Paul Watz­la­wick und das di­gi­ta­le Mit­ein­an­der

Fil­ter­bla­sen, Emo­jis oder Chat­bots sind Phä­no­me­ne der di­gi­ta­len In­ter­ak­ti­on. Paul Watz­la­wick forsch­te be­reits vor 50 Jah­ren zu Kom­mu­ni­ka­ti­on – teils gel­ten sei­ne Axio­me auch für das di­gi­ta­le Mit­ein­an­der.

Der Standard - - FORSCHUNG SPEZIAL - Kat­ha­ri­na Kropsho­fer

Wi­en – Zwei Per­so­nen sit­zen im Au­to. „Du, da vorn ist grün“, sagt ei­ne. Die an­de­re gibt Gas und ver­dreht die Au­gen. Was drückt die ers­te Per­son durch ih­re Aus­sa­ge aus, und was will die zwei­te durch ih­re stum­me Re­ak­ti­on sa­gen? Ei­nes ist klar: Kom­mu­ni­ka­ti­on ist nicht im­mer selbst­er­klä­rend.

Der­ar­ti­ge Si­tua­tio­nen ana­ly­sier­te der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­scher Paul Watz­la­wick (1921–2007) und be­schrieb die Kom­ple­xi­tät von Spra­che mit all dem, was über sie hin­aus­geht. Die fünf Axio­me, wel­che er da­bei vor 50 Jah­ren auf­stell­te, wer­den bis heu­te in Vor­trä­gen zu Kom­mu­ni­ka­ti­ons­theo­rie er­wähnt, doch gel­ten sie auch für die On­li­ne-Kom­mu­ni­ka­ti­on? Die­ser Fra­ge ist die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ex­per­tin und Watz­la­wick-Groß­nich­te Andrea Köh­ler-Lu­de­scher nach­ge­gan­gen: Sie hat den Ver­such un­ter­nom­men, Tei­le der fünf Axio­me auf das di­gi­ta­le Zeit­al­ter um­zu­le­gen.

Ver­lust des Ana­lo­gen

Watz­la­wicks ers­tes und wohl be­rühm­tes­tes Axi­om, „Man kann nicht nicht kom­mu­ni­zie­ren“, sei da­bei so­wohl vir­tu­ell als auch of­f­line leicht be­ob­acht­bar: Flug­gäs­te, die sich mit ge­schlos­se­nen Au­gen zu­rück­leh­nen, si­gna­li­sie­ren stumm, man sol­le sie in Ru­he las­sen. On­li­ne kom­mu­ni­zie­ren „So­ci­al-Me­dia-Ver­wei­ge­rer“auch durch ihr Fern­blei­ben von Face­book und Co.

In ei­nem an­de­ren Axi­om un­ter­schei­det Watz­la­wick zwi­schen In­halts- und Be­zie­hungs­ebe­ne. Ers­te­re um­fasst das rein In­for­ma­ti­ve, wäh­rend der Be­zie­hungs­as­pekt Auf­schluss über das Ver­hält­nis der Ge­sprächs­part­ner gibt – et­wa wie bei der ein­gangs er­wähn­ten Re­ak­ti­on im Au­to.

On­li­ne kann die­se Be­zie­hungs­ebe­ne oft nicht so leicht in­ter­pre­tiert wer­den und zu Kon­flik­ten füh­ren. Auch Phä­no­me­ne wie Hass­pos­tings kön­nen durch ei­ne Re­duk­ti­on auf das In­halt­li­che leich­ter er­klärt wer­den: „Wenn ich je­man­den nicht ken­ne, dann kann mei­ne Hemm­schwel­le sin­ken“, sagt Köh­ler-Lu­de­scher.

Watz­la­wick be­schrieb die Be­zie­hungs­ebe­ne als stark ana­log. Sie be­inhal­tet so­mit vie­les, was über das Ge­spro­che­ne, das Watz­la­wick „di­gi­tal“nann­te, hin­aus­geht – et­wa die Stimm­la­ge oder die Kör­per­spra­che. Dem In­ter­net fehlt die­ses Ana­lo­ge wort­wört­lich – ei­ne wei­te­re Qu­el­le für Miss­ver­ständ­nis­se: Laut Stu­di­en wer­de nur ein klei­ner Bruch­teil durch die Spra­che und der Rest non­ver­bal kom­mu­ni­ziert. „Wenn man jetzt on­li­ne die­se ana­lo­gen Hilfs­mit­tel nicht hat, ist das ein grö­ße­res Ri­si­ko für Un­ei­nig­kei­ten“, sagt Köh­ler-Lu­de­scher.

Ob wir durch ei­nen zu­neh­men­den On­li­ne-Auf­ent­halt ver­ler­nen, ana­lo­ge Si­gna­le rich­tig zu in­ter­pre­tie­ren, kann je­doch nicht oh­ne Lang­zeit­stu­di­en be­ant­wor­tet wer­den. Die Ex­per­tin ver­mu­tet: „Wenn ich vor­wie­gend di­gi­tal kom­mu­ni­zie­re, dann glau­be ich schon, dass das lang­fris­tig Aus­wir­kun­gen auf ein ana­lo­ges Ge­spür hat.“

Ge­gen­trend Emo­jis

Ei­ne Art Ge­gen­trend sieht Köh­ler-Lu­de­scher im Ge­brauch von Emo­ti­cons und Emo­jis: „Das sind so­ge­nann­te ana­lo­ge Mar­kie­run­gen, die uns zu­sätz­li­che Hin­wei­se ge­ben, wie je­mand et­was meint.“In der rea­len Welt mar­kie­ren wir durch Stimm­me­lo­die, Mi­mik und Ges­tik. Im Vir­tu­el­len kön­nen sol­che bild­li­chen In­for­ma­tio­nen – von sim­pler An­ein­an­der­rei­hung von Satz­zei­chen, bis hin zu ani­mier­ten Bild­ele­men­ten – ei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stüt­ze dar­stel­len.

Je­de Kom­mu­ni­ka­ti­on sei ei­ne Form der In­ter­ak­ti­on, des­we­gen sieht die Ex­per­tin auch com­pu­te­ri­sier­te Be­zie­hun­gen, zum Bei­spiel durch au­to­ma­ti­sche Ant­wor­ten von Chat­bots, kri­tisch: „Der Mensch braucht das Ge­fühl, ge­hört zu wer­den, um ein ge­sun­des Ich-Be­wusst­sein zu schaf­fen. Wenn das ero­diert, weil das, was zu­rück­kommt, nichts Per­sön­li­ches mehr ist, dann hat das ei­ne be­stimm­te Wir­kung.“Ei­ne ge­lun­ge­ne On­li­ne-Kom­mu­ni­ka­ti­on ver­wen­de des­we­gen auch im­mer wie­der mensch­li­che Ele­men­te, wie mo­de­rier­te Fo­ren, die ei­ner Com­mu­ni­ty das Ge­fühl ge­ben kön­nen, dass et­was zu­rück­kommt. Be­zie­hungs­ge­stal­tung und Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung ent­stün­den nicht von heu­te auf mor­gen, sagt Köh­lerLu­de­scher.

Ei­ne wei­te­re Ver­zer­rung der ei­ge­nen On­li­neWirk­lich­keit sieht sie im Phä­no­men von Fil­ter­bla­sen. Sie be­schrei­ben ei­nen Iso­la­ti­ons­pro­zess, der im­mer mehr vor­ge­fer­tig­te In­for­ma­tio­nen lie­fert, die aber schon auf den ei­ge­nen In­ter­es­sen ba­sie­ren.

Ei­ne Re­so­nanz in­ner­halb die­ses ab­ge­schlos­se­nen Sys­tems hät­te wohl auch Watz­la­wick the­ma­ti­siert: „Er wür­de sa­gen, es ist ein ‚Mo­re of the sa­me‘-Phä­no­men: Man dreht sich so­zu­sa­gen im­mer im Kreis und ist we­gen der ei­ge­nen Um­ge­bung in ei­ner Sicht­wei­se ge­fan­gen.“Ein Ent­kom­men aus die­ser Echo­kam­mer sei laut Köh­ler-Lu­de­scher nur durch den Kon­takt mit an­de­ren Geis­tes­hal­tun­gen mög­lich – in der vir­tu­el­len oder rea­len Welt.

Am 15. No­vem­ber hält die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ex­per­tin Andrea Köh­ler-Lu­de­scher den Vor­trag „Watz­la­wicks fünf Axio­me – Al­te Weis­hei­ten und ak­tu­el­le We­ge der Un­ter­neh­mens­kom­mu­ni­ka­ti­on“an der FH Wi­en der Wirt­schafts­kam­mer, Be­ginn 18.00 Uhr. pwww. fh-wi­en.ac.at/events/

Paul Watz­la­wick (1921–2007) gilt als ei­ner der be­rühm­tes­ten ös­ter­rei­chi­schen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaf­ter und war auch als Psy­cho­the­ra­peut, So­zio­lo­ge, Phi­lo­soph und Au­tor in sei­ner Wahl­hei­mat Ka­li­for­ni­en tä­tig.

Fo­to: Ali­cia Atria

Andrea Köh­lerLu­de­scher ist Watz­la­wicks Groß­nich­te.

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