Die Stin­ker des Jah­res

Nur dank raf­fi­nier­ter Ma­ni­pu­la­ti­on er­füll­ten Mil­lio­nen von Fahr­zeu­gen aus dem Hau­se Volks­wa­gen die Ab­gas­vor­schrif­ten. Am En­de könn­te »Die­sel­ga­te« aber Kun­den und Um­welt hel­fen.

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON NOR­BERT RIEF

Viel pein­li­cher hät­te der Skan­dal nicht sein kön­nen. Aus­ge­rech­net im kor­rek­ten Deutsch­land, aus­ge­rech­net bei Volks­wa­gen, dem In­be­griff von Spieß­bür­ger­tum in der Au­to­welt. „Ge­bau­er, wo blei­ben die Wei­ber“, soll das ge­flü­gel­te Wort bei Aus­flü­gen des Be­triebs­rats ge­we­sen sein. Mit Pro­sti­tu­ier­ten und wil­den Par­ties in teu­ren Lu­xus­ho­tels er­kauf­te sich VW und sein Per­so­nal­ma­na­ger Klaus-Joa­chim Ge­bau­er vie­le Jah­re lang das Wohl­wol­len der Ar­beit­neh­mer­ver­tre­ter. Der Skan­dal um die be­sto­che­nen Be­triebs­rä­te kam 2005 an die Öf­fent­lich­keit, es gab Ver­ur­tei­lun­gen, Schuld­ein­ge­ständ­nis­se und das Ge­löb­nis, dass künf­tig al­les bes­ser wer­de.

Zehn Jah­re spä­ter wird Volks­wa­gen wie­der von ei­nem Skan­dal er­schüt­tert – grö­ßer und schwer­wie­gen­der als der von 2005. Denn dies­mal geht es nicht um skru­pel­lo­se Ma­na­ger und kor­rup­te Funk­tio­nä­re, dies­mal geht es um skru­pel­lo­se Ma­na­ger und mil­lio­nen­fach be­tro­ge­ne Kun­den. Mit den ma­ni­pu­lier­ten Mo­to­ren, um die stren­gen Ab­gas­vor­schrif­ten vor al­lem in den USA auf dem Prüf­stand zu er­fül­len, hat sich VW mehr­fach ge­scha­det: In Ame­ri­ka hat man den Hoff­nungs­markt Die­sel­mo­to­ren auf Jahr­zehn­te hin­aus auch für die Mit­be­wer­ber Mer­ce­des und BMW zer­stört; den Sprung zur welt­wei­ten Num­mer 1, vor dem man noch heu­er im Som­mer stand, kann man ver­ges­sen; für gro­ße In­no­va­tio­nen und üp­pi­ge Ge­winn­aus­schüt­tun­gen wird für lan­ge Zeit das Geld feh­len. Kur­ze Zeit stand so­gar die Zu­kunft des ge­sam­ten Kon­zerns auf der Kip­pe, als sich der Ak­ti­en­kurs im Sep­tem­ber bin­nen we­ni­ger Wo­chen fast hal­bier­te.

Zu­min­dest auf den Ak­ti­en­märk­ten scheint der Skan­dal über­stan­den. Der Kurs zeigt seit Wo­chen nach oben. Wer rich­tig ein­ge­kauft hat, der konn­te mit Volks­wa­gen-Vor­zugs­ak­ti­en bin­nen drei Mo­na­ten 40 Pro­zent ver­die­nen. Es scheint al­les nicht so schlimm zu sein, wie es die Hi­obs­bot­schaf­ten am An­fang ver­mu­ten lie­ßen. Es bleibt zwar bei der schier un­glaub­li­chen Zahl von elf Mil­lio­nen be­trof­fe­nen Fahr­zeu­gen. Die Ma­ni­pu­la­tio­nen las­sen sich aber laut Kon­zern mit re­la­tiv ge­rin­gem Ar­beits­auf­wand und Kos­ten von we­ni­ger als 100 Eu­ro pro Fahr­zeug be­he­ben. Die 500 Mil­lio­nen Eu­ro, die man für die 8,5 Mil­lio­nen Sko­das, VWs, Au­dis und Seats in Eu­ro­pa bud­ge­tiert hat, sind et­wa fünf Pro­zent des Ge­winns des Jah­res 2014 (10,9 Mil­li­ar­den Eu­ro nach Steu­ern). Und selbst wenn man in den USA mög­li­cher­wei­se tau­sen­de Pkw zu­rück­kau­fen muss, von den eins­ti­gen Hor­ro­zah­len von 40, 50 Mil­li­ar­den Eu­ro, die der „Die­sel­ga­te“die Wolfs­bur­ger Au­to­mo­bil­schmie­de kos­ten könn­te, ist man weit ent­fernt.

Das ist die ei­ne Sei­te. Die an­de­re Sei­te wiegt weit­aus schwe­rer. Das ver­lo­re­ne Ver­trau­en wird man nicht so leicht zu­rück­ge­win­nen kön­nen. Seit der ge­nia­len Wer­be­bot­schaft „Er läuft und läuft und läuft . . . “war Volks­wa­gen Syn­onym für So­li­di­tät. Kein an­de­res Au­to sym­bo­li­sier­te deut­sche In­ge­nieurs­kunst so wie ein VW: zu­ver­läs­sig, or­dent­lich, mit viel Dis­zi­plin ge­fer­tigt. Wer es in den USA ge­schafft hat­te, der kauf­te sich ein deut­sches Au­to.

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren ge­lang es so­gar noch, sich in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten ein sym­pa­thi­sches und um­welt­freund­li­ches Image zu ge­ben. Et­wa mit dem lus­ti­gen Su­per-Bowl-Wer­be­spot über ein klei­nes Kind als Darth Va­der ver­klei­det, das ei­nen Pas­sat zum Blin­ken bringt. Der Slo­gan „VW – das Au­to“konn­ten am En­de so­gar USA­me­ri­ka­ner aus­spre­chen. Hy­bris bei VW. Und dann das! Ei­ne be­wuss­te Ir­re­füh­rung der Kun­den, die in den USA ge­ra­de an­fin­gen, den Die­sel zu ent­de­cken. Vie­le Mil­lio­nen hat­te Volks­wa­gen in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten in die Mei­nungs­bil­dung in­ves­tiert, um den Ame­ri­ka­nern die Vor­ur­tei­le von Die­sel­mo­to­ren als laut, stin­kend und schwach aus­zu­trei­ben. Ge­mein­sam mit BMW und Mer­ce­des hoff­te man auf ei­nen ähn­li­chen Sie­ges­zug wie in Eu­ro­pa, dem die US-Au­to­her­stel­ler man­gels Die­sel­erfah­rung nichts ent­ge­gen­zu­set­zen hat­ten. Nach den ein­ge­stan­de­nen Ma­ni­pu­la­tio­nen ist Die­sel in den USA kein The­ma mehr.

Hy­bris spiel­te ei­ne gro­ße Rol­le in dem Skan­dal. Denn die US-Um­welt­be­hör­de, die die Ma­ni­pu­la­tio­nen auf­deck­te, gab dem Kon­zern fast ein Jahr lang die Mög­lich­keit, nach­zu­bes­sern.

Mil­lio­nen

Fahr­zeu­ge sind welt­weit von den Ab­gasma­ni­pu­la­tio­nen be­trof­fen. Es geht um Mo­del­le von VW, Au­di, Seat und ˇS­ko­da mit Die­sel­mo­to­ren mit 1,2, 1,6 und 2,0 Li­ter Hu­b­raum und der Typ­be­zeich­nung EA 189.

Mil­lio­nen

Fahr­zeu­ge sind es al­lein in Eu­ro­pa. Sie müs­sen im kom­men­den Jahr in die Werk­statt. In Ös­ter­reich sind 388.000 Pkw mit ma­ni­pu­lier­ten Mo­to­ren un­ter­wegs.

Mil­li­ar­den

Eu­ro Ge­winn (nach Steu­ern) mach­te Volks­wa­gen im Jahr 2014. Man tat es nur un­ge­nü­gend, die Rech­nung da­für be­kam man durch die Öf­fent­lich­ma­chung der Ma­ni­pu­la­ti­on prä­sen­tiert, die den mäch­ti­gen Fir­men­chef Mar­tin Win­ter­korn im Ok­to­ber zum Rück­zug zwang.

Dass aus­ge­rech­net er, der je­des neue Mo­dell per­sön­lich tes­te­te, nichts von den Ma­ni­pu­la­tio­nen ge­wusst ha­ben will, be­zwei­feln vie­le. Auch die Miss­trau­ens­er­klä­rung von Fer­di­nand Piech¨ („Ich bin auf Dis­tanz zu Win­ter­korn“) im Früh­jahr 2015, da­mals noch als VW-Auf­sichts­rats­chef, er­scheint nun in ei­nem ganz neu­en Licht. Wuss­te Piech¨ da­mals schon von den Ma­ni­pu­la­tio­nen und ahn­te, was kommt?

Das ver­lo­re­ne Ver­trau­en wird man nicht so leicht zu­rück­ge­win­nen kön­nen. »Die Zu­kunft von Volks­wa­gen liegt in der Elek­tro­mo­bi­li­tät«, ließ Fir­men­chef Mül­ler wis­sen.

Beim Ab­gang Win­ter­korns zeig­te VW wie­der das Ge­spür, das man beim Ab­gas­skan­dal ver­mis­sen ließ: Man fer­tig­te den Vor­stands­vor­sit­zen­den nicht mit ei­nem ho­hen Mil­lio­nen­be­trag ab – das hät­te schlecht aus­ge­se­hen –, son­dern über­weist wei­ter­hin still und heim­lich mo­nat­lich ein Ge­halt bis zum Aus­lau­fen des Ver­trags En­de 2016.

Um wie vie­le Jah­re der Au­to­kon­zern durch den Die­sel­ga­te zu­rück­ge­wor­fen wur­de, wird sich zei­gen. Für die Kun­den und die Um­welt hat der Skan­dal aber auch po­si­ti­ve Fol­gen: Die völ­lig un­rea­lis­ti­schen Ver­brauchs- und Ab­gas­an­ga­ben müs­sen welt­weit an­ge­passt wer­den – und der neue VWVor­stands­vor­sit­zen­de Mat­thi­as Mül­ler ließ kürz­lich wis­sen: „Die Zu­kunft von VW liegt in der Elek­tro­mo­bi­li­tät.“

Bloom­berg

Mat­thi­as Mül­ler muss als neu­er VW-Chef das ver­lo­re­ne Ver­trau­en in den Kon­zern wie­der her­stel­len.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.