Ers­te Lie­be: Joa­chim Mey­er­hoffs neu­er Ro­man

„Die Zwei­sam­keit der Ein­zel­gän­ger“heißt der vier­te Band von „Al­le To­ten flie­gen hoch“, der sehr er­folg­rei­chen Ro­m­an­rei­he des Burg-Schau­spie­lers Joa­chim Mey­er­hoff. Dar­in er­zählt der Au­tor über sei­ne ers­ten Büh­nen­en­ga­ge­ments – und die ers­te gro­ße Lie­be. Ein

Der Standard - - FORSIDE -

Ob­wohl ich nichts über Ju­dith wuss­te, war ich mir si­cher, sie schon bald wie­der­zu­se­hen. Ich spa­zier­te durch die Stra­ßen Bie­le­felds und rech­ne­te je­den Au­gen­blick mit ei­nem Zu­sam­men­tref­fen. Zu­fall als ver­läss­li­che Grö­ße wür­de uns ein­an­der be­geg­nen las­sen. Wie ein Wün­schel­ru­ten­gän­ger in ei­ge­ner Sa­che ließ ich mich durch die Stadt len­ken, blieb an je­der Ecke, vor je­dem Ge­schäfts­ein­gang ste­hen und er­spür­te den Weg, der uns zu­sam­men­pral­len las­sen wür­de. Doch über­ra­schen­der­wei­se ver­pass­ten wir uns. Der ers­te Tag ver­ging, der zwei­te, der drit­te, und all­mäh­lich er­lahm­te mein hell­se­he­ri­scher Op­ti­mis­mus. Ein­mal war ich so­gar mit­ten in der Nacht wie­der auf­ge­stan­den und hat­te mich auf den Weg zu ei­nem Platz ge­macht, da ich in ei­ner präch­tig drei­di­men­sio­nal ani­mier­ten Vi­si­on deut­lich vor mir ge­se­hen hat­te, wie sie sich auf eben­die­sen Platz zu­be­weg­te. Zwei ro­te Punk­te im Bie­le­fel­der Stadt­plan, auf­ein­an­der zu­stre­bend zur vor­her­be­stimm­ten Kol­li­si­on. Doch als ich un­se­ren Schick­sals­ort er­reich- te, stieß ich mit nichts an­de­rem zu­sam­men als mit ih­rem Aus­blei­ben und knall­te fron­tal ge­gen ei­ne Leer­stel­le von er­staun­li­cher Prä­senz. Es blieb mir nichts an­de­res üb­rig, als sie ak­tiv zu suchen, was mich et­was er­nüch­ter­te, da ich mir ei­ne kos­mi­sche­re, von hö­he­ren Kräf­ten ge­füg­te Wie­der­be­geg­nung ge­wünscht hät­te. Der vier­te Tag ver­ging, der fünf­te. Im­mer und über­all hielt ich Aus­schau nach ihr, such­te zwi­schen Pas­san­ten und Au­tos nach ih­ren weiß­blon­den Haa­ren, nach dem schwar­zen Trench­coat.

Ein hal­ber Lie­ben­der

Am sechs­ten Tag nach mei­ner Pre­mie­re fuhr ich in die Uni­ver­si­tät und aß in der Men­sa zu Mit­tag. Ob­wohl vie­le der Stu­den­ten äl­ter wa­ren als ich, kam ich mir wie ein be­triebs­frem­der Ein­dring­ling vor. Ich ließ mir Zeit, ob­ser­vier­te mei­ne Um­ge­bung und ver­brach­te gu­te zwei St­un­den mit ei­ner vor­züg­li­chen Kohl­rou­la­de und ei­ner ro­ten Grüt­ze. Oder war sie et­wa noch auf der Schu­le, durch­fuhr es mich, war sie jün­ger, als ich sie ge­schätzt hat­te? Ich hat­te kei­ne Pro- ben und be­schloss, die Stadt, die mir vor je­ner Nacht luft­ab­schnü­rend klein vor­ge­kom­men war, nun aber doch groß ge­nug zu sein schien, um sich per­ma­nent zu ver­pas­sen, mit ei­ner ge­wis­sen Sys­te­ma­tik ab­zu­su­chen. Bei gu­tem Wetter wür­de ich mich den Mor­gen über in ver­schie­de­nen Parks auf­hal­ten, dann die Fuß­gän­ger­zo­ne ab­wan­dern, er­neut den Cam­pus über­wa­chen, am spä­ten Nach­mit­tag ins Frei­bad ge­hen, am Abend Stu­den­tenknei­pen be­su­chen und vi­el­leicht die Su­che in ei­ner Dis­ko­thek aus­klin­gen las­sen.

Da ge­schah et­was, das mich über­rasch­te: Die Stadt ge­fiel mir von Tag zu Tag bes­ser. Or­te, die ich bis da­hin nicht ge­kannt hat­te, wur­den durch die Mög­lich­keit, ihr zu be­geg­nen, auf­ge­wer­tet und ver­hei­ßungs­voll. Nie war ich Bie­le­feld mit Neu­gier, im­mer nur mit Vor­be­hal­ten be­geg­net, jetzt, da ich ein hal­ber Lie­ben­der war, blüh­te die Stadt nicht nur we­gen der ers­ten Mai­ta­ge auf. Die Parks la­gen vol­ler wie von ei­ner Früh­lings­ex­plo­si­on kreuz und quer in das Gras ge­schleu­der­ter Kör­per.

Im Frei­bad dös­te ich rau­chend auf mei­nem Hand­tuch da­hin und dach­te über die zu­rück­lie­gen­de Wo­che nach. Wahr­schein­lich wür­de ich sie erst tref­fen, wenn ich nicht mehr nach ihr suchen wür­de. Mehr und mehr miss­trau­te ich dem Ein­druck, dass ich ihr et­was be­deu­te­te. Oder hat­te sie mich längst ab­ge­hakt und ge­dacht: Du lie­be Gü­te, was war denn das für ein tod­lang­wei­li­ger Schwach­kopf.

Auf ei­nem für die Öf­fent­lich­keit ge­sperr­ten Sprung­turm trai­nier­te ein Paar, bei­de braun­ge­brannt. Er mit wei­ßem Haar und wei­ßer Ba­de­ho­se, sie mit wei­ßer Hau­be und ro­tem Ba­de­an­zug. Die ers­ten Sprün­ge hat­te ich, ganz in Ju­dit­hGe­dan­ken ver­sun­ken, nur bei­läu­fig ver­folgt, doch als sie vom Ein- me­ter­brett auf das Drei­me­ter­brett wech­sel­ten, er­reg­ten sie auch mein In­ter­es­se. Sie spran­gen ab­wech­selnd, der ei­ne stand am Be­cken­rand und ver­folg­te den Sprung des an­de­ren. Ers­te Ba­de­gäs­te hat­ten sich um das Sprung­be­cken ver­sam­melt und be­staun­ten die zu­neh­mend ar­tis­ti­sche­ren Sprün­ge des Paa­res. Et­was war ei­gen­ar­tig an den bei­den. In der Luft wa­ren sie ge­schmei­dig, aber wenn sie sich aus dem Was­ser wuch­te­ten und ins­be­son­de­re wenn sie die Lei­ter des Sprung­tur­mes hin­auf­klet­ter­ten, wirk­ten sie schwer­fäl­lig, ja ge­han­di­capt. Ich drück­te mei­ne Zi­ga­ret­te in die Wie­se, stand auf und schlen­der­te zum Be­cken hin­über. Ich sah, wie der Mann müh­sam den Fünf­me­ter­turm er­klomm. Er stell­te sich an die Kan­te, wisch­te sich mit ei­nem Tuch den ha­ge­ren, durch­trai­nier­ten Kör­per ab und warf den Lap­pen von der Platt­form – ein Ri­tu­al, das ich auch im Fol­gen­den nicht be­grei­fen soll­te – und mach­te sich für sei­nen Sprung be­reit. Er brei­te­te die Ar­me aus, stand da, und die Son­ne er­leuch-

Da ge­schah et­was, das mich über­rasch­te: Die Stadt ge­fiel mir von Tag zu Tag bes­ser. Or­te, die ich bis da­hin nicht ge­kannt hat­te, wur­den durch die Mög­lich­keit, ihr zu be­geg­nen ...

te­te ihn, warf ei­nen ex­tra grel­len Strahl auf sei­ne ge­bräun­te Haut, sei­ne wei­ße Ba­de­ho­se, in sein dich­tes wei­ßes Haar hin­ein. Er sprang ab, dreh­te sich aus ei­ner dop­pel­ten Schrau­be her­aus in ei­nen zwei­fa­chen Sal­to – fal­len­de Kas­ta­nie! – und tauch­te sprit­z­er­los ins Was­ser ein. Die Frei­bad­be­su­cher klatsch­ten. Als er aus dem Was­ser klet­ter­te, war wie­der die An­stren­gung deut­lich sicht­bar, und als er zu sei­ner Sprung­part­ne­rin ging, trau­te ich mei­nen Au­gen kaum. Er war ein al­ter, ja ur­al­ter Mann, und auch sie war ei­ne hoch­be­tag­te Frau. Nun war sie an der Rei­he. Ein we­nig fül­lig ge­wor­den, klet­ter­te sie den Sprung­turm hin­auf, pau­sier­te al­le fünf, sechs Spros­sen, wisch­te sich oben an­ge­kom­men mit dem Lap­pen über Ar­me und Bei­ne und stell­te sich rück­lings an die Kan­te. Ru­ckel­te sich noch ein we­nig wei­ter hin­aus, so­dass ih­re Fer­sen frei in der Luft schweb­ten. Auf den Ze­hen­spit­zen drück­te sie sich nach oben und sprang ei­nen drei­fa­chen Rück­wärts­sal­to. Wie­der Ap­plaus, so­bald sie auf­tauch­te. So wie die Zu­schau­er war auch ich in ei­ner Mi­schung aus Be­wun­de­rung und Sen­sa­ti­ons­lust ge­bannt von den bei­den flie­gen­den Al­ten. Je­mand sag­te ne­ben mir: „Toll, oder? Und bei­de über acht­zig.“Der Kör­per des Man­nes hat­te in sei­ner seh­ni­gen Durch­trai­niert­heit et­was Be­fremd­li­ches. Die Ge­brech­lich­keit, die beim Er­klim­men des Tur­mes nicht zu ver­ber­gen war, lös­te sich wäh­rend des Sprungs je­des Mal in Luft auf, in von Per­fek­ti­on er­füll­te Luft.

Ich stell­te mir meh­re­re Fra­gen: Wür­de ich je­mals so alt wer­den? Wür­de ich je­mals drei Se­kun­den mei­nes Le­bens mit die­sem Quan­tum an Kön­nen fül­len? Wür­de ich je­mals je­man­den fin­den, der mir bei dem, was ich ver­su­che, zu­sieht, je­man­den, der tat­säch­lich Kri­te­ri­en für das hat, was mich um­treibt? Oder wür­de ich so ein leicht ver­schro­be­ner Ein­zel­gän­ger wer­den, der le­bens­lang nur Arsch­bom­be vom Start­block macht? Wie so oft ver­fiel ich in drif­ten­de Tag­träu­me, die Seh­schär­fe ver­schob sich zu­guns­ten der in­ne­ren Bil­der, und nur noch sche­men­haft sah ich die bei­den braun­ge­brann­ten Flug­kör­per durch mein von Vi­sio­nen ge­trüb­tes Sicht­feld stür­zen. War­um nur such­te ich seit Ta­gen wie ein Be­ses­se­ner nach die­ser Frau? Was woll­te ich ei­gent­lich von der? Das war doch rea­li­täts­fer­ner Quatsch! Die­ser bren­nen­de Rauch­ge­ruch, wenn sie mir na­he­ge­kom­men war, wo­her kam der nur? Dach­te sie über­haupt hin und wie­der an mich? Wann wür­den die bei­den zum letz­ten Mal in ih­rem Le­ben sprin­gen? Wür­de der ei­ne oh­ne den an­de­ren über­haupt sprin­gen kön­nen? Vi­el­leicht, mal­te ich mir aus, wür­den sie ei­nes Tages, wenn sie merk­ten, dass sie es schon bald nicht mehr auf den Turm hin­auf schaff­ten, sich in ein Flug­zeug set­zen und oh­ne Fall­schirm beid­sei­tig von den Trag­flä­chen­spit­zen in die Tie­fe hüp­fen. Er in Ba­de­ho­se, sie im Ba­de­an­zug, und dann ei­ne Schrau­be nach der an­de­ren dre­hen, un­zäh­li­ge Sal­tos schla­gen, syn­chron in Luft­pi­rou­et­ten auf die Er­de zu­ra­sen, um sich in ei­nem wahn­wit­zi­gen Tau­mel aus Voll­kom­men­heit und Schwin­del auf­zu­lö­sen. Den knall­har­ten so­ge­nann­ten Bo­den der Rea­li­tät nie er­rei­chen, nie- mals auf­schla­gen, son­dern auf ewig ab­stür­zen. Mich fas­zi­nier­te der Ge­dan­ke: Die ei­ge­nen Ato­me zu zen­tri­fu­gie­ren, sich im Mi­xer der Unend­lich­keit klein­zu­häck­seln und sich auf ewig als be­seel­te Par­ti­kel in den Ät­her zu bla­sen. Ja, das war es wohl, was man ver­su­chen muss­te, den un­ab­wend­ba­ren tag­täg­li­chen Sturz mit mög­lichst vie­len Kunst­stü­cken zu ver­zie­ren, und wenn man Rie­sen­glück hat­te, da­bei nicht al­lein zu sein.

Hol­ly­woo­dar­ti­ge Ak­tio­nen

Ap­plaus weck­te mich. Die bei­den stan­den nun tat­säch­lich ne­ben­ein­an­der, hoch oben auf dem Zeh­ner, als hät­te ich das mit mei­nem Tag­traum her­auf­be­schwo­ren, und hiel­ten sich an den Hän­den. Sie spran­gen ge­mein­sam, je­der die Ko­pie des an­de­ren, zwei Sal­tos, ei­ne Schrau­be, kei­ne Sprit­zer. Ich dreh­te mich um und ging. Es wur­de mir zu viel der akro­ba­ti­schen Zwei­sam­keit für die­sen Nach­mit­tag.

Die zwei­te Wo­che mei­ner Su­che ging auf ihr En­de zu. Jetzt blie­ben ei­gent­lich nur noch hol­ly­woo­dar­ti­ge Ak­tio­nen üb­rig. Kon­dens­strei­fen mit J+J oder Klein­flug­zeug mit Spruch­ban­ner „Ich weiß, dass du nicht Ju­dith heißt“, mit dem Laut­spre­cher­las­ter durch die Stra­ßen fah­ren, die Stadt mit Steck­brie­fen zu­pflas­tern oder am bes­ten gleich zur Po­li­zei ge­hen, sie als ver­misst mel­den und ein Phan­tom­bild an­fer­ti­gen. Wuss­te ich über­haupt noch, wie sie aus­sah? Ja, das wuss­te ich. Das wuss­te ich genau. Das wür­de ich auch noch in hun­dert Jah­ren wis­sen. Wie ei­ne Ho­lo­gra­fie dreh­te sich ihr Kopf in mei­nem. Von al­len Sei­ten konn­te ich sie zu je­der Tages- und Nacht­zeit in mei­ner präch­tig il­lu­mi­nier­ten Ge­hirn­vi­tri­ne be­trach­ten.

Ich fuhr nach Dort­mund zum Vor­spre­chen. Der of­fen­sicht­lich hoch­fra­gi­le In­ten­dant hat­te zar­te Löck­chen, die wie spi­r­al­ar­ti­ge Füh­ler wipp­ten, wenn er vor­sich­tig lach­te oder hüs­tel­te. Er saß zu­sam­men­ge­kau­ert da, ließ sich ei­ne damp­fen­de Tas­se brin­gen, drück­te mit dem Kinn den wild ver­schlun­ge­nen Seidenschal ein we­nig her­un­ter und pus­te­te mit ge­schürz­ten Lip­pen ei­ne wel­li­ge Land­schaft auf die Ober­flä­che sei­nes Tees. Sein Mund hat­te et­was Un­an­stän­di­ges, er­in­ner­te mich an das sau­gen­de Maul des gro­ßen Fens­ter­put­zer­fi­sches, der die Schei­ben im Aqua­ri­um mei­nes Bru­ders sau­ber­ge­su­ckelt hat­te. „Wie freund­lich von dir, dass du die Mü­he auf dich ge­nom­men hast, zu uns nach Dort­mund zu rei­sen.“Ich konn­te ihn kaum ver­ste­hen, so lei­se sprach er. Ich spiel­te mei­ne Rol­len vor, und nach je­der ein­zel­nen lob­te er mich, was mir un­ge­mein wohl­tat, sag­te dann al­ler­dings, nach­dem ich Ham­let in Un­ter­ho­se ge­ge­ben hat­te, auch: „Wow, du hast ja ir­re schö­ne Bei­ne!“

Ich war am Mor­gen mit dem Zug nach Dort­mund ge­kom­men, und vom ers­ten Au­gen­blick an hat­te mir die Stadt in ih­rer, wie es mir vor­kam, ehr­li­chen Häss­lich­keit ge­fal­len. Auf der Heim­fahrt zu­rück nach Bie­le­feld über­leg­te ich, was ich ma­chen soll­te, falls mich das Thea­ter in Dort­mund en­ga- gier­te, und ich wun­der­te mich über mei­ne Un­ent­schie­den­heit. Al­les ist bes­ser als Bie­le­feld, er­mahn­te ich mich, na klar gehst du nach Dort­mund, wenn die dich wol­len. Aber et­was ha­der­te in mir, und als ich be­griff, dass es im­mer noch je­ne Nacht war, de­ren Echo nach mir rief, es im­mer noch die Hoff­nung war, sie zu fin­den, die mich fes­sel­te, for­der­te ich mich auf, end­lich ei­nen Schluss­strich un­ter die­se gan­ze aber­wit­zi­ge Ver­ir­rung zu zie­hen. Es gibt sie nicht!, be­schwor ich mich, es hat sie nie ge­ge­ben, sie ist ein Phan­tom. Ei­ne platt­na­si­ge Fa­ta Mor­ga­na. Nach ei­ner hal­ben St­un­de au­to­sug­ges­ti­ver Über­zeu­gungs­ar­beit trenn­te ich mich von ihr, mach­te men­tal Schluss und er­reich­te er­leich­tert Bie­le­feld.

Ei­ne letz­te Sa­che aber woll­te ich noch tun, im Grun­de ein Ab­schieds­ge­schenk an mich selbst, an mei­nen Irr­glau­ben, sie je­mals wie­der zu Ge­sicht zu be­kom­men. Ich woll­te die Lich­tung be­su­chen, auf der wir an je­nem Mor­gen ge­lan­det wa­ren. Ich kauf­te mir ei­nen Stadt­plan, brach früh­mor­gens auf und irr­te um­her. Doch kein ein­zi­ger Weg kam mir auch nur an­satz­wei­se be­kannt vor. Ich wan­der­te zum Her­manns­denk­mal und mach­te mich von dort auf die Su­che nach dem Weg­wei­ser, den ich in der Nacht mit ih­rem Feu­er­zeug er­hellt hat­te. Nichts. Al­le We­g­re­kon­struk­tio­nen lie­fen ins Lee­re. Ich ar­bei­te­te mich in Holz­we­ge hin­ein und kehr­te wie­der um. Mehr­mals er­klet­ter­te ich aus ei­nem aku­ten an­fall­ar­ti­gen Ge­fühl von Ver­traut­heit mit dem Ge­län­de stei­le Hän­ge. „Da oben, da ist die Lich­tung!“Cro­co­di­le Dun­dee im Teu­to­bur­ger Wald. Doch ge­nau­so schock­ar­tig wie die Ge­wiss­heit der Ori­en­tie­rung über mich ge­kom­men war, ver­ließ sie mich wie­der, und ich wuss­te nicht ein­mal mehr, in wel­cher Rich­tung die Stadt lag. We­der fand ich die Vil­len, ei­nen der We­ge, die wir ge­gan­gen wa­ren, noch die Lich­tung.

Am spä­ten Nach­mit­tag kehr­te ich durs­tig und zor­nig in mei­ne Woh­nung zu­rück, aß ei­ne gan­ze Pa­ckung Corn­flakes und be­en­de­te das The­ma Ju­dith. Die Tat­sa­che al­ler­dings, dass ich mitt­ler­wei­le tod­si­cher war, dass sie nicht Ju­dith hieß, dass das der un­sin­nigs­te Na­me über­haupt war, dass sie mich be­lo­gen hat­te und ich sie nie­mals na­ment­lich ver­flu­chen konn­te, nie sa­gen konn­te „Fahr zur Höl­le, Ju­dith!“, mach­te mich halb und in ein paar Mo­men­ten ganz wahn­sin­nig.

Joa­chim Mey­er­hoff, geb. 1967 in Hom­burg/Saar, auf­ge­wach­sen in Schles­wig, ist seit 2005 En­sem­ble­mit­glied des Wie­ner Burg­thea­ters. In sei­nem sechs­tei­li­gen Thea­ter­zy­klus „Al­le To­ten flie­gen hoch“trat er als Er­zäh­ler auf die Büh­ne und wur­de zum Thea­ter­tref­fen 2009 nach Berlin ein­ge­la­den. Für sei­nen De­büt­ro­man „Ame­ri­ka“wur­de er 2011 mit dem Fran­zT­um­ler-Li­te­ra­tur­preis aus­ge­zeich­net. Im Sep­tem­ber 2016 er­hielt er den Ni­co­las-Born-De­büt­preis, den Eu­re­gi­oSchü­ler-Li­te­ra­tur­preis, im Jän­ner 2017 die Carl-Zuck­may­er-Me­dail­le des Lan­des Rhein­land-Pfalz. Auf der Buch Wi­en liest er am Sonn­tag, 12. 11., um 14 Uhr auf der ORF-Büh­ne.

AL­BUM Mag. Mia Eidlhu­ber (Re­dak­ti­ons­lei­tung) E-Mail: al­bum@derStan­dard.at

War­um such­te ich seit Ta­gen wie ein Be­ses­se­ner nach die­ser Frau? Was woll­te ich ei­gent­lich von der? Das war doch rea­li­täts­fer­ner Quatsch! Dach­te sie über­haupt hin und wie­der an mich?

Aber et­was ha­der­te in mir, und als ich be­griff, dass es im­mer noch je­ne Nacht war, de­ren Echo nach mir rief, es im­mer noch die Hoff­nung war, sie zu fin­den, die mich fes­sel­te, ...

Mey­er­hoff: „Ich ließ mir Zeit, ob­ser­vier­te mei­ne Um­ge­bung und ver­brach­te gu­te zwei St­un­den mit ei­ner vor­züg­li­chen Kohl­rou­la­de und ei­ner ro­ten Grüt­ze.“

Joa­chim Mey­er

hoff, „Die Zwei­sam­keit der Ein­zel­gän­ger“. € 24,70 / 416 Sei­ten. Kie­pen­heu­er & Witsch, Köln 2017

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