Was Eier er­zäh­len

Scha­len ent­hal­ten un­end­lich vie­le In­for­ma­tio­nen, auch über das Le­gen und da­mit über das Le­ben, das der Vö­gel und das ih­rer Ah­nen, der Di­no­sau­ri­er.

Die Presse am Sonntag - - Wissen - VON JÜR­GEN LANGENBACH

Als es bei der Ver­sor­gung der Bri­ten im II. Welt­krieg eng wur­de, hielt die Re­gie­rung Aus­schau nach un­ge­nutz­ten Res­sour­cen: Nah­rungs­mit­teln, die da wa­ren, aber nicht ge­ges­sen wur­den. Man re­kru­tier­te Kom­mis­sio­nen von Vor­kos­tern, die pro­bier­ten, ob et­was ge­nieß­bar war oder nicht. Von die­sem Fun­dus pro­fi­tier­te 1948 die Or­ni­tho­lo­gie: Hugh Cott (Cam­bridge) trieb drei ge­schul­te Gau­men auf („Dr. J. Brooks, Mr. H. P. Ha­le, Dr. J. R. Haw­t­hor­ne“), setz­te ih­nen Eier­spei­se vor, von 81 Vo­gel­ar­ten, pro Sit­zung gab es sie­ben, acht zu ver­kos­ten und zu be­wer­ten, auf ei­ner Ska­la von zehn („ex­cel­lent“) bis zwei („in­e­di­b­le“).

So­fort aus­ge­spuckt wur­den Eier von Zaun­kö­ni­gen (Be­wer­tung: 2), auch die von Blau­mei­sen woll­ten nicht mun­den (3,3). Bes­ser war es schon bei Eu­len (6,8), Spat­zen ka­men mit 7,1 gar in die Spit­zen­grup­pe; an­ge­führt wur­de sie vom Haus­huhn (8,8), ge­folgt vom Was­ser- und Moor­huhn (Na­tu­re 161, S. 8).

Was soll­te das ab­son­der­li­che Ex­pe­ri­ment? Eier kom­men in vie­len Far­ben und For­men vor, Letz­te­re rei­chen von kreis­run­den bis zu sol­chen, die im Kreis rol­len, wenn sie in Be­we­gung ge­bracht wer­den. Das ist leicht er­klärt: Rund sind Eier et­wa von Eu­len, die in Ast­lö­chern hau­sen, aus de­nen nichts her­aus­fällt. Bei Mee­res­vö­geln auf Klip­pen droht die Ge­fahr im­mer, des­halb sind ih­re Eier hoch asym­me­trisch oval. Schwie­ri­ger ist die Sa­che mit den Far­ben und Mus­tern: 1838 be­merk­te Wil­li­am He­wit­son, ein US-Land­ver­mes­ser und Hob­by­or­ni­tho­lo­ge, dass in Nes­tern in Höh­len wei­ße Eier lie­gen, 1889 er­gänz­te Al­f­red Wal­lace – je­ner Wal­lace, der un­ab­hän­gig von und par­al­lel zu Dar­win die Evo­lu­ti­ons­theo­rie ent­wi­ckel­te –, dass je­ne Eier weiß sind, die gut ge­schützt sind, sei es in Höh­len, sei es, dass im­mer je­mand auf ih­nen sitzt, wie bei den Tau­ben, oder dass sie wehr­haft ver­tei­digt wer­den wie beim Vo­gel Strauß.

Wal­lace schloss, dass die ers­ten Eier weiß wa­ren und al­le far­bi­gen und ge­zeich­ne­ten ih­re Mus­ter von den Nes­tern bzw. den Räu­bern hat­ten, die hin­ter den Ei­ern her sind: Zum Schutz wur­den die Scha­len ge­tarnt, et­wa mit Grün bei Am­seln oder mit Fle­cken bei Mei­sen. 1916 kam ei­ne zwei­te Hy­po­the­se hin­zu, sie lief in die ex­ak­te Ge­gen­rich­tung. Ent­wi­ckelt wur­de sie von Charles Swyn­ner­ton, ei­nem Wild­hü­ter in Tan­sa­nia, Hob­by­or­ni­tho­lo­ge auch er; in kei­ner an­de­ren Wis­sen­schaft schwär­men so vie­le Lai­en mit wun­der­lichs­ten Be­ob­ach­tun­gen, Samm­lun­gen und Ex­pe­ri­men­ten: Swyn­ner­ton wa­ren Eier ins Au­ge ge­sto­chen, die höchst auf­fäl­lig ge­färbt wa­ren. Er schloss, dass Far­ben nicht dem Ver­ber­gen die­nen, son­dern dem Ab­schre­cken, sie war­nen da­vor, dass der In­halt un­ge­nieß­bar ist.

Swyn­ner­ton un­ter­nahm auch Fress­ex­pe­ri­men­te, mit Rat­ten, Le­mu­ren und Mun­gos, ih­nen al­len setz­te er Eier vor; zu ein­deu­ti­gen Er­geb­nis­sen kam er nicht. Die­se woll­te Cott mit sei­nen Test­es­sern nach­rei­chen, er fand aber et­was ganz an­de­res: Mit der Far­be hat der Ge­schmack nichts zu tun, son­dern mit der Grö­ße. Eier mun­den um­so üb­ler, je klei­ner sie sind, die kleins­ten hat der Zaun­kö­nig. Woran das liegt, ist nicht recht klar – mög­li­cher­wei­se an Ca­ro­ti­no­iden im Ei­gelb, von de­nen sich klei­ne Vö­gel we­ni­ger leis­ten kön­nen –, klar ist hin­ge­gen, dass bei Far­ben und Mus­tern nicht auf War­nung se­lek­tiert wur­de, son­dern auf Tar­nung. Brut­pa­ra­si­ten. Bald gab es ei­ne zwei­te Be­dro­hung, die der Brut­pa­ra­si­ten – Ku­cku­cke etc. –, sie setz­te bei Ei­ern ei­nen Rüs­tungs­wett­lauf in Gang, der frap­pant rasch statt­fin­det und nie en­det. Dem geht seit Jah­ren Clai­re Spot­tis­woo­de (Cam­bridge) nach, et­wa am Fun­dus noch ei­nes Hob­by­or­ni­tho­lo­gen: Der pen­sio­nier­te bri­ti­sche Ma­jor Co­le­broo­kR­ob­jent sam­mel­te auf sei­ner Ranch in Sam­bia al­le Eier, die er fin­den konn­te, blies sie aus, ka­ta­lo­gi­sier­te sie, 35 Jah­re tat er das: In die­ser ex­trem kur­zen Zeit än­der­te ein brut­pa­ra­si­tier­ter Vo­gel die Far­be der Eier von Rot auf Blau, die Pa­ra­si­ten folg­ten na­tür­lich, in ei­ni­gem Ab­stand (Ame­ri­can Na­tu­ra­list 179, S. 5). Und es geht nicht nur um Far­be, auch die Mus­ter wer­den va­ri­iert, zu im­mer chao­ti­sche­ren, das fiel Spot­tis­woo­de in ih­rer jüngs­ten Run­de auf, an Halm­sän­gern, die von Ku­cku­cken ge­plagt wer­den (Proc. Roy. Soc. B, 282: 20150598).

Au­ßer­dem geht es bei Scha­len um Ther­mo­re­gu­la­ti­on – Strau­ßen­ei­er et­wa dür­fen in grells­ter Son­ne nicht über­hit- zen – und um Si­gna­le an den Part­ner; in man­chen Far­ben steckt In­for­ma­ti­on über die Qua­li­tät der Weib­chen, zu­dem kön­nen Far­ben me­cha­nisch stär­ken.

In Scha­len steckt al­so In­for­ma­ti­on oh­ne En­de, nicht nur in je­nen der heu­ti­gen Vö­gel, son­dern auch in je­nen ih­rer Ah­nen: Sau­ri­er hat­ten eben­falls Eier mit Scha­len aus har­tem Kal­zi­um­kar­bo­nat, das vie­le Ge­le­ge hat über­dau­ern las­sen, ganz an­ders als die Or­te der Eiab­la­ge. Sie zei­gen nicht mehr, wie Sau­ri­er ge­lebt bzw. ge­legt ha­ben: In den Bo­den bzw. un­ter wär­men­des Ma­te­ri­al wie Kro­ko­di­le oder in of­fe­ne Nes­ter wie Vö­gel? Eiab­la­ge­stät­ten sind kei­ne mehr da, aber Scha­len, und Eier in luf­ti­gen Nes­tern ha­ben es beim Ver­sor­gen mit Sau­er­stoff und Ent­sor­gen von CO2 leich­ter als be­deck­te, da müs­sen Scha­len an­ders ge­baut wer­den. Dem geht man an Di­no-Ei­ern schon lang nach, aber der bis­he­ri­ge In­di­ka­tor, die Durch-

Eier schme­cken um­so üb­ler, je klei­ner sie sind. Die kleins­ten legt der Zaun­kö­nig. Man­che Di­nos wärm­ten sich ein we­nig, das be­zeu­gen Iso­to­pen in den Eier­scha­len.

läs­sig­keit für Was­ser­dampf, brach­te in­kon­sis­ten­te Er­geb­nis­se.

Des­halb hat Ko­hei Ta­n­a­ka (Cal­ga­ry) die Po­ren von Ei­ern von 29 Sau­ri­ern und 127 Vö­geln bzw. Kro­ko­di­len durch­ge­zählt: Die Eier der meis­ten Sau­ri­er hat­ten ex­trem vie­le, gin­gen al­so in den Bo­den wie bei Kro­ko­di­len. Nur ei­ne Grup­pe leg­te wie Vö­gel, die ih­rer Ah­nen un­ter den Sau­ri­ern (PLoS One, 25. 11.). Heißt dass, dass die Ah­nen auch schon en­do­therm wa­ren, sich selbst wärm­ten?

Dar­über wird ewig ge­strit­ten, nun klä­ren das wie­der die Eier: Sie er­hal­ten ih­re Scha­len mit­ten im Kör­per; die dor­ti­ge Tem­pe­ra­tur do­ku­men­tie­ren sie, über Jahr­mil­lio­nen, im Ver­hält­nis der ein­ge­la­ger­ten Iso­to­pen von Sau­er- und Koh­len­stoff. Ro­bert Eag­le (UC L. A.) hat zwei Ge­le­ge durch­ge­mes­sen, ei­nes von rie­sen­haf­ten Ti­ta­no­sau­ri­ern aus Ar­gen­ti­ni­en. De­ren Kör­per wa­ren warm, sehr warm, es lag ver­mut­lich an der schie­ren Grö­ße: Gi­gan­to­ther­mie. Klei­ne­re Sau­ri­er in der Mon­go­lei wa­ren küh­ler, aber sechs Grad wär­mer als der Bo­den, auf dem sie leb­ten (Na­tu­re Com­mu­ni­ca­ti­ons, 13. 10.). Eag­le ver­mu­tet, dass sie sich zu­min­dest ein we­nig ge­heizt ha­ben und auf hal­bem Weg zur En­do­ther­mie wa­ren.

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