Die ge­teil­te Stadt

2015 war das Jahr, in dem die SPÖ den Mut der Ver­zweif­lung fand, die ÖVP auf­gab und Wi­en in zwei Hälf­ten zer­fiel. Das Er­geb­nis von so viel Dra­ma? Rot-Grün macht wei­ter wie zu­vor.

Die Presse am Sonntag - - Österreich - VON UL­RI­KE WEI­SER

Im Nach­hin­ein er­scheint al­les im­mer lo­gisch. War­um es ge­nau so kom­men muss­te und nicht an­ders. Hind­sight Bi­as, Rück­schau­feh­ler, nennt man die­se Ten­denz zur Ex-Post-Bes­ser­wis­se­rei. Wir al­le frö­nen ihr oder lei­den un­ter ihr. Im Wahl­jahr 2015 lit­ten vor al­lem Mei­nungs­for­scher und Jour­na­lis­ten. Zu Recht. Man­che Pro­gno­se ist ei­nem jetzt noch pein­lich.

Al­ler­dings: So glasklar war es eben da­mals nicht, dass die Wie­ner SPÖ mit ih­rer „Wir sind die Gu­ten“-Stra­te­gie in der Flücht­lings­fra­ge er­folg­reich sein wür­de (wo­bei sich „er­folg­reich“an den nied­ri­gen Er­war­tun­gen be­misst). Tat­säch­lich war es un­ge­wöhn­lich, mit so ei­ner An­sa­ge in den Wahl­kampf zu ge­hen. Und ganz si­cher war es ein Ri­si­ko. Nicht oh­ne Grund lau­te­te der ro­te Plan ja ur­sprüng­lich: Bit­te pst! Man woll­te das Flücht­lings­the­ma mei­den, um nicht der FPÖ in die Hän­de zu spie­len, die ge­ra­de von Wah­l­er­folg zu Wah­l­er­folg eil­te. Aber die Er­eig­nis­se – Trais­kir­chen, die Sze­nen an der Gren­ze – war­fen die­se Tak­tik über den Hau­fen, und so mach­te Micha­el Häupl aus der Not ei­ne Tu­gend. Be­vor sich noch die Grü­nen mit Ver­weis auf Rot-Blau im Bur­gen­land als ein­zi­ges Boll­werk ge­gen die FPÖ po­si­tio­nie­ren konn­ten, gab der Wie­ner Bür­ger­meis­ter die Pa­ro­le „Hel­fen oh­ne Wenn und Aber“aus. Zeit­gleich wur­de auf dem Wie­ner Haupt­und West­bahn­hof die gro­ße Hilfs­be­reit­schaft vie­ler Bür­ger sicht­bar. Das pass­te gut. Auch stra­te­gisch. De­fi­nie­re „Leih­stim­me“. So wur­de aus ei­nem schlich­ten Land­tags­wahl­kampf ein Du­ell „Gut ge­gen Bö­se“mit kla­rer Rol­len­ver­tei­lung, und es ging auch nicht mehr nur um Wi­en, son­dern um ganz Ös­ter­reich. Da bei Dra­men kei­ner klein­lich sein will, ver­dräng­te die Flücht­lings­fra­ge fort­an auch al­le an­de­ren, der SPÖ oft läs­ti­ge The­men. Und ja, die Me­di­en hal­fen da­bei mit.

Und so trat ein, wor­auf die SPÖ spe­ku­liert hat­te: Aus Angst vor ei­nem plötz­lich rea­len Bür­ger­meis­ter Hein­zChris­ti­an Stra­che wähl­ten auch Men­schen rot, die sonst den Grü­nen oder der ÖVP ih­re Stim­me ge­ge­ben hät­ten. Seit­her ge­hört der nicht ganz sau­ber de­fi­nier­te Be­griff „Leih­stim­men­ef­fekt“zum all­ge­mei­nen Wort­schatz. Dass Stra­che, selbst wenn er Ers­ter ge­wor­den wä­re, kei­ne Ko­ali­ti­on hät­te bil­den kön­nen, spiel­te kei­ne Rol­le. Stra­che-Ver­hin­dern wur­de den­noch zu ei­nem zen­tra­len Wahl­mo­tiv. Laut Wahl­for­schern stimm­te je­der vier­te SPÖ-Wäh­ler we­ni­ger für die SPÖ als ge­gen die FPÖ.

Doch da­nach fragt am Wahl­abend kei­ner, Haupt­sa­che, Platz eins. Ob Häu­pls An­ti-Stra­che-Re­zept al­ler­dings nach­hal­tig funk­tio­niert, ist of­fen. Denn ge­nau­so wie der „ro­te Sieg“nicht ganz der Wahr­heit ent­spricht – die FPÖ hat mas­siv da­zu­ge­won­nen, die SPÖ viel ver­lo­ren – , so hat auch die ro­te Stra­te­gie nur halb funk­tio­niert. Wi­en war im Ok­to­ber 2015 ei­ne ge­teil­te, ei­ne po­la­ri­sier­te Stadt: Grob ge­sagt, ver­lief der Gr­a­ben zwi­schen den in­ne­ren und den äu­ße­ren Be­zir­ken. In den Flä­chen­be- zir­ken – SPÖ-Kern­ge­biet – färb­ten sich ro­te Grät­zeln blau, et­wa im Stadt­er­wei­te­rungs­ge­biet Aspern. Und Sim­me­ring ge­hört der FPÖ seit Ok­to­ber ganz. Sie stellt dort ih­ren ers­ten Be­zirks­chef.

Das be­deu­tet aber auch: Oh­ne die in­ner­städ­ti­schen „Bo­bo“-Wäh­ler, über die sich die SPÖ gern lus­tig macht, hät­te das Wah­l­er­geb­nis an­ders aus­ge­se­hen. Denn in der klas­si­schen ro­ten Ziel­grup­pe hat der Wahl­kampf eher den Ein­druck ver­fes­tigt, dass die SPÖ im­mer nur für die an­de­ren da ist. Ob das nun die in­ne­ren Be­zir­ke sind, de­nen man ei­ne neue Ma­ria­hil­fer Stra­ße be­zahlt und in de­nen man Rad­fah­rer­de­bat­ten wälzt. Oder eben nun die Flücht­lin­ge.

Die­se Kern­wäh­ler will/muss die SPÖ nun zu­rück­ge­win­nen. Al­ler­dings darf sie ih­re Wahl­kampf­mo­ral nicht ver­leug­nen, so sie nicht un­glaub­wür­dig wer­den will. Kei­ne leich­te Übung. Cir­ca 80 Pro­zent al­ler in Ös­ter­reich an­er­kann­ten Flücht­lin­ge wer­den in Wi­en lan­den, schätzt die So­zi­al­stadt­rä­tin. Das be­deu­tet Kos­ten und Platz­be­darf. Und das in ei­ner Stadt, die so­wie­so un­ter Wachs­tums­schmer­zen lei­det. Die SPÖ will den Spa­gat zwi­schen Ide­al und All­tag mit „neu­er Ehr­lich­keit“schaf­fen. Soll hei­ßen: Man will Pro­ble­me künf­tig of­fen an­spre­chen (bis­her tat man das al­so nicht.) So rich­tig funk­tio­niert das aber noch nicht. Bei der von der Bun­des­ÖVP lan­cier­ten De­bat­te über is­la­mi­sche Wie­ner Kin­der­gär­ten mach­te die ro­te Stadt­re­gie­rung kei­ne gu­te Fi­gur.

Da­bei muss die SPÖ künf­tig öf­ter mit sol­chen Ma­nö­vern rech­nen. Die zwi­schen dem Häupl/Stra­che-Du­ell und den Ne­os auf­ge­rie­be­ne, nur noch ein­stel­li­ge ÖVP plant ei­nen stram­men

Wur­de Häupl-Vi­ze.

Jo­hann Gu­de­nus (FPÖ).

Kam.

Ger­not Blü­mel ist der neue ÖVP-Chef.

Zog ein.

Beate Mein­lRei­sin­ger (Ne­os) ist im Ge­mein­de­rat.

Ist weg.

¸Se­nol Ak­ki­li¸c, des­sen Wech­sel von Rot zu Grün die Wahl­rechts­re­form ver­hin­dert hat­te, be­kam kein Man­dat. Op­po­si­ti­ons­kurs. Und weil der neue Chef, Ger­not Blü­mel, vor­her Bun­des­ÖVP-Ge­ne­ral­se­kre­tär war und sich mit In­te­gra­ti­ons­mi­nis­ter Se­bas­ti­an Kurz gut ver­steht, wird der Bund da­bei kräf­tig mit­hel­fen. In­so­fern kann man viel­leicht an der Wie­ner ÖVP stu­die­ren, wie ei­ne Bun­des-ÖVP mit Kurz als Chef aus­se­hen wür­de. Grüne Stil­le. Wie man sich Rot-Grün II vor­stel­len kann, ist ein­fach: ähn­lich wie Teil I. Was Micha­el Häupl mit dem Satz mein­te „Ich wer­te die­ses Wah­l­er­geb­nis nicht als Auf­trag, so wei­ter­zu­ma­chen wie bis­her“, ist bis da­to ein Rät­sel. Die Re­gie­rungs­mann­schaft ist fast iden­tisch, der Ko­ali­ti­ons­pakt liest sich wie ei­ne Fort­set­zung des vor­an­ge­gan­gen. Die ein­zi­ge gro­ße In­no­va­ti­on ist die Zu­sam­men­le­gung der Res­sorts In­te­gra­ti­on und Bil­dung. Sie ist al­ler­dings eher Zu­fall, und das ers­te gro­ße Bil­dungs­pro­jekt ist auch schon ge­schei­tert: Aus ei­ner wien­wei­ten Mo­dell­re­gi­on zur Ge­samt­schu­le wird nichts. Tat­säch­lich heißt das wich­tigs­te Pro­jekt von Ro­tG­rün II wohl schlicht: Fi­nanz­aus­gleich.

Auch sonst ver­lief der Start holp­rig. Die neue Ko­ali­ti­on be­ginnt, wie die al­te ge­en­det hat: Dem (nun bei­ge­leg­ten) Streit über ein neu­es Wahl­recht folgt der Streit über den Lo­bau­tun­nel. Auch sonst drü­cken Ge­rüch­te über Ne­ben­ab­spra­chen (Stichwort: Fran­ken­kre­di­te) die Stim­mung bei der Ba­sis. Die in­ter­nen Ab­stim­mungs­er­geb­nis­se wa­ren be­schei­den. Bei den Grü­nen wur­de ein Chef­ver­hand­ler, der Lan­des­spre­cher, weg­ge­putscht. Der neue, Joa­chim Ko­vacs, will die Par­tei „we­ni­ger ab­ge­ho­ben“po­si­tio­nie­ren, mehr „ech­tes Le­ben“qua­si. Zu der De­bat­te über is­la­mi­sche Kin­der­gär­ten sag­te man trotz­dem we­nig. Über­haupt ist es um die Grü­nen, einst im Zen­trum der Auf­merk­sam­keit, still ge­wor­den. War­um? Man weiß es nicht so ge­nau. Aber spä­tes­tens 2016 wird das al­les ganz lo­gisch sein.

Oh­ne die »Bo­bo«-Wäh­ler hät­te das Wah­l­er­geb­nis für die SPÖ an­ders aus­ge­se­hen.

APA

Neu­start oh­ne viel Neu­es: Bür­ger­meis­ter Micha­el Häupl (SPÖ) und Vi­ze­bür­ger­meis­te­rin Ma­ria Vas­silak­ou (Grüne).

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