STU­DIE

Die Presse am Sonntag - - Ausland -

Spät­pro­dukt. Sie ist erst rund 200 Jah­re alt und ei­ne Er­run­gen­schaft der eu­ro­päi­schen Ro­man­tik. Und sie hat we­sent­lich zu dem mo­der­nen, west­li­chen Leit­bild der Gleich­be­rech­ti­gung von Mann und Frau bei­ge­tra­gen.

An­ders in der ara­bi­schen Welt, die die­se Ent­wick­lung in gro­ßen Tei­len nicht mit­voll­zo­gen hat. Be­reits 2002 iden­ti­fi­zier­te der ers­te „Ara­bi­sche Ent­wick­lungs­be­richt“der Ver­ein­ten Na­tio­nen die Dis­kri­mi­nie­rung von Frau­en als ei­ne Kern­ur­sa­che da­für, dass sich die ara­bi­sche Re­gi­on im Ver­gleich zum Rest der Welt in ei­nem chro­ni­schen Rück­stand be­fin­det. „Frau­en lei­den un­ter un­glei­chen Bür­ger­rech­ten und un­glei­chem Rechts­sta­tus. Die Nut­zung der Fä­hig­kei­ten ara­bi­scher Frau­en durch po­li­ti­sche und wirt­schaft­li­che Par­ti­zi­pa­ti­on ge­hört zu den ge­rings­ten in der gan­zen Welt“, hieß es in dem Text. Und wei­ter: „Frau­en sind in den po­li­ti­schen Sys­te­men stark be­nach­tei­ligt, wer­den durch Ge­set­ze, Ge­bräu­che und Kon­ven­tio­nen ex­trem mar­gi­na­li­siert.“Die An­alpha­be­ten­ra­te un­ter Frau­en in der ara­bi­schen Welt sei „nach wie vor hö­her als im in­ter­na­tio­na­len Durch­schnitt und so­gar hö­her als im Durch­schnitt al­ler Ent­wick­lungs­län­der“. Die Ara­bi­sche Li­ga schätzt, das ein Drit­tel der 300 Mil­lio­nen Ara­ber nicht le­sen und schrei­ben kann. FrŻu­en­fein©li­che Ge­set­ze. In fast al­len ara­bi­schen Län­dern exis­tie­ren ex­pli­zit frau­en­feind­li­che Ge­set­ze – vor al­lem das Per­so­nen­stands­recht, das ele­men­ta­re An­ge­le­gen­hei­ten wie Hei­rat, Schei­dung, Sor­ge­recht für Kin­der und Er­be re­gelt. Meist ba­sie­ren die Per­so­nen­stands­ge­set­ze auf kon­ser­va­ti­ven, männ­li­chen Aus­le­gun­gen der is­la­mi­schen Scha­ria, die Frau­en sys­te­ma­tisch be­nach­tei­li­gen. Nach tra­di­tio­nel­lem Recht hat al­lein der Mann ei­nen un­be­schränk­ten An­spruch, die Schei­dung Frau­en sind in der is­la­mi­schen Welt wei­ter dis­kri­mi­niert.

DŻs Ägyp­ti­sche Zen­trum für FrŻu­en­rech­te

hat in ei­ner Stu­die her­aus­ge­fun­den, dass 83 Pro­zent der ägyp­ti­schen Frau­en se­xu­el­le Ge­walt er­le­ben, 46 Pro­zent da­von so­gar täg­lich. kein ara­bi­sches Land auf den ers­ten 100 Plät­zen. Re­gio­na­le Spit­zen­rei­ter sind die Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­te auf Platz 119, ge­folgt von Ka­tar und Bah­rain. Sämt­li­che an­de­ren ara­bi­schen Na­tio­nen ste­hen auf den 20 Schluss­licht­plät­zen der 145 un­ter­such­ten Län­der – Tu­ne­si­en auf Rang 127, Sau­dia­ra­bi­en auf 135, Ägyp­ten auf 136 und Je­men auf 145.

Im Kai­ro­er In­ter­ne­tra­dio Ba­nat wa Bas, das die Ak­ti­vis­tin Ama­ni al-Tun­si spe­zi­ell für jun­ge Frau­en ge­grün­det hat, hält der Psy­cho­lo­ge She­rif Abo El­lail re­gel­mä­ßig Fra­ge­stun­den. Der 38-Jäh­ri­ge hat in Ägyp­ten und Groß­bri­tan­ni­en stu­diert. Mal geht es in sei­ner Sen­dung um Lie­be un­ter Te­enagern. Mal fra­gen die jun­gen An­ru­fe­rin­nen, wie sie am bes­ten mit ih­rem Freund Schluss ma­chen kön­nen, mal geht es aber auch um Hei­rat und den Druck der Fa­mi­lie. Ei­ner­seits sei­en die Men­schen im Na­hen Os­ten sehr ge­fühls­be­tont, sagt der Psy­cho­lo­ge, der durch sei­ne Aus­bil­dung mit der west­li­chen und ori­en­ta­li­schen Men­ta­li­tät glei­cher­ma­ßen ver­traut ist. An­de­rer­seits ge­be es in den ara­bi­schen Ge­sell­schaf­ten nach wie vor sehr strik­te Fa­mi­li­en­nor­men, auch wenn sich die so­zia­le Kon­trol­le in den letz­ten Jah­ren et­was ge­lo­ckert ha­be. Auf­kei­men©e EmŻn­zipŻ­ti­on. So las­sen sich nach sei­ner Er­fah­rung jun­ge Frau­en nicht mehr so ein­fach von der Fa­mi­lie vor­schrei­ben, wen sie hei­ra­ten sol­len. Sie wol­len ih­ren Ehe­mann selbst wäh­len und neh­men sich da­für Zeit. Sie sträu­ben sich ge­gen ei­ne schnel­le, von der Fa­mi­lie ar­ran­gier­te Hei­rat. Sie se­hen sich un­ter meh­re­ren Freun­den um und wol­len am En­de ei­ne gu­te Ent­schei­dung tref­fen, be­rich­tet er. Es kön­ne pas­sie­ren, dass die El­tern ei­nen rei­chen Bräu­ti­gam aus­su­chen wür­den, die Toch­ter aber je­man­den lie­be, der we­nig Geld ha­be. „Wir ra­ten den jun­gen Frau­en: Hei­ra­tet nicht, wenn ihr den Mann nicht liebt“, sagt Ama­ni alT­un­si. „Ei­ne Schei­dung ist schlim­mer, als al­lein zu blei­ben.“Ei­ne ge­schie­de­ne Frau wer­de in Ägyp­ten wie ei­ne Pro­sti­tu­ier­te be­han­delt. „Und die Män­ner glau­ben, wenn sie ei­ne ge­schie­de­ne Frau hei­ra­ten, ist das wie ein Gna­dener­weis.“

Wenn Fa­mi­li­en, de­ren Töch­ter sich ge­gen ei­ne ar­ran­gier­te Ehe sträu­ben, in sei­ne psy­cho­lo­gi­sche Pra­xis kom­men, schei­tert die Be­ra­tung fast im­mer, weiß Psy­cho­lo­ge She­rif Abo El­lail. „Die El­tern wol­len nicht ein­len­ken, die Nor­men der Ge­sell­schaft sind ein­fach zu stark. Das Ein­zi­ge, was ich tun kann, ist, auf Zeit zu spie­len und die Fa­mi­li­en zu über­zeu­gen, mit der ar­ran­gier­ten Hoch­zeit noch zu war­ten.“

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