„Wi­der­stand“hallt es noch nicht durchs Land

Für Sonn­tag­abend hat sich zwar ers­ter Pro­test ge­gen Schwarz-Blau an­ge­sagt, De­mo-Ve­te­ra­nen von einst glau­ben aber dies­mal nicht an ei­ne ähn­lich gro­ße Em­pö­rung – es sei denn, es droht Rot-Blau.

Der Standard - - AGENDA: NATIONALRATSWAHL - Pe­ter Mayr, Ni­na Wei­ßen­stei­ner

RÜCK­BLICK & AUS­BLICK:

Noch ist die Na­tio­nal­rats­wahl nicht ge­schla­gen, schon for­miert sich für Sonn­tag­abend die ers­te De­mons­tra­ti­on ge­gen Schwar­zBlau: Um 18 Uhr hat „ei­ne Pri­vat­per­son“un­ter dem Mot­to „Nie wie­der“Pro­test­be­darf für rund 300 Teil­neh­mer vor dem Par­la­ment an­ge­mel­det, be­stä­tigt man bei der Po­li­zei­di­rek­ti­on Wi­en. Ei­ne Schluss­kund­ge­bung ist für et­wa 23 Uhr hin­ter dem Wie­ner Rat­haus ge­plant.

Auch wenn In­nen­mi­nis­ter Wolf­gang So­bot­ka (ÖVP) un­längst das Ver­samm­lungs­recht ver­schärft hat: Bei der­art ge­set­zes­treu­em Vor­ge­hen und so viel Amts­hil­fe kann Kurt Wendt, Alt­lin­ker und De­mo-Ve­te­ran ge­gen Schwar­zBlau, nur den Kopf schüt­teln. Im Ca­fé Sperl sagt der eins­ti­ge Mit­strei­ter bei den be­rüch­tig­ten Don­ners­tags­mär­schen ge­gen das ers­te schwarz-blaue Re­gie­rungs­bünd­nis von Kanz­ler Wolf­gang Schüs­sel (ÖVP): „Zum gu­ten Ton“ge­hö­re es bis heu­te, „De­mos ge­gen Schwarz-Blau nicht an­zu­mel­den – ge­nau das war ja un­ser Mar­ken­zei­chen“.

Zwei Jah­re lang mar­schier­ten an­fangs tau­sen­de wü­ten­de Bür­ger, spä­ter bloß ein paar Grüpp­chen je­de Wo­che, „Wi­der­stand!“skan­die­rend, durch Wi­en – und brach­ten we­gen ih­rer Rou­ten­ab­wei­chun­gen Po­li­zei und Au­to­fah­rer mit­un­ter zur Ver­zweif­lung.

Wie vie­le Kund­ge­bun­gen es ins­ge­samt gab, hän­ge von der Zähl­wei­se ab, sagt Wendt: „Es wa­ren viel­leicht 120 oder 130.“Es gab vie­le Ak­tio­nen, wie et­wa auch die Speakers’ Corner ne­ben dem Kanz­ler­amt. Ent­stan­den sei der Pro­test aus „ei­ner spon­ta­nen Em­pö­rung“, be­feu­ert auch durch die EU-Sank­tio­nen ge­gen Ös­ter­reich.

„Schlüs­sel ge­gen Schüs­sel!“

Auf den Wie­ner Hel­den­platz brach­te die „De­mo­kra­ti­sche Of­fen­si­ve“am 19. Fe­bru­ar 2000 so­gar rund 300.000 Men­schen – ein Pro­test­bünd­nis aus In­tel­lek­tu­el­len, vor al­lem aus dem Re­pu­bli­ka­ni­schen Club. Jetzt ver­si­chert man dort, nicht hin­ter der De­mons­tra­ti­on am Wahl­sonn­tag zu ste­cken, denn: Die Aus­gangs­la­ge sei dies­mal ei­ne an­de­re – Schüs­sel ha­be da­mals sein Ver­spre­chen ge­bro­chen, als Dritt­plat­zier­ter in Op­po­si­ti­on zu ge­hen, und es hät­te an­de­re Ko­ali­ti­ons­op­tio­nen ne­ben der FPÖ ge­ge­ben.

Schon am Tag, an dem der schwar­ze Kanz­ler und der da­ma­li­ge FPÖ-Chef Jörg Hai­der vor in­ter­na­tio­na­len Ka­me­ras die Wen­de ver­kün­de­ten, stand auch der Schrift­stel­ler Do­ron Ra­bi­no­vici, Mit­in­itia­tor der De­mo­kra­ti­schen Of­fen­si­ve mit sei­nem klir­ren­den Schlüs­sel­bund vor dem Par­la­ment und rief die da­mals gän­gi­ge Spon­ti-Pa­ro­le: „Al­le Schlüs­sel ge­gen Schüs­sel!“

Heu­te sagt er: „Wo­vor wir einst ge­warnt ha­ben, das ist ein­ge­tre­ten – näm­lich, dass nach uns Rechts­ex­tre­me in ganz Eu­ro­pa in Re­gie­run­gen, durch Wah­l­er­geb­nis­se le­gi­ti­miert, ein­ge­zo­gen sind.“An­ders als zur Jahr­tau­send­wen­de wä­ren auch hier­zu­lan­de nun wohl vie­le Stimm­be­rech­tig­te „so­gar ent­täuscht“, wenn ÖVP-Ob­mann Se­bas­ti­an Kurz mit FPÖ-Chef Heinz-Chris­ti­an Stra­che „nicht ko­aliert“. Da­zu kä­me „die Öff­nung der SPÖ“un­ter Chris­ti­an Kern für die Blau­en, das al­te Dog­ma von Kanz­ler Franz Vra­nitz­ky, mit ih­nen sei „kein Staat zu ma­chen“, gilt ja als Ge­schich­te, für ein Re­gie­rungs­bünd­nis wä­re die Prü­fung di­ver­ser Kri­te­ri­en an­ge­sagt. Ra­bi­no­vici da­zu: „Vor lau­ter Tak­tie­ren hat die SPÖ da­mit ei­nen Re­gie­rungs­ein­tritt der FPÖ le­gi­ti­miert – und war da­bei so be­geis­tert von ih­rer ei­ge­nen Schlau­heit, dass sie die­se Dumm­heit nicht be­merkt hat.“

Ob er selbst an ei­ne neue gro­ße Mo­bi­li­sie­rungs­wel­le bei ei­nem er­neu­ten FPÖ-Re­gie­rungs­ein­tritt glau­be? Dar­über will der stu­dier­te His­to­ri­ker noch kein Ur­teil ab­ge­ben, er ist sich aber si­cher: „Beim Kampf um ei­ne li­be­ra­le De­mo­kra­tie wird man dann zu an­de­ren Pro­test­for­men für Bür­ger­rech­te und Min­der­hei­ten fin­den.“

Der 52-jäh­ri­ge Wendt er­in­nert sich, dass die er­folg­rei­chen Pro- tes­te von einst durch blo­ße „SMSKet­ten“und „E-Mail-News­let­ter“zu­stan­de ka­men – und so ha­be sich der Ball­haus­platz als Sam­mel­punkt zum „zi­vil­ge­sell­schaft­li­chen Treff­punkt ent­wi­ckelt“.

Ob er bei Schwarz-Blau an ei­ne neue Be­we­gung glaubt? „Selbst dann ist und bleibt in Un­garn und Po­len die La­ge noch schlim­mer“, ist Wendt über­zeugt. Auch sei es An­fang der 2000er-Jah­re zwi­schen dem Wahl­tag im Ok­to­ber und der Re­gie­rungs­bil­dung An­fang Fe­bru­ar „auch noch ru­hig ge­blie­ben“. Erst dann sei klar ge- we­sen: „Es braucht ein Da­ge­gen­hal­ten der Bür­ger.“

Ganz an­ders wä­re die La­ge heut­zu­ta­ge al­ler­dings bei Ro­tBlau: „Da wä­re die Em­pö­rung enorm.“Und für Wendt steht dann fest: „Ich wür­de wie­der auf De­mos ge­hen. Auf je­den Fall!“

Stra­ßen­sze­ne aus dem Jahr 2000, nach­dem ÖVP-Ob­mann Schüs­sel und FPÖ-Chef Hai­der die schwarz-blaue „Wen­de“ver­kün­det hat­ten: Die Ge­gen­de­mos wa­ren nicht an­ge­mel­det – „das war un­ser Mar­ken­zei­chen“.

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