Die Ak­ti­vie­rung der Zi­vil­ge­sell­schaft

Die Hel­fer von Trais­kir­chen und die lo­ka­len Initia­ti­ven wa­ren erst Vor­bo­ten: wie ei­ne Po­li­tik in Schock­star­re Flücht­lings­hel­fern an Gren­zen oder Bahn­hö­fen ak­ti­viert hat. Was bleibt von der »Ge­ne­ra­ti­on Haupt­bahn­hof«? Mas­sen an

Die Presse am Sonntag - - Österreich - VON CHRIS­TI­NE IMLINGER

Mehr als 10.000 Flücht­lin­ge an ei­nem Tag al­lein auf dem West­bahn­hof – und hun­der­te Frei­wil­li­ge, die ei­lig brach­ten, was sie eben da­heim oder schnell ge­kauft hat­ten: Obst, Ge­wand, Spiel­zeug, Me­di­ka­men­te. Ein zeit­his­to­ri­scher Tag, die­se Bil­der wür­den lang blei­ben – die­ser Ein­druck fes­tig­te sich am 5. Sep­tem­ber 2015 auf dem Bahn­hof. Es war der Tag, nach­dem Deutsch­land und Ös­ter­reich ih­re Gren­zen für Flücht­lin­ge, die in Un­garn fest­ge­ses­sen wa­ren, ge­öff­net hat­ten. Der Tag der viel zi­tier­ten „über­wäl­ti­gen­den Hilfs­be­reit­schaft“– sie soll­te an­hal­ten. Aber es war kein über­ra­schen­des Auf­wa­chen der Ge­sell­schaft. Über Mo­na­te hat­te sich ei­ne neue Art der Hilfs­be­reit­schaft eta­bliert. Über so­zia­le On­li­ne­net­ze or­ga­ni­siert, fan­den sich in Städ­ten oder in noch so klei­nen Or­ten Leu­te, die Flücht­lin­ge un­ter­stüt­zen: Deutsch ler­nen, Ge­wand vor­bei­brin­gen, bei Be­hör­den­we­gen hel­fen, viel­leicht so­gar im ei­ge­nen Haus je­man­dem ein Zim­mer be­reit­stel­len – kurz, ak­tiv wer­den statt weg­schau­en oder Geld über­wei­sen. 2015 hilft man in­di­vi­du­el­ler. Im Som­mer, als die un­wür­di­gen Zu­stän­de in Trais­kir­chen das po­li­ti­sche Ver­sa­gen zur Schau stell­ten, wuchs bei vie­len die Wut – und das Ge­fühl, nicht mehr nur zu­schau­en zu kön­nen. Täg­lich wur­den Au­to­la­dun­gen an akut Be­nö­tig­tem, Win­deln, Nah­rung, Hy­gie­ne­ar­ti­keln, zum Erst­auf­nah­me­zen­trum ge­bracht. An den Zäu­nen des Flücht­lings­la­gers ent­stan­den Be­zie­hun­gen, die Art des Hel­fens ver­än­der­te sich in die­ser Flücht­lings­kri­se: Es ist un­mit­tel­ba­rer, in­di­vi­du­el­ler, per­sön­li­cher. Heu­er ging es auch dar­um, der über­wäl­ti­gen­den Flücht­lings­be­we­gung Ge­sich­ter zu ge­ben, die Ge­schich­ten der Men­schen im In­ter­net mit­zu­tei­len. Ob in Wi­en, Trais­kir­chen, Budapest oder Rösz­ke. Ei­ne neue Be­we­gung der Hilfs­be­reit­schaft und der ak­ti­vier­ten Zi­vil­ge­sell­schaft, die im Spät­som­mer rich­tig in Fahrt kam: Da wa­ren die 71 To­ten im Kühl-Lkw na­he Parn­dorf, das Bild des to­ten drei­jäh­ri­gen Alan Kur­di, das Ent­set­zen, die Wut und die so­zia­len Me­di­en als Be­schleu­ni­ger. Was wird wo ge­braucht? Wo kom­men ge­ra­de Flücht­lin­ge an? Ge­spickt mit Bil­dern oder Be­rich­ten von Be­kann­ten oder Un­ter­neh­men, die hel­fen – und so mo­ti­vie­ren, es gleich­zu­tun.

Ex­em­pla­risch für die neue Art der Hil­fe steht die Be­we­gung Train of Ho­pe vom Haupt­bahn­hof: spon­tan ent­stan­den, als ir­gend­wel­che Leu­te – vie­le, die zu­vor nie mit Flücht­lin­gen zu tun hat­ten – ka­men, als sie via Face­book und Twit­ter er­fah­ren hat­ten, in wel­chem Zu­stand Flücht­lin­ge an­kom­men und dass es kei­ne Ver­sor­gung ge­be. Wäh­rend an­ders­wo, auf dem West­bahn­hof et­wa die Ca­ri­tas, pro­fes­sio­nel­le Or­ga­ni­sa­tio­nen die Ko­or­di­na­ti­on (auch der Frei­wil­li­gen) über­nah­men, blieb der Haupt­bahn­hof über Mo­na­te in der Hand der jun­gen Be­we­gung, es wuchs ei­ne Struk­tur mit Es­sens- und Klei­der­aus­ga­be, La­za­rett, Kin­der­be­treu­ung und Dol­met­schern. Online wur­den Di­ens­te or­ga­ni­siert, in Sum­me wa­ren es hun­dert­tau­send Ar­beits­stun­den, die ge­leis­tet wur­den. So­bald via In­ter­net pu­blik wur­de, wor­an es man­gelt, war es bin­nen ei­ner hal­ben St­un­de da.

An­rai­ner ha­ben Flücht­lin­ge bei sich du­schen las­sen, Spen­der al­les von Nah­rung bis Kin­der­wä­gen vor­bei­ge­bracht. Dass nam­haf­te Fir­men (nicht nur dort) un­bü­ro­kra­tisch hel­fen oder Pro­mi­nen­te mit ih­rem En­ga­ge­ment wer­ben, gibt der Sa­che zu­sätz­lich Schwung. Und sorgt für Kri­tik. Die Hel­fer als Selbst­dar­stel­ler, die sich zu gern im In­ter­net mit ih­ren gu­ten Ta­ten zei­gen. Un­ter­neh­men, die es für ihr Image nut­zen, dass Flücht­lings­hil­fe in ge­wis­sen Krei­sen ge­ra­de en vogue ist. In ei­ner jun­gen, ur­ba­nen, ge­bil­de­ten Schicht, ei­nem stu­den­ti­schen Mi­lieu, das kei­ne Mehr­heit ist. Und das, wenn sich die Bil­der ab­ge­nutzt ha­ben, wenn mehr Ar­beit nö­tig sei, als ei­nem Kind ein Spiel­zeug zu­zu­ste­cken und da­für ein La­chen zu kas­sie­ren, schon dem nächs­ten Trend nach­rennt.

Die „Klat­scher vom Bahn­hof“, die „Will­kom­men-Schrei­er“wur­den mit­un­ter zum Feind­bild, zum Schimpf­wort für je­ne, de­nen man Nai­vi­tät in der Flücht­lings­fra­ge zu­sprach und de­nen man vor­warf, den So­geffekt die­ser Kul­tur nicht zu be­den­ken oder auch ISAn­hän­ger mit „Re­fu­gees Wel­co­me“emp­fan­gen zu ha­ben. Und sie ist doch nicht ge­kippt. Aber al­ler Wi­der­sprü­che zum Trotz – oh­ne die Frei­wil­li­gen wä­re es die­sen Herbst nicht ge­gan­gen, da sind Po­li­tik und Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen sich ei­nig. An­ge­sichts der Dy­na­mik spricht man von ei­ner „Ge­ne­ra­ti­on Haupt­bahn­hof“, ei­ner Po­li­ti­sie­rung durch die Flücht­lings­kri­se. Die Ge­ne­ra­ti­on Bahn­hof bil­det wohl kei­ne Mehr­heit, ent­schei­det kei­ne Wah­len, das zei­gen Wi­en, Ober­ös­ter­reich oder Sonn­tags­um­fra­gen.

Dass man Flücht­lings­hel­fern Un­recht tut, wenn man sie auf ein jun­ges, eher lin­kes Mi­lieu re­du­ziert, zei­gen die di­ver­sen Flücht­lings­her­ber­gen. Da trifft man Frau­en aus den Pfar­ren, Pen­sio­nis­ten, die Deutsch leh­ren, Gut­si­tu­ier­te, die bei An­schaf­fun­gen aus­hel­fen, Mi­gran­ten, die dol­met­schen, ge­nau­so wie Stu­den­ten oder die grün­af­fi­nen Be- woh­ner der in­ne­ren Be­zir­ke. Auch dass die Stim­mung bei den Hel­fern schon noch kip­pen wür­de, hat sich nicht be­wahr­hei­tet. Nicht nach den Wah­len, nicht als ver­meint­li­che Flücht­lin­ge als IS-An­hän­ger ver­haf­tet wur­den, nicht als Pro­ble­me wie Schlä­ge­rei­en in Mas­sen­quar­tie­ren pu­blik wur­den.

Die Akut­hil­fe ist we­ni­ger ge­wor­den, auch hört man aus Not­quar­tie­ren, es sei schwie­ri­ger ge­wor­den, Di­ens­te zu be­set­zen. Aber die Hel­fer kom­men noch im­mer, brin­gen noch im­mer sä­cke­wei­se Klei­der, Es­sen oder Spiel­zeug, an­ders­wo ha­ben sich län­ger­fris­ti­ge Pa­ten­schaf­ten er­ge­ben. Wie­der an­de­re son­die­ren nun, wie sie wei­ter­tun, die Hel­fer von Train of Ho­pe et­wa über­le­gen, wie sie Hel­fer, die nur auf ei­nen neu­en Ein­satz war­ten wür­den, sinn­voll ein­set­zen. Ein En­de der Hilfs­be­we­gung aus 2015 ist noch nicht in Sicht.

Chris­ti­an Pren­ner/ picturedesk.com

Spon­ta­ne Hil­fe im Herbst auf dem West­bahn­hof: vom Ba­na­nen- und Was­ser­aus­tei­len bis zur rasch or­ga­ni­sier­ten Kin­der­be­treu­ung.

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