Kling, Lus­ter, klin­ge­lin­ge­ling

Die Presse am Sonntag - - Spiel -

Der rie­si­ge Kris­tall­lus­ter, der über Pau­la En­der schweb­te, klin­gel­te ver­däch­tig. Auf der Büh­ne sang die Ko­lo­ra­tur­sän­ge­rin Gi­gi Ja­nis, de­ren schril­le Tö­ne sich in die Ge­hör­win­dun­gen des Pu­bli­kums bohr­ten. Noch ein paar Tö­ne hö­her, und sie wür­de Glas zum Sprin­gen brin­gen, dach­te Pau­la be­sorgt. Den rie­si­gen Be­leuch­tungs­kör­per, der über ihr schweb­te, ließ sie nicht mehr aus den Au­gen.

Die Fin­ger des be­kann­ten Pia­nis­ten Vla­di­mir Kuhn tanz­ten un­be­ein­druckt über die Tas­ten des Kon­zert­flü­gels. Wahr­schein­lich war er über die vie­len Be­rufs­jah­re hin­weg ge­gen die lau­ten Tö­ne sei­ner Kon­zert­part­ner re­sis­tent ge­wor­den. „Schön, gell?“, frag­te Clea und lehn­te sich mit ver­klär­tem Lä­cheln in ih­rem Ses­sel zu­rück. Ih­re mu­sik­be­geis­ter­te Freun­din hat­te leicht lä­cheln, dach­te Pau­la ins­ge­heim. Wenn der Lus­ter her­un­ter­fiel, wür­de er nur sie zer­mal­men. Clea saß be­reits au­ßer­halb sei­ner Fall­li­nie.

„Schön laut, ja“, mur­mel­te Pau­la so lei­se wie mög­lich. Sie woll­te ja nicht als Kul­tur­ba­nau­se da­ste­hen. Noch da­zu, da Clea sie zu die­sem Kon­zert im Fest­saal des Schlos­ses ge­la­den hat­te. Es war das letz­te die­ses Jah­res. Und Pau­la hoff­te in­stän­dig, dass es nicht auch ihr letz­tes sein wür­de. Um sich von ih­rer To­des­angst ab­zu­len­ken, zwang sich Pau­la, den Blick vom Lus­ter ab­zu­wen­den und die schö­nen Fres­ken und gol­de­nen Or­na­men­te an der De­cke und den Säu­len des Saa­les zu be­wun­dern. Bis der to­sen­de Ap­plaus und die lau­ten Bra­vo­ru­fe die Kris­tal­le des Lus­ters noch mehr vi­brie­ren lie­ßen.

Froh, fürs Ers­te über­lebt zu ha­ben, flüch­te­te Pau­la in der Pau­se zum Buf­fet und be­stell­te sich zwei Glä­ser Sekt und eben­so vie­le Lachs­bröt­chen. „Na, du gönnst dir ja sonst nix“, be­merk­te Clea mit ei­nem be­lus­tig­ten Blick auf Pau­las Pau­sen­schmaus und nipp­te an ih­rem wei­ßen Sprit­zer. „Man muss je­den Au­gen­blick des Le­bens aus­kos­ten. Man weiß ja nie, wann ei­nem ein St­ein auf den Kopf fällt.“Oder auch ein Lus­ter. Pau­la schick­te ein Stoß­ge­bet zum Him­mel, dass sie auch den zwei­ten Teil des Kon­zerts über­le­ben und heil ins neue Jahr rut­schen mö­ge.

„Ge­stat­ten?“, frag­te ei­ne ele­gant ge­klei­de­te Da­me mit schloh­wei­ßem Haar. Oh­ne ei­ne Ant­wort ab­zu­war­ten,

HONIGWABE

Ilo­na Mayer-Zach

Die Wie­ner Au­to­rin mit Gra­zer Wur­zeln schreibt ne­ben Rät­sel­kri­mis für Groß und Klein auch Kri­mi­nal­ro­ma­ne, Kurz­ge­schich­ten, Kri­mö­di­en, Jahr­gangs­bän­de der Rei­he „Kind­heit und Ju­gend in Ös­ter­reich“, his­to­ri­sche An­ek­do­ten­bän­de so­wie Auf­trags­wer­ke für Ver­la­ge, Me­di­en und Un­ter­neh­men.

www.im­netz­werk.at stell­te sie sich zu den bei­den Freun­din­nen an den Steh­tisch. „Was für ein groß­ar­ti­ges Kon­zert. Was für ei­ne Stim­me, was für ein Kla­vier­vir­tuo­se! Ei­ne wahr­lich be­zau­bern­de Ein­stim­mung auf den Jah­res­wech­sel“, schwärm­te sie. „Man kann gar nicht glau­ben, dass die bei­den spin­ne­feind mit­ein­an­der sind.“

„Wie­so denn das?“Pau­las Neu­gier war ge­weckt. Ehe sie sich ver­sah, be­fand sie sich in­mit­ten ei­ner bro­deln­den Ge­rüch­te­kü­che. „Sie dür­fen es aber nicht wei­ter­erzäh­len“, flüs­ter­te die Da­me und sah sich kon­spi­ra­tiv um. Pau­la ver­sprach ab­so­lu­te Dis­kre­ti­on.

„Nun, die bei­den buh­len um ein und den­sel­ben Mann“, platz­te die Frau vor Mit­tei­lungs­be­dürf­nis. „Seit­dem las­sen sie kei­ne Ge­le­gen­heit aus, sich ge­gen­sei­tig eins aus­zu­wi­schen. Ich weiß aus ver­läss­li­cher Qu­el­le, dass Gi­gi bei ei­nem gro­ßen Kon­zert Vla­dis No­ten ver­tauscht und ihn zum Ge­spött ge­macht hat. Aber nun ha­ben die bei­den zum Glück für uns al­le wohl wie­der Frie­den ge­schlos­sen.“

Nach der Pau­se ging es mit Schu­bert wei­ter. Der Lus­ter hat­te sich be­ru­higt. Pau­la gab sich voll und ganz dem mu­si­ka­li­schen Ge­nuss hin. Die bei­den Künst­ler wirk­ten wie ein Herz und ei­ne See­le. Bis der Kla­vier­spie­ler ab­rupt in sei­nem Spiel in­ne­hielt.

„Was ist? Bist aus dem Takt ge­kom­men?“, frag­te ihn Gi­gi süf­fi­sant. „Mei­ne Fin­ger . . . ver­dammt!“Al­le Au­gen im Saal rich­te­ten sich auf ihn. Gi­gi Ja­nis ging zu ihm und – brach in schal­len­des Ge­läch­ter aus.

„Mei­ne Da­men und Her­ren, ent­schul­di­gen Sie bit­te die Un­ter­bre­chung. Aber Vla­di­mir Kuhn . . .“, sie ver­such­te ver­geb­lich, ihr La­chen zu un­ter­drü­cken, „. . . klebt an den Tas­ten fest.“

„Das warst du, du Schlan­ge. Gib es zu!“, schrie Vla­di Kuhn er­bost. Das Pu­bli­kum tu­schel­te. Ein Mann er­hob sich und ging zu ihm. Pau­las Hel­fer­syn­drom trieb sie eben­falls nach vorn.

„Ha­ben Sie denn nicht be­merkt, dass et­was auf den Tas­ten war?“, frag­te der Mann kopf­schüt­telnd. Pau­la hat­te sich ins­ge­heim die­sel­be Fra­ge ge­stellt und starr­te auf die Fin­ger des Mu­si­kers, die an den Kla­vier­tas­ten fest­kleb­ten.

„Ich hab zwar be­merkt, dass da et­was Glit­schi­ges war. Aber ich woll­te das Kon­zert nicht ab­bre­chen. Ich konn­te ja nicht wis­sen, dass mei­ne Fin­ger so rasch kle­ben­blei­ben und ich

BUCHSTABENBUND nicht wei­ter­spie­len kann. Da steckt si­cher Gi­gi da­hin­ter. Die schreckt ja vor nichts zu­rück, um mir eins aus­zu­wi­schen“, be­schul­dig­te Vla­di Kuhn sei­ne Kol­le­gin. Der ver­ging das La­chen. Es däm­mer­te ihr wohl, dass sie die Haupt­ver­däch­ti­ge war.

„Ich schwö­re, ich war’s nicht“, be­teu­er­te sie. „Hm, ich schät­ze, es han­delt sich um ei­nen Kon­takt­kle­ber“, mut­maß­te der Mann, der sich als Dok­tor Max Bauer vor­stell­te. „Zu­erst klebt nichts. Erst, wenn auf bei­den Kon­takt­flä­chen der Kle­ber ver­teilt ist und Luft hin­zu­kommt, ent­fal­tet er sei­ne Wir­kung.“Der Arzt be­gut­ach­te­te das Mal­heur.

„Und wie krieg ich jetzt mei­ne Fin­ger von den Tas­ten?“, jam­mer­te Vla­di Kuhn. „Dass du uns so­gar die­ses Kon­zert ver­sau­en wür­dest, hät­te ich nie und nim­mer ge­dacht. Aber we­nigs­tens steht mor­gen übe­r­all in der Pres­se, was du für ei­ne He­xe bist und dass du vor nichts zu­rück­schreckst, um mich zu sa­bo­tie­ren.“

„Aber ich war’s doch wirk­lich nicht!“Die Sän­ge­rin blick­te hil­fe­su­chend um sich. Die Um­ste­hen­den wi­chen ih­rem Blick ver­schämt aus. Wie die weiß­haa­ri­ge Da­me wuss­ten wohl die meis­ten über Gi­gi Ja­nis Strei­che Be­scheid. „Viel­leicht war’s die jun­ge Frau vom Buf­fet, die das Was­ser nach­ge­füllt hat? Oder der Blu­men­ar­ran­geur?“, ver­such­te die Sän­ge­rin den Ver­dacht auf an­de­re zu len­ken.

„In der Pau­se war der Kon­zert­saal ver­sperrt, da konn­te nie­mand rein. Au­ßer­dem bist du die Ein­zi­ge, die ei­nen Grund hat, mir so et­was an­zu­tun“, er­wi­der­te Vla­di Kuhn er­bost.

Zu­min­dest was den Tä­ter an­be­lang­te, konn­te dem Mann ge­hol­fen wer­den, dach­te Pau­la. „Ich glau­be zu wis­sen, wer Ih­nen das ein­ge­brockt hat“, mel­de­te sie sich zu Wort.

Wen ver­däch­tigt Pau­la? Lö­sung der ver­gan­ge­nen Wo­che: Sepp hat­te sei­ne ei­ge­nen Zi­ga­ret­ten mit­ge­habt. Er brauch­te sei­ne Halb­brü­der um kei­ne zu bit­ten. Er rauch­te ei­ne an­de­re Sor­te. Er hat­te sich be­rauscht hin­ge­legt, die Zi­ga­ret­te an­ge­zün­det. Dann schlu­gen sie ihm mit ei­nem Ast auf den Hin­ter­kopf, schüt­te­ten das Ben­zin aus und war­fen die Zi­ga­ret­te hin­ein.

KIN­DER-SYM­BOL-SU­DO­KU

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