Plu­to: Der ers­te Kon­takt

Die US-Raum­son­de New Ho­ri­zons er­reich­te im Ju­li als ers­tes ir­di­sches Ge­fährt den äu­ßers­ten Pla­ne­ten – der of­fi­zi­ell in­des gar nicht mehr als Pla­net gilt.

Die Presse am Sonntag - - Wissen - VON WOLF­GANG GRE­BER

Wir sind die Kin­der der Ster­ne“, sag­te einst der gro­ße US-As­tro­nom Carl Sa­gan (1934–96). Er mein­te da­mit, dass al­le schwe­ren Ele­men­te wie Koh­len­stoff, Sau­er­stoff oder Kal­zi­um, aus de­nen die Er­de, die ir­di­sche Na­tur und letzt­lich wir Men­schen be­ste­hen, über Äo­nen in den kos­mi­schen Fu­si­ons­öfen der Ster­ne und in Ster­nerup­tio­nen (Su­per­no­vas) ent­stan­den sind.

Ein Ster­nen­kind (bzw. 30 Gramm sei­ner Asche, denn es ist lang tot) fliegt seit 2006 zu den Ster­nen, in der Na­saSon­de New Ho­ri­zons mit Kurs aufs Stern­bild Schüt­ze. In ei­ni­gen Hun­dert­tau­send, eher Mil­lio­nen Jah­ren wird die kla­vier­gro­ße Son­de an ei­nem der Ster­ne dort vor­bei­ja­gen. Wich­ti­ger aber ist, dass sie im Ju­li den Him­mels­kör­per pas­sier­te, den das Ster­nen­kind an Bord 1930 ent­deckt hat­te: Plu­to.

Der As­tro­nom Cly­de Tom­baugh (1906–97) aus Il­li­nois war am Lo­wel­lOb­ser­va­to­ri­um in Flag­staff (Ari­zo­na) durch Ver­glei­che von Him­mels­fo­tos auf das Ob­jekt ge­sto­ßen; er hat­te nach ei­nem Pla­ne­ten jen­seits der Bahn des Nep­tun ge­sucht, des­sen Exis­tenz pos­tu­liert wor­den war, denn et­was schien Nep­tun, den Gas­rie­sen, in der Bahn zu stö­ren. Das neue Ob­jekt schätz­te man auf et­wa Erd­grö­ße und stuf­te es als Pla­ne­ten ein; den Na­men des grie­chi­sch­rö­mi­schen To­ten­got­tes be­kam er durch den Vor­schlag der elf­jäh­ri­gen Bri­tin Ve­ne­tia Bur­ney (1918–2009) ver­passt, den sie über ei­nen be­freun­de­ten As­tro­no­men nach Flag­staff über­mit­telt hat­te. Ent­zug der Li­zenz. Spä­ter fand man, dass Plu­to viel klei­ner ist, sein Durch­mes­ser von et­wa 2370 Ki­lo­me­ter ist ge­rin­ger als der des Erd­mon­des (ca. 3476 km). Das, sei­ne sehr ex­zen­tri­sche Bahn, die teils in­ner­halb der Nep­tun­bahn ver­läuft und zur Bah­ne­be­ne der üb­ri­gen Pla­ne­ten um die Son­ne stark ge­neigt ist, so­wie an­de­re Grün­de be­wirk­ten, dass die In­ter­na­tio­na­le As­tro­no­mi­sche Uni­on Plu­to 2006 den Pla­ne­ten­sta­tus nahm und zum Zwerg­pla­ne­ten er­klär­te; die De­bat­te dar­über währt bis heu­te.

Als New Ho­ri­zons mit der Asche Tom­bau­ghs Plu­to pas­sier­te (Mi­ni­mal­dis­tanz am 14. Ju­li: 12.500 km), war sie dort das ers­te ir­di­sche Ob­jekt und die Raum­fahrt­leis­tung 2015. Al­le Pla­ne­ten ab­seits der Er­de hat­ten Men­schen mit Ma­schi­nen be­sucht, be­gin­nend mit der Ve­nus, dort war 1962 Ma­ri­ner 2. Plu­to aber ist so enorm weit weg, er fliegt auf sei­ner ex­zen­tri­schen Bahn in Ab­stän­den zwi­schen et­wa 30 und 49 As­tro­no­mi­schen Ein­hei­ten um die Son­ne (ei­ne AU = der Ab­stand Er­de–Son­ne bzw. fast 150 Mil­lio­nen km), von der Er­de aus sind es zwi­schen 28,7 und 50 AU. Fast 248 Jah­re währt ein Son­nen­um­lauf Plu­tos. Bei New Ho­ri­zons’ Pas­sa­ge war Plu­to 32 AU von der Er­de ent­fernt, die fast licht­schnel­len Funk­si­gna­le brauch­ten vier­ein­halb St­un­den hier­her. Da­her und ob der ma­ge­ren Über­tra­gungs­ra­te wer­den erst En­de 2016 al­le ge­sam­mel­ten Da­ten die Er­de er­reicht ha­ben. Grau? Bunt! Doch schon, was bis­her kam, hat un­ser Bild des fer­nen Zwergs, das sich in den ver­gan­ge­nen 20 Jah­ren ge­schärft hat­te, stark wei­ter­ent­wi­ckelt. Man fand ei­nen von Was­ser-, Metha­nund Stick­stof­f­eis be­deck­ten Kör­per, im Kern wohl aus Gestein, mit Ebe­nen, Ris­sen, Tä­lern, Kra­tern, Glet­schern und 3000 Me­ter ho­hen Ber­gen, wohl aus Was­ser­eis. Es ist frisch dort, –240 bis –220 Grad, die Ober­flä­che er­scheint in über­ra­schend di­ver­sen Farb­tö­nen von Gelb, Dun­kel­braun, Rot und Grau bis zu Blau. Grund dürf­ten Tho­li­ne sein, or­ga­ni­sche Mo­le­kü­le, die sich durch UV-Licht in Stick­stoff-Methan-Mi­schun­gen bil­den kön­nen. Die At­mo­sphä­re aus Stick­stoff ist ex­trem dünn, reicht aber sehr hoch, bis in 1600 km Hö­he, und durch sie soll der Him­mel auf Plu­to herr­lich blau er­schei­nen.

Plu­to ist so weit von der Son­ne weg, dass ein Um­lauf fast 248 Erd­jah­re dau­ert.

Kirk und Darth Va­der. Auch von Plu­tos gro­ßem Mond Cha­ron (!1208 km) gibt es tol­le Fotos, dort gab das New-Ho­ri­zons-Team un­ter Pla­ne­ten­for­scher Alan Stern (*1957 in New Or­leans) ei­ni­gen Ge­bie­ten lus­ti­ge Na­men, et­wa Va­derK­ra­ter, Kirk-Kra­ter, Mordor-Fleck. Vier wei­te­re be­kann­te Plu­to-Mönd­chen sind weit klei­ner und eher As­te­ro­iden.

New Ho­ri­zons, des­sen Atom­re­ak­tor 2026 er­schöpft sein wird, fliegt wei­ter in den Kui­per-Gür­tel, je­ne ring­för­mi­ge Zo­ne jen­seits des Nep­tun zwi­schen 30 und 50 AU, wo hun­dert­tau­sen­de As­te­ro­iden und vie­le Zwerg­pla­ne­ten sein dürf­ten. Plu­to ist da­von nur ei­ner: Seit 2000 fand man im Kui­per-Gür­tel ei­ni­ge ähn­lich gro­ße Pla­net­chen (Plu­to­iden). Man nann­te sie et­wa Quao­ar, Eris, Hau­mea und – hier freut sich ei­ne ös­ter­rei­chi­sche Band – Ma­ke­make. As­tro­no­mi­sches Sym­bol Plu­tos ist die Ver­bin­dung aus P und L. Es er­in­nert auch an die Initia­len des be­rühm­ten US-As­tro­no­men Per­ci­val Lo­well (1855–1916), der 1894 je­nes Ob­ser­va­to­ri­um in Ari­zo­na ge­grün­det hat­te, von wo aus man 1930 Plu­to fand.

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