Der Kampf um je­des Schul­jahr

Mäd­chen, die ein Kind be­kom­men, ha­ben in Ni­ge­ria kaum noch Chan­cen auf Bil­dung

Der Standard - - INTERNATIONAL - Ka­trin Gäns­ler aus Abaka­li­ki

Mart­hi­na Og­bon­na schau­kelt ih­re klei­ne Toch­ter sanft im Arm hin und her. „Mi­ra­cle ha­be ich sie ge­nannt“, sagt die jun­ge Mut­ter sto­ckend. Die Klei­ne gluckst manch­mal lei­se, weint oder schreit je­doch kein ein­zi­ges Mal. Statt­des­sen schaut sie im­mer wie­der den Au­tos nach, die viel zu schnell durch das klei­ne Dorf Abaka­li­ki im Bun­des­staat Eb­onyi im Süd­os­ten Ni­ge­ri­as fah­ren. War­um sich die jun­ge Mut­ter für die­sen Na­men ent­schie­den hat, ist schnell er­klärt: „Sie ist wirk­lich ein klei­nes Wun­der.“Ei­nes, das sie nie ge­plant hat.

Als Og­bon­na schwan­ger wur­de, war sie 15 oder 16 Jah­re alt. Bis heu­te wird in vie­len länd­li­chen Re­gio­nen Ni­ge­ri­as das Ge­burts­da­tum nicht auf­ge­schrie­ben, wes­halb sie ihr ei­ge­nes Al­ter nicht ge­nau kennt. Sechs Jah­re lang war sie in der Grund­schu­le. Doch das Schrei­ben, aber auch das Spre­chen auf Englisch – es ist die Un­ter­richts­spra­che im Land – fällt ihr schwer. Og­bon­na, die ma­ger ist und selbst noch wie ein Kind wirkt, ist das pein­lich. Un­an­ge­nehm ist ihr aber noch et­was an­de­res. Sie ist noch kei­ne 20 und weiß, dass sie kaum ei­ne Chan­ce hat, wei­ter zur Schu­le zu ge­hen.

Schul­bil­dung ist oh­ne­hin ein heik­les The­ma. Es wird ge­schätzt, dass 10,5 Mil­lio­nen Mäd­chen und Bur­schen im Grund­schul­al­ter nicht in der Schu­le sind. Laut Unicef blei­ben im Nord­os­ten des Lan­des we­gen der Kri­se durch die Ter­ror­mi­liz Bo­ko Ha­ram auch in die­sem Schul­jahr 57 Pro­zent al­ler Schu­len ge­schlos­sen. Wie vie­le Mäd­chen zu­sätz­lich die Schu­le ab­bre­chen, weil sie schwan­ger wer­den, ist nicht be­kannt.

„Das Stig­ma ist sehr groß“, sagt Ro­se­ma­ry Uka­ta, die das „Zen­trum für Frau­en­stu­di­en und Ein­mi­schung“(CWSI) lei­tet. Die ka­tho­li­sche Or­dens­schwes­ter hat die Ein­rich­tung vor 18 Jah­ren ge­grün­det und ver­sucht seit­dem, jun­gen Frau­en nach Schwan­ger­schaft und Ent­bin­dung bei der Rück­kehr auf die Schul­bank zu hel­fen. An­ge­hö­ri­ge wür­den sich häu­fig schä­men, wenn ih­re Töch­ter schwan­ger wür­den. Ne­ben dem ge­sell­schaft­li­chen Ta­bu gibt es auch ei­nen fi­nan­zi­el­len Aspekt. „El­tern sind ent­täuscht, weil sie in ih­re Töch­ter in­ves­tiert ha­ben. Doch statt­des­sen es sich aus­zahlt, müs­sen sie ei­ne wei­te­re Per­son ver­sor­gen.“

Die Mit­ar­bei­ter des CWSI ver­su­chen, in den Fa­mi­li­en zu ver­mit­teln, was je­doch nicht im­mer klappt. „Als Mi­ra­cle sechs Mo­na­te alt war, bin ich ge­gan­gen. Der Druck war zu groß.“Og­bon­na deu­tet auf ei­ne Holz­tür, hin­ter der sie jetzt lebt. Je­den Tag ver­sucht sie, sich durch­zu­schla­gen. Manch­mal ar­bei­tet sie für ein paar Nai­ra als Ern­te­hel­fe­rin, mal auf dem Markt. Was sie ver­dient, reicht höchs­tens zum Über­le­ben. Un­ter­halt vom Va­ter ein­zu­trei­ben ist so gut wie un­mög­lich. „Er ist mal mein Freund ge­we­sen. Aber heu­te ha­ben wir kaum noch Kon­takt“, sagt sie, die vor al­lem ei­nen Wunsch hat: „Mei­ne Toch­ter soll es ein­mal bes­ser ha­ben als ich.“

Kein Geld für die Uni

Eu­che­ria Olu­chi Og­bo­do­ge ver­steht das nur zu gut. Die 26-Jäh­ri­ge hat ei­nen drei­jäh­ri­gen Sohn, des­sen Va­ter ein ehe­ma­li­ger Mit­schü­ler ist. „Er ver­sprach mir Lie­be und die Hei­rat. Als ich schwan­ger wur­de, sag­te er: ‚Da­für bin ich nicht ver­ant­wort­lich.‘“Der ers­te Schock war groß, durch die Un­ter­stüt­zung von CWSI ge­lang es ihr je­doch, zu­min­dest die wei­ter­füh­ren­de Schu­le ab­zu­schlie­ßen. Un­ge­wiss ist nun, ob ihr Traum vom Lehr­amts­stu­di­um klappt. Og­bo­do­ge lebt zwar bei ih­ren El­tern, die sie un­ter­stüt­zen. Doch für die Uni reicht das Geld nicht.

Soll­te das tat­säch­lich nicht funk­tio­nie­ren, hat sie noch ei­nen an­de­ren Plan: „Ich wür­de ger­ne ei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on grün­den, jun­ge Mäd­chen auf­klä­ren und et­was ge­gen die Stig­ma­ti­sie­rung tun.“Sie sol­len nicht je­den Lie­bes­schwur für ba­re Mün­ze neh­men und ler­nen, kla­re Gren­zen zu set­zen, wünscht sich die jun­ge Frau. ih­re Grenz­kon­trol­len fort, eben­so Nor­we­gen, das als Nicht-EU-Mit­glied an Schen­gen teil­nimmt.

In der Kom­mis­si­on sä­he man es viel lie­ber, wenn Ös­ter­reich und Deutsch­land stär­ker auf Schlei­er­fahn­dung als auf Kon­trol­len an den Gren­zen setz­ten. Aber sie kann sich we­gen der Ter­ror­an­schlä­ge in den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren dem Wil­len der An­trags­stel­ler kaum ent­zie­hen. Sie hat da­her vor­ge­schla­gen, dass man den „Ter­ror-Pa­ra­gra­fen“im Schen­genVer­trag mo­di­fi­ziert.

Un­ter die­sem Ti­tel sol­len in Zu­kunft Grenz­kon­trol­len so­gar ein Jahr statt sechs Mo­na­te lang mög­lich sein, mit ei­ner Ver­län­ge­rungs­op­ti­on um zwei Jah­re.

Al­ler­dings: In dem Fall müss­te es ei­ne Ri­si­ko­be­wer­tung der Län­der durch die Kom­mis­si­on ge­ben, und der Mi­nis­ter­rat müss­te Grenz­kon­trol­len zu­stim­men. Nach­bar­län­der hät­ten ein An­hö­rungs­recht. Das leh­nen vie­le Län­der ab, so auch Ös­ter­reich laut So­bot­ka.

Schar­fe Kri­tik an der Ver­län­ge­rung der Grenz­kon­trol­len „als Teil ei­ner Wahl­kam­pa­gne“üb­te die Slo­wa­kei. Auch Slo­we­ni­en lehnt die Ver­län­ge­rung ab, was aber kei­ne Kon­se­quen­zen hat. Dass die Kom­mis­si­on den An­trä­gen zu­stimmt, scheint si­cher. Oh­ne Deutsch­land und Ös­ter­reich ist ei­ne Schen­gen-Re­form un­mög­lich.

Fo­to: Gäns­ler

Mart­hi­na Og­bon­na mit ih­rem klei­nen Wun­der.

AGEN­DA AFRI­KA

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