Durch das Eis mit 100 km/h

Wie ei­ne Fahrt in der Ach­ter­bahn, aber auf die olym­pi­sche Art: von gro­ßen Sprü­chen, Über­mut, wei­chen Kni­en, ei­ner ra­san­ten Fahrt und dem Ad­re­na­lin­kick. Ei­ne Bob­fahrt im Eis­ka­nal von Igls.

Die Presse am Sonntag - - Österreich - VON CHRIS­TI­NE IMLINGER

Am Vor­tag sind der Mut und die Sprü­che noch groß. Da­men­start? Was soll ein Da­men­start sein, der lang­sa­me­re? War­um müs­sen wir den neh­men? Beim abend­li­chen Auf­stieg im Flut­licht ent­lang des Eis­ka­nals in Igls – im Schnee­trei­ben, ein­ge­bet­tet in den ver­schnei­ten Wald, schaut der Ka­nal so be­schau­lich aus –, da wächst der Mut.

Rein­hard Pol­ler, der Ge­ne­ral­se­kre­tär des Ös­ter­rei­chi­schen Ro­del­ver­bands, lä­chelt beim Hin­auf­ge­hen mild, er kennt die­se gro­ßen Sprü­che. Auch die Kri­tik an der Na­mens­ge­bung hat er schon ein­mal ge­hört. War­um al­so heißt der lang­sa­me­re Da­men­start? Aus­ge­rech­net! Denn nicht nur in die­ser Grup­pe sei­en es die Frau­en, die vor dem Bob­fah­ren am größ­ten re­den, wie Pol­ler sagt. Und de­nen er dann er­klä­ren muss, dass es in­ter­na­tio­nal eben im­mer so sei, dass der un­te­re Start, von dem es lang­sa­mer durch die Eis­ka­nä­le geht, nach den Da­men hei­ße. War­um? Da spricht er von Kör­per­bau, Mus­ku­la­tur, Flieh­kräf­ten.

Aha. Ganz ein­se­hen will das in die­ser Run­de noch im­mer nie­mand. Gut ei­ne Mi­nu­te lang in ei­nem Bob zu sit­zen, war­um ge­nau sol­len Frau­en das nur lang­sa­mer kön­nen? Aber Re­geln sind Re­geln. In Igls be­sa­gen sie un­ter an­de­rem, dass die Gäs­te­bobs vom un­te­ren Start in der fünf­ten Kur­ve der al­ten Kun­st­eis­bahn, die für die Win­ter­spie­le 1976 ge­baut wor­den ist, los­fah­ren. In die­sen Gäs­te­bobs kann sich je­der, der äl­ter als zwölf Jah­re, grö­ßer als 130 Zen­ti­me­ter, halb­wegs fit und ein biss­chen wa­ge­mu­tig ist, den Eis­ka­nal hin­un­ter­stür­zen: Er ist 800 Me­ter lang, hat 100 Me­ter Hö­hen­un­ter­schied, und man er­reicht ei­ne Ge­schwin­dig­keit von rund 100 St­un­den­ki­lo­me­ter – für den An­fang reicht das meis­tens oh­ne­hin. Das Tem­po nimmt den Über­mut. Be­son­ders Toll­küh­ne kön­nen auch ei­ne Fahrt im olym­pi­schen Vie­rer­bob bu­chen – dann geht es vom obe­ren Start durch 14 Kur­ven auf 1270 Me­tern (De­tails sie­he In­fo-Box un­ten). Al­ter­na­tiv könn­te man sich auch als Gast mit dem Kopf vor­an auf dem Ske­le­ton-Bob oder im (aus Ste­fan Raabs Sen­dung be­kann­ten) Wok durch den Ka­nal hin­un­ter­stür­zen. Auf Ski­ern oder Plas­tik­sa­ckerln, wie das die Pro­fi-Bob­fah­rer auch schon aus­pro­biert ha­ben – das ist für Gäs­te aber dann nichts.

Am nächs­ten Tag, kurz vor dem Start der Fahrt, reicht dann der Da­men­start im Bob aber oh­ne­hin völ­lig. Die De­bat­ten über den schnel­le­ren Start­punkt sind vor­bei, und das, so sagt Rein­hard Pol­ler, sei meis­tens so. Dass die gro­ßen Sprü­che klei­ner wer­den, je nä­her man zum Start­häus­chen kommt. Tat­säch­lich ver­geht der Mut fast ein we­nig, wenn man den Pro­fis zu­schaut, die wäh­rend des Auf­stiegs blitz­schnell, in den Kur­ven hoch in den me­ter­ho­hen Ban­den, vor­bei­pfei­fen. Der ei­ne oder an­de­re wird wäh­rend des War­tens dann ganz still. Ein biss­chen fühlt man sich an „Cool Run­nings“er­in­nert, den 1990er-Jah­re-Film, bei dem völ­lig ah­nungs­lo­se Ja­mai­ka­ner Bob­fah­ren wol­len. Dass an die­sem Vor­mit­tag in Igls un­ter an­de­rem ein Team aus Bra­si­li­en trai­niert, tut sein Üb­ri­ges da­zu. Vom Krei­sel ins La­by­rinth. Zeit für gro­ße Zwei­fel bleibt aber kei­ne. Helm auf, ein­stei­gen, eng an­ein­an­der auf die Bank set­zen, an­schnal­len, der Pro­fi-Pi­lot steigt ein, ein Grup­pen-Sel­fie noch, schon schie­ben die An­schie­ber, und als es den Start­hü­gel hin­un­ter­geht, hebt es ei­nem dann kurz den Ma­gen aus. Da­mit ist das Schlimms­te aber schon vor­bei. Durch den lang ge­zo­ge­nen Krei­sel – jetzt spürt man im Na­cken und in den Bei­nen die 2G, die da an­geb­lich wir­ken, des­halb braucht man für das Bob­fah­ren doch ei­ni­ge Kraft – schießt man wei­ter die Bahn hin­un­ter.

Das Ad­re­na­lin rauscht, der Pi­lot am vor­ders­ten Sitz, er ist Tau­sen­de Ma­le die Bahn hin­un­ter­ge­rast, lenkt un­ge­rührt in die rich­ti­ge Spur. Sie geht hoch in die Kur­ve, wei­ter ins so­ge­nann­te La­by­rinth, links, rechts an die Ban­den, schon ist der Aus­lauf in Sicht, der Bob wird lang­sa­mer, dass man zum Ab­brem­sen ei­nen Hang hin­auf­ge­schos­sen ist, be­merkt man gar nicht. Aus­stei­gen mit leicht wei­chen Kni­en. „Geil. Das war jetzt so rich­tig geil“, sagt dann so­gar ei­ner, der zu­vor mit wei­ßem Ge­sicht ein­ge­stie­gen ist. Pol­ler lässt die Zeit aus­dru­cken, knapp ei­ne Mi­nu­te, knapp über 100 km/h. Geht’s beim nächs­ten Mal schon schnel­ler? Dann aber wirk­lich vom Her­ren­start!

Olym­pia­world

Dann hebt es kurz den Ma­gen: Mit dem Start aber ist das Schlimms­te vor­bei.

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