Wenn Pa­kis­ta­ni sich als Af­gha­nen aus­ge­ben

Ös­ter­reichs Żn­ge­kün©ig­te De­cke­lung ©er Flücht­lings­zŻh­len zeigt Żuf ©er BŻl­kŻn­rou­te vor­erst nur ei­nen Żuf ©ie po­li­ti­sche Rhe­to­rik ãe­grenz­ten Ef­fekt. Üãer ©ie Aus­sor­tie­rung ©er Grenzg´nger – ein Lo­kŻlŻu­gen­schein im Durch­gŻngs­lŻ­ger im serãi­schen Si©.

Die Presse am Sonntag - - Inland - VON T H O M A S R O S E R ( ˇS I D )

Nie­mand will sie, aber auch bei ei­si­gen Tem­pe­ra­tu­ren rei­sen sie. Mit Ta­schen be­la­den und mit wei­nen­den Kin­dern an den Hän­den drän­gen sich die Neu­an­kömm­lin­ge im Durch­gangs­la­ger im ser­bi­schen Sid in die sti­cki­ge Luft des be­heiz­ten Zelts. Drau­ßen vor dem La­ger­tor er­zäh­len frös­teln­de Flücht­lin­ge aus Af­gha­nis­tan über die aus­ge­stan­de­nen Schre­cken mit Bul­ga­ri­ens schlag­kräf­ti­ger Grenz­po­li­zei – und die noch be­vor­ste­hen­den Hür­den zum Ziel.

Die Re­geln hät­ten sich ge­än­dert, be­rich­tet der 20-jäh­ri­ge Sa­heed aus der ost­af­gha­ni­schen Pro­vinz Ku­nar: „Man muss nun Ös­ter­reich oder Deutsch­land als Ziel ein­tra­gen las­sen. Sonst darf man nicht auf den Zug nach Kroa­ti­en.“Ein Lands­mann zeigt er­leich­tert sein recht­zei­tig kor­ri­gier­tes Tran­sit­pa­pier. Bei der Ein­rei­se nach Ser­bi­en ha­be er dum­mer­wei­se Bel­gi­en als Ziel an­ge­ge­ben: „Zum Glück konn­te ich das hier noch in Deutsch­land än­dern.“

400 Ki­lo­me­ter wei­ter west­lich ha­ben Slo­we­ni­ens Grenz­be­am­te am Tag zu­vor 15 von 1800 re­gis­trier­ten Flücht­lin­gen we­gen ei­nes „fal­schen“und nicht mehr als ein­rei­se­be­rech­tigt er­klär­ten Zi­el­lands aus dem Zug ge­fischt – und wie­der nach Kroa­ti­en ab­ge­scho­ben. Nur noch die­je­ni­gen Flücht­lin­ge, die in Ös­ter­reich und Deutsch­land Asyl be­an­tra­gen woll­ten, dürf­ten ein­rei­sen, „al­le an­de­re wer­den ab­ge­lehnt“, so In­nen­mi­nis­te­rin Ves­na Gjer­kes, die die ver­meint­li­che Ver­schär­fung mit Ös­ter­reichs an­ge­kün­dig­ter De­cke­lung der Flücht­lings­zah­len be­grün­de­te: „Wir wer­den ver­hin­dern, dass Slo­we­ni­en zu ei­nem Hots­pot für Flücht­lin­ge wird.“

Der von Wi­en ge­for­der­te „Do­mi­no­ef­fekt“ei­nes ver­schärf­ten Ein­rei­se­re­gimes zur Min­de­rung der Flücht­lings­zah­len äu­ßert sich in den Staa­ten der so­ge­nann­ten Bal­kan­rou­te bis­lang vor al­lem in Form en­er­gi­scher Po­li­ti­kerer­klä­run­gen. „Wenn die EU for­dert, dass wir kei­ne Wirt­schafts­flücht­lin­ge mehr auf­neh­men, wer­den wir so han­deln“, ver­si­chert Ser­bi­ens Pre­mier, Aleksan­dar Vu­ciˇc.´ Die Angst vor ei­nem Flücht­lings­rück­stau ist in den Tran­sit­staa­ten groß, die Mit­tel und Mög­lich­kei­ten, den Flücht­lings­exo­dus zu ver­hin­dern, je­doch be­grenzt.

Nur das schlech­te­re Wet­ter hat die Flücht­lings­zah­len in den ver­gan­ge­nen Wo­chen ab­sin­ken las­sen. Seit der Ver­le­gung des Flücht­lings­tran­sits von Ser­bi­en nach Kroa­ti­en auf die Schie­ne und die Er­öff­nung des La­gers in Sid An­fang No­vem­ber sei der An­drang mit durch­schnitt­lich 3000 Men­schen am Tag re­la­tiv „stabil“, be­rich­tet der So­zi­al­ar­bei­ter Dar­ko Ko­va­ce­viˇc´ in Sid. Die auf un­ter 2000 ge­fal­le­nen Flücht­lings­zah­len der ver­gan­ge­nen Ta­ge hält er für kurz­fris­ti­ge Än­de­run­gen „von eher tech­ni­scher als grund­sätz­li­cher Na­tur“. Wenn man die Kon­flik­te im Na­hen Os­ten und in der Tür­kei ver­fol­ge, sei im Früh­jahr eher wie­der mit kräf­tig zu- als mit ab­neh­men­den Zah­len zu rech­nen: „Der Flücht­lings­druck wird wei­ter zu­neh­men.“

Ent­setzt re­agier­te Eu­ro­pas Öf­fent­lich­keit im ver­gan­ge­nen Som­mer auf die Bil­der von über Gren­zwie­sen ge­prü­gel­ten Flücht­lin­gen, an Strän­de ge­spül­ten Kin­der­lei­chen oder in Lkw er­stick­ten Schlep­per­op­fern. Nicht zu­letzt die Kri­tik der EU-Part­ner hat die von dem An­sturm völ­lig über­for­der­ten Tran­sit­staa­ten mit viel Mü­he von Grie­chen­land bis Ös­ter­reich ei­nen re­la­tiv si­che­ren Trans­port-Kor­ri­dor er­rich­ten las­sen. Doch der Stim­mungs­um­schwung in We­st­eu­ro­pa ver­stärkt den Druck auf die schlei­chen­de Ent­man­te­lung des Kor­ri­dors. Ver­lo­ren Żuf ©em BŻhn­hof. Ver­lo­ren irrt Mus­sa­diq auf dem Bahn­hof in Sid mit ei­nem Zet­tel in der Hand über den ver­git­ter­ten Bahn­steig. Er wol­le zu sei­nem Va­ter nach Düs­sel­dorf, er­zählt der 26-jäh­ri­ge Pa­kis­ta­ni aus Chi­ni­ot. Zwei Mo­na­te sei er mit sei­nem Vet­ter, ih­ren bei­den Frau­en und ih­ren vier Kin­dern un­ter­wegs. Doch im kroa­ti­schen Sla­von­ski Brod fand ih­re Odys­see am Vor­tag ein vor­läu­fi­ges En­de. 24 St­un­den ha­be die Po­li­zei ihn und sei­ne Fa­mi­lie oh­ne Es­sen und Trin­ken in ei­nem kal­ten Zim­mer oh­ne WC ein­ge­sperrt, um sie her­nach oh­ne das ihr ab­ge­nom­me­ne Geld nach Ser­bi­en ab­zu­schie­ben, em­pört er sich mit mü­dem Blick: „Was wir nun tun sol­len, weiß ich nicht. Aber nach Pa­kis­tan ge­hen wir nicht zu­rück.“

Seit En­de No­vem­ber ist in den Staa­ten der Bal­kan­rou­te auf Druck der EU nur noch Af­gha­nen, Ira­kern und Sy- rern die Ein- und Wei­ter­rei­se ge­währt. Die Aus­sor­tie­rung der Grenz­gän­ger an­de­rer Na­tio­nen hat aber nicht nur we­gen ver­stärk­ter il­le­ga­ler Im­mi­gra­ti­on und der re­ak­ti­vier­ten Schlep­per­netz­wer­ke ei­nen be­grenz­ten Ef­fekt: 90 Pro­zent der über die Bal­kan­rou­te zie­hen­den Flücht­lin­ge stam­men oh­ne­hin aus den drei Bür­ger­kriegs­staa­ten.

Pa­kis­ta­ni wür­den sich oft als Af­gha­nen, Ma­rok­ka­ner und Al­ge­ri­er als Sy­rer aus­ge­ben, aber beim Zug­einstieg von den Dol­met­schern der kroa­ti­schen Grenz­po­li­zei meist mit „blo­ßem Au­ge“iden­ti­fi­ziert, so So­zi­al­ar­bei­ter Ko­va­ce-ˇ vic:´ „Pro Zug wer­den bis zu 40 von 1000 Pas­sa­gie­ren ab­ge­wie­sen. Theo­re­tisch bleibt ih­nen die Mög­lich­keit, in Ser­bi­en Asyl zu be­an­tra­gen. Doch meist ver­schwin­den sie nach ein paar Ta­gen – nie­mand weiß wo­hin.“

NGOs be­fürch­ten, dass der Ein­rei­se­bann auf dem ab­brö­ckeln­den Kor­ri­dor als Nächs­tes die Af­gha­nen tref­fen könn­te. Doch als si­cher be­schrei­ben die nach Sid ge­lang­ten Af­gha­nen ih­re Hei­mat kei­nes­wegs. Er ha­be für die USAr­mee in der Lo­gar-Pro­vinz als Über­set­zer ge­ar­bei­tet, be­rich­tet der 22-jäh­ri­ge Ash­mad: „Als die Ame­ri­ka­ner ab­zo­gen, er­hielt mei­ne Fa­mi­lie von den Ta­li­ban To­des­dro­hun­gen.“Er ha­be von den Vor­fäl­len in Köln, den wach­sen­den Vor­be­hal­ten in Deutsch­land ge­hört: „Aber wir ha­ben ein ech­tes Pro­blem und brau­chen dar­um Asyl. Wenn uns Deutsch­land nicht will, ge­hen wir eben in ein an­de­res Land.“

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