»Ös­ter­reich könn­te den Eu­ro ver­las­sen«

Der Öko­nom Ya­nis Va­rou­fa­kis war 2015 sechs Mo­na­te lang Grie­chen­lands Fi­nanz­mi­nis­ter – und muss­te zu­rück­tre­ten. Im Interview er­klärt er, war­um Grie­chen­land gar nicht aus dem Eu­ro aus­stei­gen kann – Ös­ter­reich theo­re­tisch aber schon.

Die Presse am Sonntag - - Eco - VON NI­KO­LAUS JILCH

Wir ha­ben heu­er viel über den Gr­ex­it ge­hört. War der Aus­stieg Grie­chen­lands aus der Eu­ro­zo­ne je wirk­lich ei­ne Op­ti­on? Ya­nis Va­rou­fa­kis: Nein, das war nie ei­ne Op­ti­on. Das war nie auf mei­nem Ra­dar. Es war kei­ne mei­ner Ide­en, die ich um­set­zen woll­te. Sie ha­ben nicht ein­mal drü­ber nach­ge­dacht? Dar­über nach­ge­dacht ha­be ich schon. Nach­den­ken kann man ja über al­les. Aber es war nie mein Plan, ich ha­be es nicht als Op­ti­on ge­se­hen. Ich ha­be dar­über nur nach­ge­dacht, weil es uns hät­te auf­ge­zwun­gen wer­den kön­nen. Wä­re ein Aus­stieg aus öko­no­mi­scher Sicht über­haupt mög­lich? Ja, aber es wä­re ex­trem teu­er für al­le Be­tei­lig­ten. Prak­tisch wä­re so ein Aus­stieg nur mög­lich, wenn al­les Geld nur noch di­gi­tal wä­re und es kein Pa­pier­geld mehr gä­be. Es gibt ja ei­ni­ge Öko­no­men, die sich so ei­ne Welt wün­schen. Ja, mich ein­ge­schlos­sen. Auch in man­chen Zen­tral­ban­ken gibt es da­für Ver­fech­ter. Ei­ne Welt oh­ne Bar­geld hät­te näm­lich den Vor­teil, dass man ei­ne Po­li­tik ne­ga­ti­ver Zin­sen bes­ser um­set­zen könn­te. Dann wür­den Sie den Men­schen ihr Ver­mö­gen, ih­re Kauf­kraft ja ein­fach weg­neh­men. Ja. Das wä­re doch sehr un­po­pu­lär. Viel­leicht nicht viel un­po­pu­lä­rer als das Sys­tem, das wir heu­te ha­ben. Und was, wenn die Men­schen flüch­ten, in­dem sie ihr Geld neh­men und es aus­ge­ben? Sehr gut! Das ist ge­nau, was wir wol­len. Das ist ja der Grund für ne­ga­ti­ve Zin­sen. Und dann könn­ten die Zin­sen wie­der stei­gen. Aber was hat das mit dem Gr­ex­it zu tun? Das Pro­blem ist fol­gen­des: Die Leu­te ge­hen heu­te zur Bank, um sich Geld in Form von Cash zu ho­len. Aber wir in Grie­chen­land dru­cken die­ses Geld nicht. Die Eu­ro­päi­sche Zen­tral­bank druckt es. Stel­len Sie sich vor, wie ein Eu­ro-Aus­stieg in so ei­ner Welt aus­se­hen wür­de. Neh­men wir an, dass ich den Aus­stieg aus dem Eu­ro ge­mein­sam mit dem Pre­mier­mi­nis­ter be­schlos­sen hät­te. Was müss­ten wir tun? Man kann sich da am Bei­spiel der Slo­wa­kei und ih­rem Aus­stieg aus der Wäh­rungs­uni­on der Tsche­cho­slo­wa­kei ori­en­tie­ren. Wir müss­ten das Par­la­ment an ei­nem Frei­tag­abend ein­be­ru­fen und ein Ge­setz be­schlie­ßen, dem­zu­fol­ge Grie­chen­land aus dem Eu­ro aus­steigt. Gleich­zei­tig müss­ten wir an­kün­di­gen, dass die Ban­ken für ein bis zwei Wo­chen ge­schlos­sen blei­ben. In der Zwi­schen­zeit wür­de die Drach­me ge­druckt? Nein, nein. Es brauch­te cir­ca ein Jahr, bis die neue Wäh­rung in aus­rei­chen­der Men­ge ge­druckt wä­re. Al­so was müss­ten wir ma­chen? Wir müss­ten die be­ste­hen­den Eu­roschei­ne stem­peln! Old school. Das wür­de aber ju­ris­tisch der Zer­stö­rung ei­ner aus­län­di­schen De­vi­se gleich­kom­men – weil in dem Mo­ment, in dem wir aus­stei­gen, der Eu­ro zur aus­län­di­schen Wäh­rung wird. Und wir wür­den da­durch un­se­re Wäh­rungs­re­ser­ven zer­stö­ren. Au­ßer­dem bun­kern die Grie­chen schon heu­te mas­siv Cash. War­um soll­ten sie das per Stem­pel ent­wer­ten las­sen? Wür­den sie nicht ma­chen, sie wür­den es in Kof­fern aus dem Land schaf­fen. Es wä­re ein Alb­traum – und es wür­de nicht funk­tio­nie­ren. Des­we­gen ha­ben wir es auch nicht ge­macht. Al­so ist der Eu­ro wie ei­ne Zwangs­ja­cke, aus der es kein Ent­kom­men gibt? Es ist wie in dem Song „Ho­tel Ca­li­for­nia“: „You can check out any ti­me you li­ke, but you can ne­ver lea­ve.“Die­sen Ver­gleich ver­wen­de ich oft – weil er wirk­lich gut passt. Ist das be­ab­sich­tigt? Ja, es ist ein Fea­tu­re – kein Bug. Und das war auch kei­ne schlech­te Über­le­gung. Wir woll­ten ja ei­ne ge­mein­sa­me Wäh­rung und uns auch an sie bin­den. Aber gleich­zei­tig wur­de die Eu­ro­zo­ne so ge­stal­tet, dass sie lang­fris­tig nicht funk­tio­nie­ren kann. Das ist das Pro­blem. Gibt es Län­der, die den Eu­ro heu­te ver­las­sen kön­nen? Al­le Län­der mit ei­nem Han­dels­bi­lanz­über­schuss. Deutsch­land und Ös­ter­reich könn­ten den Eu­ro ver­las­sen. Neh­men wir an, Wer­ner Fay­mann kün­digt die Wie­der­ein­füh­rung des Schil­ling an. Das Er­geb­nis wä­re ei­ne Flut an Geld, die ins Land fließt – weil je­der an­nimmt, dass der neue Schil­ling auf­wer­ten wür­de. Das wä­re na­tür­lich nicht aus­schließ­lich gut, die Ex­por­te wür­den sehr teu­er wer­den, so wie in der Schweiz. Aber zu­min­dest wür­det ihr nicht so­fort kol­la­bie­ren, wie das bei De­fi­zit­län­dern pas­sie­ren wür­de. Bis­her ha­ben wir nur über den Eu­ro ge­re­det. Aber der Eu­ro ist ja nur Teil des in­ter­na­tio­na­len Wäh­rungs­sys­tems. Funk­tio­niert das zu­min­dest? Sa­gen wir so: Die Eu­ro­zo­ne ist ein Mi­kro­kos­mos. Je­des Pro­blem, das wir in der Welt ha­ben, ha­ben wir in Eu­ro­pa zehn­fach. Aber es stimmt: Das Pro­blem ist glo­bal. Wir ha­ben ja kein Sys­tem, son­dern nur Rui­nen ei­nes Sys­tems. Wir brau­chen so et­was wie ein neu­es Bret­ton Woods – et­wa auf Ebe­ne der G20. Aber Bret­ton Woods ist auch in­ner­halb we­ni­ger Jahr­zehn­te ge­schei­tert. Seit­dem gibt es kein ech­tes Sys­tem. Gab es vor Bret­ton Woods ei­gent­lich je­mals ein of­fi­zi­ell be­schlos­se­nes in­ter­na­tio­na­les Geld­sys­tem? Nein. Da­vor hat­ten wir die Eu­ro­zo­ne. Im 19. Jahr­hun­dert? Sie mei­nen den Gold­stan­dard. Der hat zu­min­dest ei­ne län­ge­re Zeit lang funk­tio­niert, oder? Ja, aber schlecht. Er hat so­lan­ge funk­tio­niert, bis er eben auf­ge­ho­ben wur­de. Aber ja, der Gold­stan­dard war so­gar fle­xi­bler als die Eu­ro­zo­ne. Ein Land konn­te die Gold­bin­dung ja je­der­zeit auf­he­ben, des­we­gen hat der Gold­stan­dard auch län­ger über­lebt. Ya­nis Va­rou­fa­kis trat im Som­mer als grie­chi­scher Fi­nanz­mi­nis­ter zu­rück. Aber heu­te ist er tot. War­um kau­fen die Zen­tral­ban­ken dann noch im­mer Gold? Der Gold­stan­dard war ein­fach ein Geld­sys­tem – aber Gold selbst ist und bleibt ein sehr wert­vol­ler Roh­stoff. Es wird im­mer Nach­fra­ge nach Gold ge­ben. Des­we­gen kau­fen sie es. Gold wird im­mer et­was sein, auf das man sich in har­ten Zei­ten zu­rück­zie­hen kann, um zu di­ver­si­fi­zie­ren. Auch die di­gi­ta­le Wäh­rung Bit­co­in ist ja nach dem Vor­bild von Gold ge­stal­tet. Ich bin fas­zi­niert von Bit­co­in. Es ist ei­ne tol­le Ant­wort, aber wir wis­sen lei­der noch nicht, was die Fra­ge ist! Ich glau­be, die Idee, dass es apo­li­ti­sches Geld ge­ben kann, ist Un­sinn – egal, ob wir von Gold oder Bit­co­in re­den. Des­we­gen wird Bit­co­in als Wäh­rung im klas­si­schen Sinn auch we­nig Er­folg ha­ben. Aber die da­hin­ter­lie­gen­de Tech­no­lo­gie der Block­chain könn­te noch sehr wich­tig wer­den. Wis­sen wir wirk­lich, wel­ches Land wie viel Gold hat und wo? Nein, wis­sen wir nicht. Des­we­gen ist der Gold­stan­dard im­mer wie­der zu­sam­men­ge­bro­chen – weil Men­schen schum­meln. Aber mit ei­ner Block­chain ist es un­mög­lich zu schum­meln – dar­in liegt die Stär­ke der Tech­no­lo­gie.

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