Re­gie­rung und Län­der pla­nen neue, här­te­re Co­ro­na-Maß­nah­men

Kurz: „Es braucht Ent­schlos­sen­heit“Pen­sio­nis­ten als Not­leh­rer ge­sucht

Der Standard - - ERSTE SEITE - RE­KON­STRU­IERT: La­ra Ha­gen, Da­vid Krutz­ler, Kat­ha­ri­na Mit­tel­sta­edt, Ga­b­rie­le Scherndl, Mar­kus Rohr­ho­fer, Micha­el Völ­ker

Wi­en – Bun­des­kanz­ler Se­bas­ti­an Kurz wand­te sich am Frei­tag er­neut mit ei­nem Ap­pell an die Be­völ­ke­rung und er­such­te drin­gend dar­um, die So­zi­al­kon­tak­te ein­zu­schrän­ken. Die meis­ten In­fek­tio­nen ge­schä­hen im­mer noch im Pri­vat­be­reich, nur durch ei­nen Ver­zicht auf Kon­tak­te sei es mög­lich, die zwei­te Co­ro­na­Wel­le zu be­wäl­ti­gen. Die wirt­schaft­li­chen Aus­wir­kun­gen be­trä­fen schließ­lich al­le. Kurz: „Da­her braucht es im gan­zen Land Ent­schlos­sen­heit, Ge­schlos­sen­heit und So­li­da­ri­tät.“

Na­tio­na­le und re­gio­na­le Re­geln

Für Mon­tag hat Kurz die Bun­des­län­der zu ei­ner Kon­fe­renz ge­la­den, bei der neue und schär­fe­re Maß­nah­men im Kampf ge­gen die Pan­de­mie be­schlos­sen wer­den sol­len. Zu­sätz­lich zu den re­gio­na­len Maß­nah­men, die in et­li­chen Län­dern be­reits ver­ord­net wur­den, soll es ös­ter­reich­wei­te Vor­ga­ben ge­ben. In der Re­gie­rung wird der­zeit über ei­ne ge­ne­rel­le Vor­ver­le­gung der Sperr­stun­de, ei­ne Re­gis­trie­rungs­pflicht in der ge­sam­ten Gas­tro­no­mie und wei­te­re Ein­schrän­kun­gen für Ver­an­stal­tun­gen dis­ku­tiert. Kom­men soll auch ei­ne Aus­wei­tung der Mas­ken­pflicht im öf­fent­li­chen Raum, aber nur an Or­ten, an de­nen ein­an­der vie­le Men­schen be­geg­nen. Ge­sichts­vi­sie­re sol­len nicht mehr als Er­satz für Mas­ken gel­ten, da sie weit­ge­hend wir­kungs­los sei­en.

Bil­dungs­mi­nis­ter Heinz Faß­mann hat der­weil Uni­ver­si­tä­ten und Päd­ago­gi­sche Hoch­schu­len be­auf­tragt, un­ter den Mas­ter­stu­die­ren­den Frei­wil­li­ge für den No­t­e­in­satz an den Schu­len zu su­chen. Auch Pen­sio­nis­ten sol­len re­kru­tiert wer­den, wenn es zu Co­ro­na-be­ding­ten Aus­fäl­len beim Lehr­per­so­nal kommt.

Die Co­ro­na-Kri­se do­mi­nier­te auch die Ta­ges­ord­nung des EU-Gip­fels, man such­te in­ten­siv nach ge­mein­sa­men An­sät­zen zu de­ren Be­wäl­ti­gung. (red)

Wä­re da nicht das Nie­sel­wet­ter, man könn­te sich in den März zu­rück­ver­setzt füh­len: Kaum ein Tag ver­geht oh­ne Co­ro­na-Re­kord­zah­len. Ein gan­zes Land fragt sich er­neut: Was er­war­tet uns vor die­sem Hin­ter­grund?

In ei­ner Sa­che sind sich der grü­ne und der tür­ki­se Teil der Bun­des­re­gie­rung ei­nig: Es muss et­was pas­sie­ren. Doch was To­na­li­tät und Tem­po an­geht, gibt es Dif­fe­ren­zen. Kanz­ler Se­bas­ti­an Kurz (ÖVP) ist der Mei­nung, die Län­der bräuch­ten strik­te­re Vor­ga­ben. Ge­sund­heits­mi­nis­ter Ru­dolf An­scho­ber (Grü­ne) setzt auf sein Sof­tie-Image, er will erst bit­ten und lo­ben, ehe den Län­der­chefs Maß­nah­men auf­ge­zwun­gen wer­den.

An­scho­ber ap­pel­lier­te am Frei­tag er­neut an al­le: „Wir be­nö­ti­gen wie­der ei­ne Team-Stim­mung in der Be­völ­ke­rung wie im Früh­ling“, und merk­te mit Sor­ge an, dass In­fek­tio­nen sich in den Pri­vat­be­reich ver­schie­ben wür­den. Auch der Kanz­ler be­müh­te am Frei­tag mit dras­ti­schen Wor­ten den Früh­ling, um klar­zu­ma­chen, dass es fünf vor zwölf ist: Es brau­che „den Zu­sam­men­halt des Früh­jahrs, der un­ser Er­folgs­fak­tor bei der Ab­wehr der ers­ten Wel­le war.“

Die Bun­des­län­der lud Kurz für Mon­tag zu ei­ner Vi­deo­kon­fe­renz. Dort sol­len nächs­te Schrit­te be­spro­chen, neue Maß­nah­men ge­setzt wer­den. Das ge­mein­sa­me Ziel: Herbst und Win­ter mög­lichst un­be­scha­det durch­zu­ste­hen. Dass es da zwi­schen Bund und Län­dern Auf­fas­sungs­un­ter­schie­de gibt, liegt auf der Hand, bei den Grü­nen be­zeich­net man das gar als „Fa­mi­li­en­zwist“: In der Re­gel ge­ra­ten Kurz und die schwar­zen Lan­des­chefs an­ein­an­der.

Was ge­nau kommt, weiß man nicht, am Frei­tag war – un­üb­li­cher­wei­se – kei­ne Pres­se­kon­fe­renz der Re­gie­rung an­ge­setzt. Doch ge­nug drang be­reits an die Öf­fent­lich­keit.

Et­wa, was die Mas­ken­pflicht an­geht. Die soll auf öf­fent­li­che Plät­ze aus­ge­wei­tet wer­den, vor al­lem in der Stadt. Oh­ne­hin be­reits an­ge­kün­digt hat An­scho­ber, dass Vi­sie­re nicht mehr als Er­satz für Mas­ken gel­ten wer­den. Ei­ne ra­di­ka­le Ein­schrän­kung von Ver­an­stal­tun­gen steht eben­so zur Dis­kus­si­on wie ei­ne Vor­ver­le­gung der Sperr­stun­de und ei­ne flä­chen­de­cken­de Re­gis­trie­rungs­pflicht in Lo­ka­len.

Wor­um es nun geht, sind Di­men­si­on und Zeit­punkt. Da will die Re­gie­rung erst ab­war­ten, wie die Bun­des­län­der mit Rot-Schal­tun­gen der Co­ro­na-Am­pel um­ge­hen. Ti­rol, Ober­ös­ter­reich und Salzburg prä­sen­tier­ten teils dras­ti­sche Ver­schär­fun­gen.

DIE RE­KON­STRUK­TI­ON VON 24 ST­UN­DEN CO­RO­NA-PO­LI­TIK

Don­ners­tag war Am­pel-Tag. Wie üb­lich ahn­ten ei­ni­ge Ver­ant­wort­li­che in be­stimm­ten Ge­gen­den schon, dass sie schlecht weg­kom­men wür­den. Für neun Be­zir­ke steht ei­ne Rot­schal­tung an, si­cker­te vor­ab durch, tref­fen soll­te es schluss­end­lich nur vier.

Schon zu Mit­tag ver­kün­de­te Salz­burgs Lan­des­haupt­mann Wilfried Has­lau­er (ÖVP) masAm si­ve Ver­schär­fun­gen: Ein Ort in Qua­ran­tä­ne, das gab es lan­ge nicht mehr, auch im rest­li­chen Bun­des­land wur­den stren­ge­re Re­geln ver­hängt (sie­he un­ten).

Am Abend zog Ti­rol nach. In ei­ner ei­lig an­be­raum­ten Pres­se­kon­fe­renz ver­kün­de­te Lan­des­haupt­mann Gün­ther Plat­ter (ÖVP) wei­te­re Ein­schnit­te in das Le­ben Ti­rols.

Am Abend tag­te die Am­pel­kom­mis­si­on, das Er­geb­nis kam er­staun­lich früh und fiel er­staun­lich mil­de aus. Um 18.37 Uhr war klar, dass nur vier Be­zir­ke rot ein­ge­färbt wer­den: der Salz­bur­ger Ten­nen­gau (Be­zirk Hal­lein), Wels (Ober­ös­ter­reich), Inns­bruck und Inns­bruck Land (Ti­rol). Nie­der­ös­ter­reich soll sich mit Hän­den und Fü­ßen ge­gen ei­ne Rot­schal­tung von St. Pöl­ten ge­wehrt ha­ben. Das Ar­gu­ment: Ver­gan­ge­ne Wo­che war St. Pöl­ten oran­ge – auch da wur­de schon über Rot de­bat­tiert –, und man ha­be sich seit­her ver­bes­sert. Rohr­bach, St. Jo­hann im Pon­gau, Imst und Schwaz blie­ben ge­ra­de noch ver­schont.

Kurz nach 22.00 Uhr stell­te An­scho­ber in der ZiB 2 klar, dass wei­te­re Ver­schär­fun­gen der bun­des­wei­ten Maß­nah­men in Pla­nung sind. Er be­ton­te al­ler­dings: Ein wei­te­rer Lock­down sei nicht ge­plant.

Am Frei­tag­mor­gen stieg vie­ler­orts der Frust. War­um Hal­lein, aber nicht St. Pöl­ten? Und für man­che Län­der be­son­ders krän­kend: War­um ist Wi­en noch oran­ge? Dort liegt die Ant­wort auf der Hand: Die Bun­des­re­gie­rung hat sich in ih­rer Kri­tik so auf die Haupt­stadt ver­steift, dass in­zwi­schen al­le glau­ben, Wi­en sei der Sün­den­pfuhl.

Fest steht: Die Ex­per­ten der Am­pel-Kom­mis­si­on ha­ben in ih­rem of­fi­zi­el­len Vor­schlag Wi­en noch nie rot ein­fär­ben wol­len. In der Haupt­stadt ge­hen die Zah­len au­ßer­dem zu­rück. Salzburg und Ti­rol lie­gen in der Sie­benTa­ge-In­zi­denz – Neu­in­fek­tio­nen pro 100.000 Ein­woh­ner in ei­ner Wo­che – vor Wi­en.

Im Lau­fe des Vor­mit­tags murr­ten die be­trof­fe­nen Re­gio­nen im­mer lau­ter. Es ge­be zu vie­le Un­klar­hei­ten, mein­te et­wa der Bür­ger­meis­ter von Kuchl, Tho­mas Frey­lin­ger (ÖVP). Der Wel­ser Bür­ger­meis­ter, Andre­as Rabl (FPÖ), for­der­te ei­nen „ra­schen Stra­te­gie­wech­sel der Bun­des­re­gie­rung“und sag­te dem

STAN­DARD: „Es ist kein Feu­er am Dach, kein Grund zur Pa­nik.“

Zu Mit­tag sprach in ei­ner Pres­se­kon­fe­renz Inns­brucks Bür­ger­meis­ter Georg Wil­li (Grü­ne) von Maß­nah­men, die er noch in der Schub­la­de lie­gen ha­be, Maß­nah­men, die „So­zi­al­kon­tak­te wei­ter ein­schrän­ken“. Ei­ne Aus­gangs­sper­re woll­te er künf­tig auch nicht aus­schlie­ßen.

Et­wa zeit­gleich kam ei­ne wei­te­re Mel­dung: St. Veit, ei­gent­lich oran­ge auf der Am­pel, ver­rin­gert die er­laub­te Teil­neh­mer­zahl bei Ver­an­stal­tun­gen. Und Ober­ös­ter­reich – im­mer­hin auch von der Rot-Schal­tung be­trof­fen? Da wur­de, wie er­war­tet, die Re­gis­trie­rung in der Gas­tro­no­mie be­schlos­sen.

Ab heu­te, Sams­tag, kommt es al­ler­dings auch zu Lo­cke­run­gen – zu­min­dest, was Ein­rei­sen be­trifft. Da tritt ei­ne neue Ver­ord­nung in Kraft, in der Tei­le von Kroa­ti­en und Bul­ga­ri­en nicht mehr als Ri­si­ko­ge­bie­te de­fi­niert wer­den.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.