„Es ist nim­mer lang – ein gu­tes Ge­fühl“

Von der 36-St­un­den-Tour bis zum Diät­ver­spre­chen, von vor­zei­ti­gen Er­folgs­mel­dun­gen bis zum Bahn­aus­flug mit Bo­dy­cam: Die Kan­di­da­ten schenk­ten sich und ih­ren Geg­nern auch in den letz­ten Wahl­kampf­stun­den nichts.

Der Standard - - AGENDA: NATIONALRATSWAHL -

Ein jun­ger Mann holt noch schnell sei­ne tür­ki­se Wind­ja­cke aus dem Ruck­sack, an Ver­kehrs­schil­dern hän­gen Luft­bal­lons mit der Auf­schrift „Team Kurz“. Ein paar Dut­zend Fans von Se­bas­ti­an Kurz sind am Frei­tag­vor­mit­tag vor die Par­tei­zen­tra­le ge­kom­men, um ih­ren Star für ei­ne letz­te „36-St­un­den-Wahl­kampf­tour“zu ver­ab­schie­den. Ju­bel und Ap­plaus bran­den auf, als er sich ei­nen Weg zum Po­di­um bahnt, um ein paar letz­te of­fi­zi­el­le Wor­te vor dem Wahl­tag zu spre­chen.

Kurz ver­spricht, was er seit Mo­na­ten ver­spricht: klei­ne und mitt­le­re Ein­kom­men zu ent­las­ten, die Zu­wan­de­rung ins So­zi­al­sys­tem zu be­en­den und „al­les da­für zu tun“, um die „il­le­ga­le Mi­gra­ti­on zu stop­pen“. Bis­her hät­ten „Kraft, Mut und Ent­schlos­sen­heit“ge­fehlt, sagt er. „Ge­nau das ist un­ser An­ge­bot bei die­ser Wahl.“

Dann steigt Kurz in ei­nen Tour­bus, der ein paar Mi­nu­ten spä­ter al­ler­dings schon wie­der leer die Ring­stra­ße ent­lang­fährt. Der VPChef wird wohl auf an­de­rem Weg zu sei­nen letz­ten Wahl­kampf­ter­mi­nen in Wie­ner Neu­stadt am Frei­tag und im stei­ri­schen Lie­zen am Sams­tag fah­ren.

Zur sel­ben Zeit ist ein deut­scher Tou­rist mit Stadt­plan in der Hand von dem Tru­bel vor dem Par­la­ment ir­ri­tiert. „LI-STE PILZ“, liest er vom Pla­kat, um in ei­ner mög­lichst schlech­ten Imi- ta­ti­on des Wie­ne­ri­schen an­zu­fü­gen: „Wass für a Schwam­merl ist’n dess?“Selbst muss er la­chen, die Gat­tin ver­zieht kei­ne Mie­ne. „Hier lang, Uwe!“

Pilz-Leu­te re­kru­tie­ren der­weil Bür­ger auf der Stra­ße, die wil­lig sind, sich mit ei­nem an­ge­steck­ten Pilz-But­ton für ein Fo­to ne­ben das „ein­zi­ge“Pla­kat der Lis­te dra­pie­ren zu las­sen. Zwi­schen den Jour­na­lis­ten und Ka­me­ra­leu­ten spa­ziert ein al­ter Mann mit Stock her­um: „Heu­te gibt es Pilz mit Sem­mel­knö­del“, ka­lau­ert er schel­misch grin­send vor sich her. Es wird Zeit, dass die­ser Wahl­kampf ein En­de nimmt.

„Jetzt ist es nim­mer lang, und das ist ein gu­tes Ge­fühl“, hört man dann auch Pilz sei­ne letz­te An­spra­che vor der Wahl ein­lei­ten. Er ha­be vor, ei­ne „gro­ße po­li­ti­sche Al­ter­na­ti­ve in die­ser Re­pu­blik“auf­zu­bau­en – und ha­be im Wahl­kampf zwar nur vier „völ­lig un­aus­weich­li­che“Stam­perl Schnaps ge­trun­ken, aber viel ge­ges­sen. Ab Mon­tag ma­che er ei­ne Di­ät, er­klärt der Ex-Grü­ne: „Jetzt kom­men zwei Ta­ge der völ­li­gen Un­ge­wiss­heit.“

Ein paar Schrit­te wei­ter, auf der an­de­ren Sei­te der Par­la­ments­bau­stel­le, steht Flo­ra Pe­trik vor zwei wack­li­gen Wahl­ka­bi­nen mit ro­ten Vor­hän­gen. Die ehe­ma­li­ge Grü­ne hat nach dem Raus­wurf der Ju­gend­or­ga­ni­sa­ti­on durch die Mut­ter­par­tei bei der KPÖ an­ge­dockt, die des­halb mit dem Ap­pen­dix „Plus“an­tritt. Rund 200 bis 300 Leu­te wür­den ge­ra­de in ganz Ös­ter­reich für die Kom­mu­nis­ten lau­fen, er­zählt Pe­trik, der Zu­spruch sei groß. Ob sie auch nach der Wahl bei der KPÖ blei­be, sei aber noch nicht ge­wiss.

Im drit­ten Wie­ner Be­zirk zieht Cem Öz­de­mir ge­mein­sam mit Ul­ri­ke Lu­n­acek zu I Am What Am von Glo­ria Gay­nor in die Hal­le der Marx-Re­stau­ra­ti­on ein. „Nur die Grü­nen ma­chen die Kli­ma­kri- se zur Chef­sa­che“, plärrt der deut­sche Grü­nen-Chef ins Mi­kro und wagt ei­nen Ver­gleich: Wi­en sei nach Stutt­gart die zweit­schöns­te Stadt der Welt. Der Ap­plaus ist ver­hal­ten.

Bes­ser kommt an, dass Öz­de­mir den Ös­ter­rei­chern ei­nen Zu­wachs pro­gnos­ti­ziert, wie ihn die deut­sche Schwes­ter­par­tei un­längst ein­ge­fah­ren hat. Die Hoff­nung stirbt be­kannt­lich zu­letzt.

„Es war an­stren­gend, es hat aber oft auch Spaß ge­macht“, er­zählt Lu­n­acek da­nach vor dem ver­sam­mel­ten grü­nen Spit­zen­per­so­nal. Auch Vor­gän­ge­rin Eva Gla­wi­sch­nig lä­chelt der Kan­di­da­tin freund­lich zu, als die­se ver­si­chert: Sie wer­de bis zum Schluss kämp­fen. Dann gibt es Le­ber­käs­sem­merln für al­le – bio, ver­steht sich. Und na­tür­lich et­was aus Ki­cher­erb­sen.

Auch mit der SPÖ mei­nen es die Um­fra­gen nicht all­zu gut. Noch aber fin­den die So­zi­al­de­mo­kra­ten Grund zur Freu­de, zu­min­dest im Par­la­ment wa­ren sie er­folg­reich. Von der Gleich­stel­lung von Ar­bei­tern und An­ge­stell­ten bis zur Auf­bes­se­rung der Not­stands­hil­fe: Bei der Na­tio­nal­rats­sit­zung am Don­ners­tag hat die Kanz­ler­par­tei ei­ne Rei­he von An­lie­gen mit wech­seln­den Mehr­hei­ten durch­ge­setzt.

Die ÖVP hin­ge­gen ha­be viel ver­spro­chen und da­von nichts um­ge­setzt, re­sü­miert Klub­chef Andre­as Schie­der und nennt dies ei­nen „gu­ten Kom­pass“für die „Rich­tungs­ent­schei­dung“am Sonn­tag. Und dann noch ein Hin­weis, der bei kei­nem ro­ten Wahl­auf­tritt feh­len durf­te: „Wir wol­len Po­li­tik für die Mit­tel­schicht und nicht für die Mil­lio­nä­re, al­so die mit den di­cken Brief­ta­schen.“

An­ders be­ur­tei­len Ar­beit­ge­ber­ver­tre­ter die Be­schlüs­se vom Don­ners­tag. Die Tou­ris­mus­spre­cher der Wirt­schafts­kam­mer se­hen in der An­glei­chung von Ar­bei­tern an An­ge­stell­te ei­nen „un­ver­ant­wort­li­chen, wahl­tak­ti­schen Schnell­schuss“, die Spar­te Trans­port er­kennt ei­nen „An­schlag auf den Wirt­schafts­stand­ort Ös­ter­reich“.

Wäh­rend Mat­thi­as Strolz mit ei­ner Bo­dy­cam be­waff­net zu ei­ner Bahn­fahrt durch Ös­ter­reich auf­ge­bro- chen ist, fei­ern die Frei­heit­li­chen ih­ren Wahl­kampf­ab­schluss auf be­währ­tem Ter­rain: auf dem Vik­tor-Ad­ler-Platz in Wi­ens zehn­tem Be­zirk.

Heinz-Chris­ti­an Stra­che muss zu­nächst gar nicht sel­ber da sein. Wenn die John Ot­ti Band auf­spielt, un­ter­hält sich sei­ne Stamm­wäh­ler­schaft auch so. Wenn der Band­lea­der „Haa Cee“ins Mi­kro brüllt, dann ant­wor­tet das Pu­bli­kum ver­läss­lich mit „Stra-che“. Und hält rot-weiß-ro­te Schals hoch, auf de­ren ei­ner Sei­te der Na­me des Par­tei­chefs steht – und auf der an­de­ren „Ös­ter­reich im­mer treu!“

Um vier Uhr nach­mit­tags hat die Band zu spie­len be­gon­nen, po­li­ti­sche Bot­schaf­ten gibt es bis zum Ein­tref­fen des Spit­zen­red­ners zur Däm­mer­stun­de nur wohl­do­siert. Et­wa, wenn die Band „Wir sind ei­ne gro­ße Fa­mi­lie“in­to­niert und al­le mit­schun­keln – da braucht es nur den de­zen­ten Hin­weis „wie die FPÖ“, dann joh­len al­le mit. Stiegl-Bier fließt um wohl­fei­le drei Eu­ro, wem das zu viel ist, bringt Do­sen aus dem Su­per­markt mit. (cs, jo, ko­li, mi­ka)

Ki­lo­me­ter­fres­sen bis zum letz­ten Mo­ment: ÖVP-Spit­zen­kan­di­dat Se­bas­ti­an Kurz brach zu ei­ner fi­na­len Wahl­kampf­tour durchs Land auf, SPÖ-Ge­gen­spie­ler Chris­ti­an Kern hin­ge­gen be­en­de­te sei­ne Kam­pa­gne zu Hau­se – mit ei­ner Kund­ge­bung vor der Par­tei­zen­tra­le.

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