Kri­tik ver­schwin­det auf Face­book rasch

Auf den Face­book-Sei­ten der Spit­zen­kan­di­da­ten wer­den vie­le kri­ti­sche Kom­men­ta­re ge­löscht, vor al­lem bei SPÖ und Grü­nen. Die meis­ten Be­lei­di­gun­gen fin­den sich bei den Ne­os, die meis­ten Hass­pos­tings bei der FPÖ.

Der Standard - - AGENDA: NATIONALRATSWAHL - Fa­bi­an Schmid, Nou­ra Ma­an, Markus Ha­met­ner

We­ni­ger als 20 User sind mit der FPÖ be­freun­det, 2800 kli­cken das po­pu­lärs­te Vi­deo des so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Bun­des­kanz­lers an, 127 Men­schen fol­gen auf Twit­ter dem ÖVP-Kan­di­da­ten: So sah der On­li­ne­wahl­kampf bei der Na­tio­nal­rats­wahl 2008 aus. Mitt­ler­wei­le ha­ben sich Face­book und Kon­sor­ten zu wich­ti­gen Kam­pa­gnen­tools ent­wi­ckelt – und zu In­stru­men­ten, mit de­nen man po­li­ti­schen Geg­nern, aber auch sich selbst enor­men Scha­den zu­fü­gen kann: Stich­wort Sil­ber­stein.

Die An­zahl an Fans ist in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ex­plo­diert: So liegt FPÖ-Chef Heinz-Chris­ti­an Stra­che mit mehr als 740.000 Li­kes an der Face­book-Spit­ze, ÖVP-Ob­mann Se­bas­ti­an Kurz ist ihm mit knapp 700.000 Fans dicht auf den Fer­sen. Weit ab­ge­schla­gen lie­gen SPÖ-Bun­des­kanz­ler Chris­ti­an Kern (228.000 Li­kes), Ne­os-Chef Mat­thi­as Strolz (85.500) und Grü­nen-Spit­zen­kan­di­da­tin Ul­ri­ke Lu­n­acek (20.000).

Nicht nur Li­kes zäh­len

Die An­zahl der Fans sei aber „nicht das ein­zi­ge Gü­te­kri­te­ri­um ei­nes So­ci­al-Me­dia-Auf­tritts“, gibt Ja­kob-Mo­ritz Eberl von der Uni­ver­si­tät Wi­en zu be­den­ken. Auch das User-En­ga­ge­ment, al­so wie Nut­zer auf Pos­tings der Kan­di­da­ten re­agie­ren, sei „An­zei­chen da­für, wie gut die So­ci­al-Me­dia-Stra­te­gie auf­geht“, sagt der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaf­ter. Er hat im Wahl­kampf un­ter­sucht, wel­che Re­ak­tio­nen die Face­book-Posts der Kan­di­da­ten her­vor­ru­fen. Hier schnei­de SPÖ-Chef Kern – trotz deut­lich we­ni­ger Fans als Stra­che oder Kurz – be­son­ders gut ab.

Was tut sich aber un­ter den Posts, in den Kom­men­ta­ren der ANA­LY­SE: User? Wie ge­hen die Par­tei­en mit von Nut­zern ge­äu­ßer­ter Kri­tik um? Nach wel­chen Kri­te­ri­en wird ge­löscht? Wer­den viel­leicht auch Pos­tings ent­fernt, die nicht in die Kam­pa­gne pas­sen?

der STAN­DARD hat sich an­ge­se­hen, wel­che Kom­men­ta­re zwi­schen 1. Au­gust und 30. Sep­tem­ber von den Face­book-Sei­ten von Kern, Kurz, Stra­che, Lu­n­acek und Strolz ent­fernt wur­den – und fest­ge­stellt, dass dort vor al­lem kri­ti­sche, sach­li­che Pos­tings ver­schwin­den.

Um die Ana­ly­se durch­zu­füh­ren, hat der STAN­DARD re­gel­mä­ßig al­le Kom­men­ta­re auf den Face­book-Sei­ten der Kan­di­da­ten ge­spei­chert. Fehl­te in der neu­en Lis­te ein Kom­men­tar, der et­wa am Vor­tag noch auf­schien, wur­de er ge­löscht – ent­we­der von den Sei­ten­be­trei­bern, von Face­book oder vom Ver­fas­ser selbst. Be­rück­sich­tigt wur­den Pa­ges mit mehr als 15.000 Li­kes so­wie mehr als 100 ge­lösch­ten Pos­tings pro Mo­nat.

Ins­ge­samt wur­den im un­ter­such­ten Zei­t­raum mehr als 230.000 Kom­men­ta­re auf den Face­book-Sei­ten der Spit­zen­kan- di­da­ten hin­ter­las­sen. Ob­wohl bei Lu­n­acek am we­nigs­ten ge­pos­tet wur­de (1127), kam es bei ihr zu den meis­ten Lö­schun­gen: Fast 40 Pro­zent der Kom­men­ta­re wur­den ent­fernt. Bei Stra­che wur­de am meis­ten ge­pos­tet (131.751 Kom­men­ta­re), zugleich aber am we­nigs­ten ge­löscht (5,7 Pro­zent).

Die größ­te Ka­te­go­rie un­ter den ge­lösch­ten Pos­tings bei Lu­n­acek und Kern ist mit mehr als 46 Pro­zent „Kri­tik“, wo­bei der Grat zwi­schen Kri­tik und Be­lei­di­gung oft ein schma­ler ist. der STAN­DARD stuf­te Kom­men­ta­re, die sach­lich ar­gu­men­tiert und nicht be­lei­di­gend sind, als „Kri­tik“ein. Bei der grü­nen Spit­zen­kan­di­da­tin gab es et­wa Wort­mel­dun­gen, die den men­schen­ge­mach­ten Kli­ma­wan­del in­fra­ge stell­ten. Die Grü­nen sa­gen hier­zu, dass es „Kampf­pos­ter“, „Wie­der­ho­lungs­tä­ter“und „Fa­ke-Pro­fi­le“ge­be, die „ih­re The­men plat­zie­ren“möch­ten.

Die­se Bei­trä­ge wer­den laut Grü­nen ent­fernt, eben­so wie sol­che, die Hass, Ho­mo­pho­bie, Se­xis­mus, Ras­sis­mus und Be­lei­di­gun­gen be­inhal­ten. Auch „Wahl­wer­bung für an­de­re Par­tei­en“sei un­er­wünscht, heißt es auf die Fra­ge, war­um auch viel sach­li­che Kri­tik – et­wa an der Ab­spal­tung von Pe­ter Pilz – ge­löscht wur­de. „Die Grü­nen hat­ten am we­nigs­ten Zeit, um die Fan­ba­se ih­rer Spit­zen­kan­di­da­tin auf­zu­bau­en“, sagt Eberl. Da­zu kom­me, dass die Funk­tio­nen von Par­tei­che­fin (In­grid Fe­li­pe) und Spit­zen­kan­di­da­tin (Ul­ri­ke Lu­n­acek) ge­trennt sei­en, da­her al­so „kei­ne kla­re Zu­spit­zung auf ei­ne Per­son“statt­fin­de.

Vor­wurf der Ins­ze­nie­rung

Auch bei Chris­ti­an Kern wur­den 46 Pro­zent der ge­lösch­ten Pos­tings vom STAN­DARD als „Kri­tik“ein­ge­stuft. Da­bei be­schwer­ten sich Nut­zer et­wa über den Wahl­kampf­stil oder die Ins­ze­nie­rung des Bun­des­kanz­lers – Stich­wort Sil­ber­stein oder Piz­zabo­te. Von der SPÖ heißt es auf An­fra­ge des STAN­DARD, sie set­ze sich sehr wohl „mit Kri­tik aus­ein­an­der“. Al­ler­dings be­hal­te sie sich vor, et­wa „wie­der­holt ge­pos­te­te In­hal­te zu lö­schen“. Im Ver­gleich zu Stra­che und Kurz füh­re „Kern ein­deu­tig ei­nen Po­si­tiv­wahl­kampf“, ana­ly­siert Eberl. Kern mei­de „ne­ga­tiv be­setz­te The­men, wo es nur geht“.

An­ders ver­hal­te sich das bei Stra­che und Kurz, die ver­stärkt auf The­men wie Mi­gra­ti­on und Is­lam set­zen. Das sei­en The­men, „die emo­tio­nal auf­ge­la­den sind und da­her auch ent­spre­chen­de Emo­tio­nen bei ih­ren Fans her­vor­ru­fen kön­nen“, sagt Eberl. Sie rie­fen oft Ge­füh­le wie Angst und Wut her­vor, die laut For­schungs­er­geb­nis­sen „mo­bi­li­sie­rend“wir­ken kön­nen.

Mit 19 Pro­zent fällt die ge­rings­te An­zahl der ge­lösch­ten Pos­tings bei Heinz-Chris­ti­an Stra­che in die Ka­te­go­rie „Kri­tik“. Da­für hat der FPÖ-Chef den mit Ab­stand höchs­ten Wert ge­lösch­ter Pos­tings in der Ka­te­go­rie „Hass­er­füll­ter Kom­men­tar“. Dar­un­ter sind et­wa Pos­tings zu ver­ste­hen, die ras­sis­tisch oder ver­het­zend sind. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren hat­te es im­mer wie­der Auf­re­gung um men­schen­ver­ach­ten­de Pos­tings auf der FPÖSei­te ge­ge­ben. Die­se wur­den nun ver­mehrt ge­löscht.

Al­ler­dings fand der STAN­DARD auch het­ze­ri­sche Kom­men­ta­re, die nicht ge­löscht wor­den sind – et­wa ein Pos­ting, in dem be­haup­tet wird, 50 Pro­zent der „In­va­so­ren“(ge­meint sind Flücht­lin­ge) sei­en HIV-po­si­tiv. Mehr­fa­che An­fra­gen des STAN­DARD bei der FPÖ blie­ben un­be­ant­wor­tet.

Die meis­ten Be­lei­di­gun­gen wur­den an­teils­mä­ßig mit 34 Pro­zent auf der Sei­te von Mat­thi­as Strolz ent­fernt. Die Atta­cken be­zo­gen sich oft auf Irm­gard Griss, die Lis­ten­zwei­te der Ne­os.

Die ein­zi­ge weib­li­che Spit­zen­kan­di­da­tin Ul­ri­ke Lu­n­acek folgt mit ei­nem Be­lei­di­gungs­an­teil von 18 Pro­zent auf Platz zwei. Das legt na­he, dass Po­li­ti­ke­rin­nen im Netz eher Ziel von ver­ba­len Un­ter­grif­fen wer­den. Die Ne­os sa­gen da­zu, dass Frau­en und Män­ner zwar prin­zi­pi­ell gleich oft ge­schmäht wür­den, je­doch Frau­en häu­fi­ger in ei­ner Art, die sich auf „Aus­se­hen, Al­ter, Be­klei­dung und Se­xua­li­tät“be­zieht.

Ko­pier­vor­wurf an Kurz

Die Wer­te der ge­lösch­ten Pos­tings bei ÖVP-Chef Kurz äh­neln dem Durch­schnitt der an­de­ren Kan­di­da­ten. Bei Kurz wird viel Kri­tik ent­fernt (35 Pro­zent), der An­teil an Be­lei­di­gun­gen bleibt mit 13 Pro­zent eher ge­ring.

In den ge­lösch­ten Pos­tings wird Kurz et­wa we­gen sei­nes Al­ters be­lei­digt oder ihm vor­ge­wor­fen, das Pro­gramm der FPÖ zu ko­pie­ren, so ist von „Fa­ke-Bas­ti“oder der „Ko­pier­ma­schi­ne Kurz“zu le­sen. Auch Eberl spricht von ei­ner „in­halt­li­chen Nä­he“zwi­schen ÖVP und FPÖ. „Das weiß auch die FPÖ, die un­ter an­de­rem in ih­ren Wer­be­spots vor Kurz warnt.“Von der ÖVP äu­ßer­te sich nie­mand zu dem The­ma.

Prin­zi­pi­ell zeigt sich, dass die Kan­di­da­ten – laut Eberl vor al­lem Stra­che, Kurz und Kern – ei­nen „au­ßer­or­dent­lich pro­fes­sio­nel­len Face­boo­kauf­tritt“ha­ben. Im Ver­gleich zum Bun­des­prä­si­dent­schafts­wahl­kampf 2016, bei dem der STAN­DARD ei­ne ähn­li­che Un­ter­su­chung durch­ge­führt hat, ist dies auch in Be­zug auf ge­lösch­te Pos­tings er­kenn­bar.

Da­mals war ei­ne kla­re Ten­denz sicht­bar: Bei Alexander Van der Bel­len wur­den vor al­lem Be­lei­di­gun­gen, bei Nor­bert Ho­fer oft Kri­tik ge­löscht. Un­klar­hei­ten blei­ben bei der Be­hand­lung von un­er­wünsch­ten Face­book-Kom­men­ta­ren je­doch nach wie vor be­ste­hen.

Der ho­he An­teil an kri­ti­schen Pos­tings un­ter den ge­lösch­ten Bei­trä­gen zeigt, dass die meis­ten Par­tei­en Face­book pri­mär als Ver­laut­ba­rungs­or­gan denn als Mit­tel zum Dis­kurs mit Kri­ti­kern be­grei­fen. pIn­ter­ak­ti­ves Fea­tu­re mit Gra­fi­ken:

derStan­dard.at/Web

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.