Ös­ter­reich, Land der Fuß­bal­ler

Das ÖFB-Team lös­te mit der Qua­li­fi­ka­ti­on für die nächst­jäh­ri­ge Eu­ro­pa­meis­ter­schaft ei­ne nicht für mög­lich ge­hal­te­ne Wel­le der Eu­pho­rie aus. Fuß­bal­ler tau­gen wie­der als Vor­bil­der.

Die Presse am Sonntag - - Sport - VON CHRIS­TOPH GASTINGER

Ös­ter­rei­chi­scher Fuß­ball­na­tio­nal­spie­ler zu sein war in der Ver­gan­gen­heit nicht im­mer an­ge­nehm. Hef­ti­ge Nie­der­la­gen, miss­lun­ge­ne Qua­li­fi­ka­tio­nen, mann­schafts­in­ter­ne Que­re­len und me­dia­le Schel­te – all das war das ÖFB-Team. Der Zu­schlag für die Aus­rich­tung der Eu­ro­pa­meis­ter­schaft 2008 ge­mein­sam mit der Schweiz ließ die Hoff­nung auf Bes­se­rung auf­le­ben, im Land der Ski­fah­rer wa­ren auch erst­mals seit der Teil­nah­me an der WM 1998 deut­li­che An­zei­chen von Eu­pho­rie er­kenn­bar.

Die Chan­ce, vor sie­ben­ein­halb Jah­ren als Gast­ge­ber vor den Au­gen Eu­ro­pas groß auf­zu­spie­len wur­de ge­nau­so ver­passt wie je­ne, nach­hal­tig in die Fuß­ball­in­fra­struk­tur zu in­ves­tie­ren. Ak­tu­ell ver­fügt Ös­ter­reich über kein ein­zi­ges Sta­di­on, das zur Aus­tra­gung ei­nes Eu­ro­pa­cup-End­spiels be­rech­tigt, auch für die in 13 Län­dern aus­ge­tra­ge­ne EM 2020 wur­den die Be­wer­bungs­kri­te­ri­en nicht er­füllt. Mitt­ler­wei­le ha­ben die ÖFB-Gran­den in ih­ren Bü­ros im Wie­ner Pra­ter die Zei­chen der Zeit er­kannt: Das Hap­pel-Oval ist schwer in die Jah­re ge­kom­men, ein neu­es Na­tio­nal­sta­di­on die Vi­si­on.

An­lass für die tat­säch­lich Rea­li­sie­rung des Pro­jekts gibt das Na­tio­nal­team selbst. Nach Jah­ren des Miss­er­folgs ha­ben die Team­ki­cker das Sie­gen ge­lernt, mit der sou­ve­rä­nen Qua­li­fi­ka­ti­on für die nächst­jäh­ri­ge Eu­ro­pa­meis­ter­schaft in Frank­reich wur­de bes­te Wer­bung be­trie­ben. Kein Geg­ner scheint vor dem An­pfiff zu stark, kein Ziel un­er­reich­bar. Vor rund vier Jah­ren – der in Ös­ter­reich weit­ge­hend un­be­kann­te Mar­cel Kol­ler hat­te eben erst sei­nen Job als Te­am­chef an­ge­tre­ten – war die hei­mi­sche Eli­te im Ver­gleich noch mü­des Mit­tel­maß. Spie­le­ri­sche Qua­li­tät, in­ter­na­tio­na­le Er­fah­rung, tak­ti­sche Fi­nes­se – ir­gend­et­was hat­te im­mer ge­fehlt, auch um Aus­re­den war man sel­ten ver­le­gen. Un­ter Kol­ler, bei sei­ner Be­stel­lung vom Gros der hei­mi­schen Fuß­ball­le­gen­den noch an­ge­fein­det, fand ein Um­den­ken statt. Der Schwei­zer konn­te dem ös­ter­rei­chi­schen Brauch der Ver­ha­be­rung nichts ab­ge­win­nen, er woll­te ein­zig sei­ne Ide­en ver­wirk­licht wis­sen.

Man­che Per­so­nal­ent­schei­dung traf der 55-Jäh­ri­ge ganz be­wusst mit Ri­si­ko. Er ver­trau­te Re­ser­vis­ten wie Ro­bert Al­mer (Düsseldorf, Han­no­ver) oder Marc Jan­ko (Tr­ab­zons­por), Letz­te­ren ließ er spä­ter ein Jahr lang aus Syd­ney ein­flie­gen. Das ent­ge­gen­ge­brach­te Ver­trau­en be­zahl­ten die Spie­ler in Form von star­ken Leis­tun­gen zu­rück, es zeig­ten sich zu­dem po­si­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf das Mann­schafts­kli­ma. Das ÖFB-Team ent­pupp­te sich bald als Wohl­fühl­oa­se, „sol­che Team­kol­le­gen hat man nicht im­mer“, sagt Mar­ko Arn­au­to­vic.´

Arn­au­to­vic´ ist ein Pa­ra­de­bei­spiel für Kol­lers Wir­ken. Einst in Klagenfurt von den ei­ge­nen Fans aus­ge­pfif­fen, spielt der 26-Jäh­ri­ge heu­te im Na­tio­nal­team mit brei­ter Brust groß auf und sich so in die Her­zen der An­hän­ger. Arn­au­to­vic´ ist frei­lich nicht der ein­zi­ge Leis­tungs­trä­ger. Ös­ter­reichs Team funk­tio­niert als Kol­lek­tiv, die Ver­ant­wor­tung las­tet nicht nur auf ein paar we­ni­gen Schul­tern. Als Da­vid Ala­ba in bei­den EM-Qua­li­fi­ka­ti­ons­spie­len ge­gen Russ­land ver­let­zungs­be­dingt fehl­te, wa­ren an­de­re zur Stel­le – Ös­ter­reich ge­wann je­weils mit 1:0. Al­lein das Wis­sen, Aus­fäl­le wie je­nen von Ala­ba kom­pen­sie­ren zu kön­nen, macht das ÖFBTeam stär­ker. Mit ähn­li­chen Si­tua­tio­nen könn­te sich die Mann­schaft auch bei der EM kon­fron­tiert se­hen. Kin­der­träu­me. Le­gio­nä­re bil­den das Ge­rüst ei­ner Ein­heit, die über Jah­re hin­weg kaum ver­än­dert wur­de, Lauf­we­ge ver­in­ner­licht hat, sich prak­tisch blind ver­traut. Im Aus­land ge­nie­ßen die rot-weiß-ro­ten Ex­por­te nach Jah­ren des Mit­läu­fer­da­seins ei­nen ex­zel­len­ten Ruf. Ala­ba, Arn­au­to­vic,´ Aleksan­dar Dra­go­vic´ oder Zlat­ko Ju­nu­zo­vic´ sind Ge­sich­ter ei­ner neu­en, er­folg­rei­chen Ge­ne­ra­ti­on ös­ter­rei­chi­scher Fuß­bal­ler. Sie sind Vor­bil­der, las­sen im Park spie­len­de Kin­der von ähn­li­chen Kar­rie­ren träu­men.

Mit der erst­ma­li­gen Qua­li­fi­ka­ti­on für ei­ne Eu­ro­pa­meis­ter­schaft auf sport­li­chem Weg wur­de ei­ne nicht für mög­lich ge­hal­te­ne Wel­le der Eu­pho­rie aus­ge­löst. 173.000 Be­su­cher pil­ger­ten 2015 zu den fünf Heim­spie­len in das Wie­ner Ernst-Hap­pel-Sta­di­on, Mil­lio­nen fie­ber­ten vor den Fern­seh­ge­rä­ten mit. Nicht nur die Re­so­nanz der Fans be­stä­tigt den Auf­schwung der Na­tio­nal­mann­schaft, auch Sta­tis­ti­ken un­ter- mau­ern die­sen. So ver­zeich­ne­te das ÖFB-Team heu­er pro Par­tie durch­schnitt­lich 52 Ball­ge­win­ne in der geg­ne­ri­schen Hälf­te – ei­ne Stei­ge­rung um fast 80 Pro­zent ge­gen­über 2014. Die durch­schnitt­li­che Pass­ge­schwin­dig­keit er­höh­te sich von 39,7 auf 41,9 km/h.

Sechs Pflicht­spie­le, sechs Sie­ge, da­zu Platz zehn in der Welt­rang­lis­te – ein Re­kord­jahr. Al­lein das Wis­sen, Aus­fäl­le kom­pen­sie­ren zu kön­nen, macht das Team schon stär­ker.

Über Be­deu­tung und Aus­sa­ge­kraft von Zah­len und Sta­tis­ti­ken lässt sich stets dis­ku­tie­ren, der Blick auf die FifaWelt­rang­lis­te aber hin­ter­lässt zwei­fels­frei ein freu­di­ges Ge­fühl. Als Num­mer 23 in das Jahr ge­star­tet, führte Kol­ler sei­ne Trup­pe bis auf Platz zehn und da­mit in bis­her un­be­kann­te Sphä­ren. Die ÖFB-Equi­pe ge­wann al­le sechs Pflicht­spie­le, nur in Tests ge­gen Bos­ni­en (1:1) und die Schweiz (1:2) war man nicht sieg­reich. Da­mit ran­giert Ös­ter­reich, das Land der Fuß­bal­ler, vor Na­tio­nen wie Nie­der­lan­de (14.), Ita­li­en (15.) oder Frank­reich (25.)

APA

Spaß­vo­gel, An­trei­ber, Su­per­star: Da­vid Ala­ba ist ei­ner der Er­folgs­ga­ran­ten im Team von Mar­cel Kol­ler.

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