Die Ver­mes­sung des Kom­forts

Manch­mal ver­misst Wolf­gang Bretsch­ko den Kom­fort ei­nes Groß­kon­zerns. Denn der Ex-Chef des Me­di­en­rie­sens Sty­ria muss sich als Grün­der nun um al­les selbst küm­mern. Die Ve­rän­de­rung will er den­noch nicht mis­sen.

Der Standard - - UNTERNEHMEN - Alex­an­der Hahn

Al­ler An­fang ist be­kannt­lich schwer, das gilt auch für ei­nen Neu­an­fang. „Zu Be­ginn war es sehr zäh“, sagt Wolf­gang Bretsch­ko, „das ers­te hal­be Jahr war schwie­ri­ger, als ich es mir er­war­tet ha­be.“Die­se Pha­se er­streck­te sich über das zwei­te Halb­jahr 2015, als er das von ihm im Ju­ni 2015 er­öff­ne­te Cowor­king-Ca­fé Co­co­qua­drat ins Lau­fen be­kom­men muss­te. „Es war al­les an­ders als frü­her“, be­tont der heu­te 49-Jäh­ri­ge.

Frü­her, das heißt in Bretsch­kos Fall ei­ne mehr als 20-jäh­ri­ge Kar­rie­re bei der Sty­ria Grup­pe, zu­letzt als Vor­stands­chef des Me­di­en­kon­zerns. „Schon da­mals hat­te ich im Hin­ter­kopf, dass ich et­was Ei­ge­nes auf die Bei­ne stel­len und von null auf­bau­en möch­te.“Im Herbst 2013 war es so weit, es folg­te die Tren­nung vom Sty­ria-Kon­zern – und Bretsch­ko gönn­te sich ei­ne Aus­zeit. Auf der Su­che nach An­re­gun­gen ver­schlug es ihn al­lein für zwei Mo­na­te ins Si­li­con Val­ley. Al­lein, der sprin­gen­de Ge­dan­ke für ein Start-up woll­te Bretsch­ko auch dort zu­nächst nicht kom­men.

„Für mich war we­sent­lich, dass ich zwei Mo­na­te al­lei­ne un­ter­wegs war“, sagt er rück­bli­ckend. Für ihn wich­tig war die vie­le Zeit zum Nach­den­ken, die er sehr ge­nos­sen ha­be, un­ter an­de­rem in ei­nem Cowor­king-Ca­fé. „Dort ha­be ich mir ge­dacht: War­um nicht so et­was in Wi­en ma­chen?“Sechs Mo­na­te spä­ter er­folg­te die Fir­men­grün­dung, ein wei­te­res hal­bes Jahr spä­ter die Er­öff­nung. „Da­für ha­be ich mich dann re­la­tiv spon­tan ent­schie­den“, sagt Bretsch­ko. Denn ei­gent­lich ha­be er et­was an­de­res ge­sucht für den Schritt in die Selbst­stän­dig­keit.

An­ker­platz für Grün­der

Ma­na­ger ma­chen sich selbst­stän­dig

„Wir sind ein An­ker­platz für die neue Welt der Ar­beit“, sagt der ehe­ma­li­ge Ma­na­ger über sein Un­ter­neh­men, das erst in den ver­gan­gen zwölf Mo­na­ten so rich­tig in Schwung ge­kom­men sei und ste­ten Zu­lauf ver­zeich­ne. „Da hat­ten wir uns schon ei­nen Na­men ge­macht.“Sei­ne Haupt­ziel­grup­pe sind Ein-Per­so­nen­Un­ter­neh­men so­wie an­de­re Grün­der, die das 350 Qua­drat­me­ter gro­ße Ge­schäfts­lo­kal samt In­fra­struk­tur nut­zen, um zu ar­bei­ten, sich zu be­spre­chen und zu ver­net­zen. „Im Jän­ner und Ju­ni kom­men auch vie­le Stu­den­ten zum Ler­nen“, er­gänzt der Co­co­qua­drat-Grün­der und Ge­schäfts­füh­rer.

Das An­ge­bot lau­tet wie folgt: Man muss kei­ne Tages- oder Mo­nat­sti­ckets er­wer­ben, son­dern ge­wis­se St­un­den­kon­tin­gen­te, et­wa 40 St­un­den für 80 Eu­ro, al­so zwei Eu­ro pro St­un­de, ab­ge­rech­net wird mi­nu­ten­ge­nau. Über freie Ar­beits­plät­ze kön­nen sich die in- zwi­schen „knapp 3200 re­gis­trier­ten User“per ei­ge­ne App in­for­mie­ren und bei Be­darf auch re­ser­vie­ren. Zur Ver­fü­gung ste­hen Post­fä­cher, Te­le­fon-Bo­xen in­klu­si­ve Sky­pe-An­schluss, Dru­cker, Scan­ner und selbst­ver­ständ­lich auch WLAN mit 160 Mbit Da­ten­durch­satz. „Das ist ein Hy­gie­ne­fak­tor, oh­ne den geht es nicht“, sagt Bretsch­ko. Im obe­ren Stock­werk be­fin­den sich zu­dem drei Kon­fe­renz­räu­me für Be­spre­chun­gen und Mee­tings.

Dass die Räum­lich­kei­ten ge­gen­über der Wirt­schafts­kam­mer Ös­ter­reich ge­le­gen sind, ist laut Bretsch­ko „nur ein Zu­fall, aber ein sehr po­si­ti­ver“, denn: „Von der ers­ten St­un­de weg war die Wirt­schafts­kam­mer ein gu­ter Kun­de“– et­wa für Pres­se­kon­fe­ren­zen, die im Haus Co­co­quadradt statt­fin­den. Auch sonst sieht er die Nä­he zur Kam­mer als „gu­te Fü­gung“, da es dort re­gel­mä­ßig Ver­an­stal­tun­gen für Jung­un­ter­neh­men ge­be, was Co­co­qua­drat bei der Ziel4. Teil grup­pe be­kannt­ge­macht ha­be.

Was sich im Ver­gleich zu sei­ner Zeit in der Sty­ria-Vor­stands­eta­ge ge­än­dert hat? „Wenn man Jung­un­ter­neh­mer ist, muss man al­les sel­ber ma­chen“, sagt Bretsch­ko. Wich­tig sind sei­ner Er­fah­rung nach, of­fen und lern­fä­hig zu sein, denn: „Man darf sich nicht zu scha­de sein, die Din­ge selbst an­zu­grei­fen.“In ei­nem Kon­zern kön­ne man auf vie­le Res­sour­cen wie Buch­hal­tung oder Mar­ke­ting- und Rechts­ab­tei­lun­gen zu­rück­grei­fen. „Den Kom­fort ei­nes Kon­zerns be­merkt man erst im Nach­hin­ein“, er­gänzt der frü­he­re Ma­na­ger.

Nein, den Schritt in die Selbst­stän­dig­keit be­reue er trotz­dem nicht, sagt Bretsch­ko. „Ich mer­ke, dass ich lang­sam und ste­tig in die neue Tä­tig­keit hin­ein­wach­se – und dass es mir im­mer mehr Spaß macht.“Er ver­gleicht die­se Ent­wick­lung mit ei­nem Ma­ra­thon und sieht sich selbst der­zeit erst bei Ki­lo­me­ter 15. „Ich ha­be al­so noch ein Stück vor mir“, er­gänzt Bretsch­ko.

Als nächs­ten Mei­len­stein hat der Fir­men­grün­der die Er­öff­nung ei­nes zwei­ten Stand­orts im Vi­sier, der dem­nächst in Graz – sei­ner frü­he­ren Wir­kungs­stät­te als Sty­ria-Chef – sei­ne Pfor­ten öff­nen soll. Ein ge­eig­ne­ter Stand­ort ist laut Bretsch­ko schon ge­fun­den: „Es schaut ganz gut aus.“Und was folgt auf lan­ge Sicht in Bretsch­kos Le­bens­pla­nung? „Ich ha­be mir vor­ge­nom­men, in zehn Jah­ren wie­der al­lein wo­hin zu flie­gen – oder viel­leicht auch erst in zwan­zig Jah­ren.“

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