Freund und Feind

Die Presse am Sonntag - - Lesenhören -

Zahl­rei­che Ro­ma­ne be­schäf­tig­ten sich 2015 mit den Frem­den und den Fol­gen der Mi­gra­ti­ons­be­we­gung für west­li­che Ge­sell­schaf­ten. 2015 ström­ten die Flücht­lin­ge aus dem sy­ri­schen Bür­ger­krieg in Scha­ren in Eu­ro­pas Herz. Es war auch das Jahr, in dem die Hil­fe­su­chen­den als The­ma der deutsch­spra­chi­gen Li­te­ra­tur ent­deckt wur­den. Der in Wi­en le­ben­de Da­ni­el Zip­fel und die deut­sche Au­to­rin Jen­ny Er­pen­beck ver­ar­bei­ten das Auf­ein­an­der­tref­fen mit den Frem­den aus der Sicht der Ein­hei­mi­schen – und das ganz ge­gen­sätz­lich. In Zip­fels Ro­man „Ei­ne Hand­voll Ro­si­nen“be­ginnt der Ge­set­zes­hü­ter Leo­pold Blum, im La­ger Trais­kir­chen all­mäh­lich an der Recht­mä­ßig­keit des Asyl­we­sens zu zwei­feln. Er­pen­beck wie­der­um schil­dert in „Ge­hen, ging, ge­gan­gen“, wie der pen­sio­nier­te Pro­fes­sor Richard die Welt des zer­mür­ben­den War­tens von Ber­li­ner Asyl­wer­bern ken­nen­lernt. Ei­ne Re­por­ta­ge von li­te­ra­ri­scher Qua­li­tät ist dem „Zeit“-Au­tor Wolf­gang Bauer ge­lun­gen, der in „Über das Meer“Sy­rer bei ih­rer ge­fähr­li­chen Odys­see nach Eu­ro­pa ein Stück weit be­glei­tet hat.

Von Be­frem­dung an­ge­sichts der „her­um­ir­ren­den, fuß­lah­men Bitt­stel­ler“be­rich­tet hin­ge­gen Shu­mo­na Sin­ha. Im Ro­man „Er­schlagt die Ar­men!“schwankt die Ich-Er­zäh­le­rin – Dol­met­sche­rin beim Amt und selbst Mi­gran­tin aus In­di­en – zwi­schen Mit­leid für und Wut auf die Neu­an­kömm­lin­ge. Der Ro­man, der in Frank­reich 2011 er­schien, wur­de erst heu­er ins Deut­sche über­tra­gen und liest sich ähn­lich wie Mi­chel Hou­el­l­e­bec­qs „Un­ter­wer­fung“an­ge­sichts des Ter­rors in Frank­reich wie ei­ne düs­te­re Pro­phe­zei­ung und ein Kla­ge­lied.

Und schließ­lich Mi­gra­ti­on als ex­tre­mer Le­bens­wan­del, ab­seits der gro­ßen Flücht­lings­strö­me: Tat­ja­na Gof­man ent­wirft in „Se­was­to­po­lo­gia“ei­ne li­te­ra­ri­sche Land­kar­te ih­rer ei­ge­nen Mi­gra­ti­ons­rou­te zwi­schen der Krim, Ber­lin und Zü­rich. Die „Mi­gro“sei frei­lich nie zu En­de, stellt die Au­to­rin la­pi­dar fest: Im­mer wie­der ent­deck­ten Deut­sche und Schwei­zer et­was Neu­es an ei­nem, das ih­nen fremd sei. Gof­man ar­bei­tet sich an der Po­si­ti­on des in die Welt ge­wor­fe­nen Ichs mit küh­nen Wort­schöp­fun­gen, geo­po­li­ti­schen Af­fronts, List und vol­ler Hu­mor ab. som

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