Als es dem Hass an den Kra­gen ging

Das In­ter­net ist nicht ei­ne ei­ge­ne Welt, in der man sich aus­to­ben kann, son­dern strahlt auch in die Of­f­line­welt aus. Für Pos­tings im In­ter­net dro­hen nun auch ech­te Kon­se­quen­zen.

Die Presse am Sonntag - - Leben - VON ERICH KOCINA

Es ist ei­nes je­ner Fotos, de­nen ein ge­wis­ser Iko­nen­sta­tus in­ne­wohnt. Die glück­lich lä­cheln­de Dun­ja, die sich in ei­ner Du­sche aus dem Feu­er­wehr­schlauch ein we­nig Ab­küh­lung ver­schafft. Ein Bild, mit dem die Feu­er­wehr Feld­kir­chen an der Do­nau die Flücht­lings­kri­se mit dem Bild der sechs­jäh­ri­gen Sy­re­rin plötz­lich aus ei­ner ganz an­de­ren, ei­ner mensch­lich­po­si­ti­ven Per­spek­ti­ve zeig­te. Es ist aber auch gleich­zei­tig ein Bild, auf das vor al­lem im In­ter­net ei­ni­ges an Hass pro­ji­ziert wur­de. Und das schließ­lich so­gar noch wei­ter auf­ge­la­den wur­de – denn es steht auch da­für, dass die­ser Hass rea­le Kon­se­quen­zen ha­ben kann.

„Flam­men­wer­fer wäh­re (sic!) da die bes­se­re Lö­sung ge­we­sen“. Es war die­ses Pos­ting auf der Face­book-Sei­te ei­nes Ra­dio­sen­ders, das ei­nen an­ge­hen­den Kfz-Tech­ni­ker En­de Ju­li sei­ne Lehr­stel­le kos­te­te. Denn als Por­sche Wels, sein Ar­beit­ge­ber, von dem Ein­trag er­fuhr, trenn­te sich der Be­trieb um­ge­hend von dem 17-Jäh­ri­gen. Ei­ne Ent­schul­di­gung via Face­book half nichts. Meh­re­re Ta­ge lang lief die De­bat­te, ob die Kon­se­quenz nicht doch zu hart ge­we­sen sei. Aus straf­recht­li­cher Sicht er­wuch­sen dem Lehr­ling zu­min­dest kei­ne Kon­se­quen­zen, die Staats­an­walt­schaft Wels sah we­der Ver­het­zung noch ge­fähr­li­che Dro­hung vor­lie­gen. Doch aus ar­beits­recht­li­cher Sicht, so er­klär­ten Ex­per­ten, sei das Vor­ge­hen der Fir­ma ge­deckt ge­we­sen. Wei­te­re Fäl­le. Es soll­te nicht der ein­zi­ge Fall blei­ben, der in der – nicht nur we­gen des Wet­ters – auf­ge­heiz­ten Stim­mung des Som­mers be­kannt wur­de. Auch ei­ne Spar-Mit­ar­bei­te­rin ver­lor ih­ren Job, nach­dem sie in ei­nem Face­book-Pos­ting ei­nen Brand im Erst­auf­nah­me­la­ger Trais­kir­chen als wün­schens­wert be­trach­tet hat­te. Auch beim Ro­ten Kreuz trenn­te man sich im Som­mer von zwei Mit­ar­bei­tern we­gen ih­rer Kom­men­ta­re zu Flücht­lin­gen auf Face­book.

Tat­säch­lich mar­kiert das Jahr 2015 ei­nen wich­ti­gen Punkt im Um­gang mit so­ge­nann­ten Hass­pos­tings im In­ter­net. Dass es sich da­bei um ein Pro­blem han­delt, war schon hin­läng­lich be­kannt. Doch dass sol­che Pos­tings nun auch in der Of­f­line­welt Kon­se­quen­zen ha­ben, ist in die­ser Mas­se ein ver­hält­nis­mä­ßig jun­ges Phä­no­men. Wo­bei die Da­ten­la­ge da­zu, ge­lin­de ge­sagt, noch dürf­tig ist. Denn dass het­zen­de On­lin­ebei­trä­ge aus sub­jek­ti­ver Sicht zu­neh­men, dürf­ten wohl vie­le un­ter­schrei­ben. Doch nack­te Zah­len da­zu kann das Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um nur be­dingt lie­fern. Im Au­gust la­gen dem Jus­tiz­mi­nis- te­ri­um 179 An­zei­gen vor – im Jahr 2014 wa­ren es ins­ge­samt 339. Im Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz sprach man von ei­nem An­stieg der An­zei­gen um 30 Pro­zent, al­ler­dings schon 2014. Schließ­lich ist ei­ne An­zei­ge oh­ne­hin nur ein klei­ner Aus­schnitt, denn nicht je­des frag­li­che Pos­ting wird tat­säch­lich ge­mel­det. Au­ßer­dem kann es sein, dass ein Pos­ting, das von vie­len als ver­het­zend emp­fun­den wird, im Licht des Straf­rechts als nicht pro­ble­ma­tisch ge­se­hen wird – wie et­wa auch das Flam­men­wer­fer-Pos­ting des Kfz-Lehr­lings aus Wels.

Doch ab­ge­se­hen vom straf­recht­li­chen Blick­win­kel hat sich im Netz auch ei­ne wei­te­re In­stanz eta­bliert – näm­lich ei­ne Kon­trol­le durch an­de­re User. Auf meh­re­ren Web­sites wer­den pro­ble­ma­ti­sche Kom­men­ta­re ge­sam­melt und ver­öf­fent­licht. Auf www.ha­ters.at kön­nen et­wa User Bei­trä­ge aus so­zia­len Me­di­en mel­den. Nicht ge­schönt und nicht an­ony­mi­siert wer­den sie dann auf­ge­lis­tet. Der Blog „Eau de Stra­che“wie­der­um sam­melt frag­wür­di­ge Bei­trä­ge, die auf Face­book-Sei­ten von FPÖ-Po­li­ti­kern ge­fun­den wer­den. Leicht an­ony­mi­siert, aber mit Link zum je­wei­li­gen Bei­trag.

Das Jahr 2015 mar­kiert ei­nen wich­ti­gen Punkt im Um­gang mit Hass­pos­tings im In­ter­net. Ne­ben den Usern ge­riet auch Face­book selbst we­gen der Pos­tings in die Kri­tik.

Ge­ra­de Po­li­ti­ker der FPÖ stan­den we­gen Pos­tings auf ih­ren Sei­ten öf­ter in der Kri­tik. Ech­te Kon­se­quen­zen muss­te Na­tio­nal­rats­ab­ge­ord­ne­te Su­san­ne Win­ter zie­hen – sie hat­te ein an­ti­se­mi­ti­sches Pos­ting ge­lobt: „. . . schön, dass Sie mir die Wor­te aus dem Mund neh­men“. Nach ei­ner län­ge­ren De­bat­te wur­de sie schließ­lich aus der Par­tei aus­ge­schlos­sen. EU vs. Face­book. Ne­ben den Pos­tern ge­riet aber auch Face­book in die Kri­tik. Da der US-Kon­zern zwar sehr schnell Bil­der löscht, so­bald dar­auf ei­ne weib­li­che Brust zu se­hen ist, bei het­ze­ri­schen Pos­tings je­doch all­zu oft kei­nen Grund zu re­agie­ren sah. Was zum ei­nen zahl­rei­che User är­ger­te, zum an­de­ren aber auch die Po­li­tik auf den Plan brach­te. So be­schlos­sen die Jus­tiz­mi­nis­ter der EU An­fang De­zem­ber, Online-Un­ter­neh­men bei der Ent­fer­nung von Hass­bot­schaf­ten stär­ker in die Pflicht zu neh­men. Man ha­be sich auch mit Face­book und Goog­le schon auf ei­ne Vor­gangs­wei­se ge­ei­nigt.

Zu glau­ben, dass der Hass in Zu­kunft aus dem Netz ver­schwin­den wird, ist na­tür­lich il­lu­so­risch. Doch es scheint, als wür­de zu­min­dest lang­sam ein Be­wusst­sein da­für ent­ste­hen, dass das In­ter­net kein luft­lee­rer Raum ist, in dem Men­schen tun und las­sen kön­nen, was sie wol­len. Und dass sie, soll­ten sie sich tat­säch­lich grob da­ne­ben­be­neh­men, auch im rea­len Le­ben mit Kon­se­quen­zen rech­nen müs­sen.

FF Feld­kir­chen/Pe­neder

Ein sy­ri­sches Flücht­lings­kind als Sym­bol­bild für rea­le Kon­se­quen­zen von Hass im Netz.

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