Die Ka­len­der­sprü­che ei­nes Mas­sen­mör­ders

Es gab Zei­ten, da zähl­ten die Ide­en aus Mao Ze­dongs »Ro­tem Buch« zur »geis­ti­gen Atom­bom­be«, die die Welt er­schüt­tern wer­de. Kaum ein Buch er­reich­te welt­weit ei­ne so ho­he Auf­la­ge wie die »Mao-Bi­bel« . Im Wes­ten war sie Kult­ob­jekt der Möch­te­gern-Re­vo­lu­tio­nä

Die Presse am Sonntag - - Kunstmarkt - VON GÜN­THER HAL­LER

Das „Ro­te Buch“. Ge­bun­den in bil­li­ger ro­ter Plas­tik­fo­lie, gera­de mal so groß wie ein heu­ti­ges Smart­pho­ne: Ei­nes der meist­ver­kauf­ten Bü­cher der Welt prunkt nicht mit sei­nem Äu­ße­ren, es ver­dankt der bil­li­gen, aber mar­kan­ten Mach­art ei­nen Gut­teil sei­ner em­ble­ma­ti­schen Wir­kung. Nur noch die Bi­bel oder der Koran kön­nen mit­hal­ten mit der Sprü­che­samm­lung von Mao Ze­dong, die von sei­nem Weg­ge­fähr­ten Lin Biao ge­sam­melt wur­de und Mit­te der Sech­zi­ger­jah­re in Mas­sen­auf­la­ge ver­brei­tet wur­de.

Sie war zu­nächst gar nicht für die Öf­fent­lich­keit be­stimmt, son­dern soll­te der In­dok­tri­nie­rung in­ner­halb der chi­ne­si­schen Volks­be­frei­ungs­ar­mee die­nen. Seit 1961 hieß es dort: Je­den Tag ein Spruch des Vor­sit­zen­den Mao zum Sam­meln und Aus­wen­dig­ler­nen. Oh­ne täg­li­ches und gründ­li­ches Stu­di­um kei­ne Re­vo­lu­ti­on, kein Fort­schritt, kein bes­se­res Le­ben. Die Sät­ze wa­ren be­wusst kurz und ein­präg­sam ge­hal­ten, sonst hät­ten sie die un­ge­bil­de­ten Re­kru­ten aus bäu­er­li­chem Mi­lieu nicht ver­stan­den. Als der Mao-Kult sei­nen Hö­he­punkt er­reich­te, Mao sich als Haupt der 1921 ge­grün­de­ten Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Chi­nas an­schick­te, wie ein Gott mit ei­nem Volk von 800 Mil­lio­nen zu ex­pe­ri­men­tie­ren, muss­te je­der Chi­ne­se das „Ro­te Buch“bei sich tra­gen. 40 Mil­li­ar­den Bän­de der Wer­ke Ma­os wur­den wäh­rend der Kul­tur­re­vo­lu­ti­on ge­druckt und ver­brei­tet, da wirkt es drol­lig, dass Mao selbst ei­ne Schrift mit dem Ti­tel „Kampf dem Bü­cher­kult“ver­fass­te. Zur Be­grü­ßung ein Mao-Zitat. Die Tex­te des „Ro­ten Buchs“wur­den zu den wich­tigs­ten ideo­lo­gi­schen Leit­tex­ten der Par­tei wie einst im tra­di­tio­nel­len Chi­na die Tex­te der kon­fu­zia­ni­schen Wei­sen. Die ka­no­ni­schen Sät­ze er­hiel­ten qua­si Ge­set­zes­kraft, je­der Satz war als Richt­li­nie zu ak­zep­tie­ren und durf­te nicht hin­ter­fragt wer­den. Es war üb­lich, sich mit ei­nem Mao-Zitat auf der Stra­ße zu be­grü­ßen, hat­te man das Buch nicht bei sich, konn­te man in Kon­flikt mit den ri­gi­den Ord­nungs­hü­tern ge­ra­ten. Von Stu­den­ten er­war­te­te man, dass sie auch die Sei­ten- und Zei-

Ma­os Gro­ße Pro­le­ta­ri­sche Kul­tur­re­vo­lu­ti­on (1966 bis 1976)

Die Kul­tur­re­vo­lu­ti­on, die schließ­lich drei Mil­lio­nen Men­schen­le­ben for­der­te, wur­de pro­kla­miert als Be­we­gung zur Be­sei­ti­gung von Miss­stän­den und als Tri­umph der Ju­gend, die sich auf­macht, die „vier Al­ten“zu zer­stö­ren: die al­ten Ide­en, die al­te Kul­tur, die al­ten Sit­ten und die al­ten Le­bens­weis­hei­ten. Ei­ne Ins­ze­nie­rung, denn in Wirk­lich­keit han­del­te es sich um ei­nen Macht- und Frak­ti­ons­kampf in­ner­halb der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Chi­nas. len­zahl der Zi­ta­te aus­wen­dig wuss­ten. Zehn­tau­sen­de jun­ge Rot­gar­dis­ten ju­bel­ten auf dem Tia­nan­men-Platz mit dem Büch­lein we­delnd Mao zu. Die be­kann­tes­ten Sät­ze dar­aus: „Re­vo­lu­tio­nä­re müs­sen sich im Volk be­we­gen wie die Fische im Was­ser“, „Die Macht kommt aus den Ge­wehr­läu­fen“. Auch in höchs­ter Not soll­te die Sprü­che­samm­lung im­stan­de sein zu hel­fen, Ge­bä­ren­den bei den We­hen, Chir­ur­gen bei der Ope­ra­ti­on, ge­nau­so aber auch der Haus­frau bei der Be­rei­tung des Mahls. Ma­os Nach­fol­ger, Deng Xiao Ping, lieb­te den Satz „Die Wahr­heit ist in den Tat­sa­chen zu su­chen“: Das geht an­geb­lich auf Marx zu­rück, und da­mit lässt sich al­les recht­fer­ti­gen, auch die ka­pi­ta­lis­ti­schen Me­tho­den, die Deng dem Land ver­ord­ne­te.

Oh­ne täg­li­ches gründ­li­ches Stu­di­um kei­ne Re­vo­lu­ti­on, kein bes­se­res Le­ben.

Mao-Pop­kul­tur. Mao-Schrif­ten wur­den auch in Aber­mil­lio­nen Ex­em­pla­ren in 22 Fremd­spra­chen welt­weit ver­trie­ben. Man hat­te im Aus­land we­nig Ah­nung, was es mit dem Büch­lein wirk­lich auf sich hat­te, glaub­te an das Mär­chen, die Samm­lung von Mao-Zi­ta­ten sei spon­tan vom Volk auf­ge­sam­melt wor­den. So wur­den die Klas­sen­kampf­the­sen ei­nes der mons­trö­ses­ten Dik­ta­to­ren des Jahr­hun­derts auch in Eu­ro­pa ein Mo­de­the­ma, zu­nächst pop­kul­tu­rell auf­ge­la­den, ein Stück ra­di­cal chic, Eu­ge­ne Io­nesco und Bri­git­te Bar­dot tru­gen Mao-Look, mo­de­be­wuss­te Twens fla­nier­ten in Rot­gar­dis­ten-Uni­for­men über die Pa­ri­ser Bou­le­vards. Das war zu­nächst so un­po­li­tisch wie der par­al­le­le Kult um Che Gue­va­ra. Die Lin­ken ver­herr­lich­ten die Kul­tur­re­vo­lu­ti­on, je­der bes­se­re 68er schmück­te mit der „Mao-Bi­bel“sein Bü­cher­re­gal. Fuß­ball­star Paul Breit­ner von Bay­ern Mün­chen ko­ket­tier­te mit dem Be­sitz der Bi­bel, kul­ti­vier­te da­mit sein Re­vo­luz­ze­ri­mage.

Der Mao­is­mus prä­sen­tier­te sich als universal gül­ti­ge Dok­trin für die Völ­ker und Pro­le­ta­ri­er in ih­rem Kampf um Be­frei­ung. Nie­mand wuss­te im Wes­ten Be­scheid, wie Mao ge­gen po­li­ti­sche Geg­ner vor­ging und welch mör­de­ri­sche Po­li­tik er ver­ant­wor­te­te. So grif­fen sich die an­ti­ko­lo­nia­len und re­vo­lu­tio­nä­ren Be­frei­ungs­be­we­gun­gen wahl­los Aspek­te her­aus, mit de­nen sie sich iden­ti­fi­zie­ren konn­ten. Sät­ze wie „Ei­ne Re­vo­lu­ti­on ist kei­ne Din­ner­par­ty“sind in der Tat welt­weit re­zi­pier­bar, et­was Pas­sen­des fand sich un­ter den 427 Weis­hei­ten im­mer.

Der „gro­ße Steu­er­mann“Mao wur­de zu ei­ner Kult­fi­gur der stu­den­ti­schen Pro­test­ge­ne­ra­ti­on von 1968, sein „Ro­tes Buch“das Bre­vier ju­gend­li­chen Auf­be­geh­rens. Für die Ter­ro­ris­ten der Ro­te Ar­mee Frak­ti­on RAF, et­wa Hol­ger Meins, wa­ren Ma­os Ide­en die zen­tra­le au­to­ri­ta­ti­ve In­stanz, sie fan­den in den Sät­zen des „Ro­ten Bu­ches“von Mao – von ih­nen zärt­lich-re-

Ein Büch­lein, in Aber­mil­lio­nen Ex­em­pla­ren ver­brei­tet, gibt K

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