Nah­ost­kon­flikt über­schat­tet Unesco-Wahl

Nach Rück­zug der USA und Is­ra­els droht Uno- Or­ga­ni­sa­ti­on zum Spiel­ball zu wer­den

Der Standard - - INTERNATIONAL - Ste­fan Bränd­le aus Pa­ris

Die US-Ad­mi­nis­tra­ti­on nann­te am Don­ners­tag meh­re­re Grün­de für ih­ren spek­ta­ku­lä­ren Aus­zug aus der Unesco – Zah­lungs­rück­stän­de, Re­form­stau, An­ti-Is­ra­elKurs. Et­was blieb un­ge­sagt: Die An­kün­di­gung er­folg­te am Tag vor der Wahl des neu­en Ge­ne­ral­se­kre­tärs der Unesco. Die Ab­stim­mung war für Frei­tag­abend (nach Re­dak­ti­ons­schluss, Anm.) an­ge­setzt, wo­bei sich in der Stich­wahl Ab­du­la­ziz al-Ka­wa­ri aus Ka­tar und Au­drey Azou­lay aus Frank­reich ge­gen­über­stan­den.

Der Ka­ta­rer ar­gu­men­tiert, die ara­bi­sche Welt ha­be den Vor­sitz noch nie seit Grün­dung der Unesco 1946 aus­ge­übt. 2009 war der ägyp­ti­sche Fa­vo­rit Fa­ruk Hos­ni an An­ti­se­mi­tis­mus­vor­wür­fen ge­schei­tert; ge­wählt wur­de die nun ab­tre­ten­de Bul­ga­rin Iri­na Bo­ko­va. Auch jetzt wird Ka­wa­ri vor­ge­hal­ten, er ha­be wie­der­holt die „me­dia­le Welt­herr­schaft der Ju­den“an­ge­pran­gert und Azou­lays jü­di­sche Her­kunft als Ge­gen­ar­gu­ment an­ge­führt.

In den ers­ten Wahl­gän­gen setz­te sich der Ka­ta­rer die­se Wo­che trotz­dem am klars­ten durch. Dar­auf mach­ten die USA und Is­ra­el ih­ren Rück­zug be­kannt. Das war ge­wiss kein Zu­fall – son­dern eher der Ver­such, Ka­wa­ri in letz­ter Mi­nu­te zu ver­hin­dern.

Auch wenn US-Prä­si­dent Do­nald Trump für sei­nen Schritt noch ganz an­de­re Mo­ti­ve ha­ben dürf­te: Die Ame­ri­ka­ner neh­men in der Unesco nicht zum ers­ten Mal mehr Ein­fluss von au­ßen. Und nicht zum ers­ten Mal zwingt der Nah­ost­kon­flikt die „mul­ti­la­te­ra­le“Unesco in ei­nen auf­rei­ben­den Zw­ei­fron­ten­krieg. Schon die ers­te Unesco-Kri­se im Jahr 1974 war aus­ge­bro­chen, als die USA ih­re Zah­lun­gen un­ter an­de­rem we­gen ei­ner An­ti-Is­ra­el-Re­so­lu­ti­on ein­stell­ten.

1984 trat US-Prä­si­dent Ro­nald Rea­gan, ge­folgt von den Re­gie­run­gen in Lon­don und Sin­ga­pur, ganz aus der Unesco aus, weil die­se im Kal­ten Krieg sehr block­frei auf­trat und un­ter an­de­rem ein PLO-Pro­jekt lan­ciert hat­te. Erst zwei Jahr­zehn­te spä­ter kehr­ten die USA wie­der in die Unesco zu­rück. Als die­se Pa­läs­ti­na 2011 zum Voll­mit­glied wähl­te, setz­te Wa­shing­ton die Bei­trags­zah­lun­gen aber er­neut aus. Als die Unesco die­sen Som­mer die Alt­stadt He­brons im West­jor­dan­land zum Welt­kul­tur­er­be er­nann­te, war der neu­er­li­che Aus­tritt nur noch ei­ne Fra­ge der Zeit.

Die Unesco kennt im Un­ter­schied zum Si­cher­heits­rat kein Ve­to­recht. Die USA müs­sen des­halb ver­su­chen, über ih­ren Fi­nanz­bei­trag – ein Fünf­tel des Unesco-Bud­gets – Ein­fluss zu neh­men. Auf die­se Wei­se ver­hin­der­ten sie bis­her ei­nen ara­bi­schen Vor­sitz. Und si­cher­ten sich den Good­will Bo­ko­vas, die sich mit al­len Groß­mäch­ten gut stel­len woll­te, um 2016 sel­ber (er­folg­los) als Uno-Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin kan­di­die­ren zu kön­nen.

Trotz al­lem kann Wa­shing­ton nicht ver­hin­dern, dass vie­le Staa­ten Afri­kas, Asi­ens und Süd­ame­ri­kas in der Unesco sys­te­ma­tisch für die An­lie­gen der Pa­läs­ti­nen­ser stim­men, wäh­rend die Eu­ro­pä­er meist ge­spal­ten sind. 2011 stimm­te Deutsch­land ge­gen die Auf­nah­me Pa­läs­ti­nas; Frank­reich und Ös­ter­reich da­für; Groß­bri­tan­ni­en ent­hielt sich der Stim­me.

In dem jahr­zehn­te­lan­gen, längst ver­här­te­ten Unesco-Machtkampf zwi­schen den Freun­den und Fein­den Is­ra­els gibt es schließ­lich nur Ver­lie­rer. Die Aus­stän­de der Ame­ri­ka­ner be­lau­fen sich mitt­ler­wei­le auf fünf Mil­li­ar­den Dol­lar. Die Unesco spart al­ler­dings we­ni­ger an ih­rer Pa­ri­ser Bü­ro­kra­tie als an den Kul­tur-, Wis­sen­schafts- und Bil­dungs­pro­gram­men für die Ar­men und Ärms­ten.

Fo­tos: Reu­ters/Wo­ja­zer

Au­drey Azou­lay und Abu­la­ziz al-Ka­wa­ri ka­men in die Stich­wahl.

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