100.000 bei­sit­zen­de Ri­si­ko­fak­to­ren

Wahl­bei­sit­zer leis­ten ei­nen wich­ti­gen Di­enst an der De­mo­kra­tie, wer­den aber bis heu­te nicht ver­pflich­tend ge­schult. Bü­ro­kra­tie und un­ein­heit­li­che Re­geln rund um die Hel­fer ma­chen das Sys­tem an­fäl­lig für neu­er­li­che Wahl­an­fech­tun­gen.

Der Standard - - AGENDA: NATIONALRATSWAHL -

Be­hör­den sei­en die Ge­stü­te des Amts­schim­mels, sagt der Volks­mund. Das gilt lei­der auch bei Ur­nen­gän­gen. Nach der von der FPÖ in­iti­ier­ten Wie­der­ho­lung der Bun­des­prä­si­dent­schafts­wahl im Vor­jahr wur­de in den Wahl­be­hör­den zwar aus­ge­mis­tet und auf­ge­räumt, gänz­lich sau­ber und da­durch nicht an­fäl­lig für An­fech­tun­gen sind sie trotz­dem noch nicht. Un­si­cher­heits­fak­to­ren einst wie heu­te: die Wahl­bei­sit­zer – und da kön­nen die vie­len frei­wil­li­gen Hel­fer über­haupt nichts da­für.

Am Sonn­tag wer­den an­nä­hernd 100.000 Ös­ter­rei­che­rin­nen und Ös­ter­rei­cher im Ein­satz sein, da­mit die Wahl – hof­fent­lich – ord­nungs­ge­mäß ab­lau­fen kann: Sie hän­di­gen Stimm­zet­tel aus, kon­trol­lie­ren Päs­se, strei­chen Na­men und zäh­len schließ­lich die Kreu­zerln. Wahl­bei­sit­zer wer­den von den Par­tei­en no­mi­niert, müs­sen aber kein Par­tei­mit­glied sein. Die Idee: ge­gen­sei­ti­ge Kon­trol­le der Wahl­wer­ber. Das Pro­blem: Bei­sit­zer be­kom­men kei­ne ver­pflich­ten­de Aus­bil­dung, sind im­mer schwe­rer zu fin­den, und auf­grund des bü­ro­kra­ti­schen Wusts wit­tern Ex­per­ten schon wie­der Schlupf­lö­cher für Wahl­an­fech­tun­gen.

Kon­kret ber­ge „die La­dung“der tau­sen­den Bei­sit­zer ein ge­wis­ses Ri­si­ko, ist der Ver­fas­sungs­ju­rist Heinz May­er über­zeugt: In der Pra­xis lau­fe die No­mi­nie­rung näm­lich meist so ab, dass sich Funk­tio­nä­re in ih­rem Um­feld um­hö­ren, wer sich am Wahl­sonn­tag Zeit neh­men wür­de. Den Be­hör­den wer­den dann die Na­men und Adres­sen der Frei­wil­li­gen über­mit­telt. Da die Wahl­bei­sit­zer ge­mein­sam mit dem Wahl­lei­ter die Wahl­be­hör­de bil­den, müs­sen sie aber per Ge­setz „or­dent­lich ge­la­den“wer­den. „Es ist un­ver­meid­lich, dass bei so vie­len La­dun­gen et­was schief­geht“, be­fürch­tet May­er. Da­durch schaf­fe das Sys­tem lau­fend Grün­de für An­fech­tun­gen – und das könn­te sich ei­ne mit dem Er­geb­nis un­zu­frie­de­ne Par­tei je­der­zeit zu­nut­ze ma­chen.

Fal­scher Na­me, kei­ne La­dung

Ei­ne La­dung kom­me et­wa dann nicht recht­mä­ßig zu­stan­de, wenn sich der Be­trof­fe­ne ge­ra­de im Kran­ken­haus oder an sei­nem Zweit­wohn­sitz be­fin­de. Es sei auch denk­bar, dass die vor­schla­gen­de Par­tei den Na­men falsch ge­schrie­ben wei­ter­ge­be. Die Fol­ge ist ju­ris­tisch bri­sant: „Wenn nicht al­le Mit­glie­der ei­ner Kol­le­gi­al­be­hör­de ord­nungs­ge­mäß ge­la­den wur­den, kommt sie nicht rich­tig zu­sam­men und je­de ih­rer Ent­schei­dun­gen ist rechts­wid­rig“, er­klär­te der Ver­fas­sungs­ju­rist kürz­lich im STAN­DARD.

May­er und an­de­re Ju­ris­ten schla­gen vor, dass aus­schließ­lich Be­am­te die Wahl­be­hör­de bil­den. Aber auch zahl­rei­che an­de­re Ex­per­ten drän­gen auf ei­ne Wahl­re­form in Ös­ter­reich, dar­un­ter je­ne der Or­ga­ni­sa­ti­on für Si­cher­heit und Zu­sam­men­ar­beit in Eu­ro­pa (OSZE), die Wah­len auf der gan­zen Welt be­ob­ach­ten.

Voll­stän­dig be­setzt wer­den die ös­ter­rei­chi­schen Wahl­be­hör­den nie. In ei­ni­gen Städ­ten ist man seit Jah­ren be­reits da­mit zuf­rie­den, wenn 80 Pro­zent der Bei­sit­zer no­mi­niert wur­den – und dann auch auf­tau­chen. Nich­t­er­schei­nen hat näm­lich kei­ne Kon­se­quen­zen.

Nach­dem die Wahl­bei­sit­zer 2016 plötz­lich im Zen­trum ei­nes rechts­staat­li­chen Su­per-GAUs stan­den, war es in die­sem Jahr in ei­ni­gen Städ­ten noch schwie­ri­ger als sonst, ge­nug Frei­wil­li­ge auf­zu­trei­ben. Man ar­bei­tet schließ­lich für ein Wurst­sem­merl und je nach Re­gi­on ei­ne klei­ne mo­ne­tä­re Ent­schä­di­gung, leis­tet al­so in ers­ter Li­nie ei­nen eh­ren­amt­li­chen Di­enst an der De­mo­kra­tie. Ei­ne Aus­bil­dung er­folgt bis heu­te nur frei­wil­lig – das In­nen­mi­nis­te­ri­um stellt da­für ein E-Learning-Tool zur Ver­fü­gung –, theo­re­tisch könn­ten bei ei­nem Ver­stoß ge­gen die Wahl­ord­nung aber recht­li­che Kon­se­quen­zen dro­hen.

Ei­ni­ge Städ­te hat­ten auf­grund ih­rer Re­kru­tie­rungs­pro­ble­me noch die Ent­schä­di­gung er­höht. Nun be­teu­ern fast al­le Lan­des­und Stadt­wahl­be­hör­den zu­min­dest of­fi­zi­ell, dass es kaum Pro­ble­me bei der Be­set­zung gibt. Le­dig­lich in Vor­arl­berg wur­de ein­ge­räumt, dass bis zu­letzt nicht ge­nug Er­satz­bei­sit­zer ge­fun­den wur­den.

Die Wah­l­ex­per­ten der un­ab­hän­gi­gen Platt­form wahl­be­ob­ach­tung.org ha­ben be­reits im Jän­ner ei­nen Ka­ta­log mit Vor­schlä­gen für ei­ne Wahl­rechts­re­form vor­ge­legt. Die Haupt­punk­te für den Be­reich Wahl­bei­sitz: ei­ne bun­des­ein­heit­li­che Ent­schä­di­gung, or­dent­li­che Trai­nings­cur­ri­cu­la und ent­spre­chen­de Rechts­si­cher­heit. Au­ßer­dem wird emp­foh­len, dass man die Kri­te­ri­en für Wahl­bei­sit­zer öff­net. Es wird ei­ne Misch­form er­wo­gen, die so­wohl Ver­tre­ter po­li­ti­scher Par­tei­en als auch Ver­tre­ter der Zi­vil­ge­sell­schaft ein­be­zieht.

In der Po­li­tik wird spä­tes­tens seit den zahl­rei­chen Pan­nen im Vor­jahr wie­der in­ten­siv über ei­ne Wahl­rechts­re­form ge­spro­chen – ab­ge­se­hen von klei­ne­ren Än­de­run­gen blieb es da­bei aber auch. Viel­leicht in der nächs­ten Le­gis­la­tur­pe­ri­ode. Für die­se Wahl heißt es hof­fen, dass al­les gut­geht.

Wahl­bei­sit­zer ar­bei­ten für ei­ne Jau­se und in man­chen Städ­ten für ein klei­nes Ta­schen­geld. Die On­line-Aus­bil­dung er­folgt frei­wil­lig.

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