DIE GLO­CKE

Die Presse am Sonntag - - Globus -

ge­schlos­sen. Nur so viel: Ih­re acht­jäh­ri­ge Toch­ter ge­he zur Schu­le. Ihr Mann ha­be wie­der Ar­beit. Vor al­lem aber, und das ist das Un­ge­wöhn­li­che: Die Ver­ant­wort­li­chen wur­den be­straft.

Nach der Ab­trei­bung hat­te ihr Mann ein Foto von ihr ins In­ter­net ge­stellt. Sie lag im Kran­ken­bett, ne­ben ihr der ab­ge­trie­be­ne Fö­tus. Das Bild ging um die Welt. „Ei­ne Schan­de für ein zi­vi­li­sier­tes Land“, schrieb je­mand im In­ter­net. Ein an­de­rer frag­te: „War­um kann das gro­ße Chi­na nicht ei­nen wei­te­ren Men­schen auf­neh­men?“

Zu­nächst fühl­ten sich die Be­hör­den noch auf der si­che­ren Sei­te. Schließ­lich war es nicht das ers­te Mal, dass sie so vor­ge­gan­gen wa­ren. Die zu­stän­di­gen Be­am­ten schüch­ter­ten die Fa­mi­lie ein, sorg­ten da­für, dass ihr Mann sei­nen Job ver­lor. Feng Ji­an­meis Toch­ter, die da­mals fünf war, soll­te nicht in die Schu­le ge­las­sen wer­den. Jetzt aber re­agier­te die Füh­rung an­ders. Sie ent­ließ die zu­stän­di­gen Be­am­ten, Feng Jia­mei wur­de „fi­nan­zi­el­le Hil­fe“zu­ge­spro­chen. „Kei­ne Ent­schä­di­gung“, er­in­nert sich ihr Mann. Auf die­se For­mu­lie­rung le­gen sie sehr viel Wert. Und trotz­dem: ein Zei­chen, dass das Um­den­ken be­gon­nen hat­te. Wä­ren zwei Mil­li­ar­den bes­ser? 1,38 Mil­li­ar­den Ein­woh­ner zählt Chi­na heu­te. So vie­le Men­schen le­ben sonst nir­gend­wo. Es hät­ten noch viel mehr wer­den kön­nen: Oh­ne Ein-Kind-Po­li­tik lä­ge die Be­völ­ke­rungs­zahl heu­te bei zwei Mil­li­ar­den. Das be­haup­tet die Re- Im Nord­at­lan­tik ge­schieht im Au­gust ei­ne Sen­sa­ti­on: Ein Ro­bo­ter birgt aus 2800 m Tie­fe die Schiffs­glo­cke des 1941 von der deut­schen Bis­marck ver­senk­ten Bri­tenSchlacht­kreu­zers HMS Hood (1415 To­te). Ei­ne Glo­cke ist die See­le je­des Schiffs – und je­ne der Hood ein Staats­schatz. gie­rung und er­hält bis heu­te da­für Bei­fall. Es sei ein we­sent­li­cher Grund für Chi­nas er­folg­rei­che Ar­muts­be­kämp­fung ge­we­sen, ur­teil­te die Welt­bank 2005. Der bri­ti­sche „Eco­no­mist“hieß die Ein-Kind-Po­li­tik 2014 ei­ne der wich­tigs­ten Maß­nah­men zum Kli­ma­schutz. Oh­ne sie wä­ren bis 2005 rund 1,3 Mil­li­ar­den Ton­nen mehr Koh­len­di­oxid in die Erd­at­mo­sphä­re ge­bla­sen wor­den.

Es hat­te in­des sei­nen Preis: 300 Mil­lio­nen Ab­trei­bun­gen wur­den in den ver­gan­ge­nen 30 Jah­ren vor­ge­nom­men – vie­le da­von er­zwun­gen. 1983 et­wa gab es 14,4 Mil­lio­nen Ab­trei­bun­gen und 29,7 Mil­lio­nen Ste­ri­li­sa­tio­nen. Zu­dem steht Chi­na nun vor ei­nem an­de­ren Pro­blem: Übe­r­al­te­rung. Das gibt es auch an­ders­wo, aber nir­gends wird das Aus­maß so groß sein wie in der Volks­re­pu­blik. Bis 2030 soll die Zahl der über 60-Jäh­ri­gen auf mehr als 300 Mil­lio­nen stei­gen. Je­der vier­te Chi­ne­se ist dann ein Greis. In TV-Spots wird nun die vier­köp­fi­ge Fa­mi­lie idea­li­siert. Auch ei­ne Geld­fra­ge. So rich­tig und nö­tig Liu Jia das En­de der Ein-Kind-Po­li­tik hält – für sie kommt noch ein Kind nicht in­fra­ge. „Zu teu­er“, sagt sie. Um­ge­rech­net 300 Eu­ro an Kin­der­gar­ten­ge­büh­ren müs­se sie im Mo­nat auf­wen­den. Da­bei ver­dient sie mit ih­rem Mann zu­sam­men nur 1500 Eu­ro. Da­zu kommt Kla­vier­un­ter­richt, Kos­ten für Nach­hil­fe und das Spa­ren fürs Stu­di­um.

„Na­tür­lich, all das muss­ten wir frü­her nicht aus­ge­ben, weil es die Din­ge nicht gab“, sagt sie. Die An­sprü­che sei­en heu­te aber eben an­de­re, sagt Liu. Sie zeigt auf das Fa­mi­li­en­fo­to von ih­rem Dis­ney­land-Be­such in Hong­kong, das groß über ih­rer Wohn­zim­mer­couch hängt. Die Zeit las­se sich nun ein­mal nicht zu­rück­dre­hen.

300 Mil­lio­nen Ab­trei­bun­gen bin­nen et­wa 30 Jah­ren. Und vie­le da­von wa­ren er­zwun­gen.

AP imago

Die jahr­zehn­te­lan­ge Ein-Kind-Po­li­tik Chi­nas ist seit heu­er of­fi­zi­ell Ge­schich­te. In der Rea­li­tät wur­de die­se Re­gel oft ge­bro­chen.

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