Auf der Su­che nach der ver­lo­re­nen Zeit

Die Wie­ner Maß­schuh­ma­nu­fak­tur Ru­dolf Scheer & Söh­ne be­lie­fer­te schon Franz Jo­seph. Der zwei­hun­dert­jäh­ri­ge Be­trieb er­freut sich trotz ge­rin­ger, teu­rer Pro­duk­ti­ons­men­gen un­ge­bro­che­ner Be­liebt­heit. Das Ge­heim­nis: Tra­di­ti­on, rich­tig do­siert.

Die Presse am Sonntag - - Werkstatt - VON AN­TO­NIA LÖFF­LER

Be­tritt man das Grün­der­zeit­haus in der Bräu­ner­stra­ße Num­mer vier im Her­zen Wi­ens, bleibt für ei­nen kur­zen Au­gen­blick die Zeit ste­hen. Nur um sich dann in ge­mäch­li­che­rem Fluss wie­der in Be­we­gung zu set­zen. Schwe­res Stern­par­kett knarrt beim Ein­tre­ten sanft. Lus­ter be­schei­nen das kunst­voll ver­tä­fel­te En­tree. An den Wän­den hän­gen Brie­fe gro­ßer Staats­män­ner. Da­ne­ben in den Vi­tri­nen rei­hen sich ih­re Leis­ten. Schuh­leis­ten wohl­ge­merkt. Hier lie­gen die des deut­schen Kai­sers Wilhelm ne­ben de­nen Franz Jo­sephs und Erz­her­zog Karls in trau­ter Ein­tracht bei­sam­men.

Wir be­fin­den uns in der in sie­ben­ter Ge­ne­ra­ti­on ge­führ­ten Fir­ma Ru­dolf Scheer & Söh­ne, ehe­mals kai­ser­lich­kö­nig­li­cher Hof­schuh­ma­cher Kai­ser Franz Jo­sephs. „Vie­le gro­ße Un­ter­neh­men sau­gen sich ih­re Ge­schich­te aus den Fin­gern. Das brau­chen wir nicht“, fasst es Da­ni­el Stif­ter, der Pres­se­chef des Hau­ses, zu­sam­men und öff­net mit ei­ner ge­konn­ten Hand­be­we­gung ei­ne zu­rück­hal­ten­de Tür, die den Blick auf mehr als 4000 Leis­ten frei­gibt. Man­che so alt wie der 1816 auf der Wie­ner Pra­ter­stra­ße ge­grün­de­te und 1866 in die Nä­he der neu­en Burg über­sie­del­te Be­trieb selbst. Mehr braucht es nicht, um die eben ge­trof­fe­ne Aus­sa­ge zu un­ter­strei­chen. Ge­schich­te, Pa­ti­na, His­to­rie – wie im­mer man es nen­nen will – at­met die­ses Haus aus al­len Rit­zen.

Et­was zu viel Pa­ti­na war es für den heu­ti­gen Chef Mar­kus Scheer, als er An­fang der Neun­zi­ger als Lehr­ling in den Fa­mi­li­en­be­trieb ein­trat. Groß­va­ter Carl Fer­di­nand war in sei­nen Ta­gen ein Pio­nier. Ei­ner der ers­ten Wie­ner Schuh­meis­ter, der Or­tho­pä­die mit De­sign ver­wob, der der Maß­schuh­ma­nu­fak­tur nach zwei Welt­krie­gen wie­der über die Gren­zen Ös­ter­reichs hin­weg Gel­tung ver­lieh. Vor Mar­kus’ Ein­tritt hat­te die Fa­mi­lie be­reits bei­na­he die Hoff­nung auf­ge­ge­ben, das Un­ter­neh­men wei­ter­füh­ren zu kön­nen. Die sechs­te Ge­ne­ra­ti­on hat­te an­de­re Le­bens­plä­ne. Die fünf­te, Groß­va­ter Scheer, sprang kurz­fris­tig wie­der ein.

„Ent­spre­chend ver­staubt ha­be ich es vor­ge­fun­den“, merkt sein En­kel an. Da­mals muss­te er sich selbst mit der Fra­ge kon­fron­tie­ren, wie zeit­ge­mäß ei­ne Fort­füh­rung noch war. We­der das al­te Werk­zeug noch die hoch­wer­ti­gen Stof­fe noch die Fach­kräf­te sei­en im frü­he­ren Aus­maß ver­füg­bar ge­we­sen, so Scheer. Den­noch ent­schied er sich da­für. „Den Re­geln ei­ner mo­der­nen Be­triebs­füh­rung ent­spricht das nicht. Ein Con­trol­ler wür­de wohl nach drei Ta­gen auf­ge­ben.“Doch die Wirt­schaft­lich­keit sei­nes Be­triebs sei de fac­to nur Rah­men für ei­nen Be­ruf, der im Kern Hob­by ist. Der Fuß, das un­er­forsch­te Kör­per­teil. Der heu­te 43-Jäh­ri­ge muss­te sich von der Pi­ke auf hoch­ar­bei­ten, in dem ver­al­te­ten Rah­men be­hut­sam ein neu­es Team um sich ver­sam­meln. Hoch­ar­bei­ten, das be­deu­tet in sei­ner Fa­mi­lie nicht bloß, ei­nen of­fi­zi­el­len Meis­ter­brief in der Ta­sche zu ha­ben. Rund vier Jah­re dau­ert ei­ne nor­ma­le Schuh­ma­cher­leh­re. Doch: „Der An­spruch der Fa­mi­lie ist hö­her als der des Ge­set­zes“, er­klärt Scheer schlicht. Ne­ben hand­werk­li­chen Fer­tig­kei­ten braucht es ei­ne or­t­ho­pädi­sche und ei­ne psy­cho­lo­gi­sche Gr­und­aus­bil­dung. Pas­sen­der­wei­se er­scheint Scheer zur Ar­beit stets im Or­tho­pä­den­man­tel. Und er stellt klar: „Nur ein re­flek­tier­ter Mensch ist im­stan­de, Fü­ße zu ver­ste­hen. Nichts au­ßer dem Ge­hirn spielt ähn­lich stark mit dem rest­li­chen Kör­per zu­sam­men – nur ist die­ses bes­ser er­forscht.“Von Schalk ist kei­ne Spur in sei­ner Stim­me.

Die Fa­mi­lie ist auf fast si­zi­lia­nisch an­mu­ten­de Wei­se auf ih­ren Ge­ne­ra­tio­nen­ver­trag ein­ge­schwo­ren, der kom­pro­miss­lo­se Qua­li­tät über und vor al­les stellt. „Haupt­sa­che, die Schu­he pas­sen.“Der Leit­satz Carl Fer­di­nands, der noch bis zu sei­nem Tod im Jahr 2011 hin­ter sei­ner Zei­tung her­vor Auf­sicht hielt, hat auch Mar­kus Scheer nie ver­las­sen. Der per­fek­te Schuh, „in­nen wie Wol­ken, au­ßen wie ei­ne Skulp­tur“, muss über al­lem ste­hen. Um dem ge­recht zu wer­den, brau­che es min­des­tens zehn Jah­re. Erst dann dür­fe man sei­ne Ar­beit wahr­lich „meis­ter­lich“nen­nen.

Acht Schuh­ma­cher ar­bei­ten un­ter dem Chef auf die­se Aus­zeich­nung hin. Nicht die Ma­nu­fak­tur fin­det sie. Die Be­wer­ber fin­den die alt­ehr­wür­di­ge Schuh­ma­che­rei. Vie­le, vie­le Be­wer­ber aus al­len Be­rufs­zwei­gen sind es, von de­nen ei­ne aus­er­le­se­ne Zahl auch wirk­lich hier trai­nie­ren darf. Stif­ter be­zeich­net es als ihr haus­in­ter­nes Post­doc-Sti­pen­di­um, das Up­grade für den Schuh­ma­cher. Das wei­ter­ge­ge­be­ne Know-how hofft man na­tür­lich im Haus zu hal­ten. Mar­kus Scheer plant be­reits ei­ni­ge Jahr­zehn­te vor­aus. Schließ­lich hat die Fa­mi­li­en­his­to­rie ge­zeigt, dass die nächs­te Ge­ne­ra­ti­on nicht im­mer ge­neigt ist, den vor­ge­ge­be­nen Weg zu be­schrei­ten.

300 Schu­he, „plus, mi­nus“, ver­las­sen die Werk­statt pro Jahr. „Eher mi­nus – da sind wir durch’s Hand­werk be­schränkt“, er­klärt der Pres­se­chef fast ent­schul­di­gend. Für ein Erst­paar, für das zu­al­ler­erst ei­ne pass­ge­naue höl­zer­ne Leis­te an­ge­fer­tigt wird, muss der Kun­de rund 5000 Euro und min­des­tens drei Sit­zun­gen über et­li­che Mo­na­te hin­weg ein­kal­ku­lie­ren. Die­ses Holz­mo­dell wird dann in den rie­si­gen Fun­dus des Hau­ses auf­ge­nom­men. Theo­re­tisch könn­te man an­schlie­ßend im­mer neue Schu­he nach­be­stel­len, oh­ne je wie­der das Ate­lier zu be­tre­ten. Doch, so Scheer: „Wir sind kein gro­ßer Freund von ,prak­tisch‘“. Und schließ­lich le­be die Qua­li­tät des Pro­dukts von der Qua­li­tät der Kun­den­be­zie­hung. Da­ne­ben bie­tet Scheer auch Re­pa­ra­tur und Pfle­ge an – auch für haus­frem­de Schu­he. „Da­bei ge­hen wir von un­se­rem Qua­li­täts­an­spruch nicht her­un­ter. Da kann es sein, dass der Schuh da­nach bes­ser ist, als er es im neu­ge­kauf­ten Zu­stand war“, sagt Stif­ter halb scher­zend. Man ist ge­neigt, ihm Glau­ben zu schen­ken.

Ge­ar­bei­tet wird auf Schus­ter­sche­meln an nied­ri­gen Werk­ti­schen. In­mit­ten von Ba­rock­kom­mo­den, Lüs­tern, Ka­chel­öfen, un­zäh­li­gen Fo­to­gra­fi­en und dem Ge­ruch von Lack, Leim und Le­der, die den ers­ten Stock des Bür­ger­hau­ses do­mi­nie­ren. 60 St­un­den Hand­ar­beit braucht es, bis in hun­der­ten klei­nen Ar­beits­schrit­ten so ein Uni­kat ent­steht.

Die Flü­gel­tü­ren, zu Carl Fer­di­nands Zei­ten streng ge­schlos­sen, ste­hen weit of­fen. Ei­ne der ers­ten Hand­lun­gen Scheers als frisch­ge­ba­cke­ner Chef war die Öff­nung al­ler Wohn­räu­me für Ar­beits­zwe­cke – Pa­ti­na hin oder her. Wo sich heu­te feins­tes Le­der sta­pelt, war frü­her das Schlaf­zim­mer der Groß­el­tern. Wo heu­te die Werk­bank des Chefs steht, speis­te man zu Mit­tag, und im ehe­ma­li­gen Wohn­zim­mer wer­den die Ma­ße der Kun­den ge­nom­men. Licht, Luft und ei­ne fa­mi­liä­re At­mo­sphä­re durch­flu­ten so das ge­sam­te Stock­werk.

»Vie­le Gro­ße sau­gen sich ih­re Ge­schich­te aus den Fin­gern. Das brau­chen wir nicht.« »Nur ein re­flek­tier­ter Mensch ist im­stan­de, Fü­ße zu ver­ste­hen.«

Ve­rän­de­rung – aber bit­te un­merk­lich. Auch das En­tree, frü­her ein dunk­ler Vor­raum, in dem man sei­nen Weg zur Trep­pe in den ers­ten Stock er­tas­ten muss­te, wur­de kom­plett re­no­viert, er­hellt und wird heu­te von ge­schul­tem Ver­kaufs­per­so­nal be­spielt. All das ein Tanz auf Mes­sers Schnei­de. Denn na­tür­lich woll­te man die His­to­rie des Orts, den Ge­ni­us Lo­ci er­hal­ten. Nichts ma­che sei­nen Kun­den mehr Angst, weiß Scheer, als die Zer­stö­rung des Alt­ge­wohn­ten und Lieb­ge­won­ne­nen.

Seit 2011 hat sich in be­hut­sa­men Schrit­ten den­noch ei­ni­ges in der Bräu­ner­stra­ße ge­tan. Nicht nur im ers­ten Stock, auch zu ebe­ner Er­de. Das En­tree wur­de um zwei zu­ge­kauf­te Ge­schäfts­räu­me er­wei­tert. Gro­ße Glas­schei­ben

Cle­mens Fa­b­ry

Mar­kus Scheer, um­ge­ben von sei­nen Mit­ar­bei­tern.

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