„Neid ist bei uns in der DNA drin“

In Ös­ter­reich wer­den Un­ter­neh­mer als Aus­beu­ter oder Trot­tel dar­ge­stellt, fin­det At­ti­la Do­gu­dan. Um Tür­ken in Ös­ter­reich ha­be sich das Land zu we­nig ge­küm­mert. Der Ca­te­rer über den Fluch der Bör­se, die ÖBB und Ni­ki Lau­da.

Der Standard - - UNTERNEHMEN - Andreas Schnau­der

IN­TER­VIEW: Stan­dard: Bei Do & Co ist nach Jah­ren des Auf­stiegs der Wurm drin. Die Schrumpf­kur bei Ni­ki und die Tur­bu­len­zen in der Tür­kei ma­chen Ih­rem Un­ter­neh­men zu schaf­fen. Wie ge­hen Sie da­mit um? Do­gu­dan: In der Tür­kei hat­ten wir mit den po­li­ti­schen Ve­rän­de­run­gen ei­ne Re­duk­ti­on des Ver­kehrs, der jetzt üb­ri­gens wie­der zu­rück­kommt. Und in die­ser Pha­se ist es in ei­ner Part­ner­schaft ei­ne Fra­ge des An­stands, in dem Markt zu blei­ben und Spar­maß­nah­men mit­zu­tra­gen.

Stan­dard: Sie mei­nen die Part­ner­schaft mit Tur­kish Air­lines. Was muss­ten Sie mit­tra­gen? Do­gu­dan: Wir ha­ben 70 Mil­lio­nen Dol­lar in ei­nem Jahr ge­spart. Hin­zu kam, dass wir in tür­ki­scher Li­ra ab­rech­nen. In Eu­ro ge­rech­net schlägt da die Ab­wer­tung der Li­ra noch­mals durch. Über­spitzt for­mu­liert ha­ben wir nach hun­dert Jah­ren Plus ein­mal ein Mi­nus im Wachs­tum ge­habt.

Stan­dard: Die Bör­se sieht das we­ni­ger ent­spannt, der Kurs hat sich in ein­ein­halb Jah­ren hal­biert. Do­gu­dan: Die Bör­se hat völ­lig über­re­agiert. Un­ser Wachs­tum im Rest der Welt ist zwi­schen zehn und 30 Pro­zent. Das Un­ter­neh­men ist das glei­che, wir sind uns der Tür­keiPro­ble­me be­wusst und re­agie­ren dar­auf. An der Bör­se wer­den Sie in den Him­mel ge­hypt, um­ge­kehrt ist es beim ge­rings­ten An­lass das Glei­che. Das ist be­scheu­ert.

Stan­dard: Ha­ben Sie an­ge­sichts von 3000 Mit­ar­bei­tern in der Tür­kei kein Ver­ständ­nis da­für, dass der au­to­ri­tä­re Kurs von Prä­si­dent Er­do­gan An­le­ger ab­schreckt? Do­gu­dan: Ich glau­be, dass man in die Tür­kei, wo zwei Drit­tel der Be­völ­ke­rung un­ter 35 Jah­re alt sind, in­ves­tie­ren soll­te, auch wenn die geo­po­li­ti­sche La­ge schwie­rig ist. In der Tür­kei gab es ei­nen Putsch, die ei­ge­ne Ar­mee hat bom­bar­diert. Dass in solch ei­ner Si­tua­ti­on ei­ne Sen­si­bi­li­tät ent­steht, muss man ver­ste­hen.

Stan­dard: Das ha­ben Sie jetzt aber et­was schön­ge­färbt. In der Tür­kei sind mas­si­ve Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen an der Ta­ges­ord­nung. Do­gu­dan: Man stel­le sich vor, die US Ar­my bom­bar­diert das Ka­pi­tol. Schau­en wir uns an, was dann in Ame­ri­ka pas­sie­ren wür­de. Das heißt auch nicht, dass kei­ne Feh­ler ge­macht wer­den. Aber es heißt auch nicht, dass al­les so wahr­ge- nom­men wer­den soll­te, wie das bei uns der Fall ist.

Stan­dard: Sa­gen Sie das viel­leicht auch, weil Sie gro­ße wirt­schaft­li­che In­ter­es­sen in der Tür­kei ha­ben? Do­gu­dan: Das Ge­schäft in der Tür­kei ist auch für uns ei­ne gro­ße Her­aus­for­de­rung, Mei­nun­gen und Rah­men­be­din­gun­gen kön­nen sich je­der­zeit än­dern, das wis­sen wir. Wür­de ich das po­li­tisch je­doch grund­sätz­lich an­ders se­hen, gä­be es von uns auch kein wirt­schaft­li­ches Com­mit­ment.

Stan­dard: Ein wei­te­res Pro­blem ist die In­te­gra­ti­on tür­ki­scher Mi­gran­ten bei uns, die nur mä­ßig ge­lun­gen ist. Do­gu­dan: Na­tür­lich ist In­te­gra­ti­on kei­ne Ein­bahn­stra­ße. Die Wahr­heit ist aber auch, dass man Gas­t­ar­bei­ter hol­te mit der Er­war­tung, dass sie nach ein paar Jah­ren wie­der zu­rück­keh­ren. In Wahr­heit hat sich kein Mensch um die tür­ki­schen Mit­be­woh­ner ge­schert. Ich glau­be, die west­li­chen Län­der hät­ten das bes­ser mo­de­rie­ren kön­nen, weil sie der Gast­ge­ber sind. Wenn ich Gäs­te zu mir nach Hau­se ein­la­de, muss ich sie mei­nen Freun­den vor­stel­len und ir­gend­et­was tun, um sie ein­zu­bin­den. Ein­fach zu sa­gen, du bist al­lei­ne schuld, ist mir ei­ne Spur zu bil­lig.

Stan­dard: Sie ha­ben mit ei­nem De­li­ka­tes­sen­la­den in der Wie­ner Ci­ty be­gon­nen. Wie kam es da­zu? Do­gu­dan: Mir ist auf­ge­fal­len, wie vie­le Nah­rungs­mit­tel in Ös­ter­reich aus der Do­se oder tief­ge­kühlt in Ge­schäf­te kom­men. Ich ha­be da­her auf Frisch­pro­duk­te ge­setzt. Der La­den war so sei­ner Zeit vor­aus, dass kein Mensch rein­ge­kom­men ist. Es hat sie­ben, acht Jah­re ge­dau­ert, bis sich das ge­än­dert hat. Das wa­ren Jah­re, in de­nen man je­den Tag ums Über­le­ben ge­kämpft hat. Ich war als Jun­ger in der ös­ter­rei­chi­schen Tisch­ten­nis­na­tio­nal­mann­schaft, dort ha­be ich ge­lernt, bis zum Um­fal­len zu trai­nie­ren und nicht auf­zu­ge­ben. Nur wer ver­lie­ren kann, kann auch ge­win­nen.

Stan­dard: Wel­chen An­teil an Ih­rem Auf­stieg hat­te Ni­ki Lau­da? Do­gu­dan: 1987 kam um drei Uhr früh in ei­ner Dis­ko­thek der Herr Lau­da da­her und sag­te: „Kann ich das Glei­che, was es bei Ih­nen gibt, auch im Flie­ger es­sen? Weil mein Es­sen riecht nach Ke­ro­sin.“Dann ha­ben wir in der Nacht im La­den Ti­sche zu­sam­men­ge­stellt und Air­linees­sen zu­be­rei­tet. Heu­te ha­ben wir 60 Flug­li­ni­en als Kun­den.

Stan­dard: Und wie kam die For­mel 1 in Ihr Port­fo­lio? Über Ber­nie Eccles­to­ne? Do­gu­dan: Es sind oft glück­li­che Um­stän­de, die man aber auch er­grei­fen muss. Als 1992 der Grand Prix in Bu­da­pest statt­fand, woll­te der da­ma­li­ge Ca­te­rer plötz­lich 50 Pro­zent mehr Geld ha­ben. Eccles­to­ne hat das ab­ge­lehnt und ei­nen an­de­ren An­bie­ter ge­sucht. Das war zehn Ta­ge vor dem Ren­nen. In Un­garn gab es da­mals To­ma­ten und Pa­pri­ka und Pa­pri­ka und To­ma­ten. Al­so nichts. Des­halb ha­ben wir das Es­sen – es gab da­mals noch Zöl­le und an­de­re Hemm­nis­se – für 2000 Leu­te hin­über­ge­schmug­gelt. Dann ha­ben wir den Ver­trag für Eu­ro­pa, spä­ter für Ame­ri­ka und Asi­en be­kom­men.

Stan­dard: Noch ein­mal zu Hen­ry am Zug: Da gab es Vor­wür­fe der Un­ter­ent­loh­nung, zu ge­rin­ger Ru­he­zei­ten. Do­gu­dan: Wir ha­ben die Aus­schrei­bung da­mals ge­nau un­ter den glei­chen Pa­ra­me­tern ge­won­nen, wie das Ge­schäft da­vor or­ga­ni­siert war. Es gab ja auch über Jah­re kei­nen Kol­lek­tiv­ver­trag, der sinn­voll für ei­ne Zugs­be­wirt­schaf­tung ist. Plötz­lich kam der Vor­wurf, dass die An­stel­lung von Un­garn in Zü­gen aus Bu­da­pest Lohn­dum­ping sei. Ein Lkw-Fah­rer, der über die Gren­ze fährt, hat ja auch nicht plötz­lich den ös­ter­rei­chi­schen Kol­lek­tiv­ver­trag. Was ich vor­wer­fe, ist, dass man ein Un­ter­neh­men, das 11.000 Ar­beits­plät­ze ge­schaf­fen hat, aus klein­ka­rier­ten Grün­den dis­kre­di­tiert. Wir sind ein kor­rek­tes Un­ter­neh­men und hal­ten uns an Ge­set­ze. Un­ter­neh­mer im Ge­spräch

Stan­dard: Sie kön­nen nicht ko­chen, tes­ten aber je­des von Do & Co kre­ierte Me­nü? Do­gu­dan: Ich ha­be kei­ne Ah­nung von Ko­chen und ei­nen durch­schnitt­li­chen Ge­schmack, da­für ei­ne ex­tre­me Ana­ly­se­fä­hig­keit. Ich kann gut ein­schät­zen, ob ein Es­sen in Ame­ri­ka, Eu­ro­pa oder Asi­en, in der For­mel 1 oder im Flug­zeug an­kommt. Man muss den Markt ge­nau ab­tas­ten.

Stan­dard: Sie wol­len al­les un­ter Kon­trol­le ha­ben, vom Me­nü bis zum De­sign der Tas­se. Kön­nen Sie nicht los­las­sen? Do­gu­dan: Ich se­he mich als emo­tio­na­len Auf­sichts­rat des Pro­dukts. Ich las­se mei­ne Leu­te ma­chen, bil­de mir nicht ein, dass ich weiß, wie es geht. Aber ich weiß, was wo geht. Im Sta­di­on, im Flie­ger, in Thai­land, in der Ukrai­ne. Wenn ich vom Team über­stimmt wer­de, ist das auch fein. Aber dann muss es auch funk­tio­nie­ren. Stan­dard: Sie gel­ten im Ge­schäft als har­ter Kno­chen, in der Aus­ein­an­der­set­zung um Hen­ry am Zug hat Sie die Ge­werk­schaft so­gar als Aus­beu­ter be­zeich­net. Zu Recht? Do­gu­dan: Das tut mir furcht­bar leid, wenn sol­che Aus­drü­cke ver­wen­det wer­den, weil sie ein­fach nicht der Wahr­heit ent­spre­chen. Es stimmt, dass die Leu­te an der Front stark ge­for­dert wer­den. Wenn man drei Ta­ge ei­nen For­mel-1-Event hat, ist je­der Tag ex­trem an­stren­gend, da­für gibt es da

nach viel Frei­zeit.

Stan­dard: Kol­por­tiert wur­den Stra­fen von 1,3 Mil­lio­nen Eu­ro. Ha­ben Sie die zah­len müs­sen? Do­gu­dan: Die Ver­fah­ren sind al­le noch am Lau­fen.

Stan­dard: Wol­len Sie bei der ÖBB an Bord blei­ben? Do­gu­dan: Es gibt jetzt ei­nen neu­en Kol­lek­tiv­ver­trag, der muss na­tür­lich ab­ge­gol­ten wer­den. Es sind erst­mals kla­re ge­setz­li­che Rah­men­be­din­gun­gen ge­schaf­fen. Wir wer­den bald wis­sen, wie es aus­geht.

Stan­dard: Hat sich der Dis­put auf Ih­re Ein­stel­lung zum Stand­ort Ös­ter­reich aus­ge­wirkt? Do­gu­dan: Wenn Sie in vie­len Län- dern ar­bei­ten, kom­men Sie zu­rück und sa­gen, Ös­ter­reich ist ein groß­ar­ti­ges Land. Wir ste­cken da tief in der Jam­mer­kis­te. Aber um das zu er­hal­ten, muss man schon vie­les än­dern, weil wir vom Er­spar­ten le­ben. Das Pro­blem hier ist, dass Er­folg et­was Ei­gen­ar­ti­ges ist. Ma­chen Sie Ge­winn, sind Sie ein Aus­beu­ter, ma­chen Sie Ver­lust, sind Sie ein Trot­tel. Das ist in Ame­ri­ka nicht so. Dort freut sich die Ge­sell­schaft, wenn es je­mand schafft. Ei­ne Ge­sell­schaft, die Er­folg ver­teu­felt, hat ein Pro­blem. Neid ist bei uns in der DNA drin. Das ist schon be­dau­er­lich.

Stan­dard: Das liegt viel­leicht auch dar­an, dass vie­le Men­schen sehr we­nig ha­ben. Wie ste­hen Sie zu Um­ver­tei­lung? Do­gu­dan: Die Sche­re zwi­schen Reich und Arm darf nicht wei­ter auf­ge­hen. Die Ein­kom­men müs­sen all­ge­mein stei­gen. Bei Pri­vat­ver­mö­gen wä­re ei­ne Erb­schafts­steu­er aus mei­ner Sicht über­le­gens­wert. Bei Un­ter­neh­men muss man auf­pas­sen. Wenn der Er­be fünf Pro­zent der An­tei­le ver­kau­fen muss, um die Steu­er zah­len zu kön­nen, hat das we­nig Sinn. Da­für fin­de ich, dass man die Steu­er­pro­gres­si­on ab ei­ner ge­wis­sen Ein­kom­mens­hö­he deut­lich ver­schär­fen könn­te. Wenn man zwei Mil­lio­nen ver­dient, kann man auch 57 Pro­zent da­von ab­ge­ben. Auch beim Ver­mö­gens­zu­wachs ist es zu­mut­bar, da­von 60 Pro­zent her­zu­ge­ben. Leis­tung muss im­mer ho­no­riert wer­den, aber gleich­zei­tig ist ei­ne ge­rech­te Um­ver­tei­lung ei­ner der wich­tigs­ten Punk­te für die nächs­te Bun­des­re­gie­rung.

At­ti­la Do­gu­dan

Fo­to: Fi­scher

Salz und Pfef­fer, von Do & Co für Tur­kish Air­lines de­signt.

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