Grü­nes Licht für das drit­te Ge­schlecht

In Deutsch­land hat das Ver­fas­sungs­ge­richt grü­nes Licht für die Ein­füh­rung ei­nes drit­ten Ge­schlechts ge­ge­ben. In Ös­ter­reich lie­gen den Höchst­ge­rich­ten Kla­gen vor. Die Fra­ge ist, ob in­ter­ge­schlecht­li­che Men­schen in ih­ren Grund­rech­ten ernst­ge­nom­men wer­den.

Der Standard - - RECHTSTANDARD - Ire­ne Brick­ner

Ber­lin/Wi­en – Für in­ter­ge­schlecht­li­che Men­schen – Per­so­nen, die chro­mo­so­mal, ana­to­misch oder von der Aus­stat­tung ih­rer Fort­pflan­zungs­or­ga­ne her nicht in die Ka­te­go­ri­en „weib­lich“oder „männ­lich“pas­sen – ist es ei­ne Fra­ge der Iden­ti­tät. Und es ist ei­ne Fra­ge ih­rer Au­to­no­mie und Ent­schei­dungs­mög­lich­keit bei ei­ner der grund­le­gends­ten und per­sön­lichs­ten Fra­gen: Wel­chem Ge­schlecht man sich zu­ge­hö­rig fühlt und, in­fol­ge des­sen, wel­chem Ge­schlecht man, et­wa für das Stan­des­amt, an­ge­hört.

In Deutsch­land wur­den die dies­be­züg­li­chen Mög­lich­kei­ten am 10. Ok­to­ber 2017 um ei­ne zu­sätz­li­che Ka­te­go­rie er­wei­tert. An die­sem Tag be­schloss das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, dass es ne­ben dem weib­li­chen und dem männ­li­chen noch ei­nen drit­ten „po­si­ti­ven Ge­schlecht­s­ein­trag“ge­ben müs­se.

Die Be­grün­dung zeigt, wie sehr das seit den 1990er-Jah­ren in den USA, seit den 2000ern in Deutsch­land und seit fünf Jah­ren auch in Ös­ter­reich von der In­ter­sex-Be­we­gung ein­ge­for­der­te drit­te Ge­schlecht ei­ne Men­schen- und Grund­rechts­fra­ge ist: Das im deut­schen Grund­ge­setz ver­an­ker­te Per­sön­lich­keits­recht schüt­ze die ge­schlecht­li­che Iden­ti­tät – auch der­je­ni­gen, „die sich dau­er­haft we­der dem männ­li­chen noch dem weib­li­chen Ge­schlecht zu­ord­nen las­sen“, be­fan­den die Karls­ru­her Ver­fas­sungs­rich­ter. Eben­so sei­en in­ter­se­xu­el­le Per­so­nen durch das grund­ge­setz­lich ver­an­ker­te Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot ge­schützt.

Zwei­fa­che Dis­kri­mi­nie­rung

Wür­den sie al­so ge­zwun­gen, sich per­so­nen­stands­recht­lich als weib­lich oder männ­lich ein­zu­tra­gen oder – wie es in Deutsch­land seit 2013 mög­lich war – gar kei­ne Ein­tra­gung vor­zu­neh­men, wür­den sie „in bei­den Grund­rech­ten dis­kri­mi­niert“. Da­her müs­se das drit­te Ge­schlecht bis En­de 2018 ge­setz­lich ver­an­kert wer­den.

Der ös­ter­rei­chi­sche Ver­fas- sungs­recht­ler Bernd-Chris­ti­an Funk fügt der Auf­lis­tung von Grund­rech­ten, die in Be­zug auf das drit­te Ge­schlecht re­le­vant sei­en, im Stan­dard- Ge­spräch ein wei­te­res hin­zu: „Das Ver­bot un­mensch­li­cher Be­hand­lung“. Da­mit spielt er auf die seit den 1960er-Jah­ren ver­brei­te­te Pra­xis an, in­ter­ge­schlecht­li­che Kin­der so jung wie mög­lich ge­schlechts­an­pas­send zu ope­rie­ren, um sie kör­per­lich rasch „weib­lich“oder „männ­lich“zu ma­chen. Der­lei wi­der­spre­che krass dem in­di­vi­du­el­len Selbst­be­stim­mungs­recht.

„An­pas­sen­de“Ope­ra­tio­nen

Be­sag­te Ope­ra­tio­nen, et­wa die Ent­fer­nung von Pe­nis und Ho­den, fän­den auf Grund­la­ge der Vor­stel­lung statt, dass ein Mensch in ei­ne weib­li­che oder männ­li­che Ge­schlechts­iden­ti­tät hin­ein­er­zo­gen wer­den kön­ne, sagt Eva Matt, Ju­ris­tin und Mit­be­grün­de­rin der ös­ter­rei­chi­schen Platt­form In­ter­sex. Das ha­be sich in den meis­ten Fäl­len als un­rich­tig her­aus­ge­stellt. Im Rah­men so­ge­nann­ten Ca­se Ma­nage­ments wer­de heu­te aber im­mer noch ope­riert.

Für Matt ist die deut­sche Ent­schei­dung „re­vo­lu­tio­när“, Aus­druck ei­nes Bru­ches mit ei­ner tra­di­tio­nell wie recht­lich schein­bar un­wan­del­ba­ren Di­cho­to­mie der Ge­schlech­ter.

In Ös­ter­reich lie­gen der­zeit dem Ver­fas­sungs- und dem Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Be­schwer­den ei­nes in­ter­ge­schlecht­li­chen Men­schen aus Ober­ös­ter­reich vor, ver­bun­den mit dem An­trag, die Ein­füh­rung ei­nes drit­ten Ge­schlechts zu prü­fen. Ent­schei­dun­gen könn­ten im kom­men­den Jahr fal­len.

„Mein Ge­schlecht war be­reits bei mei­ner Ge­burt nicht männ­lich und auch nicht weib­lich. Mei­ne Ge­schlechts­iden­ti­tät ist in­ter­ge­schlecht­lich, die wird sich auch nicht mehr än­dern“, bringt der 31jäh­ri­ge Klä­ger vor. In­ter­ge­schlecht­li­che Men­schen sind nicht mit Trans­gen­der­per­so­nen zu ver­wech­seln, die in ei­nem Kör­per le­ben, der ih­rer ge­schlecht­li­chen Iden­ti­tät wi­der­spricht. Laut Matt kom­men rund 1,7 Pro­zent der Men­schen in­ter­ge­schlecht­lich zur Welt.

Ei­gent­lich müss­ten die ös­ter­rei­chi­schen Höchst­rich­ter „nur prü­fen, wie die hie­si­gen Per­so­nen­stands­ge­set­ze zu in­ter­pre­tie­ren sind“, sagt Hel­mut Graupner, An­walt des kla­gen­den Ober­ös­ter­rei­chers: „Ich ha­be in den Ge­set­zen kei­ne Stel­le ge­fun­den, wo de­zi­diert ein weib­li­ches und ein männ­li­ches Ge­schlecht ver­an­kert ist. Die dies­be­züg­li­che Be­hör­den­pra­xis – Neu­ge­bo­re­ne müs­sen ent­we­der als Mäd­chen oder als Bu­ben re­gis­triert wer­den – sei al­so „ei­ne rei­ne Er­fin­dung der Be­hör­den“.

Die Bu­ben in Hell­blau, die Mäd­chen in Ro­sa: Die Ein­tei­lung der Mensch­heit in „weib­lich“und „männ­lich“er­scheint vie­len selbst­ver­ständ­lich, doch es gibt auch an­de­re ge­schlecht­li­che Iden­ti­tä­ten.

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