend war sein gu­tes per­sön­li­ches Ver­hält­nis zu Kern. Mit Kurz läuft es leid­lich gut. Der muss­te ihn im­mer wie­der lo­cken und dar­an er­in­nern, dass er doch ein Re­gie­rungs­amt an­stre­be – und die­ses fast schon in­ne­ha­be.

Von der Sil­ber­stein-Af­fä­re hat Stra­che am meis­ten pro­fi­tiert, er konn­te sich aus der Schlamm­schlacht her­aus­hal­ten und die schmut­zi­gen Me­tho­den der an­de­ren be­kla­gen – als ob sein Ge­ne­ral Her­bert Kickl das Dreh­buch für die­sen Wahl­kampf ge­schrie­ben hät­te. Wer weiß, viel­leicht wird auch das noch auf­ge­deckt.

Kurz selbst hat nicht oh­ne Bos­haf­tig­keit ei­nen Wett­lauf zwi­schen sich und Stra­che her­bei­ge­re­det. Das war ab­fäl­lig ge­gen­über der SPÖ ge­meint, die er gar nicht mehr ernst zu neh­men scheint, an­de­rer­seits auch ei­ne War­nung vor all­zu viel Ve­rän­de­rung: Ein mög­li­cher Kanz­ler Stra­che mag die meis­ten doch er­schre­cken. Tat­säch­lich tun sich die Mei­nungs­for­scher in ih­rer Pro­gno­se am schwers­ten mit dem Ab­schnei­den der FPÖ. Zu un­ter­schied­lich und schwie­rig zu be­wer­ten sind die Da­ten in den Um­fra­gen. Un­ter der Hand gibt es ei­ne vor­sich­ti­ge War­nung: Es könn­te knap­per wer­den als ge­dacht. Die Auf­lö­sung folgt am Sonn­tag.

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