So viel Sei­fe muss sein

In Zei­ten des Dusch­gels wird Sei­fe von vie­len bloß als Rand­pro­dukt ge­se­hen. Nicht so in der Wie­ner Sei­fen­ma­nu­fak­tur. Dort hat sich ei­ne Vor­arl­ber­ge­rin der ma­nu­el­len Her­stel­lung ver­schrie­ben.

Die Presse am Sonntag - - Werkstatt - VON NI­CO­LE STERN

Ent­span­nung, Wohl­be­fin­den und Wär­me. Ge­nau da­nach riecht es hier. Und das trotz Sou­ter­rain. Der an­ge­neh­me Duft wird von klei­nen Qua­dern verströmt. Sie hei­ßen Si­si Veil­chen, Ver­giss­mein­nicht, Gärt­ne­rin oder Spi­ke, sind bunt und lie­be­voll ver­packt. In ei­ner Sei­ten­gas­se der Land­stra­ßer Haupt­stra­ße, un­weit des Ro­chus­markts, ver­kauft Son­ja Bald­auf (ihr) Le­bens­glück in Form von Sei­fen. Im Kel­ler­lo­kal schräg ge­gen­über pro­du­ziert sie sie. Oder ge­nau­er ge­sagt ihr Mann.

Mit Kos­me­tik hat­te Bald­auf zwar schon im­mer et­was zu tun. „Den Ge­dan­ken, et­was selbst zu ma­chen, hat­te ich aber nie.“Einst war die Vor­arl­ber­ge­rin an­ge­stell­te Ver­pa­ckungs­de­si­gne­rin in der Schweiz, heu­te dreht sich ihr Le­ben um Ko­kos­öl und Lau­ge.

Seit der Er­fin­dung des Dusch­gels ist die Flüs­sigs­ei­fe aus den Ba­de­zim­mern die­ser Welt nicht mehr weg­zu­den­ken. Kör­per­hy­gie­ne funk­tio­niert heu­te fast aus­schließ­lich so. Da­bei ist Sei­fe ein ur­al­tes Pro­dukt. Ih­re Ver­wen­dung konn­te be­reits vor 4500 Jah­ren nach­ge­wie­sen wer­den. Doch in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten wur­de die Sei­fe suk­zes­si­ve zu­rück­ge­drängt, im Dro­ge­rie­markt ist sie schon lang nicht mehr die ers­te Wahl. Es macht aber den An­schein, als wür­de sich ei­ne Zei­ten­wen­de an­bah­nen. „Wir se­hen ei­ne Re­nais­sance der Sei­fe“, sagt Bald­auf. Es sei­en im­mer mehr, die auf die­se ba­si­sche Rei­ni­gung um­stei­gen. Sei­fe ist nicht nur bes­ser für die Haut, auch der Scha­den für die Umwelt sei ge­rin­ger. Äl­te­re wie Jün­ge­re wüss­ten das durch­aus zu schät­zen. „Un­ser Pu­bli­kum ist to­tal ge­mischt.“

Es war ein Fern­seh­bei­trag, der das Le­ben der 55-Jäh­ri­gen kom­plett ve­rän­der­te. „Ich saß am PC und schrieb ei­ne Ar­beit für mei­ne Mar­ke­ting­aus­bil­dung, als ei­ne Do­ku­men­ta­ti­on über Sei­fen­sie­derei­en in Eu­ro­pa lief.“Dort kam auch Fried­rich Weiss zu Wort. „Ich war hin und weg, dass je­mand so be­geis­tert von Sei­fe er­zäh­len kann.“

Am nächs­ten Tag griff die Vor­arl­ber­ge­rin zum Te­le­fon und ließ sich mit dem Fir­men­chef der Stad­lau­er Sei­fe ver­bin­den. „Ich ha­be mir die Sei­fe schi­cken las­sen, da­nach ha­be ich kei­ne an­de­re mehr ver­wen­det.“

Es war die Lei­den­schaft für das Pro­dukt, dass die bei­den verband. Bald­auf und Weiss blie­ben in ste­tem Kon­takt, nach zwei Jah­ren stand die Vor­arl­ber­ger Grenz­gän­ge­rin schließ­lich kurz vor der Er­öff­nung ei­ner Schwei­zer Fi­lia­le. „Der Bu­si­ness­plan war schon da.“Doch die Um­set­zung schei­ter­te, Weiss ver­starb. Die Fort­füh­rung sei­nes Be­triebs schien aus­ge­schlos­sen. Mit Geld und Kro­ko­dil. Dass Bald­auf ei­nes Ta­ges in Weiss’ Fuß­stap­fen tre­ten wür­de, war zu­nächst gar „nicht mei­ne In­ten­ti­on“, sagt die Un­ter­neh­me­rin heu­te. Ein ab­schlie­ßen­der Be­such in der Wie­ner Lan­go­bar­den­stra­ße, dem Sitz der Sie­de­rei, brach­te den ent­schei­den­den An­stoß. Ein Herr sprach Bald­auf an und bat sie um ih­re Num­mer. „Er wuss­te, wer ich bin, ich wuss­te aber nicht, wer er ist.“Oh­ne nach sei­nen Kon­takt­da­ten ge­fragt zu ha­ben, flog Bald­auf un­ver­rich­te­ter Din­ge in ih­re Hei­mat zu­rück. Ih­ren Traum be­grub sie, ih­rem Brot­be­ruf ging sie wei­ter nach. Es wa­ren Mo­na­te ver­gan­gen, als ihr Mo­bil­te­le­fon plötz­lich läu­te­te. Der Un­be­kann­te aus Wi­en 22 mel­de­te sich zu Wort. Es war der Sei­fen­sie­der aus Stad­lau.

Der Herr „hat al­les ge­wusst“, sagt Bald­auf. Sei­nen Mit­ar­bei­ter hat­te Weiss in das Ge­heim­nis der Sei­fen­her­stel­lung ein­ge­weiht. Nie­der­ge­schrie­be­ne Re­zep­te, da­von hielt Weiss nicht viel. Doch sein Sei­fen­sie­der hat­te Übung und al­le Zu­ta­ten im Kopf. „Ich wür­de gern Sei­fe ma­chen und brau­che je­man­den, der ein Ge­schäft mit mir auf­baut“, ha­be er zu ihr ge­sagt. „Für mich war klar, dass ich das ma­chen will.“Sie stieg ins Flug­zeug nach Wi­en, man traf sich.

Ih­re ers­te ge­mein­sa­me Sei­fe ent­stand in der Kü­che ei­nes Ap­par­te­ments, in dem sich Bald­auf ein­quar­tiert hat­te. „Ich ha­be mir drei Wo­chen Zeit ge­ge­ben, es muss­te al­les sehr schnell ge­hen.“Ih­ren Ur­laub nutz­te sie, um not­wen­di­ge Rohstoffe zu be­sor­gen – und ein ei­ge­nes Ge­schäfts­lo­kal. Das Er­spar­te steck­te sie in ihr neu­es Un­ter­neh­men, der Sei­fen­sie­der brach­te ei­ne Ma­schi­ne, lie­be­voll Kro­ko­dil ge­nannt, ein. Das al­te, noch von Hand be­trie­be­ne Trumm war ei­ne Mit­ga­be aus Stad­lau.

Die Pro­duk­te der Wie­ner Sei­fen­ma­nu­fak­tur wer­den in ei­nem auf­wen­di­gen Kal­trühr­ver­fah­ren her­ge­stellt. Ko­kos­öl und Lau­ge ver­men­gen sich, das setzt den Ver­sei­fungs­pro­zess in Gang. Ex­trak­te, Pfle­ge­ö­le und Düf­te kom­men hin­zu, das hat Ein­fluss auf Far­be und Ge­ruch. Das Grundprinzip müs­se je­der ein­hal­ten, er­klärt Bald­auf. Wie lang der Ver­sei­fungs­pro­zess dau­ert und wie heiß die Mas­se da­bei wer­den darf, bleibt das Ge­heim­nis ei­nes je­den Her­stel­lers. Schließ­lich will je­der sei­ne ei­ge­nen Ak­zen­te set­zen. Vom Ban­ker zum Sei­fen­sie­der. Doch fer­tig ist die Sei­fe da­mit nicht. An­schlie­ßend ste­hen Rei­fung, Här­tung und Küh­lung an. Vier Ta­ge la­gern die Sei­fen da­für in ei­ner Holz­kis­te, be­vor es ans Kro­ko­dil geht. Ein 50 Ki­lo schwe­rer Sei­fen­block wird da­für auf die Schnei­de­ma­schi­ne ge­hievt. Von die­ser wird sie in 300 Ein­zel­tei­le zu je 125 Gramm zer­legt. Nun ist er­neut Ru­he an­ge­sagt, drei Ta­ge dau­ert der so­ge­nann­te Nach­rei­fe­pro­zess. Wo­zu? Die Rest­feuch­tig­keit kann nur so ent­fleu­chen. Zwölf Ar­beits­ta­ge wird es schließ­lich dau­ern, be­vor die Sei­fen fer­tig sind. Doch ge­hö­ren sie auch ver­packt. Das wird eben­falls in der Ma­nu­fak­tur in der Land­stra­ße von Hand ge­macht.

»Ich war hin und weg, dass je­mand so be­geis­tert von Sei­fe er­zäh­len kann.«

Fa­b­ry

Son­ja Bald­auf und ihr Le­bens­ge­fähr­te, Chris­toph Hegg­lin.

Fa­b­ry

125 Gramm für die Kör­per­hy­gie­ne.

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