Ge­ne­tik der Haut­far­ben ist viel bun­ter als ge­dacht

Ei­ne neue DNA-Ana­ly­se der Pig­men­tie­rung von Afri­ka­nern räumt mit al­ten Vor­ur­tei­len und frü­he­ren Er­kennt­nis­sen auf: Haut­tö­ne va­ri­ie­ren seit gut 900.000 Jah­ren, und hel­le­re Pig­men­tie­rung ging der dunk­le­ren vor­aus.

Der Standard - - LEBEN/WISSENSCHAFT - Klaus Ta­schwer

Phil­adel­phia/Wi­en – Die Fra­ge, ob es mensch­li­che „Ras­sen“gibt und wie die­se ein­zu­tei­len sei­en, be­schäf­tigt nicht nur die An­thro­po­lo­gie seit gut 200 Jah­ren. Auch wenn das Kon­zept heu­te als wis­sen­schaft­lich weit­ge­hend ob­so­let gilt, un­ter­schei­den sich heu­ti­ge Ver­tre­ter von Ho­mo sa­pi­ens äu­ßer­lich durch ih­re Haut­far­ben.

Da der mo­der­ne Mensch in Afri­ka ent­stand und heu­te le­ben­de Afri­ka­ner dunk­le Haut be­sit­zen, geht man ge­mein­hin auch da­von aus, dass die dunk­le Haut­fär­bung auch die ur­sprüng­li­che­re war. Doch wie ei­ne neue Stu­die von For­schern um Sa­rah Tish­koff (Uni­ver­si­tät Phil­adel­phia) im Fach­blatt Sci­ence zeigt, ist die Sa­che um ei­ni­ges bun­ter und kom­pli­zier­ter, als selbst Hu­man­ge­ne­ti­ker bis­her dach­ten. Denn selbst die­se gin­gen da­von aus, dass nur ei­ni­ge we­ni­ge Ge­ne für die Farb­tö­ne un­se­rer Haut sor­gen: bei den Afri­ka­nern et­wa das Gen MC1R, das für dunk­le Pig­men­tie­rung ver­ant­wort­lich sei.

Für ih­re neue Un­ter­su­chung nah­men Tish­koff und ihr Team die Haut von mehr 2000 Men­schen aus Äthio­pi­en und Tan­sa­nia (je­weils Ost­afri­ka) und dem süd­afri­ka­ni­schen Bots­wa­na un­ter die Lu­pe, sprich: Sie be­stimm­ten de­ren er­staun­lich stark va­ri­ie­ren­den Haut­tö­ne und nah­men da­zu DNA-Pro­ben der Test­per­so­nen, die aus ver­schie­de­nen Eth­ni­en stamm­ten.

Die Er­geb­nis­se wa­ren ei­ni­ger­ma­ßen über­ra­schend. Die For­scher fan­den ins­ge­samt acht Be­rei­che des Ge­noms, die mit der Pig­men­tie­rung zu tun ha­ben. Und für al­le acht Be­rei­che gab es je ei­ne Va­ri­an­te, die für hel­le­re und für ei­ne dunk­le­re Haut sorgt. Vier der hel­le­ren Va­ri­an­ten ent­stan­den vor mehr als 270.000 Jah­ren, al­so noch vor dem Ent­ste­hen des Ho­mo sa­pi­ens, vier über­haupt schon vor rund 900.000 Jah­ren. Das Gen OCA2 et­wa, das mit Pig­men­tie­run­gen der Eu­ro­pä­er in Zu­sam­men­hang steht, be­haup­tet sich seit mehr als 600.000 Jah­ren.

Das wie­der­um be­deu­tet, dass die­se Va­ri­an­ten schon vor­han­den In Ös­ter­reich geht ei­ne Ära zu En­de. Je­ne Ära näm­lich, von der man hät­te sa­gen kön­nen, ein Wahl­kampf wä­re halb­wegs mit je­nen Zu­stän­den kon­form ge­gan­gen, die man ge­mein­hin als men­schen­wür­dig be­zeich­nen kann.

Die durch­schnitt­li­chen Wahl­kämp­fe bis­her ver­lie­fen so: ein wa­ren, ehe es zur Auf­spal­tung in mo­der­ne Men­schen, De­ni­so­vaMen­schen und Ne­an­der­ta­ler kam. Drei der be­son­ders dunk­len Haut­va­ri­an­ten von afri­ka­ni­schen Eth­ni­en dürf­ten erst als Va­ri­an­te hel­le­rer Vor­for­men ent­stan­den sein. Und die äl­tes­ten Va­ri­an­ten, die ent­deckt wur­den, sind für hel­le Haut­far­be ver­ant­wort­lich. we­nig An­bis­sig­keit, gut, et­was for­sches Auf­tre­ten, okay, ein Schwupps aus dem Schmutz­kü­bel – ge­ra­de noch zu er­tra­gen.

Aber was seit lan­gen Wo­chen über das Land her­ein­bricht, ist ei­ne Schlamm­la­wi­ne, die sich zur Ho­ku­sai-Wel­le türmt und die nicht ei­nen St­ein auf dem an­de­ren las­sen wird. Wer im­mer ge­winnt: Das Land hat je­den­falls im Vor­hin­ein ver­lo­ren.

Ver­lo­ren die gu­ten Um­gangs­for­men, ver­lo­ren das Ver­trau­en, ver­lo­ren das An­se­hen der Ak­teu­re.

Da wur­de an­ge­zeigt und ge­gen­an­ge­zeigt, da wur­de be­schat­tet, be­droht, ge­meu­chelt, ver­leum­det, SMS schlüpf­rigs­ten In­halts ver­schickt, spio­niert, ge­lo­gen und be­sto­chen. Da wur­den schlimms­te An­ti­se­mi­ten­codes durchs Land ge­jagt, da wur­de ver­harm­lost und auf Sün­den­bö­cke ein­ge­dro­schen, da wur­de Schaum ge­schla­gen und Jau­che ge­kippt – da blieb kein Au­ge tro­cken. In­mit­ten der Wahl­kampf­scher­ben wer­den nun

Tish­koff und ihr Team spe­ku­lie­ren auch, wie es zur dunk­le­ren Pig­men­tie­rung ge­kom­men ist, und ver­wei­sen dar­auf, das Schim­pan­sen un­ter ih­rem dunk­len Fell ei­ne hel­le Haut ha­ben. Dunk­le Haut sei erst ab dann von Vor­teil ge­we­sen, als un­se­re Vor­fah­ren die Kör­per­be­haa­rung ver­lo­ren und vom Wald in die Step­pe emi­grier­ten. man­che am Mon­tag die trau­ri­gen Res­te ih­res Vo­ka­bu­lars zu­sam­men­klau­ben. Und an­de­re die ver­we­sen­den Res­te ih­res Welt­bil­des. Und das al­les mit der Ge­wiss­heit, ja doch wie­der mit dem ehe­ma­li­gen Geg­ner kom­mu­ni­zie­ren zu müs­sen, um auf ir­gend­ei­nem grü­nen Zweig zu kom­men. Nie wie­der kom­mu­ni­zie­ren geht nicht.

An­de­rer­seits: Ei­gent­lich kön­nen Po­li­ti­ker, de­ren Be­ra­ter und Fuß­volk er­leich­tert auf­at­men. Sie sind nicht al­lein. Das mie­se Be­neh­men ist so of­fen­sicht­lich Com­mon Sen­se ge­wor­den, dass nicht ein­mal mehr in­tel­lek­tu­el­le Kul­tur­sen­dun­gen da­von aus­ge­nom­men sind und auch No­bel­preis­trä­ger von der Ver­bal­sau ge­rem­pelt wer­den: On air und oh­ne mit der Wim­per zu zu­cken er­klär­te Dirk Schü­mer in ei­ner Li­te­ra­tur­sen­dung, El­frie­de Je­linek und Gün­ther Grass sei­en Idio­ten. Ar­gu­men­te: kei­ne. Den­nis Scheck hör­te un­ge­rührt zu.

Die sehr ver­schie­de­nen Haut­tö­ne Afri­kas (v. li.): An­ge­hö­ri­ge der Mur­si, der Ha­mar und der Am­ha­ren (al­le drei aus Äthio­pi­en) so­wie der San und der Ju/’ho­an­si (bei­de Bots­wa­na).

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.