Von Sel­fiestick bis Stin­ke­fin­ger

Gel­be Krea­tu­ren. Er­wach­se­ne, die Bü­cher aus­ma­len. Po­li­ti­ker, die mit Ta­f­erln po­sie­ren und des­we­gen ver­arscht wer­den. Die pop­kul­tu­rel­len Phä­no­me­ne des Jah­res 2015.

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON ERICH KOCINA UND AN­NA-MA­RIA WALL­NER

Star Wars“kam ein biss­chen zu spät. Na­tür­lich war der sie­ben­te Teil der Sa­ga der pop­kul­tu­rel­le Hö­he­punkt des Jah­res. Und im Weih­nachts­ge­schäft mach­ten sich Ky­lo Ren, Yo­da und der om­ni­prä­sen­te Darth Va­der auch mas­siv be­merk­bar. Doch da der Film erst im De­zem­ber star­te­te, hat­ten ei­ni­ge an­de­re Phä­no­me­ne mehr Zeit, sich aus­zu­brei­ten. Ein Über­blick über die pop­kul­tu­rel­len Phä­no­me­ne des Jah­res. Müss­te man je­dem Jahr ei­ne Far­be zu­ord­nen, so wä­re 2015 oh­ne Zwei­fel gelb. Denn es gab vor al­lem in den Som­mer­mo­na­ten kaum mehr ei­ne Ge­le­gen­heit, den Mi­ni­ons zu ent­kom­men. Die klei­nen gel­ben Fi­gu­ren, die an die Plas­tik­kap­seln aus den Über­ra­schungs­ei­ern er­in­nern, tauch­ten übe­r­all auf. Im Ki­no, als Hel­den ih­res ei­ge­nen Films, aber auch als pe­ne­tran­tes Mer­chan­di­sing, von Tic-Tac-Zu­ckerln bis zu But­ter­kek­sen in Mi­ni­on­form. Und sie nerv­ten mit Toll­pat­schig­keit und sprach­li­chem Mi­ni­ma­lis­mus, des­sen lin­gu­is­ti­scher Hö­he­punkt im Wort „Ba­na­ne“be­stand. Man konn­te gar nicht an­ders, als sie furcht­bar fin­den – oder auch nicht. Denn ei­gent­lich sind sie doch ganz put­zig. Müss­te man je­dem Jahr ei­ne Farb­kom­bi­na­ti­on zu­ord­nen, so wä­re 2015 oh­ne Zwei­fel blau-schwarz. Oder weiß-gold. Die­se bei­den Kom­bi­na­tio­nen spal­te­ten An­fang des Jah­res Mil­lio­nen von In­ter­netu­sern in zwei La­ger. Un­ter dem Hash­tag dress­ga­te dis­ku­tier­ten sie, ob ein Abend­kleid auf ei­nem Foto blau-schwarz oder weiß-gold ist. Es kur­sier­ten die wil­des­ten Theo­ri­en, dass Op­ti­mis­ten die Welt an­ders als Pes­si­mis­ten se­hen, dass die Far­be von den Bild­schirm­ein­stel­lun­gen ab­hängt und vie­les mehr. Am En­de klär­ten For­scher, was da­hin­ter­steckt. Da man beim Be­trach­ten des Bil­des nicht weiß, ob es im Licht oder im Schat­ten ent­stand, muss das Ge­hirn die­se An­nah­me tref­fen. Und je nach­dem kommt die ei­ne oder die an­de­re Kom­bi­na­ti­on zum Tra­gen. Was aber nichts dar­an än­dert: Das Kleid war ein­deu­tig blau und schwarz. Müss­te man je­dem Jahr ein tech­ni­sches Spiel­zeug zu­ord­nen, so wä­re es 2015 oh­ne Zwei­fel der Sel­fiestick. Tau­sen­de von Tou­ris­ten stapf­ten da­mit durch das Welt­ge­sche­hen, sorg­ten für ei­ne neue Fo­toäs­the­tik – und für Schwie­rig­kei­ten. Denn die Te­le­skop­stan­ge im Hand­ge­päck könn­te ja als Waf­fe die­nen. In Ver­gnü­gungs­parks und Mu­se­en, zum Teil auch in Zoos, ist sie mitt­ler­wei­le ver­bo­ten. Nichts­des­to- trotz wer­den wohl auch 2016 zahl­lo­se Tou­ris­ten in die Smart­pho­nes am an­de­ren En­de der Stan­ge grin­sen. Müss­te man je­dem Jahr ein Da­tei­for­mat zu­ord­nen, so wä­re das 2015 oh­ne Zwei­fel das GIF. Das Gra­phics In­ter­ch­an­ge For­mat gibt es seit bald 30 Jah­ren, doch fei­ert es nun ge­ra­de wie­der ei­ne Re­nais­sance. Kur­ze Be­wegt­bil­der ha­ben sich vor al­lem auf Face­book zur neu­en di­gi­ta­len Aus­drucks­form ent­wi­ckelt, mit der man – bes­ser als mit Wor­ten – Ge­füh­le ver­mit­teln kann. Ein tan­zen­der Pu­tin, ein Mäd­chen beim Kopf­schüt­teln – un­zäh­li­ge die­ser klei­nen End­los­schlei­fen tau­chen der­zeit im Netz auf. So wie auch An­lei­tun­gen, wie man ani­mier­te GIFs selbst er­stel­len kann. Al­ler­dings: Lin­gu­is­ten und Päd­ago­gen war­nen, dass sich die Ju­gend ir­gend­wann über­haupt nicht mehr mit Wor­ten aus­drü­cken kann. Müss­te man je­dem Jahr ein in­nen­po­li­ti­sches Glanz­stück zu­ord­nen, so wä­re das 2015 oh­ne Zwei­fel das so­ge­nann­te ta­f­erl­ga­te. VP-Vi­ze­kanz­ler Rein­hold Mit­ter­leh­ner, In­nen­mi­nis­te­rin Jo­han­na Mikl-Leitner, In­te­gra­ti­ons­mi­nis­ter Se­bas­ti­an Kurz und Jus­tiz­mi­nis­ter Wolf­gang Brand­stet­ter po­sier­ten mit erns­ten Ge­sich­tern und ei­nem Ta­ferl, auf dem sie den „ÖVP-Ak­ti­ons­plan Asyl“prä­sen­tier­ten. Es dau­er­te nicht lang und im Netz tauch­ten hun­der­te Par­odi­en auf, bei de­nen al­les Mög­li­che auf das Ta­ferl ge­schrie­ben und ge­zeich­net wur­de. Für die Mi­nis­ter ein Lern­ef­fekt: Du sollst nicht mit ei­nem Ta­ferl po­sie­ren. Müss­te man je­dem Jahr ei­nen Fin­ger zu­ord­nen, so wä­re es 2015 oh­ne Zwei­fel der Mit­tel­fin­ger. Je­ner des grie­chi­schen (Ex-)Fi­nanz­mi­nis­ters Ya­nis Va­rou­fa­kis, näm­lich. Der wur­de in ei­nem Vi­deo in Rich­tung Deutsch­land ge­rich­tet und sorg­te dort für hel­le Ent­rüs­tung. Al­lein, ZDF-NeoMo­de­ra­tor Jan Böh­mer­mann rück­te zum Vi­deo­be­weis aus, dass der Stin­ke­fin­ger für Deutsch­land ein Fa­ke ist. Und ver­un­si­cher­te da­mit Deutsch­land für meh­re­re Ta­ge. Am En­de war dann doch klar – Böh­mer­mann hat­te das Vi­deo ma­ni­pu­liert, der Stin­ke­fin­ger war echt. Doch es blieb die Er­kennt­nis, dass man mitt­ler­wei­le sehr vor­sich­tig da­mit sein muss, sei­nen ei­ge­nen Au­gen zu trau­en.

Mi­ni­ons

Das

dress­ga­te

Sel­fiesticks

GIFs

Ta­f­erl­ga­te

Böh­mer­mann-Stin­ke­fin­ger

Mal­bü­cher für Er­wach­se­ne

Müss­te man je­dem Jahr ein selt­sa­mes Hob­by zu­ord­nen, so wä­re es 2015 oh­ne Zwei­fel das Aus­ma­len von Mal­bü­chern. Wo­bei hier von Mal­bü­chern für Er­wach­se­ne die Re­de ist. Plötz­lich mach­ten sich er­wach­se­ne Men­schen mit Bunt- und Filz­stif­ten über Schwarz-Weiß-Zeich­nun­gen her, um sie lie­be­voll zu ko­lo­rie­ren. Ei­ne Form der Ent­span­nung, des Ab­schal­tens, für man­che viel­leicht auch ei­ne spi­ri­tu­el­le Be­frei­ung. Und für ei­ni­ge mag es auch ei­ne Mög­lich­keit sein, aus ge­wohn­ten Bah­nen aus­zu­bre­chen – schließ­lich kann man sei­ne Fi­gu­ren dann ge­nau so aus­ma­len, wie man sie gern hät­te. Ein Mi­ni­on in Grün zum Bei­spiel. Aber das ist wie­der ei­ne an­de­re Ge­schich­te.

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