Die Kan­di­da­tur ist kei­ne Toch­ter der Zeit

Die Welt rund um Ös­ter­reichs Schre­ber­gar­ten­kul­tu­ren be­fin­det sich im Um­bruch. Um­so ver­wun­der­li­cher ist, dass zur Prä­si­dent­schafts­wahl kein ein­zi­ger au­ßen­po­li­ti­scher Pro­fi an­tritt.

Die Presse am Sonntag - - Seit - LEIT­AR­TI­KEL VON CHRISTIAN ULTSCH

Es gab Zei­ten, da dräng­ten Au­ßen­mi­nis­ter ins höchs­te Amt im Staat. Der ei­ne, Ru­dolf Kirch­schlä­ger, schaff­te es, die an­de­re, Be­ni­ta Fer­re­ro-Wald­ner, un­ter­lag ei­nem Na­tio­nal­rats­prä­si­den­ten mit weit ge­spann­tem in­ter­na­tio­na­len Netz: Heinz Fi­scher. Auch ei­nen ehe­ma­li­gen UNGe­ne­ral­se­kre­tär, Kurt Wald­heim, wähl­ten die Ös­ter­rei­cher zum Bun­des­prä­si­den­ten. Sein Slo­gan („Der Mann, dem die Welt ver­traut“) soll­te sich als bit­te­re Selbst­täu­schung er­wei­sen. Ihm folg­te nach nur ei­ner Amts­zeit wie­der ein Di­plo­mat nach, der frü­he­re Ge­ne­ral­se­kre­tär des Au­ßen­amts, Tho­mas Kle­stil. Wie auch im­mer man die Leis­tung der ge­nann­ten Per­so­nen im Nach­hin­ein be­ur­teilt, de­ren au­ßen­po­li­ti­sche Er­fah­rung stand au­ßer Fra­ge; sie galt als wich­ti­ges Kri­te­ri­um für Be­wer­bung und spä­te­re Amts­aus­übung.

Und dies­mal? Von et­wai­gen in­ter­na­tio­na­len Be­fä­hi­gun­gen war im bis­he­ri­gen hei­te­ren Kan­di­da­ten­ra­ten, ei­ner rein in­nen­po­li­tisch mo­ti­vier­ten Auf­füh­rung mit ei­nem St. Pölt­ner Knall­ef­fekt und sonst eher mä­ßi­gem Un­ter­hal­tungs­wert, nichts zu hö­ren. Das ist er­staun­lich an­ge­sichts ei­ner Welt, die sich jen­seits der ös­ter­rei­chi­schen Schre­ber­gar­ten­kul­tu­ren in ei­nem dra­ma­ti­schen Um­bruch be­fin­det. Vor Eu­ro­pas To­ren zer­fällt der Na­he Os­ten, Hun­dert­tau­sen­de Flücht­lin­ge zie­hen quer durch den Kon­ti­nent, der EU ste­hen ge­wal­ti­ge Zer­reiß­pro­ben zwi­schen Ost und West, zwi­schen Nord und Süd be­vor, so­gar ein Aus­tritt Groß­bri­tan­ni­ens, und die Re­pu­blik bebt, weil der nie­der­ös­ter­rei­chi­sche Lan­des­haupt­mann nicht zur Bun­des­prä­si­den­ten­wahl an­tritt.

Sein ÖVP-Er­satz­kan­di­dat, Andre­as Khol, mag als Na­tio­nal­rats­prä­si­dent und be­reits da­vor in­ter­na­tio­na­le Kon­tak­te ge­knüpft ha­ben, doch das ist auch schon ein Weil­chen her. Von So­zi­al­mi­nis­ter Ru­dolf Hund­stor­fer, dem SPÖ-Staats­ober­haupt in spe mit Wur­zeln in Wie­ner Ma­gis­trat und Ge­werk­schaft, sind bis­her kei­ne Ak­zen­te auf der Welt­büh­ne über­lie­fert. Alex­an­der Van der Bel­len wie­der­um fir­mier­te zwar in sei­ner par­la­men­ta­ri­schen Nach­spiel­zeit als au­ßen­po­li­ti­scher Spre­cher der Grü­nen, ge­spro­chen hat er da­mals aber we­nig. Irm­gard Griss war als Prä­si­den­tin des Obers­ten Ge­richts­hofs na­tur­ge­mäß vor­wie­gend mit ös­ter­rei­chi­schen Fäl­len be­fasst. Und mit ei­nem Pa­ra­de­di­plo­ma­ten aus den Rei­hen der FPÖ ist auch eher nicht zu rech­nen.

Die in­nen­po­li­ti­schen Be­fug­nis­se des Bun­des­prä­si­den­ten rei­chen le­dig­lich auf dem Pa­pier weit. In der Re­al­ver­fas­sung ist der obers­te Staats­no­tar haupt­säch­lich da­mit be­schäf­tigt, die Re­pu­blik nach au­ßen zu ver­tre­ten. Heinz Fi­scher ver­wen­de­te min­des­tens die Hälf­te sei­ner Ener­gie für Au­ßen­po­li­tik und sprang da­bei oft ge­nug für ei­nen ein­ge­schränkt in­ter­es­sier­ten Kanz­ler na­mens Wer­ner Fay­mann in die Bre­sche. Er hat die­se Auf­ga­be im­mer gern und meist auch gut ge­meis­tert. Über man­ches lässt sich strei­ten, et­wa über den Emp­fang für Pu­tin nach der Krim-Anne­xi­on. Doch die Di­plo­ma­tie war si­cher je­nes Feld, in dem sich Fi­scher am sicht­bars­ten und nütz­lichs­ten ein­brach­te.

Es ist selt­sam un­zeit­ge­mäß, dass zu den bis­he­ri­gen Prä­si­dent­schafts­be­wer­bern 2016 kein ein­zi­ger au­ßen­po­li­ti­scher Voll­pro­fi zählt. Wir hof­fen auf das Grund­in­ter­es­se und die Lern­kur­ven der grau­en Pan­ther.

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.