„Das All ist Vor­bild für Mu­sik der Sphä­ren“

Was Sex und Raum­fahrt mit Pop-Mu­sik zu tun ha­ben, un­ter­sucht der Kul­tur­wis­sen­schaf­ter Died­rich Die­de­rich­sen. Sei­ne Theo­rie der Ge­gen­warts­küns­te wid­met sich den äs­the­ti­schen Kon­se­quen­zen der Auf­zeich­nungs­me­di­en. Die auf­ge­zeich­ne­te Stim­me in­ter­es­siert mich

Der Standard - - FORSCHUNG SPEZIAL - Tan­ja Trax­ler

Wi­en – Pop­mu­sik ist das Spe­zi­al­ge­biet, mit dem sich der deut­sche Kul­tur­wis­sen­schaf­ter Died­rich Die­de­rich­sen in der aka­de­mi­schen Welt und dar­über hin­aus ei­nen Na­men ge­macht hat. Zu­min­dest an­nä­he­rungs­wei­se. Denn ei­gent­lich hat Die­de­rich­sen we­ni­ger ei­ne Theo­rie der Pop­mu­sik als ei­ne der Pop­Mu­sik ge­schaf­fen – der Bin­de­strich zwi­schen Pop und Mu­sik ist we­sent­lich. Und da­mit sind wir auch schon mit­ten in der Die­de­rich­sen’schen Theo­rie – be­schäf­tigt er sich doch nicht im en­ge­ren Sin­ne mit ei­nem mu­si­ka­li­schen Gen­re na­mens Pop, son­dern mit ei­nem kul­tu­rel­len Pro­dukt, das viel mit Mu­sik zu tun hat, aber auch in der „un­mit­tel­ba­ren Nach­bar­schaft von Sex“an­ge­sie­delt ist. Sei­nen 60. Ge­burts­tag im Au­gust die­ses Jah­res nimmt die Aka­de­mie der bil­den­den Küns­te Wi­en, an der Die­de­rich­sen den Lehr­stuhl für Theo­rie, Pra­xis und Ver­mitt­lung von Ge­gen­warts­kunst in­ne­hat, zum An­lass, ihm und sei­ner Ar­beit die­se Wo­che ein Sym­po­si­um zu wid­men.

STAN­DARD: Herr Die­de­rich­sen, An­lass un­se­res Ge­sprächs ist ein Sym­po­si­um, das zu Ih­ren Eh­ren die­se Wo­che statt­fin­det. Es geht da­bei um „Voice and Vo­te“– die Dop­pel­na­tur des Wor­tes „Stim­me“, die an­geb­lich auch Ihr Werk cha­rak­te­ri­siert – wo­durch? Die­de­rich­sen: Für mich kom­men beim Be­griff Stim­me so­gar drei Din­ge zu­sam­men: zu­nächst die Stim­me als kör­per­li­cher, ma­te­ri­el­ler, ob­jek­ti­ver Aus­druck von mensch­li­cher Sub­jek­ti­vi­tät und In­di­vi­dua­li­tät. So­dann die po­li­ti­sche Stimm­ab­ga­be, wo die­se Sub­jek­ti­vi­tät in die Re­prä­sen­ta­ti­on ein­geht. Und drit­tens die auf­ge­zeich­ne­te Stim­me – die in­ter­es­siert mich am meis­ten, weil sie Ele­men­te der bei­den an­de­ren ver­bin­det: Die auf­ge­zeich­ne­te Stim­me hat ei­ner­seits den Kör­per ver­las­sen und geht so in ei­ne Öf­fent­lich­keit ein, was mit Stimm­ab­ga­be zu tun hat, an­de­rer­seits wur­de sie vom Kör­per ver­ur­sacht.

STAN­DARD: In Ih­rem ak­tu­el­len Buch „Kör­per­tref­fer“spie­len die Be­grif­fe In­dex und Ver­ur­sa­chung ei­ne zen­tra­le Rol­le – was ha­ben sie mit der auf­ge­zeich­ne­ten Stim­me zu tun? Die­de­rich­sen: Über den Be­griff des In­dex kann man den Ef­fekt der auf­ge­zeich­ne­ten Stim­me ver­all­ge­mei­nern. In Fo­to­gra­fie und Pho­no­gra­phie ha­ben wir es mit Auf­zeich­nun­gen, fik­tio­na­li­sier­ba­ren Bil­dern und Klän­gen zu tun, die von rea­len Kör­pern ver­ur­sacht wor­den sind. Der ame­ri­ka­ni­sche Zei­chen­theo­re­ti­ker Charles San­ders Peir­ce hat Zei­chen, die auf ih­re Ver­ur­sa­chung ver­wei­sen, als In­dex be­zeich­net: Rauch steht für Feu­er. Die zen­tra­le The­se mei­nes Bu­ches ist, dass die di­rek­te kör­per­li­che Ver­ur­sa­chung der tech­nisch auf­ge­zeich­ne­ten Küns­te nicht nur de­ren tech­nisch-me­dia­le Vor­aus­set­zung ist, son­dern auch ein äs­the­ti­scher In­halt sein kann – ein ganz an­de­rer als Kom­po­si­ti­on oder Ka­dra­ge (Aus­wahl des Bild­aus­schnitts, Anm.).

Nach­denk­pau­se, Teil 1

Mo­ment! Be­vor wir uns völ­lig in den Ge­dan­ken­ara­bes­ken von Die­de­rich­sen ver­lie­ren, wol­len wir ei­nen kur­zen Mo­ment in­ne­hal­ten und uns fra­gen: Was meint er denn nun mit Stim­me, Stimm­ab­ga­be, In­dex und Ver­ur­sa­chung ge­nau? Um dem auf die Sch­li­che zu kom­men, ist ein Blick in Die­de­rich­sens Kör­per­tref­fer hilf­reich: Gleich auf den ers­ten Sei­ten macht er dar­in klar, dass um 1960 neue Auf­zeich­nungs­for­men ei­nen Epo­chen­schnitt in den Küns­ten mar­kie­ren. Der nie­der­schwel­li­ge Zu­gang zu Mul­ti­me­dia­tech­no­lo­gi­en er­mög­licht es Künst­le­rin­nen und Künst­lern, sich selbst und ihr Werk in viel­fäl­ti­ger Wei­se auf­zu­zeich­nen. Das hat kla­rer­wei­se auch äs­the­ti­sche Kon­se­quen­zen, und die­se ver­sucht Die­de­rich­sen mit Be­grif­fen, die er sich aus der Se­mio­tik aus­leiht, zu be­schrei­ben.

Der In­dex be­zeich­net da­bei Zei­chen, die auf ih­re Ver­ur­sa­chung ver­wei­sen. Am Bei­spiel ei­ner Ton­band­kas­set­te kön­nen et­wa die von ei­nem Mu­si­ker oder ei­ner Mu­si­ke­rin ver­ur­sach­ten Spu­ren auf ei­ner Kas­set­te als In­dex be­zeich­net wer­den.

Was Die­de­rich­sens Fas­zi­na­ti­on für die auf­ge­zeich­ne­te Stim­me an­geht, lässt sich an­neh­men, dass sie wohl et­was mit sei­nem breit re­zi­pier­ten Buch Über Pop-Mu­sik zu tun hat, und es stellt sich die Fra­ge: IN­TER­VIEW MIT NACHDENKPAUSEN: Die neu­en Auf­zeich­nungs­tech­no­lo­gi­en, die ab 1960 ver­stärkt in den Küns­ten ein­ge­setzt wer­den, mar­kie­ren ei­nen Epo­chen­schnitt, so der Kul­tur­theo­re­ti­ker Died­rich Die­de­rich­sen.

STAN­DARD: In Ih­rem Pop-Mu­sik-Buch gibt es ei­ne Stel­le, wo Sie schrei­ben, dass Pop-Mu­sik mehr mit Sex als mit Kunst zu tun hat – was mei­nen Sie da­mit? Die­de­rich­sen: Ich weiß jetzt nicht, wo das in dem Buch steht, aber es ist mir zu­zu­trau­en, dass ich so et­was ge­schrie­ben ha­be. Es be­zieht sich auf die Ur­sze­ne von Pop-Mu­sik: Ich be­fin­de mich in ei­ner pri­va­ten Si­tua­ti­on, ich bin al­lein in mei­nem Wohn- oder mei­nen Schlaf­zim­mer, ich bin viel­leicht noch sehr ju­gend­lich und be­ein­druck­bar – und nun ha­be ich Kon­takt mit ei­ner frem­den Stim­me, die mich – auch vom Sprech­akt her – an­zu­spre­chen scheint: mich als al­lein im Zim­mer sit­zen­den Te­enager. Das rich­tet sich di­rekt an die Be­ein­druck­bar­keit der ein­sa­men Per­son. Na­tür­lich hat das et­was mit Sex zu tun.

STAN­DARD: Wie man aus Ih­rem Buch er­fährt, hat Pop-Mu­sik nicht nur viel mit Sex zu tun – son­dern auch mit Raum­fahrt: Sie set­zen den Be­ginn von Pop-Mu­sik Mit­te der 1950er an, da­mit teilt sie ih­re Le­bens­span­ne mit der be­mann­ten Raum­fahrt. Sie schrei­ben auch, dass Pop-Mu­sik die Raum­fahrt im­mer in­ter­es­siert be­glei­tet hat – woran liegt das: Es­ka­pis­mus, Auf­bruchs­stim­mung? Die­de­rich­sen: Das hat ge­nau mit die­sen bei­den Din­gen zu tun. Und na­tür­lich ent­hält die be­mann­te Raum­fahrt noch mehr an phi­lo­so­phi­schen Di­men­sio­nen, die mich in­ter­es­sie­ren und die mir auch in der Pop­Mu­sik wich­tig sind.

STAN­DARD: Wel­che sind das? Die­de­rich­sen: Zu­nächst ist das All klas­si­scher­wei­se das Vor­bild für har­mo­ni­sche Kon­stel­la­tio­nen: die Mu­sik der Sphä­ren, der Pla­ne­ten­bah­nen. Zum an­de­ren ist der Welt­raum im­mer schon ein Be­deu­tungs­an­ge­bot für un­ge­wöhn­li­che syn­the­ti­sche Klän­ge in der Pop-Mu­sik ge­we­sen. Schließ­lich fällt ih­re Epo­che zu­sam­men mit der Sicht­bar­keit des Pla­ne­ten als Ob­jekt: Die Er­de ist nicht nur ein Ort, an dem wir uns be­fin­den und von dem aus wir in das All schau­en, son­dern nun auch et­was, das man von wo­an­ders aus se­hen kann und sich so vom Sub­jekt-Ort zum Ob­jekt ver­schiebt. Da­mit im Zu­sam­men­hang ste­hen die viel­dis­ku­tier­ten Denk­mög­lich­kei­ten des An­thro­po­zäns bis zur Gai­aHy­po­the­se.

Nach­denk­pau­se, Teil 2

Zeit für ei­ne wei­te­re Nach­denk­pau­se: Was hat die Au­ßen­per­spek­ti­ve auf die Er­de mit der Be­haup­tung zu tun, dass die Er­de als Le­be­we­sen be­trach­tet wer­den kann, wie es die Gaia-Hy­po­the­se vor­schlägt? We­sent­lich ist da­bei wohl das An­thro­po­zän, das Die­de­rich­sen en pas­sant fal­len­ge­las­sen hat. Der 2000 von Che­mi­en­o­bel­preis­trä­ger Paul Crut­zen ge­präg­te Be­griff schlägt vor, das ak­tu­el­le Erd­zeit­al­ter nach dem Men­schen zu be­zeich­nen, weil er be­reits der­art ein­schnei­den­de Spu­ren auf dem Pla­ne­ten Er­de hin­ter­las­sen hat. Wäh­rend Geo­wis­sen­schaf­ter noch dis­ku­tie­ren, ob das auch in den jahr­tau­sen­de­lan­gen Zeit­span­nen, in de­nen sie den­ken, ge­recht­fer­tigt ist, hat sich das An­thro­po­zän be­reits fest in den Kul­tur­wis­sen­schaf­ten eta­bliert. Die Raum­fahrt hat da­mit in­so­fern zu tun, als die ers­ten Bil­der von der Er­de, die vom All aus auf­ge­nom­men wor­den sind, die Ver­letz­lich­keit un­se­res Pla­ne­ten in ei­ner nie da­ge­we­se­nen Deut­lich­keit zum Aus­druck brach­ten – und da­mit den Auf­trag an die Mensch­heit trans­por­tie­ren, acht­sam mit ihm um­zu­ge­hen.

Zu­rück zum In­ter­view: Die­de­rich­sen hat gleich den nächs­ten Ter­min, aber ei­nes woll­ten wir schon noch von ihm wis­sen:

STAN­DARD: Was hat denn nun ei­gent­lich der Bin­de­strich bei Pop-Mu­sik zu be­deu­ten? Die­de­rich­sen: Es ist ei­ne Schreib­wei­se, um den Un­ter­schied zu Ka­te­go­ri­en wie „Po­pu­lä­re Mu­sik“oder „Po­pu­lar­mu­sik“zu mar­kie­ren. Es geht auch dar­um, das Zu­sam­men­ge­setz­te of­fen­zu­le­gen. Denn Pop-Mu­sik ist ein Me­di­en­ver­bund oh­ne Zen­trum. Das pri­va­te, ein­sa­me Hö­ren und das öf­fent­li­che Hö­ren der­sel­ben Klang­auf­zeich­nung kom­men da­bei zu­sam­men, und da­mit ver­bun­den sind die kur­sie­ren­den Bil­der auf Plat­ten­co­vern und im Fern­se­hen. Erst die User set­zen das al­les zu­sam­men, aber nicht als Ob­jekt, son­dern als Le­bens­form.

STAN­DARD: Noch ei­ne letz­te Fra­ge: Sie ha­ben vor ei­ni­gen Jah­ren ein Se­mi­nar über „Zei­tung­le­sen für Künst­le­rIn­nen“ge­hal­ten – ha­ben Sie Emp­feh­lun­gen, wie die­ses In­ter­view ge­le­sen wer­den könn­te? Die­de­rich­sen: Die­ses In­ter­view er­scheint ja auf den Wis­sen­schafts­sei­ten – die ha­ben mich im­mer in­ter­es­siert, und ich fin­de, sie ha­ben viel zu we­nig Platz. Nicht nur im Hin­blick dar­auf, was in der Wis­sen­schaft pas­siert, son­dern auch, was die Pro­ble­ma­ti­sie­rung von Wis­sens­pro­duk­ti­on an­geht. Öf­fent­lich kur­sie­ren­de Ide­en ste­hen in ei­nem Ver­hält­nis zu dem, was Wis­sen­schaf­ter tun, und das wird viel zu we­nig the­ma­ti­siert.

DIED­RICH DIE­DE­RICH­SEN, ge­bo­ren 1957 in Ham­burg, ist seit 2006 Pro­fes­sor an der Aka­de­mie für bil­den­de Küns­te Wi­en. Der Kul­tur­wis­sen­schaf­ter ist zu­dem als Kri­ti­ker, Ku­ra­tor und Jour­na­list tä­tig. Zu­letzt er­schien von ihm „Kör­per­tref­fer – Zur Äs­t­he­tik der nach­po­pu­lä­ren Küns­te“(€ 17,50, Suhr­kamp 2017), sein be­kann­tes­tes Buch ist „Über Pop-Mu­sik“(€ 39,99, Kie­pen­heu­er & Witsch 2014). Die Fest­ta­gung „Voice & Vo­te“fin­det am 17. No­vem­ber ab 15 Uhr in der Au­la der Aka­de­mie der bil­den­den Küns­te Wi­en, Au­gas­se 2–6, 1090 Wi­en, statt.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.