Am Herd

BRANDHEISS UND HÖCHST PER­SÖN­LICH

Die Presse am Sonntag - - Leben - VO N BET­TI­NA ST­EI­NER

Manch­mal glau­be ich, das Le­ben sei plan­bar, ich hät­te al­les un­ter Kon­trol­le, wir müss­ten uns nur ge­nug be­we­gen, Ge­mü­se es­sen und auf der Stra­ße brav nach links und rechts schau­en.

Wie­der ein­mal nichts pas­siert. Wie­der ein­mal ist al­les gut ge­gan­gen: Das letz­te Jahr war wie das Jahr zu­vor, und das nächs­te wird hof­fent­lich ähn­lich wie die­ses sein. Wie­der ein­mal wer­de ich in die di­ver­sen For­mu­la­re die glei­chen Da­ten ein­tra­gen, Bet­ti­na Eibel-St­ei­ner, ge­bo­ren in Innsbruck, wohn­haft in Wi­en; nein, die Adres­se hat sich nicht ge­än­dert, die Te­le­fon­num­mer nicht, und auch der Ehe­mann ist zu mei­ner Freu­de noch der­sel­be.

Wenn mei­ne Schwes­ter mich fragt, was denn so los sei bei uns, ant­wor­te ich: „All­tag halt.“All­tag heißt: das üb­li­che Ge­wursch­tel im Job und Zu­hau­se, zwi­schen Bü­ro und Haus­halt, in­klu­si­ve nas­ser Hand­tü­cher im Bett, mi­ra­ku­lös ver­schol­le­ner Bio­bü­cher und noch nicht be­ant­wor­te­ter E-Mails.

All­tag heißt aber auch: Kei­ner von uns ist die­ses Jahr ernst­haft er­krankt, kei­ner hat ei­nen Un­fall ge­habt, nichts hat uns aus der Bahn ge­wor­fen. Das Schick­sal hat es 2015 gut mit uns ge­meint und uns in Ru­he ge­las­sen: Die paar Ve­rän­de­run­gen, die es ge­ge­ben hat, ha­ben wir ge­wollt, viel­leicht er­sehnt, viel­leicht ha­ben wir schon län­ger dar­auf hin­ge­ar­bei­tet: kei­ne Über­ra­schun­gen. Wir spie­len ja nicht ein­mal Lot­to.

Des­halb ge­be ich mich manch­mal der Il­lu­si­on hin, das Le­ben sei plan­bar; wir hät­ten al­les un­ter Kon­trol­le, wir müss­ten nur die rich­ti­gen Knöp­fe drü­cken, die rich­ti­gen Wor­te sa­gen, un­se­re Auf­ga­ben er­fül­len, acht St­un­den schla­fen, zwei­mal am Tag Obst und Ge­mü­se es­sen, re­gel­mä­ßig Trep­pen stei­gen, statt mit dem Lift fah­ren und vor dem Über­que­ren der Stra­ße brav nach links und rechts schau­en – dann blie­be un­se­re Welt schon heil. Ris­se im Bild. Doch es gibt Mo­men­te, die zer­stö­ren die­se Il­lu­si­on. Da er­zäh­len Freun­de uns von ge­mein­sa­men Be­kann­ten, de­ren zwölf­jäh­ri­ge Toch­ter an Krebs er­krankt ist. Zwölf! So alt wie un­se­re Mar­le­ne! Da ver­liert ei­nes der Kin­der beim Ski­fah­ren kurz die Kon­trol­le und fängt sich erst im al­ler­letz­ten Mo­ment – oder ein Au­to braust gar zu knapp vor­bei. Und dann wä­re ich auch noch fast in ei­nen U-Bahn-Schacht ge­fal­len, weil ich beim War­ten ge­le­sen und ge­glaubt ha­be, mei­ne U-Bahn sei schon ein­ge­fah­ren. Al­so woll­te ich, im­mer noch das Buch in der Hand, ein­stei­gen: Da­bei war da gar nix, und was ich so über die Sei­ten hin­weg ge­se­hen hat­te, wa­ren die Wag­gons vom Bahn­steig ge­gen­über!

In sol­chen Mo­men­ten fährt mir kurz der Schreck in die Glie­der, und ich seuf­ze auf: „Noch ein­mal Glück ge­habt!“

Und mei­ne da­mit je­nes Glück, das wir oft nicht zu brau­chen glau­ben, weil wir in die­sem Win­kel der Welt das Schick­sal so weit zu­rück­ge­drängt ha­ben, wie es nur mög­lich ist – aber eben nicht ganz, nie­mals ganz: So fra­gil ist sie, un­se­re Exis­tenz.

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