»Die feh­len­de Frei­heit war das Pro­blem«

Vier Flücht­lings­frŻu­en in Wi­en erz´hlen, wie sie in ih­rer HeimŻt ãehŻn©elt wur©en.

Die Presse am Sonntag - - Ausland - VON KATRIN PO­INT­NER UND JÜR­GEN STREIHAMMER

„So et­was ver­gisst du nicht. Das hast du im­mer im Kopf“, sagt Ma­ri­am (Na­me ge­än­dert). Für ei­nen Au­gen­blick scheint es, als wä­re die Ira­ne­rin nicht im Raum. Ihr Blick wan­dert ins Lee­re. Dann at­met sie tief durch, setzt wie­der ihr Lä­cheln auf und er­zählt, was sich vor 15 Jah­ren ganz in der Nä­he ih­res El­tern­hau­ses in Irans Haupt­stadt Te­he­ran ab­ge­spielt hat. „Ich war mit mei­ner Schwes­ter un­ter­wegs, als der Mann auf dem Fahr­rad kam.“Der Frem­de hielt sie fest, be­rühr­te ih­ren Rü­cken, dann ih­re Brüs­te. 16 Jah­re war sie da­mals alt. Ma­ri­am riss sich los, sprang über ei­nen na­hen Bach und lief wei­nend und schluch­zend nach Hau­se.

Sie er­zähl­te den El­tern, was pas­siert war. Der Va­ter woll­te so­fort los, den Mann fin­den und vor Ge­richt zer­ren. Die Mut­ter fleh­te ihn an, das nicht zu tun. Sie trieb die Angst um, dass am En­de nicht der Tä­ter, son­dern ih­re Toch­ter Pro­ble­me be­kom­men wür­de. „Es war so ty­pisch“, sagt die 31-jäh­ri­ge Ma­ri­am. „Die­se Män­ner wer­den nie ge­fasst und ver­ur­teilt. Du hast als Frau in ei­nem Pro­zess so gut wie kei­ne Chan­ce.“Mit­un­ter wür­den Frau­en so­gar da­vor zu­rück­schre­cken, An­grei­fer mit Ge­walt in die Flucht zu schla­gen – aus Angst, am En­de selbst vor Ge­richt zu lan­den. „Je©e hŻt so ei­ne Ge­schich­te.“Wut mischt sich nun in Ma­ri­ams Stim­me: über die Ohn­macht, die sie da­mals vor 15 Jah­ren emp­fun­den hat. „Aber ich bin si­cher, je­de Frau im Iran hat so ei­ne Ge­schich­te. Vie­le da­von sind schlim­mer als mei­ne“, sagt die Stu- den­tin und Ma­le­rin. An­fang Mai setzt sich Ma­ri­am in ei­nen Flie­ger nach Ös­ter­reich. Sie ver­lässt die Is­la­mi­schen Re­pu­blik Iran. „Für im­mer.“ Aus­geh­zei­ten. Vier nach Wi­en ge­flüch­te­te Frau­en ha­ben der „Pres­se am Sonn­tag“er­zählt, wie es um ih­re Rech­te in ih­rer Hei­mat be­stellt war. Sie leb­ten in Sy­ri­en, dem Irak und eben im Iran. Es sind mit­un­ter sehr per­sön­li­che Le­bens­ge­schich­ten. Sie glei­chen sich nicht. Doch es gibt ei­ne Kon­stan­te: Frei fühl­te sich kei­ne der vier Frau­en.

Die Ira­ke­rin Nar­jis schon gar nicht. „Ich muss­te je­den Tag um 17 Uhr zu Hau­se sein“, sagt die 24-Jäh­ri­ge. Die Fa­mi­lie ha­be ihr im­mer wie­der er­klärt, das sei nur „zu ih­rer ei­ge­nen Si­cher­heit“. Nar­jis schüt­telt den Kopf, als wüss­te sie, dass es noch an­de­re Grün­de ge­ge­ben hat. Ei­nen Job nach dem an­de­ren hat sie ver­lo­ren, weil sich die Aus­geh- und die Ar­beits­zei­ten auf Dau­er nicht ver­ein­ba­ren lie­ßen. Die Ira­ke­rin mit dem Wunsch­be­ruf Jour­na­lis­tin er­in­nert sich, wie Frem­de in Bag­dads Stra­ßen re­gel­mä­ßig zu­dring­lich wur­den, ihr un­ge­fragt Han­dy­num­mern zu­steck­ten. Nar­jis fal­tet die Hän­de wie zu ei­nem Dank­ge­bet: „Das Schöns­te hier in Ös­ter­reich ist: Ich kann auf der Stra­ße ge­hen, oh­ne an­ge­spro­chen oder um mei­ne Te­le­fon­num­mer ge­fragt zu wer­den.“ Streit um ©Żs Kopf­tuch. „Frau­en kön­nen hier in Ös­ter­reich al­les tun“, sagt auch ih­re ira­ki­sche Lands­frau Ha­naa. Die 46-Jäh­ri­ge ent­spricht so gar nicht dem Kli­schee ei­ner mus­li­mi­schen Frau im Irak. Ha­naa ist we­der ver­hei­ra­tet, noch trägt sie ein Kopf­tuch. War­um nicht? Die Frau winkt ge­nervt ab: „Das Kopf­tuch war nicht das Pro­blem. Die feh­len­de Frei­heit war es.“Die gleich­alt­ri­ge She­nyaa, die Ha­naa ge­gen­über­sitzt, schüt­telt en­er­gisch den Kopf: „Das Kopf­tuch ist ein Pro­blem! Ich ha­be es ge­hasst.“Ih­re schul­ter­lan­gen blon­dier­ten Haa­re streicht sie da­bei de­mons­tra­tiv zu­rück.

Die vier­fa­che Mut­ter She­nyaa kommt wie Ha­naa aus dem Irak, acht Jah­re lang leb­te sie in Sy­ri­en. Das zwei­te Le­ben ge­fiel ihr da­bei bes­ser. An­ders als im Irak durf­te sie in Sy­ri­en das Kopf­tuch ab­le­gen. An­fangs je­den­falls. „Und ich konn­te mit mei­nen Töch­tern hin­ge­hen, wo­hin ich woll­te, und so lan­ge drau­ßen blei­ben, wie ich Lust da­zu hat­te.“Ein Stück Frei­heit, wie es die ira­ki­sche Haus­frau bis da­hin nicht kann­te.

Doch dann kam der Krieg nach Sy­ri­en und in des­sen Ge­fol­ge auch is­la­mis­ti­sche Kämp­fer. She­nyaa fing wie­der an, den so­ge­nann­ten Hi­jab zu tra­gen. Aus Angst. Sie hat­te im Irak die Ge­schich­ten über Frau­en ge­hört, die von Fa­na­ti­kern ge­tö­tet wur­den, weil sie falsch ge­klei­det wa­ren. Das Stück Frei­heit in Sy­ri­en war wie­der weg. „Fühl­te mich nie si­cher.“Die Ira­ne­rin Ma­ri­am hat et­was Rouge auf­ge­legt, die Nä­gel dun­kel­blau la­ckiert, nichts Auf­rei­zen­des: Im Iran wä­re sie so nicht auf die Stra­ße ge­gan­gen, sagt die 31-Jäh­ri­ge. Sie hät­te Angst ge­habt, dass ihr so­fort Män­ner nach­stel­len, ob­wohl sie in Te­he­ran an­ders als in Wi­en das schwar­ze Haar in ein Kopf­tuch ge­hüllt hat­te. „Das Schlimms­te war für mich im­mer,, dass ich mich auf of­fe­ner Stra­ße nicht si­cher fühl­te“, sagt Ma­ri­am.

Es blieb nicht bei dem Zwi­schen­fall mit dem Rad­fah­rer, der ihr als 16-Jäh­ri­ge auf­lau­er­te. Mehr­mals spür­te sie, wie in ei­ner Men­ge frem­de Män­ner sie von hin­ten be­rühr­ten. „Ich dreh­te mich im­mer so­fort um. Aber wer der Tä­ter wa­ren, konn­te ich im Ge­tüm­mel nie sa­gen.“Nach 20 Uhr ging sie je­den­falls nicht mehr al­lein auf die Stra­ße.

Lan­ge aus­ge­hen, die Haa­re of­fen tra­gen, Spa­zier­gän­ge oh­ne männ­li­che Zu­ru­fe: Für Ma­ri­am, Nar­jis, She­nyaa und Ha­naa sind das nun al­les klei­ne Schrit­te – in die Frei­heit.

Se­xu­el­le Bel´sti­gung: »Du hŻst Żls FrŻu in ei­nem Pro­zess kei­ne ChŻn­ce.«

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