Ge­gen den Sohn

Die Presse am Sonntag - - Kultur -

ten Klei­ber, als Cle­mens Krauss 1954 starb, die Lei­tung des Neu­jahrs­kon­zerts 1955 an! Die­ser über­leg­te kurz – und lehn­te dann ab . . .

Wuss­te er, dass sein Na­me da­mals auf der schwar­zen Lis­te des ös­ter­rei­chi­schen Rund­funks stand? Der Urauf­füh­rungs­di­ri­gent des „Wozz­eck“und Freund Al­ban Bergs, der Vor­kämp­fer für die Mo­der­ne, der 1934 aus Pro­test ge­gen die NS-Kul­tur­po­li­tik Deutsch­land ver­las­sen hat­te – sei­ne Auf­nah­men durf­ten nicht ge­sen­det wer­den! Viel­leicht, weil er nach 1945 im „re­al­so­zia­lis­ti­schen“Ost-Ber­lin, wenn auch ver­geb­lich, ver­sucht hat­te, an eins­ti­ge Er­fol­ge an­zu­knüp­fen? Nein zum Neu­jahrs­kon­zert. Viel­leicht hat­te die uner­war­te­te Ab­sa­ge des Neu­jahrs­kon­zerts auch da­mit zu tun, dass man die Staats­oper nicht ihm, son­dern Karl Böhm über­las­sen hat­te? „Vor al­lem müss­te ich die phil­har­mo­ni­schen Kon­zer­te lei­ten“, so hat­te Erich Klei­ber an Al­ma Mah­ler ge­schrie­ben. Das war nicht 1954, son­dern drei­ßig Jah­re frü­her! Schon da­mals wä­re die Staats­oper das Ziel ge­we­sen. Mit den Phil­har­mo­ni­kern gab es im­mer nur „au­ßer­or­dent­li­che“Klei­ber-Kon­zer­te; und wirk­lich au­ßer­or­dent­li­che Schall­plat­ten­auf­nah­men folg­ten; aber kei­ne rea­len Ta­ten.

Ob Erich sei­nem Sohn ein solch ver­que­res Schick­sal er­spa­ren woll­te? Als Car­los be­schloss, lie­ber zu di­ri­gie­ren als Che­mie zu stu­die­ren, soll Erich ge­tobt ha­ben. An­de­rer­seits: Als Karl Kel­ler (so das Pseud­onym) in Pots­dam mit „Gas­pa­ro­ne“de­bü­tier­te, be­such­te der Pa­pa in­ko­gni­to ei­ne Vor­stel­lung und mein­te un­ter Trä­nen: „Er kann’s.“ Nie wie­der Strauß Va­ter! Ein an­de­rer gro­ßer Ka­pell­meis­ter-Va­ter (Erich Klei­ber war üb­ri­gens wie fast al­le be­deu­ten­den Di­ri­gen­ten sei­ner Ära auch Kom­po­nist!) hat das von sei­nem Spröss­ling nicht ge­sagt. Ob­wohl der’s auch konn­te. Am 15. Ok­to­ber 1844 bat man in Dom­may­er’s Ca­si­no in Hiet­zing zur „Soi­ree´ dans­an­te“. Jo­hann Strauß war an­non­ciert, „Sohn“stand in Klam­mern dar­un­ter.

Ei­ner der – spä­ter drei! – Wal­zer­prin­zen trat, gera­de 19-jäh­rig, trotz des­sen er­bit­ter­ten Wi­der­stands ge­gen den re­gie­ren­den Kö­nig an. Nie wie­der wür­de er bei Dom­may­er spie­len, schnaub­te Jo­hann Strauß, der nicht der Se­ni­or wer­den, son­dern der Ein­zi­ge blei­ben woll­te.

In den Au­gen der Nach­welt hat es der Ju­ni­or ver­stan­den, den Ruhm des al­ten Strauß mehr oder we­ni­ger auf den „Ra­detz­ky­marsch“zu re­du­zie­ren. Die­ser bil­det zwar Jahr für Jahr am 1. Jän­ner den Aus­klang des meist­ge­se­he­nen Fern­seh­kon­zerts der Welt. Aber sonst: Walzerkönig ist der, der den „Do­nau­wal­zer“ge­schrie­ben hat.

Auch bei den „Sträu­ßen“stim­men sol­che Wert­ur­tei­le aber nur be­dingt. Strauß Va­ter war nicht nur der Be­grün­der ei­ner Kom­po­nis­ten­dy­nas­tie. Er war, das eint ihn mit Erich Klei­ber, ein fa­na­ti­scher Orches­ter­erzie­her und da­mit ei­gent­lich der Er­fin­der der gro­ßen Wie­ner Orches­ter­tra­di­ti­on. Denn es war nicht das phil­har­mo­ni­sche Opern­or­ches­ter, das da­mals für Kon­zert­auf­trit­te noch gar nicht „or­ga­ni­siert“war. Es war die Ka­pel­le von Strauß Va­ter, vor der sich so­gar die an­spruchs­vol­len Meis­ter der mu­si­ka­li­schen Avant­gar­de je­ner Zeit, Ber­li­oz und Wagner, ver­neig­ten. Der Bay­reu­ther er­in­nert sich spä­ter an den „zau­be­ri­schen Vor­gei­ger“, der die Be­geis­te­rung der Wie­ner „auf ei­ne für mich be­ängs­ti­gen­de Hö­he“zu trei­ben ver­stand.

Die emi­nen­te Qua­li­tät des Strauß’schen Orches­ters führ­te da­zu, dass man die Mu­si­ker in halb Eu­ro­pa hö­ren woll­te. Die Tour­nee war er­fun­den! Al­lent­hal­ben be­wun­der­te man die Per­fek­ti­on des En­sem­bles. Dass ein Mann am Pult (bald nicht mehr mit der Gei­ge in der Hand) den Ton an­gab, war in der Ära der bei­den Klei­bers dann be­reits selbst­ver­ständ­lich.

Noch ein paar Ge­ne­ra­tio­nen zu­rück: Was na­tür­li­che Au­to­ri­tät, ge­bo­ren aus emi­nen­tem Kön­nen, be­deu­tet, ha­ben die Söh­ne Jo­hann Se­bas­ti­an Bachs in der Kin­der­stu­be er­fah­ren. Sie gin­gen bes­tens ge­schult, ge­drillt, möch­te man sa­gen, in die Welt. Gleich drei von ih­nen wur­den be­deu­ten­de Kom­po­nis­ten: Wilhelm Frie­de­mann, des­sen per­sön­li­che Ex­zen­trik ihm ei­ne gro­ße Kar­rie­re un­mög­lich ge­macht hat, Carl Philipp Ema­nu­el, oh­ne des­sen emp­find­sa­me Kla­vier-Pie­cen Beet­ho­vens re­vo­lu­tio­nä­re Sub­jek­ti­vi­tät un­denk­bar wä­re, und Jo­hann Christian, an dem Mo­zart ver­eh­rungs­voll Maß zu neh­men ver­such­te.

Als Car­los Klei­ber be­schloss, lie­ber zu di­ri­gie­ren als Che­mie zu stu­die­ren, tob­te der Va­ter.

Dem Ge­nie die Spur ge­wie­sen. Apro­pos Mo­zart: Was macht man als Va­ter, wenn man – wie Niklaus Har­non­court das for­mu­liert hat – vor ei­nem Kro­ko­dil sitzt? Wie geht man mit ei­nem Kind um, das in Ta­lent ge­ra­de­zu zu er­trin­ken droht?

Wahr­schein­lich hat Leo­pold Mo­zart, der ex­zel­len­te Ka­pell­meis­ter des Salz­bur­gi­schen Fürst­erz­bi­schofs, ge­nau das Rich­ti­ge ge­tan: Er hat sei­nem Wolf­gang Ama­de´ ei­ne so­li­de Bil­dung an­ge-

Va­ter Mo­zart lenk­te die Mu­si­zier­wut sei­nes Soh­nes in ge­re­gel­te Bah­nen.

dei­hen las­sen und die Mu­si­zier­wut, so gut es ge­gan­gen ist, in ge­re­gel­te Bah­nen ge­lenkt. Der Spröss­ling soll­te die Ge­set­ze ver­ste­hen ler­nen, ehe er sie mit ge­nia­ler Pran­ke durch­bre­chen wür­de.

In die­sem Fall be­grif­fen schon die Zeit­ge­nos­sen, dass der Sohn den Va­ter rasch über­flü­gelt hat­te. An­de­rer­seits dau­er­te es bei den „Bä­chen“mehr als ein Jahr­hun­dert, ehe die Mu­sik­ge­schichts­schrei­bung dem Stamm­va­ter ein Po­dest über den be­deu­ten­den Söh­nen zu­wies. Im Fall des hoch be­gab­ten Sieg­fried Wagner war es hin­ge­gen nie ei­ne Fra­ge, dass schon der Schat­ten von Va­ter Richard ge­nüg­te, dem Sohn je­g­li­che Auf­stiegs­chan­ce zu ver­dun­keln. Vor­sicht vor den Kin­dern. „Wenn der so wei­ter­macht, kön­nen wir al­le ein­pa­cken“, ur­teil­te Richard Strauss über ei­nen Kin­der­star, der An­fang des 20. Jahr­hun­derts groß her­aus­kam und dem die Zeit­läuf­te dann ein (al­ler­dings wohl­do­tier­tes) Kom­po­nis­ten- und Ka­pell­meis­ter-Schick­sal beim Film be­sche­ren soll­ten: Erich Wolf­gang Korn­gold, der im Te­enager-Al­ter als vir­tuo­ser Sym­pho­ni­ker und Opern­kom­po­nist be­gann, war al­ler­dings kein Kom­po­nis­ten- oder Di­ri­gen­ten­ab­kömm­ling, son­dern der Sohn von Ju­li­us Korn­gold, dem Mu­sik­kri­ti­ker der „Neu­en Frei­en Pres­se“. . .

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