Spiel­feld: Das neue Tor zu Ös­ter­reich

In Spiel­fel© sin© ©ie verst´rk­ten Grenz­kon­trol­len im Tes­tãe­trieã ge­stŻr­tet. Je©er Flücht­ling wir© nun genŻu üãer­prüft. Wer nŻch Schwe©en will, wir© Żã­ge­wie­sen. An ©Żs Wort Ober­gren­ze will mŻn vor Ort trotz©em lieãer noch nicht ©en­ken.

Die Presse am Sonntag - - Inland - VON EVA WINROITHER

Der Platz vor dem Tor scheint zu klein. Zu klein, um dort Tau­sen­de Men­schen auf­zu­hal­ten. Aber noch hat die Grup­pe, die um 12.30 Uhr in lang­sa­men Schrit­ten den Hü­gel hin­un­ter­geht, das ge­sam­te Are­al für sich. Drei slo­we­ni­sche Po­li­zis­ten be­glei­ten die fünf Män­ner, die Frau und das Kind, als sie lang­sam die gut hun­dert Me­ter vom slo­we­ni­schen Flücht­lings­la­ger in Rich­tung ös­ter­rei­chi­scher Gren­ze ab­sol­vie­ren. Es ist kalt an die­sem Tag. Die Män­ner tra­gen fes­te Win­ter­schu­he, die Frau hat ih­ren Schal tief ins Ge­sicht ge­zo­gen. Vor ih­nen lie­gen die letz­ten Grenz­ge­schäf­te: der Tra­vel­shop, ei­ne tür­ki­sche Piz­ze­ria und das Hun­de­ge­schäft Hap­py Dogs. Die Flücht­lin­ge wer­den die­se Ge­bäu­de nicht er­rei­chen. Sie trot­ten ab­ge­trennt von Sperr­git­tern den slo­we­ni­schen Be­am­ten hin­ter­her. Zu­erst durch ein War­te­zelt, dann wei­ter in ei­ner Schlei­fe, bis sie vor je­ner Ab­sper­rung ste­hen, die Ös­ter­reich mo­na­te­lang be­schäf­tigt hat: den neu ge­bau­ten Grenz­zaun.

Am Mitt­woch sind im stei­ri­schen Spiel­feld die ver­schärf­ten Grenz­kon­trol­len im Test­be­trieb ge­star­tet. Seit­her wird je­der Flücht­ling ge­nau kon­trol­liert und re­gis­triert. Es ist ei­ne Zä­sur. Mo­na­te­lang sind Tau­sen­de Flücht­lin­ge oh­ne Über­prü­fung durch das Land mar­schiert. 8000 Men­schen an ei­nem Sep­tem­ber­tag in Ni­ckels­dorf im Bur­gen­land wa­ren kei­ne Sel­ten­heit, auch in Spiel­feld wur­de bis zu­letzt nur stich­pro­ben­ar­tig kon­trol­liert. Nie­mand wuss­te, wer da war und wer nicht. Nun

Spiel­feld

Men­schen

sol­len in Spit­zen­zei­ten in Spiel­feld in 24 St­un­den re­gis­triert und kon­trol­liert wer­den. Da­mit wä­re die ge­plan­te Ober­gren­ze in drei Ta­gen er­reicht.

Flücht­lin­ge

wer­den der­zeit täg­lich im Test­be­trieb durch Spiel­feld ge­schickt. Ös­ter­reich will da­mit die neu­en Grenz­kon­trol­len tes­ten.

Con­tai­ner

ste­hen be­reit, um die Flücht­lin­ge zu re­gis­trie­ren, ih­re An­ga­ben zu kon­trol­lie­ren und Fin­ger­ab­drü­cke ab­zu­neh­men. mar­kiert je­ner Zaun den Ein­tritt auf ös­ter­rei­chi­sches Staats­ge­biet. „Das Türl mit Sei­ten­tei­len“, „die bau­li­che Maß­nah­me“, die „per­ma­nent tech­ni­schen Er­gän­zung“wie die Ab­sper­rung wo­chen­lang von SPÖ und ÖVP um­schrie­ben wur­de, ist von der slo­we­ni­schen Sei­te her trotz­dem glatt zu über­se­hen.

Die Ab­sper­rung aus Ma­schen­draht (wenn auch dop­pelt ge­zäunt und aus deut­lich fes­te­rem Ma­te­ri­al als ein Gar­ten­zaun) wirkt we­der ab­schre­ckend, noch hebt sie sich durch das dün­ne Ge­we­be und die graue Far­be von den slo­we­ni­schen Ab­sper­run­gen ab. „Er biegt sich gut“, er­klärt Po­li­zei­spre­cher Fritz Gr­und­nig vor Ort. Der Zaun soll auch nach­ge­ben, falls Men­schen­mas­sen dar­auf­drü­cken. Für ei­ne sport­li­che Per­son ist der 2,5 Me­ter ho­he Zaun leicht zu über­klet­tern. Der Test­lauf star­tet. Dort, wo er un­ter­bro­chen ist, war­ten Po­li­zis­ten und das Bundesheer. Die Dreh­kreu­ze, die den Ein­gang mar­kie­ren sol­len, sind noch nicht ge­lie­fert. Die slo­we­ni­schen Po­li­zis­ten ge­ben den ös­ter­rei­chi­schen Sol­da­ten die Hand. Das klei­ne Grüpp­chen Flücht­lin­ge war­tet nun auf den Ein­lass. Sind sie ei­ne Fa­mi­lie, blei­ben sie zu­sam­men, sonst tre­ten sie ein­zeln ein.

Ins­ge­samt 500 Flücht­lin­ge sol­len an die­sem Tag noch Spiel­feld durch­lau­fen – und im Echt­be­trieb zei­gen, wo es hakt. Erst mit Fe­bru­ar wird das Are­al in den Voll­be­trieb ge­hen, bis da­hin wer­den die Flücht­lin­ge wie bis­her über Kärn­ten nach Ös­ter­reich ge­bracht.

Nach den fik­ti­ven Dreh­kreu­zen ge­hen die Flücht­lin­ge in das ers­te gro­ße Zelt. Dort wird das Ge­päck mit ei­nem Me­tall­de­tek­tor kon­trol­liert: auf Pis­to­len, auf Spreng­stoff, auf Ge­gen­stän­de, die ge­fähr­lich wer­den kön­nen. „Wie auf dem Flug­ha­fen“, sagt Po­li­zei­spre­cher Gr­und­nig. Im St­un­den­takt führt er Me­di­en aus Ös­ter­reich, Un­garn, Tsche­chi­en, Slo­we­ni­en so­gar Aus­tra­li­en und Ja­pan durch den Be­trieb, der noch nicht ein­mal wirk­lich ge­star­tet ist.

Im ers­ten Zelt ste­hen be­reits Dol­met­scher und Be­am­te. Sie ha­ben Mund­schutz und Des­in­fek­ti­ons­mit­tel griff­be­reit. Das Zelt ist leicht be­heizt. Es ge­hört zum ers­ten Teil von drei gro­ßen Be­rei­chen: der Grenz­zo­ne, der Ver­sor­gung und dem War­te­be­reich. Gera­de am An­fang ist je­des Zelt ei­ne klei­ne Hür­de, die zu über­win­den ist. Denn der Weg kann schon im ers­ten Zelt zu­rück nach Slo­we­ni­en füh­ren.

Ab so­fort dür­fen nur mehr Flücht­lin­ge ein­rei­sen, die ent­we­der in Ös­ter­reich oder in Deutsch­land um Asyl an­su­chen. Die bei­den Län­der ha­ben sich da­mit zur End­hal­te­stel­le der „of­fi­zi­el­len“Flücht­lings­rou­te über die West­bal­kan-Staa­ten ge­macht. Wer im ers­ten Zelt als Ziel­ort Schwe­den an­gibt, wird post­wen­dend durch die wei­ße Zelt­pla­ne hin­aus­ge­bracht und den slo­we­ni­schen Be­am­ten über­ge­ben. „Zu­rück­wei­sung“heißt das im Fach­jar­gon. Sie pas­siert auch, wenn der Flücht­ling ein fal­sches Her­kunfts­land an­gibt oder er kei­nen Re­gis­trier­zet­tel aus Slo­we­ni­en hat. An­hand von Staats­bür­ger­schaft (et­wa Ma­rok­ko oder Al­ge­ri­en) wird die Ein­rei­se aber nicht ab­ge­lehnt, sagt Gr­und­nig. Die Zu­rück­wei­sung kommt auch kei­nem Rei­sestopp gleich. Wenn die Flücht­lin­ge ih­re An­ga­ben in Slo­we­ni­en kor­ri­gie­ren, dür­fen sie wie­der ein­rei­sen, sagt Gr­und­nig. Mitt­woch und Don­ners­tag wur­den 39 Men­schen von tau­send zu­rück­ge­wie­sen. Rot heißt Zu­rück­wei­sung. Ha­ben die Flücht­lin­ge das ers­te Zelt pas­siert, kom­men sie ins nächs­te, wo 24 schma­le, wei­ße Con­tai­ner ste­hen. Tem­po­rä­re Bü­ros mit Com­pu­ter, Schreib­tisch und Ses­seln. Hier fin­det die ei­gent­li­che Re­gis­trie­rung statt. In je­dem Con­tai­ner sit­zen ein Be­am­ter und ein Dol­met­scher. Hier wer­den Fin­ger­ab­drü­cke ge­nom­men, Päs­se kon­trol­liert, Ge­sprä­che ge­führt und Arm­bän­der in Am­pel­far­ben ver­teilt. Grün für Ein­rei­se, gelb für wei­te­re Kon­trol­le, Rot für Zu­rück­wei­sung, soll­ten sich hier An­ga­ben als ge­fälscht dar­stel­len.

Wer in Ös­ter­reich um Asyl an­sucht, wird vom Bundesheer beim Hin­ter­ein­gang über­nom­men (Mitt­woch und Don­ners­tag wa­ren es 35 Per­so­nen) und von den Sol­da­ten zur Po­li­zei ge­bracht. Hin­ter ei­ner Pla­ne ent­steht der­zeit noch ei­ne ei­ge­ne Po­li­zei­dienst­stel­le, auch Schlaf­plät­ze für 4000 Men­schen soll es im Not­fall ge­ben. Wer nach Deutsch­land will, muss nun durch hüft­ho­he Ab­sperr­git­ter lau­fen, die sich durch den Vor­platz vor dem drit­ten Zelt schlän­geln. Sie er­in­nern an lan­ge Schlan­gen vor der Ge­päcks­kon­trol­le auf dem Flug­ha­fen und sol­len die Leu­te so lang wie mög­lich in Be­we­gung hal­ten.

„Wir wol­len kei­ne An­samm­lung an ei­nem Platz“, er­klärt Gr­und­nig. Wer hier ist, hat es so gut wie ge­schafft. Im drit­ten Zelt geht die Schlan­ge wei­ter, bis die Men­schen in ei­nen Mi­li­tär­bus ein­stei­gen kön­nen, der sie zur deut­schen Gren­ze bringt. Da­zwi­schen ste­hen Es­sens­aus­ga­be, Ca­ri­tas­zelt und die Ver­sor­gung durch das Ro­te Kreuz.

An die­sem Tag ist am frü­hen Nach­mit­tag der ers­te Bus be­reits voll. Nach dem ers­ten Grüpp­chen sind im Vier­tel­stun­den­takt wei­te­re klei­ne Grup­pen an Flücht­lin­gen ein­ge­trof­fen, vor al­lem aus Sy­ri­en, dem Irak, Af­gha­nis­tan. Sie lä­cheln er­leich­tert in Ka­me­ras, ein klei­ner Jun­ge streckt den Dau­men hoch. Als der Bus ab­fährt, stellt sich so­fort der nächs­te lee­re hin. Im Pro­be­be­trieb scheint der Ablauf ei­nem Schwei­zer Uhr­werk gleich. Die Zeit, in der pro­vi­so­risch Tau­sen­de Flücht­lin­ge durchs Land ge­schleust wur­den, hat die Po­li- zis­ten, Sol­da­ten und Hel­fer an der Gren­ze schon längst pro­fes­sio­na­li­siert.

Die Rot-Kreuz-Mit­ar­bei­ter sind mitt­ler­wei­le für die Flücht­ling­be­treu­ung fest an­ge­stellt. Die Po­li­zis­ten wer­den in Zu­kunft für drei Mo­na­te fix an der Gren­ze sta­tio­niert. Die Zahl der Bun­des­heer­sol­da­ten wur­de noch ein­mal um 150 er­höht, was un­schwer an den zahl­rei­chen Män­nern in mi­li­tä­ri­scher Uni­form und den tarn­grü­nen Au­tos am Ge­län­de zu er­ken­nen ist. „Je­der hat hier sei­ne Auf­ga­be“, sagt Ste­fan Frie­da­cher, Ein­satz­lei­ter des Ro­ten Kreu­zes. Er ist Stu­dent und hat für den Voll­zeit­job an der Gren­ze vom Stu­di­um pau­siert. Aber auch er hat auf vie­les kei­ne Ant­wor­ten.

An das Wort „Ober­gren­ze“will auf Nach­fra­ge der „Pres­se“nie­mand in dem Are­al den­ken. „Das ist ei­ne po­li­ti­sche Fra­ge“, ist so gut wie von je­dem Po­li­zis­ten zu hö­ren. Ge­folgt von ei­nem Ach­sel­zu­cken. Nie­mand hat hier ei­ne

Der ZŻun ist zwi­schen ©en Aã­sper­run­gen fŻst zu üãer­se­hen. Auf Men­schen schie­ßen? »NŻ hof­fent­lich nicht«, entf´hrt es ei­nem Sol©Żten.

Ant­wort, wie die Ober­gren­ze durch­ge­führt wer­den soll. Wer­den sich vor dem dün­nen Zaun Men­schen­mas­sen bil­den? Wird man sie bei zu viel Druck rein­las­sen oder gar auf sie schie­ßen? „Na hof­fent­lich nicht“, ent­fährt es ei­nem Sol­da­ten. Kein Platz für War­te­zo­nen. Auch wie und wo die War­te­zo­nen um­ge­setzt wer­den sol­len, ist nie­man­dem klar. Platz für sie gibt es in Spiel­feld auf den ers­ten Blick je­den­falls nicht. Da­mit die neu­en Re­gis­trier­zel­te ste­hen konn­ten, wur­de die letz­te Wie­se mit 4000 m3 Schütt­ma­te­ri­al pla­niert. Nach vorn ist kein Platz mehr, weil dort slo­we­ni­sches Staats­ge­biet be­ginnt, links und rechts ste­hen Hü­gel. Trotz­dem ge­hen Ge­rüch­te um. Et­wa, dass die War­te­zo­nen wie vom Salz­bur­ger Lan­des­haupt­mann, Wil­fried Has­lau­er (ÖVP), ge­for­dert doch auf slo­we­ni­schem Ge­biet ent­ste­hen sol­len. Auch dass Fa­mi­li­en mit Kin­dern trotz Ober­gren­ze durch­ge­las­sen wer­den, ist zu hö­ren. In Wahr­heit weiß aber nie­mand so ge­nau, was die Po­li­ti­ker ent­schei­den. In Spiel­feld, an der Gren­ze, dort, wo

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