»Wir schaf­fen das« Mer­kels Zei­ten­wen­de

Es hat zu lan­ge ge­dau­ert, bis Eu­ro­pa 2015 in der Flücht­lings­kri­se er­wacht ist. Jetzt stel­len un­ter­schied­li­che In­ter­es­sen die po­la­ri­sier­te Eu­ro­päi­sche Uni­on vor ei­ne Zer­reiß­pro­be.

Die Presse am Sonntag - - Ausland - VON MICHA­EL LACZYNSKI

Es wa­ren Fotos, de­ren Tra­gik al­les über­traf, was der eu­ro­päi­sche Durch­schnitts­bür­ger ge­mein­hin zu se­hen be­kommt: die Bil­der vom leb­lo­sen Kör­per des drei­jäh­ri­gen Ay­lan Kur­di aus der nord­sy­ri­schen Stadt Ko­ba­ne, der an ei­nen Strand bei Bo­drum ge­spült wur­de. Ay­lan und sein fünf­jäh­ri­ger Bru­der Ga­lip er­tran­ken am 2. Sep­tem­ber ge­mein­sam mit ih­rer Mut­ter bei dem Ver­such, von der Tür­kei aus die na­he ge­le­ge­ne grie­chi­sche Fe­ri­en­in­sel Kos zu er­rei­chen. Nur der Va­ter über­leb­te das Un­glück – ei­nes von vie­len, die sich heu­er im Mit­tel­meer er­eig­net ha­ben. Schät­zun­gen zu­fol­ge star­ben seit Jah­res­be­ginn 3500 Men­schen bei dem Ver­such, die si­che­ren Ge­sta­de der Eu­ro­päi­schen Uni­on zu er­rei­chen.

Ob An­ge­la Mer­kel die Fotos des to­ten Flücht­lings­kin­des kann­te, als sie ih­re Ent­schei­dung zur Öff­nung der deut­schen Gren­zen traf, ist nicht be­kannt. Fak­tum ist je­den­falls, dass mit der Ent­schei­dung der deut­schen Bun­des­kanz­le­rin und ih­rer selbst­be­wuss­ten, an Zweif­ler und Zau­de­rer ge­rich­te­ten An­sa­ge „Wir schaf­fen das“ei­ne Zei­ten­wen­de ein­ge­lei­tet wur­de – in Deutsch­land selbst, aber auch in der ge­sam­ten EU. Für ei­ne Po­li­ti­ke­rin, die ge­mein­hin gro­ße Wür­fe scheut und lie­ber Pro­ble­me in klei­ne Ein­zel­tei­le zer­legt, war es ein un­er­war­tet mu­ti­ger Schritt – und die­ser Mut wur­de vie­ler­orts ho­no­riert: von Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen und Glau­bens­ge­mein­schaf­ten über die Re­dak­tio­nen des „Ti­me Ma­ga­zi­ne“und der „Fi­nan­ci­al Ti­mes“, die Mer­kel zur Person des Jah­res kür­ten, bis hin zu Geor­get­te Mba­ha aus Ka­me­run, die ih­ren An­fang De­zem­ber im bran­den­bur­gi­schen Ebers­wal­de zur Welt ge­kom­me­nen Sohn „Christ Mer­kel“nann­te. Ei­gent­lich ha­be sie dem Bu­ben auch den Vor­na­men An­ge­la ge­ben wol­len, doch hät­ten ihr Be­kann­te da­von ab­ge­ra­ten, ver­trau­te die 32-Jäh­ri­ge der „Mär­ki­schen Oderzeitung“an.

Die Trag­wei­te der Er­eig­nis­se reicht vom Kleins­ten bis ins Größ­te: Mer­kels Na­me bleibt nicht nur mit ei­nem ka­me­ru­nisch-stäm­mi­gen Bun­des­bür­ger in spe un­trenn­bar ver­bun­den, son­dern – so me­lo­dra­ma­tisch es klin­gen mag – auch mit dem Schick­sal Eu­ro­pas. Die Ent­schei­dung, die in Ber­lin ge­fällt wur­de, hat näm­lich je­ne tie­fen Ris­se of­fen­bart, die die EU durch­zie­hen. Über­spitzt for­mu­liert könn­te man sa­gen, dass Mer­kels Cre­do als Brand­be­schleu­ni­ger fun­gier­te: Lan­ge Zeit konn­ten sich die Ent­schei­dungs­trä­ger in Brüssel und den EU-Haupt­städ­ten da­vor drü­cken, hin­sicht­lich der künf­ti­gen Form der Uni­on Stel­lung zu be­zie­hen. Selbst in der Eu­rok­ri­se war es ge­lun­gen, den di­plo­ma­ti­schen Schein zu wah­ren – denn da­bei ging es letz­ten En­des „nur“ums Geld.

Jetzt aber geht es ums Ein­ge­mach­te: das na­tio­na­le Selbst­ver­ständ­nis und die ele­men­ta­ren Kom­pe­ten­zen ei­nes Staa­tes. Denn wie auch beim Eu­ro hat sich bei Schen­gen und Du­blin – die zwei Orts­na­men ste­hen für Rei­se­frei­heit oh­ne Grenz­kon­trol­len und für die Asyl­po­li­tik der EU – her­aus­ge­stellt, dass die Er­run­gen­schaft nur ein Schön­wet­ter­kon­strukt war. An­ge­sichts ei­nes bei­spiel­lo­sen An­drangs an den Au­ßen­gren­zen der Uni­on – 2015 wur­den mehr als ein­ein­halb Mil­lio­nen il­le­ga­le Grenz­über­trit­te re­gis­triert – ist die­ser recht­li­che Rah­men de fac­to im­plo­diert. Dort, wo die Flücht­lin­ge und Mi­gran­ten den EU-Bo­den erst­mals be­tre­ten – al­so vor al­lem in Grie­chen­land und Ita­li­en –, wer­den sie nicht re­gis­triert, wie es Du­blin vor­sieht; und dort, wo freie Fahrt herr­schen soll­te – et­wa an der Gren­ze zwi­schen Ös­ter­reich und Deutsch­land –, wird trotz Schen­gen wie­der kon­trol­liert.

Die Ge­schich­te der Flücht­lings­kri­se liest sich wie die Chro­nik ei­ner an­ge­kün­dig­ten Ka­ta­stro­phe. Be­reits zu Jah­res­be­ginn warn­ten Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen, dass in den Flücht­lings­la­gern rund um Sy­ri­en die Ver­sor­gungs­la­ge im­mer pre­kä­rer und das Geld im­mer knap­per wer­de – doch Eu­ro­pa re­agier­te nicht. Als im Früh­ling mehr als 800 Per­so­nen im Mit­tel­meer er­tran­ken, ei­nig­te man sich im­mer­hin dar­auf, die ma­ri­ti­me Grenz­schutz­mis­si­on aus­zu­wei­ten und zu ei­nem Ret­tungs­ein­satz um­zu­funk­tio­nie­ren. Doch erst als Grie­chen­land aus al­len Näh­ten zu plat­zen droh­te, er­kann­te man in Brüssel und den EU-Haupt­städ­ten den Ernst der La­ge. In ei­ner Ab­fol­ge von Ge­set­zes­in­itia­ti­ven, Son­der-, Mi­ni- und Ne­ben­gip­feln wur­de ein re­gel­rech­tes Pot­pour­ri von Ge­gen­maß­nah­men zu­be­rei­tet – be­gin­nend bei ei­nem Ak­ti­ons­plan mit der Tür­kei bis hin zur Er­rich­tung von Erst­auf­nah­me­zen­tren, der Ver­tei­lung von Schutz­be­dürf­ti­gen auf die ge­sam­te Uni­on und der Schaf­fung ei­ner ge­mein­sa­men eu­ro­päi­schen Grenz­wa­che samt Durch­griffs­recht. So im­po­sant die­ses Ide­en­feu­er­werk aus­ge­fal­len ist, so dürf­tig wa­ren bis da­to die Er­geb­nis­se.

Das liegt dar­an, dass die In­ter­es­sen al­ler Be­tei­lig­ten wie noch nie in der Ge­schich­te der eu­ro­päi­schen Ei­ni­gung ge­gen­ein­an­der ar­bei­ten: Die süd­eu­ro­päi­schen Front­staa­ten Ita­li­en und Grie­chen­land wol­len die Neu­an­kömm­lin­ge nicht re­gis­trie­ren (mit der be­rech­tig­ten Sor­ge, nach­her für sie zu­stän­dig sein zu müs­sen), son­dern sie mög­lichst rasch nach Nor­den ex­pe­die­ren. Die von der Völ­ker­wan­de­rung über­for­der­ten Mit­tel- und Nord­eu­ro­pä­er wol­len die Flücht­lin­ge in an­de­re Mit­glied­staa­ten schaf­fen – not­falls ge­gen den Wil­len ih­rer Nach­barn. Die po­pu­lis­tisch-kon­ser­va­ti­ven Re­gie­run­gen Ost­eu­ro­pas ha­ben ers­tens ein Pro­blem mit dem Is­lam und wol­len sich zwei­tens we­der von Brüssel noch von Ber­lin vor­schrei­ben las­sen, wen sie bei sich auf­zu­neh­men ha­ben. Frank­reich ist an­ge­sichts der Ter­ror­an­schlä­ge von Pa­ris und dem Vor­marsch des Front Na­tio­nal mit sich selbst be­schäf­tigt – det­to Groß­bri­tan­ni­en, das ge­rückt ist, wer­den in den EU-Haupt­städ­ten seit Herbst Dog­men zu Gra­be ge­tra­gen: Schwe­den, das Quo­ten­geg­nern lan­ge Zeit Eng­her­zig­keit vor­ge­wor­fen hat­te, rief ei­nen Auf­nah­me­stopp aus und ver­schärf­te die Asyl­re­geln. Ös­ter­reich, das den un­ga­ri­schen Grenz­zaun mit der Na­zi-Zeit ver­gli­chen hat­te, bau­te beim Grenz­über­gang Spiel­feld selbst ei­nen – der aber lan­ge Zeit nicht „Zaun“hei­ßen durf­te, weil sonst der ge­rech­te Zorn der Bun­des­re­gie­rung auf Budapest re­tro­spek­tiv be­trach­tet al­les an­de­re als ge­recht er­schei­nen wür­de.

Es geht ums Ein­ge­mach­te: Die ele­men­ta­ren Kom­pe­ten­zen der Na­tio­nal­staa­ten. Ost­eu­ro­pas Län­der wol­len sich nicht vor­schrei­ben las­sen, wen sie auf­zu­neh­men ha­ben.

In der Haupt­stadt der EU wie­der­um lau­fen seit Spät­herbst die Ar­bei­ten am Eu­ro­pa der zwei Ge­schwin­dig­kei­ten auf Hoch­tou­ren – ei­ne „Ko­ali­ti­on der Wil­li­gen“, be­ste­hend aus Ös­ter­reich, Deutsch­land, Bel­gi­en, den Nie­der­lan­den, Lu­xem­burg, Finn­land und

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.