Der Pre­mie­ren­fluch ist von Ri­go­let­to ge­wi­chen

Neu be­setzt, er­leb­te Ver­dis Stück mit Car­los Al­va­rez´ an der Staats­oper ei­ne um­ju­bel­te Stern­stun­de.

Die Presse am Sonntag - - Kultur - VON WILHELM SINKOVICZ

Der Schock der Pre­mie­re die­ser Pro­duk­ti­on sitzt den Wie­ner Opern­freun­den noch in den Kno­chen. Nach gu­tem Be­ginn be­fiel den Ti­tel­hel­den im zwei­ten Akt da­mals ei­ne schwe­re In­dis­po­si­ti­on; er wank­te von der Sze­ne. Der Abend kam mit ei­nem Ein­sprin­ger zwar zu ei­nem En­de, doch man fühl­te sich dar­an er­in­nert, dass das Stück ur­sprüng­lich „La Ma­le­di­zio­ne“hei­ßen, al­so nicht nach dem von Vic­tor Hu­go ent­lehn­ten kö­nig­li­chen Hof­nar­ren be­nannt wer­den soll­te.

Nun scheint, um ein ganz an­de­res Stück zu zi­tie­ren, „der Fluch ge­wi­chen“. To­sen­der Ju­bel nach der 15. Auf­füh­rung der neu­en Pro­duk­ti­on. In völ­lig neu­er Be­set­zung er­weist die Ins­ze­nie­rung Pier­re Au­dis ih­re Taug­lich­keit; so­zu­sa­gen von ver­wüs­te­ten See­len in ei­nem wüs­ten Land wird die fins­te­re Ge­schich­te mit all ih­ren Schre­cken und mensch­li­chen Ge­mein­hei­ten – in eben­so fins­te­ren Räu­men – er­zählt. Im wüs­ten Land. Und sie wird pa­ckend er­zählt, wenn die Be­set­zung bis in die kleins­ten Rol­len so stimmt wie dies­mal. Nebst ei­nem un­schlag­ba­ren Füh­rungs­trio – Car­los A´lva­rez, Ol­ga Pe­re­tyat­ko und Juan Die­go Flo­rez´ – er­gän­zen die so­no­re Mad­da­le­na Na­dia Kras­t­e­vas und der lu­xu­ri­ös or­geln­de Spar­a­fu­ci­le Ain An­gers das „All Star Cast“. Auch So­rin Co­li­bans Graf Mon­te­ro­ne kann sich in sei­nem Zorn hö­ren las­sen: Er wird in die­ser Ins­ze­nie­rung auf of­fe­ner Sze­ne ge­meu­chelt, und zwar just in je­nem Mo­ment, da am Pre­mie­ren­abend der Ti­tel­held aus dem Bild ge­wankt ist . . .

An­läss­lich der völ­lig neu be­setz­ten Re­pri­se durf­te man nun ganz un­ge­stört stu­die­ren, dass Ver­di in die­sem Werk die Re­geln des Bel­can­to noch lang nicht über Bord ge­wor­fen hat. Ge­wiss, vie­le dra­ma­ti­sche Aus­brü­che drin­gen, avant­gar­dis­tisch für die Oh­ren der Zeit­ge­nos­sen, weit vor in die Ge­fil­de des hoch­ro­man­ti­schen Mu­sik­dra­mas.

Der schlank­stim­mi­ge Her­zog des Juan Die­go Flo­rez´ mag denn aufs Ers­te un­ge­wohnt „leicht“klin­gen. Doch ist er – an­ders als vie­le „ty­pi­sche“Be­set­zun­gen die­ser Par­tie – im­stan­de, al­le ge­for­der­ten Ver­zie­run­gen ele­gant zu ge­stal­ten und die Par­tie so mit höchs­ter Vo­kal­ar­tis­tik zu rei­chem Büh­nen­le­ben zu er­we­cken.

Selbst für die Can­zo­ne im letz­ten Bild hat er von Stro­phe zu Stro­phe ver­schie­de­ne Far­ben und Phra­sie­rungs­fi­nes­sen zu bie­ten. Auch singt er, was schwe­r­erge­wich­ti­gen Kol­le­gen völ­lig ver­wehrt blei­ben muss, die fi­li­gra­ne Du­ett­ka­denz mit Gil­da im ers­ten Akt.

Ol­ga Pe­re­tyat­ko ist ihm frei­lich ei­ne eben­bür­ti­ge Gil­da: ler­chen­haft si­che­re Ko­lo­ra­tu­ren und Tril­ler ste- hen ne­ben Pas­sa­gen, die mit­tels dunk­le­rer, ge­deck­te­rer Far­ben Lie­bes­leid und Schick­sals­er­ge­bung hör­bar ma­chen.

Hier be­sticht die Kom­bi­na­ti­on von fa­bel­haf­ter Tech­nik mit na­tür­li­chem Aus­druck eben­so. Auf­grund die­ser Tu­gen­den ist auch Car­los A´lva­rez – wie Flo´rez ein Rol­len­de­bü­tant für Wi­en! – ein Ri­go­let­to von au­ßer­or­dent­li­chem For­mat. In sei­nem ma­kel­lo­sen Schön­ge­sang schwin­gen al­le See­len­re­gun­gen mit, oh­ne dass er je zum For­cie­ren oder zum Ou­trie­ren ge­zwun­gen wä­re. Wi­ens Orches­ter­wun­der. Das ist, zu­ge­ge­ben, auch ein Ver­dienst Eve­li­no Pi­dos,` der am Di­ri­gen­ten­pult da­für sorgt, dass die Be­glei­tung nie zu derb wird, auf Tem­po­dif­fe­ren­zie­run­gen der Sän­ger Rück­sicht nimmt, da­bei aber das im­mer zü­gi­ge Grund­tem­po nie aus den Au­gen ver­liert.

Die Mu­si­ker nut­zen die Si­cher­heit, die der Ma­e­s­tro ih­nen gibt, um sen­si­bel auf das Büh­nen­ge­sche­hen zu ach­ten und – vor­an die Holz­blä­ser und im Fall der „Cor­ti­gia­ni“nicht zu ver­ges­sen: das Cel­lo – oft im wahrs­ten Sinn des Wor­tes mit­zu­sin­gen. Ver­dis ge­nia­le Ko­lo­ris­tik nutzt man über­dies als Ve­hi­kel, die phil­har­mo­nisch per­fek­te Klan­g­re­gie zu de­mons­trie­ren. Hier­zu­lan­de bie­tet man der Opern­dra­ma­tur­gie an in­spi­rier­ten Aben­den wie die­sem auch idea­le akus­ti­sche Räu­me: Die si­nis­tren Farb­val­eurs der tie­fen Strei­cher bei Ain An­gers gran­dio­sem ers­tem Auf­tritt als Spar­a­fu­ci­le ge­hö­ren eben­so da­zu wie manch äthe­ri­sche Um­spie­lung des en­gel­haf­ten Ge­sangs der Ol­ga Pe­re­tyat­ko. Vo­ka­le Kam­mer­mu­sik. In die­sem Sinn fü­gen sich an ei­nem sol­chen Re­per­toire-Abend, weil halt ein­mal wirk­lich al­les stimmt, auch die En­sem­bles zu kam­mer­mu­si­ka­li­schen Mi­nia­tu­ren. Als stam­me Ver­dis Satz­kunst ge­ra­de­wegs von Mo­zart ab, hört man im be­rühm­ten Quar­tett vor dem blu­ti­gen Fi­na­le vier von­ein­an­der un­ab­hän­gi­ge Stim­men, je­de er­zählt von ih­rer ei­ge­nen Be­find­lich­keit – und doch fügt sich al­les zu hö­he­rer Har­mo­nie. Kei­ner drängt sich in den Vor­der­grund, ein­mal führt Gil­das Kla­ge­laut, dann der sor­gen­de Va­ter Ri­go­let­to, die ko­ket­te Ver­füh­re­rin Mad­da­le­na lockt den Her­zog nicht nur mit viel Bein, son­dern auch mit sug­ges­ti­ven Mez­z­o­tö­nen – und die te­no­ra­le Kan­ti­le­ne run­det die Har­mo­ni­en ge­schmei­dig ab.

Ein kost­ba­rer Au­gen­blick an ei­nem ins­ge­samt auf­re­gen­den, idea­len Opern­abend. Wer kei­ne der Re­pri­sen die­ser Stern­stun­de mit­er­le­ben kann (25., 28., 31. Jän­ner), soll­te sich am 28. an das Li­ve-Strea­m­ing (www.staats­o­per­li­ve.com) hal­ten.

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