»Der Kur­ze« ist im Kitt­chen

Nach mo­na­te­lan­ger Jagd wur­de Jo­aqu´ın Guzm´an, aus der Haft ent­wisch­ter Boss ei­nes me­xika­ni­schen Dro­gen­kar­tells, ge­fasst. »El Ch­a­po« könn­te nun an die USA aus­ge­lie­fert wer­den.

Die Presse am Sonntag - - Globus - VON ANDRE­AS FINK

Da ist er wie­der. Sie ha­ben ihn auf ei­ne Bett­kan­te ge­setzt, die bei­den Un­ter­ar­me mit Hand­schel­len zu­sam­men­ge­ket­tet. Von ei­nem Pos­ter zwin­kert ei­ne halb­nack­te Schön­heit in das Zim­mer des Mo­tel Doux an der Aus­fall­stra­ße zwi­schen Los Mochis und Na­vo­joa. Der Mann, den Schnauz­bart ge­stutzt, am Ober­kör­per ein ver­dreck­tes Un­ter­hemd und auf den Ar­men ei­ne Rei­he fri­scher Schürf­wun­den, blickt um­so erns­ter, vor­bei am Ob­jek­tiv der Ka­me­ra. Er weiß, dass er hier für ei­ne neue na­tio­na­le Vi­g­net­te Mo­dell sit­zen muss. Für ein Bild, das Me­xi­kos Re­gie­rung bald auf al­len Ka­nä­le aus­sen­den wird. Der Ch­a­po Guz­man´ ist ge­fasst, wie­der ge­fasst. Sechs Mo­na­te, nach­dem der Kopf des Si­na­loa-Kar­tells durch den Bo­den des an­geb­lich si­chers­ten Ge­fäng­nis­ses Me­xi­kos ent­schwun­den war.

„Mi­si­on´ cum­pli­da!“mel­de­te Prä­si­dent En­ri­que Pen˜a Nieto am Frei­tag zur Mit­tags­zeit in Me­xi­ko-Stadt, be­zeich­nen­der­wei­se über sei­nen pri­va­ten Twit­ter-Ac­count. „Auf­trag er­füllt: wir ha­ben ihn. Ich möch­te die Me­xi­ka­ner in­for­mie­ren, dass Jo­aqu´ın Guz­man´ Lo­e­ra ver­haf­tet wur­de.“Es war ein tie­fer Seuf­zer der Er­leich­te­rung, kom­pri­miert im 140-Zei­chen-For­mat. Ge­rich­tet an die ei­ge­nen Lands­leu­te, aber auch an die gan­ze Welt, die wahr­neh­men soll­te, dass Me­xi­ko eben doch kein hoff­nungs­lo­ser Fall ist. So viel Kri­tik war auf Re­gie­rung, Jus­tiz, Si­cher­heits­kräf­te und Straf­voll­zug ein­ge­ha­gelt, da­mals im Ju­li. Als nie­mand be­merkt ha­ben woll­te, dass die Tief­bau­spe­zia­lis­ten aus Si­na­loa ei­nen ki­lo­me­ter­lan­gen Tun­nel di­rekt un­ter die Zel­le des be­deut­sams­ten Ge­fan­ge­nen des Lan­des trie­ben und gar den Bo­den in des­sen Dusch­zel­le durch­bra­chen. Die­se Schmach soll nun ge­tilgt sein, mit die­sem Zu­griff, bei dem of­fen­bar vie­les so ge­lau­fen ist, wie es im Kampf ge­gen die Dro­gen­ma­fia im­mer lau­fen müss­te.

Als Uni­for­mier­te den „Kur­zen“, Guz­man,´ mit­samt dem Chef sei­ner Leib­wa­che aus ei­nem ro­ten Ford Fo­cus zo­gen, war ein hal­bes Jahr der Jagd vor­über. In­zwi­schen ist be­kannt, dass der Kar­tell­boss kurz nach sei­ner Tun­nel­flucht in ei­nem Klein­flug­zeug aus Zen­tralm­e­xi­ko in sei­ne Hei­mat ge­bracht wur­de, ins „gol­de­ne Drei­eck“zwi­schen den Bun­des­staa­ten Si­na­loa, Duran­go und Chi­hua­hua. Ber­gi­ge, hei­ße Wüs­te­nei­en, in dem die Kar­tel­le die Kon­trol­le aus­üben. Nicht we­ni­ge Si­cher­heits­ex­per­ten hat­ten es für un­mög­lich ge­hal­ten, den Boss hier ding­fest zu ma­chen. Su­che nach Stadt­re­si­denz. Doch im Ok­to­ber fan­den ihn die Er­mitt­ler in ei­nem ein­fa­chen Land­haus im Dorf Pue­b­lo Nue­vo im Staat Duran­go. Da­mals ge­lang dem „Ch­a­po“die Flucht durch ei­ne Schlucht, die Ver­fol­ger setz­ten ihm per He­li­ko­pter nach, bra­chen den Zu­griff je­doch ab, als sich her­aus­stell­te, dass Guz­man´ in Be­glei­tung von zwei Frau­en und ei­nem Mäd­chen floh. Die Be­hör­den woll­ten nicht den Tod Un­schul­di­ger ris­kie­ren. Sie­ben Hel­fer Guz­mans´ konn­ten fest­ge­nom­men wer­den, und ei­ni­ge ga­ben of­fen­bar Hin­wei­se, die letz­ten En­des den Er­mitt­lern die In­for­ma­ti­on ein­brach­ten, dass „El Ch­a­po“nach ei­ner Stadt­re­si­denz such­te. Die Wahl fiel of­fen­bar auf Los Mochis, ei­ne 250.000-Ein­woh­ner-Stadt na­he der Küs­te Si­na­lo­as, et­wa 500 Ki­lo­me­ter nörd­lich von Maz­at­lan,´ wo der „Ch­a­po“im April 2014 nach 13 Jah­ren Flucht zum zwei­ten Mal ge­fasst wor­den war.

Los Mochis ge­hör­te ei­gent­lich nicht zum Feu­dum des Si­na­loa-Kar­tells, in die­ser Stadt ist vor al­lem das kon­kur­rie­ren­de Bel­tran-´Ley­va-Kar­tell ak­tiv. Auf die Spur nach Los Mochis führ­te die Über­wa­chung ei­nes Bau­meis­ters, der schon meh­re­re Tun­nel für das Kar­tell ge­gra­ben hat­te. Ver­deck­te Er­mitt­ler folg­ten dem Mann in ein un­schein­ba­res Haus in ei­nem Wohn­vier­tel und be­merk­ten die Prä­senz von Män­nern und Waf­fen. Das Ge­bäu­de wur­de nun Tag und Nacht ob­ser­viert. Am Drei­kö­nigs­tag re­gis­trier­ten die Über­wa­cher ver­stärk­te Be­we­gun­gen in dem An­we­sen, bis am frü­hen Mor­gen des 7. Jän­ner ein Wa­gen vor­fuhr, in dem die Fahn­der ih­re Ziel­per­son ver­mu­te­ten.

Der Kar­tell­boss floh zu­nächst in sei­ne Hei­mat, wo er sich vor der Po­li­zei si­cher fühl­te.

Flucht durch die Ka­na­li­sa­ti­on. Am Mor­gen dar­auf griff die Ma­ri­ne­in­fan­te­rie zu, die Be­hör­den schick­ten gar die­sel­be Ein­heit, die Guz­man´ schon im April 2014 fest­ge­nom­men hat­te. Um 4.40 Uhr ka­men die Sol­da­ten an das Wohn­haus und wur­den mit Ge­wehr­feu­er emp­fan­gen. Das Wohn­vier­tel mu­tier­te zur War Zo­ne, und als die Sol­da­ten schließ­lich das Ge­bäu­de stürm­ten, wa­ren fünf Gangs­ter er­schos­sen und ein Sol­dat ver­letzt. Sechs Ver­bre­cher konn­ten fest­ge­nom­men wer­den.

Aber ei­ner fehl­te: „El Ch­a­po“, „der Kur­ze“, so der Spitz­na­me des klei­nen gro­ßen Man­nes der il­le­ga­len Ge­schäfts­fel­der: Dro­gen, Waf­fen, Men­schen schmug­gelt das Si­na­loa-Kar­tell, es beu­tet Pro­sti­tu­ier­te aus, er­presst und ver­treibt Pro­dukt­fäl­schun­gen. In über drei­ßig „Bran­chen“sei Si­na­loa ak­tiv, schätzt der UN-Ex­per­te Ed­gar­do Bu­s­ca­glia, die Dro­gen wür­den nur noch et­wa die Hälf­te al­ler Ein­nah­men des Syn­di­kats brin­gen.

Die Fahn­der fan­den dann doch, was sie schon ver­mu­tet hat­ten: den Aus­stieg in die Frei­heit. In ei­nem be­geh­ba­ren Schrank en­de­te der Flucht­tun­nel, der in die Ka­na­li­sa­ti­on mün­de­te. Doch die­ses Mal hat­ten die Be­hör­den auch die Un­ter­welt im Blick. „El Ch­a­po“und sein Sich­heits­schef, Jor­ge Iva´n Gas­te´lum A´vi­la, ali­as „El Cho­lo“wur­den in dem Rohr­sys­tem ge­jagt, was sie schließ­lich da­zu trieb, durch ei­nen Ka­nal­de­ckel auf­zu­tau­chen und ein Au­to auf­zu­hal­ten, in dem sie da­von­braus­ten. Die letz­ten Mi­nu­ten sei­ner Frei­heit ver­leb­te „El Ch­a­po“in ei­ner Ver­fol­gungs­jagd auf der Land-

Reu­ters

„Der Kur­ze“wie­der in Haft: Dro­gen­boss Jo­aqu´ın Guzm´an wur­de am Frei­tag nach ei­ner Ver­fol­gungs­jagd ge­stellt.

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