Strei­fen, Wir­bel, Geo­me­tri­en

Klei­ne Suk­ku­len­ten. Es muss nicht im­mer das Gro­ße und Üp­pi­ge sein, das froh stimmt. Mit­un­ter be­wirkt der Rück­zug ins Klei­ne, und zu­dem nur auf den ers­ten Blick Un­schein­ba­re, ein ge­wis­ses Lab­sal für die See­le.

Die Presse am Sonntag - - Garten - VON UTE WOL­TRON

Lan­ge Zeit bin ich nicht nur früh auf­ge­stan­den, ich war auch be­stän­dig von gro­ßen Zim­mer­pflan­zen um­ge­ben. Mög­li­cher­wei­se ein Sym­ptom der Maß­lo­sig­keit der Ju­gend. Je­den­falls soll­te es rund um mich wu­chern. Schnell und groß. Das Blatt­grün rie­si­ger Ba­na­nen­stau­den ver­stell­te die Fens­ter. Um Vor­hang­s­tan­gen wan­den sich Sch­ling­pflan­zen. Dief­fen­ba­chi­alaub und Palm­we­del be­schat­te­ten Tei­le mei­nes Heims. Zim­me­re­feu kroch lang­ar­mig über die Wän­de und ver­trug sich gut mit dem wu­cher­fro­hen Cis­sus, auch be­kannt un­ter dem Na­men Zim­mer­wein.

Dann ver­schlug es mich zu­fäl­li­ger­wei­se in die glä­ser­nen Hal­len ei­nes nie­der­ös­ter­rei­chi­schen Kak­te­en­samm­lers. Kak­te­en hat­ten bis da­hin zu den von mir miss­ach­te­ten Pflan­zen ge­zählt. Zu klein. Zu lang­sam. Kei­ne Blät­ter. Ab­ge­se­hen von der kur­zen Sen­sa­ti­on ih­rer Blü­te zu un­schein­bar. Al­les Un­sinn, denn, wie Mar­cel Proust sei­ner­zeit be­reits an­ge­merkt hat, macht man „die bes­ten Ent­de­ckungs­rei­sen nicht in frem­den Län­dern, son­dern, in­dem man die Welt mit neu­en Au­gen be­trach­tet“; und die­se mit Kak­te­en voll­ge­stell­ten Hal­len wa­ren ein ma­gi­scher Ort, der das Klei­ne zum ganz Gro­ßen er­klärt hat. Die Ent­de­ckung der Kak­te­en. In Saatscha­len be­fan­den sich steck­na­del­kopf­gro­ße Kak­te­en­jun­ge, die dar­auf war­te­ten, groß ge­nug zu wach­sen, um mit zwei Fin­gern er­grif­fen und in ei­ge­ne Töpf­chen ge­bet­tet zu wer­den. Da­ne­ben stan­den die Grei­se: Me­ter­ho­he Kak­tus­säu­len mit und oh­ne cha­rak­te­ris­ti­sche Kak­te­en­bär­te. Es zeig­ten sich da und dort Blü­ten in al­len Far­ben und For­men. Ge­wal­ti­ge Trich­ter, klei­ne Rö­schen, win­zi­ge Ster­ne. Der Kak­te­en­samm­ler und -züch­ter hat­te in sei­nen weit­läu­fi­gen Glas­häu­sern zu­dem auch ei­ne Rei­he an­de­rer Suk­ku­len­ten ver­sam­melt, de­ren rei­zen­de Geo­me­tri­en sich eben­falls erst bei nä­he­rer Be­trach­tung er­schlos­sen. Die Welt im Klei­nen, mit neu­en Au­gen be­trach­tet, of­fen­bar­te ei­ne neue Zim­mer­pflan­zen­land­schaft vol­ler Wun­der der Na­tur.

Seit die­sem Lust­wan­deln durch die fast un­wirk­li­che Mas­se klei­ner Schön­hei­ten bin ich dem Klei­nen ver­fal­len. Mög­li­cher­wei­se ein Sym­ptom ge­mes­se­ne­ren Al­ters, viel­leicht aber auch ei­ne über die Ban­de ge­roll­te Ge­fühls­la­ge, die dem Über­maß un­se­res Zeit­al­ters zu ent­flie­hen sucht. Von al­lem ist zu viel da. Vie­les ist zu groß. Es herrscht Cha­os al­ler­or­ten. Kaum je­mand, der sich nicht nach ein we­nig Ord­nung und Ru­he sehnt, nach Ge- nüg­sam­keit und Selbst­zu­frie­den­heit in ei­ner markt­ge­peitsch­ten Welt.

Wie trost­voll, sich zwi­schen­durch ein­mal nicht im Dschun­gel ta­ges­ak­tu­el­ler Hi­obs­bot­schaf­ten zu ver­lie­ren, son­dern in den rund­li­chen Geo­me­tri­en et­wa ei­ner Cras­su­la ru­pes­tris und mar­nie­ria­na, in den spi­ra­li­gen Di­men­sio­nen ei­ner Cras­su­la Es­ta­gnol, in den wahr­haft sen­sa­tio­nel­len Wir­beln ei­ner Aloe po­ly­phyl­la, im zar­ten, so leicht zu zer­krat­zen­den Grau­blau di­ver­ser Eche­ve­ri­en oder in den spit­zen Wel­ten der Ha­wort­hi­en.

Letz­te­re ha­ben es mir neu­er­dings be­son­ders an­ge­tan. Die bi­zar­ren Pflan­zen aus Na­mi­bia und Süd­afri­ka wach­sen in ih­rer Hei­mat be­vor­zugt in kar­gem Schot­ter und im Schat­ten grö­ße­rer Pflan­zen. Die­ses Ta­lent an Be­schei­den­heit muss ih­nen erst ein­mal je­mand nach­ma­chen. Man­che Ver­tre­te-

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