Ein Hö­hen­flug zum Sech­zi­ger

Rot-Blau im Bur­gen­land, Schwarz-Blau in Ober­ös­ter­reich, plus 16 Pro­zent­punk­te in der Stei­er­mark, über 30 Pro­zent in Wi­en. Da­zu Hoch­kon­junk­tur für das frei­heit­li­che The­ma schlecht­hin. 2015 war das Jahr der FPÖ.

Die Presse am Sonntag - - Inland - VON OLI­VER PINK

Ei­ne li­be­ra­le Ho­no­ra­tio­ren­par­tei soll­te es wer­den, die die Jour­na­lis­ten Her­bert Kraus und Vik­tor Rei­mann da 1949 ge­mein­sam mit dem da­ma­li­gen Chef­re­dak­teur der „Salz­bur­ger Nach­rich­ten“, Gus­tav Ca­na­val, im Sinn hat­ten. Ei­ne Par­tei für das Bil­dungs­bür­ger­tum, das nicht Rot oder Schwarz sein woll­te. Ge­wählt wur­de der von ih­nen ge­grün­de­te Ver­band der Un­ab­hän­gi­gen (VdU) dann aber in ers­ter Li­nie von ehe­ma­li­gen Na­tio­nal­so­zia­lis­ten.

Die in­ner­par­tei­li­che Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Li­be­ra­len und Na­tio­na­len wog­te hin und her. Die Par­tei drif­te­te im­mer wei­ter nach rechts. Letzt­lich setz­ten sich die Na­tio­na­len durch. Und die Par­tei wur­de neu ge­grün­det: am 3. No­vem­ber 1955 als Frei­heit­li­che Par­tei Ös­ter­reichs (FPÖ).

60 Jah­re spä­ter hat die FPÖ ei­nes der er­folg­reichs­ten Jah­re ih­rer Ge­schich­te hin­ter sich. Nimmt man die Me­dien­be­rich­te des ver­gan­ge­nen Jah­res her, dann war FPÖ-Chef Hein­zChris­ti­an Stra­che ent­we­der im Ur­laub, oder er wahl­kämpf­te und fei­er­te Wahl­sie­ge.

Plus 16 Pro­zent­punk­te bei der Land­tags­wahl in der Stei­er­mark. Am Wahl­sonn­tag­nach­mit­tag sah es ei­ne Zeit lang so aus, als könn­te die FPÖ so­gar Ers­ter wer­den. Nicht nur die Stei­er­mark, ganz Ös­ter­reich hielt den Atem an. Letzt­lich wur­den die Frei­heit­li­chen knapp hin­ter SPÖ und ÖVP Drit­te.

Am sel­ben Tag leg­ten die Frei­heit­li­chen im Bur­gen­land um sechs Pro­zent­punk­te zu. Den wah­ren Er­folg soll­ten sie al­ler­dings erst da­nach fei­ern: Sie durch­bra­chen den (oh­ne­hin schon löch­ri­gen) Cor­don sa­ni­taire. SPÖ-Lan­des­haupt­mann Hans Niessl nahm die FPÖ als Ko­ali­ti­ons­part­ner in die bur­gen­län­di­sche Lan­des­re­gie­rung auf.

Bei der Land­tags­wahl in Ober­ös­ter­reich im Herbst über­hol­ten die Frei­heit­li­chen mit 30 Pro­zent die SPÖ und lan­de­ten auf Platz zwei (plus 15 Pro­zent­punk­te) – und fan­den sich da­nach eben­falls in ei­ner Ko­ali­ti­on wie­der, dies­mal in der Va­ri­an­te Schwarz-Blau.

In Wi­en er­ziel­ten die Frei­heit­li­chen mit über 30 Pro­zent eben­so ihr his­to­risch bes­tes Er­geb­nis. Die­ses war nur ge­trübt durch die (zu) ho­he Er­war­tungs­hal­tung da­vor: Denn dem SPÖSpin vom „Du­ell um Wi­en“wa­ren mit der Zeit auch die Frei­heit­li­chen er­le­gen und hat­ten be­reits vom Bür­ger­meis­ter­amt für Heinz-Chris­ti­an Stra­che zu träu­men be­gon­nen. Sing­le is­sue. Im Hin­ter­grund die­ser Wah­l­er­fol­ge lief je­nes The­ma, das seit Jörg Hai­ders Zei­ten als ge­nu­in frei­heit­li­ches gilt: das Aus­län­der­the­ma. Im dies­jäh­ri­gen Fall kam es als Flücht­lings­the­ma da­her. Hat­te Jörg Hai­der po­li­tisch aber auch noch an­de­re Fel­der be­ackert, so fährt die Stra­che-FPÖ mit der Kri­tik an zu viel Zu­wan­de­rung mehr oder we­ni­ger ei­ne Sing­le-is­su­eS­tra­te­gie. Er­gänzt noch um EU-Kri­tik. Aber da geht es ge­wis­ser­ma­ßen ja auch um Ausländer.

Wer der Mei­nung ist, es ge­be zu viel Zu­wan­de­rung be­zie­hungs­wei­se es soll­te nicht mehr ge­ben, der schreibt ent­we­der et­was im In­ter­net oder macht sein Kreuz bei der FPÖ. Mög­li­cher­wei­se auch bei­des. Beim The­ma Ausländer im wei­te­ren Sin­ne ver­fügt die FPÖ über die ent­spre­chen­de Street Cre­di­bi­li­ty. An­de­re The­men sind Ne­ben­sa­che. Auch wenn nicht aus­zu­schlie­ßen ist, dass FPÖ-Sym­pa­thi­san­ten aus dem ur­sprüng­lich von Rei­mann und Kraus so um­wor­be­nen Bil­dungs­bür­ger­tum viel­leicht we­gen de­ren kla­rer Hal­tung zum Er­halt des Gym­na­si­ums die FPÖ wäh­len.

Über­haupt ist das mit der Wäh­ler­struk­tur der FPÖ kei­ne so ein­fa­che Sa­che. Dass es sich hier­bei haupt­säch­lich um so­ge­nann­te Mo­der­ni­sie­rungs- ver­lie­rer hand­le, ist falsch. Wenn es stimmt, dann stimmt es höchs­tens für Wi­en. Hier hat die FPÖ die SPÖ in den gro­ßen Flä­chen­be­zir­ken am Stadt­rand über die Jah­re hin­weg ab­kas­siert. Bei der Wi­en-Wahl 2015 war die FPÖ die Ar­bei­ter­par­tei. Das wur­de auch am Wahl­abend er­sicht­lich: Im SPÖ-Zelt fei­er­te die (aka­de­mi­sche) Mit­tel­schicht, im FPÖ-Zelt sah man ei­nen Qu­er­schnitt durch die Be­völ­ke­rung, al­so auch je­ne Men­schen, die einst zur Kernk­li­en­tel der SPÖ ge­hör­ten. Wie zu Hai­ders Zei­ten. Auf dem Land sieht die Sa­che an­ders aus. Hier ist die FPÖ noch brei­ter auf­ge­stellt und weit ins Bür­ger­tum ein­ge­drun­gen. Die Wahl­par­ty der stei­ri­schen FPÖ er­in­ner­te an glanz­vol­le Hai­der-Zei­ten in Kärn­ten: Hier fei­er­te die Mit­tel­schicht im Trach­ten-Chic. In Ober­ös­ter­reich hol­te die FPÖ laut dem Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tut So­ra 84.000 Stim­men von der ÖVP, das war der größ­te Wäh­ler­strom bei die­ser Wahl. Und die tra­di­tio­nel­le Eli­te der Par­tei − die Bur­schen­schaf­ter − ist un­ter Hein­zChris­ti­an Stra­che wei­ter eng an die FPÖ ge­bun­den.

Das Haupt­mo­tiv bei al­len Wah­len des ver­gan­ge­nen Jah­res, FPÖ zu wäh­len, war die Flücht­lings­kri­se. Und der Sog die­ses The­mas war so stark, dass er we­nig Platz für an­de­res ließ, so­gar po­ten­zi­el­le Skan­da­le ver­blass­ten da­ge­gen. So war auch die Auf­re­gung um Her­bert Kickl bald wie­der ver­pufft: Der heu­ti­ge FPÖ-Ge­ne­ral­se­kre­tär soll stil­ler Teil­ha­ber ei­ner Agen­tur ge­we­sen sein, die sei­ner­zeit Geld aus Auf­trä­gen der Kärnt­ner Lan­des­re­gie­rung an die FPÖ wei­ter­ge­lei­tet ha­ben soll.

Nur nicht zu sehr an­ecken – au­ßer beim The­ma Is­lam und (mus­li­mi­sche) Zu­wan­de­rung. Zu Jah­res­en­de war Her­bert Kickl, zwi­schen­zeit­lich sehr wort­karg, wie­der in Form.

Zu Jah­res­en­de lief Her­bert Kickl, zwi­schen­zeit­lich ver­hält­nis­mä­ßig wort­karg, wie­der zu al­ter Form auf: Beim Hea­ring von Irm­gard Griss im FPÖKlub mein­te er zu die­ser, als sie vor­schlug, man sol­le in der Schu­le das Fach „Kri­ti­sches Den­ken“ein­füh­ren: „Ich hal­te ,kri­ti­sches Den­ken’ für ei­nen Pleo­nas­mus. Für mich ist Den­ken per se kri­tisch.“

Zu­vor hat­te sich Kickl noch kur­zer­hand des Pro­blems Su­san­ne Win­ter ent­le­digt. Er warf die Ab­ge­ord­ne­te, die ein Pos­ting wohl­wol­lend kom­men­tiert hat­te, das den „zio­nis­ti­schen Geld­ju­den“die Schuld an der Flücht­lings­kri­se zu­schob, aus der Par­tei. Denn die FPÖ mag zwar an­ti-is­la­mi(sti)sch sein, un­ter Heinz-Chris­ti­an Stra­che fährt sie mitt­ler­wei­le je­doch ei­nen de­zi­dier­ten Pro-Is­ra­el-Kurs.

Im Herbst nahm der Ge­ne­ral­se­kre­tär der Jü­di­schen Kul­tus­ge­mein­de, Rai­mund Fas­ten­bau­er, an ei­ner von der Platt­form Wie­ner Kor­po­ra­tio­nen, ei­ner Ver­ei­ni­gung di­ver­ser Bur­schen­schaf­ten, ver­an­stal­te­ten Dis­kus­si­on zum The­ma Is­la­mis­mus teil. Die „Krone“be­rich­te­te in Wort und Bild. Die FPÖ re­gis­trier­te es mit Wohl­ge­fal­len. In Um­fra­gen deut­lich Ers­ter. Nur nicht mehr all­zu sehr an­ecken. Au­ßer beim The­ma Is­lam und (mus­li­mi­sche) Zu­wan­de­rung. Das war die De­vi­se der FPÖ in den ver­gan­ge­nen Jah­ren. Und der (Wahl-)Er­folg be­stä­tigt die­se Li­nie. In den meis­ten Um­fra­gen liegt die FPÖ auf Bun­des­ebe­ne der­zeit deut­lich auf Platz eins. Die nächs­ten Na­tio­nal­rats­wah­len sind pro­gramm­ge­mäß al­ler­dings erst 2018.

Im kom­men­den Jahr wird für die FPÖ nicht viel zu ho­len sein. Da gibt es le­dig­lich die Bun­des­prä­si­den­ten­wahl, und mit ih­rem vor­aus­sicht­li­chen Kan­di­da­ten Nor­bert Ho­fer, dem Drit­ten Na­tio­nal­rats­prä­si­den­ten, wird die FPÖ über die ers­te Run­de kaum hin­aus­kom­men.

Das Flücht­lings­the­ma wird der FPÖ aber wohl er­hal­ten blei­ben. Die Um­fra­gen dürf­ten die Frei­heit­li­chen al­so auch 2016 ge­win­nen.

Clemens Fa­b­ry

Ur­laub, Wahl­kampf, Wahl­sie­ge: FPÖ-Chef Heinz-Chris­ti­an Stra­che.

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